Eine Straße, vier Namen und viele Schichten Berliner Geschichte: Die Neue Friedrichstraße in Berlin-Mitte verband einst Stadtmauer und Festungsring und geriet mit den Jahrzehnten ins Vergessen. Ein historischer Vortrag ließ sie wieder lebendig werden. Das Interesse war enorm, die Heilig-Geist-Kapelle an der Spandauer Straße 1 war hoffnungslos überfüllt.

Die einstige Neue Friedrichstraße heute, jedenfalls ein Teil davon: In der Littenstraße in Berlin-Mitte ist das historische Stadtgericht Mitte beheimatet, heute unter anderem Sitz des Amtsgerichts Mitte. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Foto Titelbild: Wikimedia Commons (Bundesarchiv)

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Im August vergangenen Jahres fand der 100. Lichtbilderabend der Landesgesellschaftlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg e.V., in der Heilig-Geist-Kapelle, Spandauer Straße 1 (Berlin-Mitte) statt. Der Lichtbildervortrag zum Thema, vorgetragen durch den Historiker Dr. Benedikt Goebel, schien den Rahmen anfangs beängstigend zu sprengen, jedenfalls hatte wohl keiner der Organisatoren mit einem derartigen Andrang gerechnet.

Riesiges Interesse am Vortragsthema Neue Friedrichstraße: Die Heilig-Geist-Kapelle in Berlin-Mitte war überfüllt

Statt der erwarteten zirka 70 Interessierten befanden sich mehr als 120 Personen dicht gedrängt in der Heilig-Geist-Kapelle, und zirka 40 Zuhörer harrten im Stehen geduldig den gut 100-minütigen Ausführungen mit 250 Fotos.

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Der Vorsitzende der Landesgesellschaftlichen Vereinigung, Dr. Peter Bahl, skizzierte mit seinen Grußworten kurz den Ablauf des Abends mit der Chronologie (Grafiken, Kartenausschnitte und allgemeinen Fotos des Ortes) und der Topografie (Bau- und Nutzungsgeschichte Haus für Haus) in der dementsprechenden Reihenfolge.

Ein historischer Lichtbildabend über die Geschichte der Neuen Friedrichstraße in Berlin-Mitte

Wer oder was ist oder war denn die Neue Friedrichstraße? Die Neue Friedrichstraße war die Straße zwischen der mittelalterlichen Stadtmauer und dem barocken Festungswall im Bereich Alt-Berlins. Sie wurde nach der Abtragung des Festungswalls um das Jahr 1746 angelegt, die anfangs vier verschiedene Namen trug: „Hinter den Paraquen oder Casernen“, „Am Stralauer Tor“, „Bei der Pomeranzenbrücke“ und „Gouverneursstraße“.

Sie umschloss Alt-Berlin an der nördlichen und südlichen Seite und reichte von der Oberspree bis zur Unterspree, also von der Stralauer Brücke (Waisenbrücke) bis zur Großen Pomeranzenbrücke (Friedrichsbrücke). Vor 1778, also noch zu Lebzeiten, wurde sie nach König Friedrich II. benannt.

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1951: Umbenennungen und Zerteilung der Neuen Friedrichstraße

Ihr räumlicher Charakter bis in die Zeit um 1890 wurde zeitgenössisch – Zitat – wie folgt beschrieben: „Eine so seltsame Straße, wie die Neue Friedrichstraße, mag es in der ganzen Welt nicht wieder geben. Ziemlich einen Quadranten bildend, zog sie sich von der Spandauer Brücke in endlos scheinende Ausdehnung dahin, ohne mehr als einen Durchbruch, bei der Königstraße, zu haben. Wer sie erwanderte, um von dort nach den Vorstädten zu gelangen, musste sich wie ein Gefangener vorkommen.“ So Alexander Meyer, zu seiner Zeit um 1884 ein liberaler Politiker und Publizist, entnommen aus „Aus guter alter Zeit, Berliner Bilder und Erinnerungen, Stuttgart/Leipzig.

Im Jahr 1951 wurde die Straße auf ganzer Länge nach dem Juristen Hans Litten umbenannt. Litten (1903 bis 1938) vertrat als Berliner Rechtsanwalt Opfer nationalsozialistischer Angriffe und verteidigte kommunistische Angeklagte. Durch seine Prozessführung gelang es ihm, die Planmäßigkeit der NS-Gewalt aufzuzeigen.

Neuer Namensgeber für die Neue Friedrichstraße war der 1938 verstorbene Jurist Hans Litten

1931 befragte er Adolf Hitler als Zeugen vor Gericht und trieb ihn dabei so in die Enge, dass er sich dessen persönliche Feindschaft zuzog. In der Folge des Reichstagsbrandes 1933 wurde Litten zusammen mit anderen Oppositionellen, wie Erich Mühsam und Carl von Ossietzky, in „Schutzhaft“ genommen, also verhaftet. Nach jahrelanger Folter in verschiedenen Konzentrationslagern nahm er sich 1938 im KZ Dachau das Leben.

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Im Jahr 1969 wurde die Straße im mittleren Bereich zwischen Roch- und Grunerstraße aufgehoben, sprich: entwidmet. Ab 1978 hieß der Abschnitt der Littenstraße zwischen der Burg- und Spandauer Straße ebenfalls Burgstraße.

Weitere Umbenennungen der Straße folgten ab den 1960er Jahren

Im Jahr 2001, zwölf Jahre nach dem Mauerfall, wurde dieser Straßenabschnitt (Burgstraße 109–25) nach der Dichterin Anna Louisa Karsch benannt, der ersten geschiedenen Frau Preußens, die als blitzgescheite Gelegenheitsdichterin und sogar als „preußische Sappho“ verehrt wurde (Sappho, geb. zwischen 630 und 612 v. Chr., gestorben um 570 v. Chr., war eine antike griechische Dichterin; sie gilt als wichtigste Lyrikerin des klassischen Altertums – Anm. d. Red.).

Anna Louisa Karsch lebte einige Jahre lang in der Nähe der Ecke Neue Promenade 1 und Am Zwirngraben. 2008 wurde die Geltung dieses Straßennamens bis zur Rochstraße ausgedehnt.

Auch die Diskussion um die Gestaltung des Molkenmarkts war Teil des Abends

Beim Fazit des Abends schien es so, als ob der in Nähe des Veranstaltungsortes liegende Baustellenbereich des Molkenmarktes in die Feststellungen mit einbezogen würde. Denn die dabei getroffene Aussage, dass ein Stadtbereich generell davon lebt, inwieweit „er in sich und mit seinem Umfeld vielfältige und reizvolle Wegeverbindungen aller Art aufweist“, erinnerte bereits an die dazu im Vorfeld geführten Diskussionen zur Gestaltung des Molkenmarktes, aber auch an die seit Jahren formulierten Bestrebungen, Berlin als lebenswerten Raum umzugestalten.

Denn, so hieß es weiter in den Feststellungen des Fazits: „Je mehr Verbindungen bestehen, desto lebendiger und lebenswerter ist der Stadtbereich.“ Dieser Feststellung kann man wohl kaum widersprechen.

Stadthistoriker Dr. Benedikt Goebel während seines Vortrags in der außerordentlich gut besuchten Heilig-Geist-Kapelle in Berlin-Mitte. / Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Quellen: Landesgesellschaftliche Vereinigung für die Mark Brandenburg e.V., Wikipedia, Deutsches Architektur Forum, AIV

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