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Das Romanische Café in Berlin-Charlottenburg war kein Feinschmeckertempel, sondern ein Denkraum für die kreative Elite der Weimarer Republik. Zwischen Pressefreiheit, Schachpartien und Literaturdebüts wurde hier Berliner Kulturgeschichte geschrieben. Das legendäre Lokal gilt bis heute als Symbol für Berlins kulturellen Puls zwischen 1900 und 1933.

Ein Café, das mehr war als Gastronomie: Das Romanische Café war Bühne, Redaktion, Bühne und Denkfabrik zugleich. Wo Nichtschwimmer hofften, Schwimmer sich feierten – und die Geschichte der Hauptstadt leise mitgeschrieben wurde. / © Foto: Wikimedia Commons

© Foto Titelbild: Wikimedia Commons, Willem van de Poll

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Hier könnt Ihr den ersten Teil zum Romanischen Café lesen

Schon das Berliner Adressbuch aus dem Jahr 1902 weist in seinem Register einen Gastronomiebetrieb mit dem Namen „Romanisches Café“ aus. Der Name gilt sozusagen als Sinnbild der darin aufwändig ausgeführten Innenarchitektur im romanischen Stil, der bei nicht wenigen Besuchern doch eher einen schweren und düsteren Eindruck hinterließ.

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Kam die Einrichtung noch recht pompös daher, galten die Speisen als „legendär dürftig“. Im Jahr 1909 übernahm der Gastronom Bruno Fiering die „Gaststätte“, und diese blieb bis zur Zerstörung des Cafés im Jahr 1943 auch im Familienbesitz.

Romanisches Café um die Jahrhundertwende: Marktplatz der Kultur

Mit Wehmut schwelgen die zahlreichen Stammgäste in der „rebellischen Kreativität“ im alten Café des Westens, dem ehemaligen Hauptquartier. Jetzt, im Romanischen Café, produzierten sich die Kulturschaffenden in ihrem neuen Marktplatz.

Das Café etablierte sich zum Kommunikationszentrum für Redakteure, Kulturjournalisten, Reporter, Kritiker, aber auch Verleger. Auch Schriftsteller, die journalistisch, wohl mehr literarisch agierten, trafen sich im Romanischen Café.

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„Schwimmer und Nichtschwimmer“: Unterteilung des Gastraums

Egon Erwin Kisch, bekannt als der „rasende Reporter“, Erich Kästner oder Kurt Tucholsky, die alle in der Weimarer Republik als Literaten großes Ansehen genossen, trafen sich hier und tauschten sich aus. Egon Erwin Kisch beschreibt in seinem Buch „Berliner Bohème“ die Verhältnisse in der damaligen Berliner Kulturszene anschaulich am „Café Größenwahn“ und später im „Romanischen Café“.

Kurioserweise oder aus Berechnung hatte der Gastronom Fiering den Gastraum in zwei Bereiche eingeteilt: Die Erfolgreichen nahmen an 20 Tischen im kleineren Restaurantbereich Platz – man nannte es „Bassin für die Schwimmer“. Im größeren Bereich des Restaurants durften die noch nicht Erfolgreichen im „Bassin für Nichtschwimmer“ Platz nehmen, der 70 Tische umfasste.
Die „Nichtschwimmer“ hofften, wie so viele andere Künstler in den zahlreichen Cafés am Kurfürstendamm, auf kleine Bühnenrollen, einen Zeitungsauftrag oder witterten hier ihre Chance zum künstlerischen Durchbruch.

Notorische Nichtzahler fanden auf ihren Tischen Zettel vor mit dem Hinweis „Hausverbot!“ – und zogen weiter ins „Café Trübsal“

Gastronom Fiering war bei der Abwehr von Schnorrern, die aufgrund der mehr als zwei Drittel Mehrheit zahlreich waren, besonders kreativ: Die notorischen Nichtzahler fanden auf ihren Tischen Zettel vor mit dem Hinweis – Hausverbot! Die so Verfemten mussten also weiterziehen und fanden in der „Lunte“ in der Rankestraße ihr neues Domizil – im Café Trübsal.

Diese für die Betroffenen neuen und traurigen Umstände nach Krieg und Kaiserreich, in Hunger-, Not- und Inflationszeiten, beschreibt Georg Zivier, Historiker und Schriftsteller, in seinem 1965 erschienenen Roman „Das Romanische Café“.

Nach dem 1. Weltkrieg: Die „Größenwahn-Zeit“ im Romanischen Café brach an

Denn, so Zivier, erst dann sei die richtige Größenwahn-Zeit ausgebrochen. Da diktierten, nachdem es keine kaiserlichen Hofkreise mehr gab und sich eine neue Hautevolee nicht bilden wollte, in Berlin zum Teil Künstler das gesellschaftliche Leben – und ihre Residenzen waren einige Gaststätten in der Nähe der Gedächtniskirche.

Auch Theodor Mommsen, deutscher Historiker und einer der bedeutendsten Altertumswissenschaftler – übrigens 1902 mit dem Nobelpreis für Literatur zur „Römischen Geschichte“ geehrt – hatte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts im „überstarken Hervortreten der Künstlerschaft, im Offiziellwerden von Literaten und Bühnengrößen“ Regimeschwäche erkannt.

Pressefreiheit: „Die literarische Welt“ erlebte im Romanischen Café ihre Geburtsstunde

Im Romanischen Café erlebte aber auch eine neue Zeitschrift ihre Geburtsstunde, denn der Verleger Ernst Rowohlt gründete gemeinsam mit dem Drehbuchautor Willy Haas 1925 das Literaturmagazin „Die literarische Welt“.

Aufgrund der in der Weimarer Zeit bestehenden Pressefreiheit entwickelte sich das Romanische Café schnell zu einem typischen Zeitungslesecafé, wo man neben der Berliner Presse auch überregionale und internationale Zeitungen lesen konnte. Vor dem Hintergrund der zahlreichen Stammgäste gelang dem Café in rasantem Tempo der Aufstieg zu einem zentralen Künstlertreffpunkt in den 1920er-Jahren und es avancierte so selbst zum Gegenstand von Reportagen und Feuilletons.

Repräsentative Alternative für Kommunikation im Neuen Westen

Viele Gäste des Romanischen Cafés führten oft ein abwechslungsreiches Leben, wechselten in kurzer Zeit mehrfach die Unterkunft und waren daher vielfach postalisch oder auch telefonisch – aufgrund des nicht vorhandenen Telefonanschlusses – nicht erreichbar.

Das betraf in der Regel die gerade Hinzugezogenen, die sich noch orientieren mussten im Gewimmel der Großstadt. Die Kellner kannten viele Stammgäste namentlich, was für einige Gäste eine willkommene Alternative für postalische Zustellungen und Telefonate war. Da im Romanischen Café eine Vielzahl in- und ausländischer Presseexemplare verfügbar war, konnte man als Gast jederzeit die aktuellen Nachrichten weltweit verfolgen.

Brockhaus-Enzyklopädie und internationale Presse: Das Romanische Café war für Journalisten eine gute Recherchequelle

Daher benutzten alle diejenigen, die für ihre Artikel aussagekräftige und belastbare Informationen brauchten, die im Café ausliegenden Zeitungen oder Zeitschriften. Außerdem verfügte das Romanische Café allzeit verfügbar über eine Brockhaus-Enzyklopädie.

Im Romanischen Café hatte sich bereits vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein Malerstammtisch fest gegründet, Max Slevogt war einer der Protagonisten. Auch Max Liebermann, immerhin seit 1920 Präsident der Akademie der Künste und hauptsächlicher Begründer der Berliner Secession, gab sich ab und zu ein Stelldichein bei Zusammenkünften der Malergilde.

Das Romanische Café avancierte zum Zentrum für Persönlichkeiten aus dem Presse- und Verlagswesen

Gemeinsam mit Redakteuren und Druckern diskutierte man über neue Buchprojekte. Die Illustration zu Goethes „Faust II“, im Jahr 1927 veröffentlicht, entstand so. Auch andere bekannte Pressezeichner wie Rudolf Grossmann und Benedikt Dolbin zeichneten im Café bekannte Persönlichkeiten.

Und Emil Orlik, ein emsiger Vertreter seines Fachs, veröffentlichte bereits 1926 eine Buchillustration mit Skizzen von Besuchern des Romanischen Cafés. Und so beauftragten letztendlich Zeitschriften- und Zeitungsredaktionen diese Zeichner, die Texte zu dem beliebten Künstlertreffpunkt zu illustrieren.

Für Stammgäste war das Café der Treffpunkt für Intellektuelle und Künstler aller Couleur. Sie suchten Inspiration, Diskussionsstoff und vor allem neue Kontakte. Und so wurde das Romanische Café zum Spiegelbild jenes Zeitklimas aller künstlerischen Genres: Literatur, Theater, Film, Revue, Malerei, Kunsthandel und Publizistik fanden hier zueinander. / Foto: Wikimedia Commons

Persönlichkeiten des Sports und der Wissenschaft trafen sich in Charlottenburg

Neben den bereits erwähnten Künstlern waren auch Persönlichkeiten des Sports oder der Wissenschaft Dauergäste des Cafés, so wie Emanuel Lasker, Mathematiker und Philosoph, der von 1894 bis 1921 amtierender Schachweltmeister war und den Grundsatz vertrat, dass „auf dem Schachbrett der Meister Lüge und Heuchelei nicht lange gilt“.

Auch Bertolt Brecht und der österreichische Schriftsteller Roda Roda spielten im Café häufig eine Partie Schach. Im Jahr 1928 erfolgte ein Umbau des Cafés, sodass für die Schach- und anderen Brettspieler ein separater Raum in Höhe der Balustrade eingerichtet wurde. Die Spieler blieben dank dieser Separierung vom übrigen Kaffeehausbetrieb weitgehend ungestört. Auch Max Schmeling, zwischen 1930 und 1932 amtierender Boxweltmeister im Schwergewicht, wurde als eine der bekanntesten deutschen Sportpersönlichkeiten der damaligen Zeit im Romanischen Café begrüßt.

Kulinarische Köstlichkeiten: Die „legendär sparsame Speisekarte“ des Romanischen Cafés

Bereits zu Beginn des Artikels hatten wir auf die „legendär sparsame Speisekarte“ des Romanischen Cafés verwiesen. Gäste beschrieben das Essen im Lokal als ausgesprochen schlecht, was eigentlich eine vernichtende Kritik für so ein angesagtes Café im Zentrum der deutschen Reichshauptstadt war.

Darauf angesprochen, bemerkte der Gastronom und Besitzer des Hauses, Bruno Fiering, dass „diese Speisen nur für die Laufkundschaft gedacht seien, meine Stammgäste essen woanders – wenigstens die, die Geld haben, und die, die kein Geld haben, essen höchstens zwei Eier im Glas, auch die werden noch geteilt“. Und um diese Meinung noch zu unterstreichen, äußerten sich weitere Besucher des Hauses insofern, als dass der „Kuchen alt, der Kaffee schlecht, die Eier im Glas teuer, das Wiener Schnitzel unerschwinglich, aber das Deutsche Beefsteak für eine Mark das beste in der Stadt sei“.

Literatur, Theater, Film, Revue, Malerei, Kunsthandel und Publizistik fanden im Romanischen Café zueinander

Aber die vom Gastwirt zitierten Stammgäste schien die Qualität des „legendär dürftigen“ Speisenangebotes nicht zu stören, denn für sie war das Café der Treffpunkt für Intellektuelle und Künstler aller Couleur. Sie suchten Inspiration, Diskussionsstoff und vor allem neue Kontakte. Und so wurde das Romanische Café zum Spiegelbild jenes Zeitklimas aller künstlerischen Genres: Literatur, Theater, Film, Revue, Malerei, Kunsthandel und Publizistik fanden hier zueinander. Nur eine Kunstrichtung fehlte: die Musik.

Aber auch das ist nicht neu, dass sich manch eine der oben genannten Kunstrichtungen mit der Musik nicht verträgt, dafür ist wohl die Konkurrenz um die Zuschauergunst doch zu groß. Die Kreativen des Berlins der Weimarer Republik fanden sich im Romanischen Café zusammen. Zwar waren die Stammtische verteilt, und teilweise war es so, dass die ganze Stadt wusste, für wen dieser Tisch reserviert war, aber zwischen den Stammtischen fanden inspirierende Begegnungen statt, wovon vor allem wohl die Filmleute partizipierten – denn sie waren wohl am stärksten auf die Zuarbeit der anderen Kunstgenres angewiesen.

Die weitere Geschichte des Romanischen Cafés werden wir in anschließenden Folgen beschreiben – Fortsetzung folgt…

 

Hier könnt Ihr den ersten Teil zum Romanischen Café lesen

Quellen: Buch „Das Romanische Café im Berlin der 1920er Jahre“ (verlag für berlin-brandenburg), Wikipedia, Berliner Zeitung, Landesdenkmalamt Berlin

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