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Historiker Benedikt Goebel und Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt liefern sich ein scharfes Streitgespräch über die Zukunft des Molkenmarkts. Die Diskussion um die Neugestaltung der einstigen Berliner Altstadt zeigt ein tiefes Ringen um die städtebauliche Identität der Hauptstadt. Zwischen historischer Rekonstruktion und zeitgenössischem Städtebau prallen zwei grundverschiedene Haltungen aufeinander.

Historiker Benedikt Goebel und Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt liefern sich ein scharfes Streitgespräch über die Zukunft des Molkenmarkts. Es geht um mehr als Architektur – es geht um das Selbstverständnis einer wachsenden Metropole. / © Foto: IMAGO, Collage: ENTWICKLUNGSSTADT

© Visualisierung Titelbild: Stiftung Mitte Berlin
© Foto Dr. Benedikt Goebel / Dr. Petra Kahlfeldt: IMAGO

 

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Als Benedikt Goebel zum Ende seines Lichtbildervortrages zur „Neuen Friedrichstraße“ am 27. August 2025 in der Heilig-Geist-Kapelle andeutete, dass die Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt zu einer Diskussionsrunde über die zukünftige Stadtgestaltung – speziell des Molkenmarktes – eingeladen sei, hatte man als Beobachter im Nachhinein das Gefühl, dass es vielleicht doch das Beste war, dass es an diesem Abend nicht dazu gekommen ist.

Da Benedikt Goebel dies vorauszuahnen schien, verwies er auf die am Folgetag erscheinende Ausgabe der „ZEIT“, in der man dieses Streitgespräch – vorgezogen – nachvollziehen konnte. Denn, so viel sei vorweggenommen: unterschiedlicher können die Auffassungen zu einer künftigen Berliner Stadtgestaltung, speziell des Molkenmarktes, wohl kaum sein.

Historiker Benedikt Geobel bevorzugt in Berlins historischem Zentrum eine Bebauung aus den 1920er Jahren

Wo der Historiker Goebel am liebsten die Gebäude aus dem Jahr 1928 mit einer Bauweise hin zu dementsprechend kleinen drei- bis vierstöckigen Häusern entlang der 800-jährigen Fluchtlinie zurückholen möchte, begegnet Petra Kahlfeldt ihm mit der Realität, denn diese Bauweise sei nicht mehr zeitgemäß. Außerdem praktiziere man am Molkenmarkt keine 1:1-Rekonstruktion, sondern beabsichtige eine zeitgenössische Bebauung, die allerdings eine hohe Reminiszenz an die Historie aufweisen soll.

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Der Historiker ist der Meinung, dass man die „Wiege Berlins“ nicht so schlicht und billig bauen dürfe, wohingegen die Senatsbaudirektorin kontert, dass von „billig bauen“ keine Rede sein könne. Geplant sei ein innerstädtisches Quartier in Anlehnung an den historischen Molkenmarkt, also ein zeitgenössischer und gut gestalteter Berliner Kiez. Benedikt Goebel attackiert die Senatsbaudirektorin mit dem Vorwurf, dass mit „ihren Plänen kein lebendiger Stadtplatz entstehen würde“.

Goebel: Berliner Senat und Petra Kahlfeldt verharren im Denken der autogerechten Stadt

Obwohl Petra Kahlfeldt bereits vorher darauf hingewiesen hatte, dass man die zu DDR-Zeiten angelegte autobahnähnliche, achtspurige Straße mit großem Aufwand zurückgebaut habe, bleibt Goebel bei seiner Auffassung, dass Kahlfeldt in der Denkweise einer „autogerechten Stadt“ verharre.

Petra Kahlfeldt betont, dass Berlin enorm wachse, bald vier Millionen Einwohner haben werde und die Innenstadt verkehrlich gut erschlossen sein müsse – mit gesetzlich vorgeschriebenen Fahrbahnbreiten für Autos, Tram und Fahrräder. Immerhin werden auf mehr als 80.000 Quadratmetern Bauland, wo bisher nur der Asphalt dominierte, ein an die Stadtgeschichte anknüpfendes Quartier entstehen.

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Geplanter Molkenmarkt: Ein banales Neubauviertel im Zentrum Berlins?

Benedikt Goebel charakterisiert den vom Senat geplanten Molkenmarkt als banales Neubauviertel, das auch am Rand des Zentrums stehen könne – mit siebenstöckigen Häuserblöcken und einer gründerzeitlichen Anmutung. Außerdem sei nach jetzigem Planungsstand eine „schreckliche Feuerwehrzufahrt“ vorgesehen, dort, wo früher ein „herrliches Rokokohaus stand“ – eine Anspielung auf seine Vorliebe für eine historisierende Bauweise.

Die Senatsbaudirektorin lässt Goebels Aussage nicht einfach im Raum stehen, denn es gäbe in den Entwürfen „keine gründerzeitliche Anmutung“. Vielmehr entstehe ein „Quartier mit innerstädtischer Dichte, Höhe und Nutzungsvielfalt“. Bei aller Faszination für Baustile aus der Vergangenheit müsse man für das Heute und Hier planen.

Goebel fordert sichtbare Erinnerungen an die 800-jährige Geschichte der Berliner Altstadt

Nichts würde mehr an die 800-jährige Berliner Altstadt erinnern, so Goebel, und er bezeichnet die jetzigen Planungen für den Molkenmarkt als eine „absolute Fehlplanung“. Dass es anders gehe, zeigten die historisch rekonstruierten Quartiere in Dresden, Lübeck, Potsdam oder Frankfurt am Main. Das Prinzip der maßstabsetzenden Leitbauten und -fassaden müsse wiederhergestellt werden.

Petra Kahlfeldt entgegnet, sie habe durchaus Verständnis für Goebels Bewunderung für Detailvielfalt und schöne historische Fassaden. Außerdem habe sie bei den Rekonstruktionen in Potsdam, Lübeck und Frankfurt am Main mitgewirkt, wo man ihr nachsagte, eine konservative Architektin zu sein. Nun werde sie als zu fortschrittlich bezeichnet – eine erstaunliche Wendung.

„Jede Zeit hat die Architektur, die sie verdient“

Auf den Punkt gebracht habe „jede Zeit die Architektur, die sie verdient“. Es gelte, die skandalöse Wohnungsnot in Berlin zu lindern – daher setze man nicht auf private Bauherren, sondern auf städtische Wohnungsbaugesellschaften, so Petra Kahlfeldt.

Demgegenüber argumentiert Benedikt Goebel, dass Berlin wohl nicht die richtige Stadt für eine „schöne neue Mitte“ sei, keine Stadt für ein traditionsfreundliches, kleinteiliges und mit privaten Bauherren zu entwickelndes Quartier. Petra Kahlfeldt hält dem entgegen, dass es zu einfach sei zu behaupten, ein neues und vielfältiges Quartier könne nur mit privaten Bauherren entstehen. Es gebe Instrumente für eine möglichst hohe städtebauliche Qualität, weshalb man beim Molkenmarkt auch entsprechende Wettbewerbe ausgelobt habe.

Benedikt Goebel: Berliner Wohnungsproblem wird nicht am Molkenmarkt gelöst

Von der „ZEIT“ darauf angesprochen, ob er die für die Hälfte der geplanten Wohnungen vorgesehenen günstigen Mietpreise von 7 bis 11,20 Euro pro Quadratmeter für richtig halte, erklärt Goebel, dass die Wohnungsproblematik Berlins nicht in diesem Quartier gelöst werde. Würde man die Parzellen privatisieren, könne man von den Bauherren verlangen, ein Drittel dauerhaft günstige Wohnungen anzubieten. Zudem müsse man die Planungen zum Molkenmarkt noch einmal völlig neu aufsetzen.

Die Senatsbaudirektorin entgegnet, „solche aufwendigen Rekonstruktionen kosten richtig viel Geld“. Generell müsse man die Wirtschaftlichkeit genau prüfen und das verfügbare Budget sinnvoll einsetzen – in einen gut komponierten Städtebau, hochwertige öffentliche Räume und effizienten Wohnungsbau.

Vorbild Nikolaiviertel? Wirtschaftlich marode DDR war besser in der Rekonstruktion

Zum Thema „gelungene Rekonstruktion“ kam die Sprache auf das gegenüberliegende Nikolaiviertel, das noch in den späten Jahren der DDR entstand. Goebel bezeichnete es als wesentlich bessere, ortsadäquatere und ansprechendere Architektur als das, was der Berliner Senat derzeit mit dem Molkenmarkt plane – „selbst die wirtschaftlich marode DDR war weiter als wir heute“.

Auch Petra Kahlfeldt bekundet größten Respekt vor dem Nikolaiviertel, betont aber, es könne niemanden verwundern, dass 40 Jahre später anders gebaut werde als damals. Sie verweist erneut darauf, dass Berlin wachse und es der Stadt nicht anders ergehe als vielen anderen Metropolen – ein extrem hoher Bedarf an Wohnungsbau sei die Realität.

Kahlfeldt: „Wollen wir bewohnte Innenstädte haben, brauchen wir auch Klimaanpassungen.“

Daraus schlussfolgernd erklärte Petra Kahlfeldt: „Wollen wir bewohnte Innenstädte haben, brauchen wir auch Klimaanpassungen.“ Und sie legte nach: „Jetzt ein dreigeschossiges Folkloredorf zu bauen, ist absolut die falsche Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit.“

Goebel sieht das anders. Er argumentiert, dass er die drei- bis fünfgeschossige Vorkriegsbebauung gern wieder sehen würde, da sie gegenwartstauglich sei. „Die moderne Gesellschaft passt auch in kleine Häuser; London und Paris haben ebenfalls viele Viertel mit kleinen Gebäuden und schmalen Gassen – nur laut Berliner Senat darf es die hier nicht geben.“

Goebel fordert die Umsetzung der „europäischen Stadt“ am Molkenmarkt

Aufgrund von Goebels Aussagen zu den geplanten Straßenbreiten am Molkenmarkt wirft ihm Petra Kahlfeldt vor, mit vielen Unwahrheiten zu arbeiten, und unterstellt ihm „wenig Lust, sich mit dem Hier und Jetzt zu beschäftigen“. Goebel kontert, dass das Gegenteil der Fall sei.

Letztendlich zieht der Historiker aus dem Projekt Molkenmarkt die Schlussfolgerung, dass der Städtebau unfähig sei, ein schönes Stück Stadt zu bauen. Das Problem sehe er nicht nur in Berlin, sondern in Deutschland generell. Keine deutsche Stadt habe in den letzten Jahrzehnten Parzellenbau betrieben, stattdessen seien die Blöcke immer an einzelne Projektentwickler übergeben worden. Damit verfehle man das Prinzip der europäischen Stadt, was dazu führe, dass diesen Quartieren das „Herzblut“ fehle.

Verschiedene Architektengemeinschaften: Am Molkenmarkt soll Eintönigkeit vermieden werden

Bei Umfragen in der Bevölkerung zu Neubauten war vielfach der Tenor zu vernehmen, dass viele diese als eintönig empfinden. Ein Großteil der Befragten ziehe deshalb die traditionelle Bauweise der neuen Architektur vor. Die Senatsbaudirektorin konnte dies nachvollziehen, da durchaus die Gefahr bestehe, dass Neubauten immer gleich aussähen.

Deshalb arbeite man am Molkenmarkt mit verschiedenen Architektengemeinschaften zusammen, um die gewünschte Vielfalt zu erreichen. Diese grundsätzlich unterschiedlichen Standpunkte zu Baustilen wird man wohl kaum auf einen Nenner bringen – was sicher auch zu einfach gedacht wäre.

Trotz der konträren Haltungen zur Gestaltung des Molkenmarktes waren sich beide zumindest in einem einig: Gefragt, in welcher Epoche der Baugeschichte sie am liebsten leben würden, antworteten sie unisono mit der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, konkret dem Jahr 1928 – na immerhin.

 

Orientiert an der städtebaulichen Situation des Jahres 1928: So stellt sich die Stiftung Mitte Berlin die Rekonstruktion des historischen Großen Jüdenhofs am Molkenmarkt vor, einst das „heimliche Herzstück der Berliner Altstadt.“ / © Visualisierung: Stiftung Mitte Berlin

Quellen: ZEIT, Stiftung Mitte Berlin, molkenmarkt.berlin, Senatsverwaltung für Stadt­ent­wicklung, Bauen und Wohnen, Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM), Bundesanstalt für Immobilienaufgaben

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