Vor fast 40 Jahren wurde Berlin als Spielort der Fußball-EM übergangen. Nun könnte sich die Geschichte auf andere Weise wiederholen. Denn zwei mögliche Mega-Events könnten sich für die Hauptstadt gegenseitig ausschließen.

Das Berliner Olympiastadion im Sommer 1998 im Rahmen des DFB-Pokalendspiels MSV Duisburg gegen den FC Bayern München (1:2). Zwei Jahre später begann der Umbau des denkmalgeschützten Stadions. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Titelbild: Wikimedia Commons, Joergsam (CC BY-SA 3.0)

ANZEIGE

„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“: kaum ein anderer Fangesang hat sich so tief in das kollektive Gedächtnis deutscher Fußballfans eingeprägt wie dieser. Seit Jahrzehnten steht die deutsche Hauptstadt für große Fußballmomente. Doch ausgerechnet Berlin könnte bei einer künftigen Fußball-Weltmeisterschaft leer ausgehen, obwohl Deutschland als Austragungsland infrage kommt.

Grund dafür ist eine mögliche Überschneidung zweier sportlicher Mega-Ereignisse: Olympische Spiele und eine Fußball-Weltmeisterschaft. Sollten beide Veranstaltungen innerhalb weniger Jahre in Deutschland stattfinden, könnte die Hauptstadt erneut vor einer Situation stehen, die Erinnerungen an das Jahr 1988 weckt.

Fußball-WM 1988: West-Berlin wurde aus politischen Gründen außen vor gelassen

Als die Fußball-Europameisterschaft 1988 in der damaligen Bundesrepublik Deutschland stattfand, blieb West-Berlin außen vor. Das Olympiastadion wurde trotz seiner Bedeutung nicht als Spielstätte berücksichtigt. Hintergrund waren politische Spannungen des Kalten Krieges. Die Einbindung West-Berlins galt als problematisch, da die DDR und andere Staaten des Ostblocks Vorbehalte gegen eine Austragung in der geteilten Stadt hatten.

ANZEIGE

Für Berlin war dies eine empfindliche Niederlage. Die damalige Landesregierung hatte fest damit gerechnet, Teil des Turniers zu werden. Stattdessen musste die Stadt zusehen, wie andere Standorte von der internationalen Aufmerksamkeit profitierten.

Als Ausgleich erhielt Berlin jedoch eine andere Rolle: Der Deutsche Fußball-Bund entschied 1984, das DFB-Pokalfinale dauerhaft nach West-Berlin zu vergeben, zunächst für fünf Jahre.

Vom politischen Trostpflaster zur nationalen Fußball-Tradition

Was damals von vielen Beobachtern skeptisch bewertet wurde, entwickelte sich zu einer der erfolgreichsten Entscheidungen der deutschen Fußballgeschichte. Das Berliner Olympiastadion wurde zur festen Bühne des nationalen Pokalfinales.

ANZEIGE

In diesem Jahr fand das Endspiel bereits zum 41. Mal in Folge in Berlin statt. Aus einer zunächst politisch motivierten Konzession entstand eine Tradition, die heute kaum noch infrage gestellt wird. Der Fall der Berliner Mauer 1989 und die umfassende Modernisierung des Olympiastadions vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 verstärkten die Bedeutung des Standorts zusätzlich.

Heute gehört das Berliner Pokalfinale zu den bekanntesten und beliebtesten Fußballereignissen Deutschlands. Für viele Fans ist das Olympiastadion längst zum „deutschen Wembley“ geworden.

Berlin: Olympia und Fußball-WM könnten sich gegenseitig ausschließen

Aktuell bewirbt sich Berlin gemeinsam mit anderen deutschen Städten um die Austragung Olympischer und Paralympischer Spiele. Gleichzeitig gilt Deutschland als möglicher Kandidat für eine künftige Fußball-Weltmeisterschaft. Genau hier könnte jedoch ein Konflikt entstehen.

ANZEIGE

Internationale Sportverbände achten zunehmend darauf, Großveranstaltungen geografisch zu verteilen und wirtschaftliche Doppelstrukturen zu vermeiden. Sollte Berlin den Zuschlag für Olympische Spiele erhalten, könnte dies die Chancen der Stadt mindern, wenige Jahre später auch Austragungsort einer Fußball-WM zu werden.

Berlin verfügt über Erfahrung – doch Garantien gibt es nicht

Aus Sicht der Veranstalter wäre es denkbar, die WM-Spiele gezielt auf andere Regionen Deutschlands zu verteilen, um die wirtschaftlichen Effekte breiter zu streuen. Damit könnte Berlin trotz seiner herausragenden Infrastruktur und internationalen Strahlkraft außen vor bleiben.

Die historische Erfahrung zeigt, dass selbst bedeutende Sportstandorte nicht automatisch berücksichtigt werden. Bereits 1988 musste Berlin erfahren, dass politische und strategische Überlegungen schwerer wiegen können als Tradition oder Infrastruktur. Auch ein aktuelles Beispiel belegt dies; so bleibt Berlin als Spielort bei der anstehenden Fußball-Europameisterschaft der Frauen im Jahr 2029 außen vor, die Hauptstadt wurde als Spielort nicht berücksichtigt.

Könnte Berlin zwei Sport-Großereignisse innerhalb weniger Jahre stemmen?

Heute sind die Rahmenbedingungen andere, doch die Grundfrage bleibt dieselbe: Kann eine Stadt innerhalb weniger Jahre zwei globale Sport-Großereignisse ausrichten, oder wird sie zugunsten anderer Regionen zurückstehen müssen?

Noch ist diese Entscheidung Zukunftsmusik. Doch die Debatte zeigt, dass selbst für eine Sportmetropole wie Berlin internationale Großveranstaltungen keine Selbstverständlichkeit sind. Die Hauptstadt könnte damit erneut vor einer Situation stehen, in der ein prestigeträchtiges Turnier zugunsten anderer Interessen an ihr vorbeizieht, ganz ähnlich wie einst bei der Europameisterschaft 1988.

 

Das Berliner Olympiastadion Ende der 1990er Jahre. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Quellen: DFB, Der Tagesspiegel, Olympiastadion Berlin GmbH, Kicker

Jetzt PLUS-Kunde werden

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein PLUS-Abonnement.

Tags (Schlagwörter) zu diesem Beitrag

One Comment

  1. Janno 9. Juni 2026 at 17:18 - Reply

    Nun wird sich Berlin um die Ausrichtung Olympischer Spiele keine Gedanken machen müssen, denn Köln/Ruhr wird sich beim DOSB durchsetzen und dann auch die Spiele ausrichten, wann auch immer das sein wird. Berlin hat leider wenig anzubieten derzeit außer einen angeknacksten Ruf als (potentielle) Weltstadt und ein Konzept ohne jedwede Inspiration, dazu kein positivises Referendum und keinen brauchbaren Flughafen.

    Was es zwar noch hat, ist das Olympiastadion, aber wie sich ein Turnier anfühlt, wenn Deutschland nicht ein Spiel in der Hauptstadt macht, konnte man bei der EM 24 erleben. So unterhaltsam die Holländer auch waren, aber wenn der DFB lieber in Stuttgart spielt, dann kann das ganze Turnier auch fernbleiben.

    Also freut euch auf die Basketball-Weltmeisterschaft der Damen ab September, schön wäre auch mal ein Grand Depart der Tour de France zu sein, aber Weltspiele ist erstmal vorbei.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.