Neue Hochhäuser, öffentliche Dachterrassen und bis zu 10.000 Besucher täglich: Das vorgestellte Konzept für das ICC denkt den Berliner Koloss vollkommen neu – und will ihn sogar noch größer machen. Der Senat spricht von einem Meilenstein auf dem Weg zur Wiederbelebung des Gebäudes. Noch sind jedoch zahlreiche finanzielle und rechtliche Fragen offen.

Das Internationale Congress Centrum in Berlin könnte bald eine neue Nutzung erhalten. Am 24. Juni stellte der Senat das Ergebnis des Konzeptverfahrens vor. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
© Titelbild / Visualisierung: GRAFT GmbH/Max Dudler GmbH
Die Resonanz auf die Einladung des Berliner Senats war, wenig erstaunlich, ausgesprochen groß. In der RBB Dachlounge an der Masurenallee 20, nur wenige Meter vom ikonischen ICC entfernt, fand die offizielle Pressekonferenz zur Vergabeempfehlung des einstigen Internationalen Congress Centrums im Berliner Westend statt.
Franziska Giffey zeigte sich im Rahmen ihrer Eröffnungsrede geradezu euphorisiert und gab eine ganz besondere Anekdote zum Besten und schwärmte von ihrem ersten, ganz persönlichen ICC-Moment: ein Solo-Auftritt von Tory Amos im Jahr 1992, dem Giffey als 25-Jährige fasziniert beiwohnte.
Giffey betonte, dass bei allen Anwesenden der dringende Wunsch bestehe, den Stillstandsbetrieb des ICC (der jährlich zwei Millionen Euro verschlingt) endlich zu beenden.
Franziska Giffey: „So weit wie heute waren wir noch nie!“
Voller Überzeugung betonte Berlins Wirtschaftssenatorin denn auch: „So weit wie heute waren wir noch nie!“ Eine Projektgesellschaft mit insgesamt neun Protagonisten soll also das avisierte Mammutprojekt stemmen, Giffey nannte es ein „Konsortium“, welches als Bietergesellschaft auftritt.
Dass das Vorhaben selbst für Berliner Maßstäbe außergewöhnlich groß ist, wurde im Zuge von Giffeys Einführung mehr als deutlich. „Etwas vergleichbares haben wir noch nie gemacht,“ versicherte Giffey und bedankte sich auch bei ihrem Amtsvorgänger Stehpan Schwarz, der die Revitalisierung des 1979 fertiggestellten Mega-Gebäudes maßgeblich angeschoben hatte.

Mit der angestrebten Wiedereröffnung soll das ICC Berlin nicht nur architektonisch reaktiviert, sondern zu einem international sichtbaren Standort für zukunftsorientierte Nutzungskonzepte transformiert werden. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Neun Unternehmen sollen das Mammutprojekt ICC gemeinsam stemmen
Bertram Schulze von Coloured Fields, Björn Werner vom Büro Max Dudler und Thomas Willemeit vom Berliner Architekturbüro Graft hatten dann die ehrenvolle Aufgabe, das Konzept, welches das ICC fit für eine zukünftige Nutzung machen soll, den anwesenden Journalisten zu präsentieren.
Neun Unternehmen und Institutionen sind Teil dieser Schicksalsgemeinschaft, mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten: Arup, Coloured Fields, Hochtief, ICCA Projektgruppe, KVL, Max Dudler, MIB AG, schneider+schumacher, Graft.
ICC: Saal 1 soll erhalten bleiben, für Saal 2 wurde ein völlig neues Nutzungskonzept entwickelt
Schulze betonte, dass – je nach Betrachtungsweise – zwischen 145.000 und 200.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche zum denkmalgeschützten Gebäude gehören und letztlich neu konzipiert werden müssen.
Der bestehende Saal 1 soll in seiner ursprünglichen Form erhalten werden, um dort zukünftig Veranstaltungen, Konzerte, Kongresse und Shows durchzuführen.
Saal 2 soll zu einem Raum mit bis zu 14.000 Quadratmetern Nutzfläche umgewandelt werden (heute: 4.000 Quadratmeter). Hier sollen Ausstellungen und Flächen für Bildung, Forschung, Mode oder immersive Formate.

In Saal 2 könnten Flächen für Bildung, Forschung, Mode oder immersive Formate entstehen. / © Visualisierung: GRAFT GmbH/Max Dudler GmbH
100 Meter: An beiden Seiten des ICC sollen neue Hochhäuser errichtet werden
Die geplante Revitalisierung soll allerdings mit zwei großformatigen Neubauten einher gehen. An beiden Seiten des ICC sollen Hochpunkte entstehen, die auch die Säle 1 und 2 mit erschließen sollen. Zusätzlich sollen hier Flächen für Hotels und weitere gewerbliche Nutzungen entstehen.
Auf einem heutigen Parkplatz, auf der anderen Seite der Neuen Kantstraße, soll ein gänzlich neues Hochhaus entstehen, welches baulich vom ICC separiert ist, optisch aber Teil des künftigen Ensembles sein soll. Im „M09“ genannten Hochhaus sollen Flächen für Hotels, Wohnungen, Handel und Büros entstehen – rund 100 Meter hoch soll dieses Gebäude werden.

Die Visualisierung zeigt das geplante Hochhaus „M09“ am ICC. Rund 100 Meter hoch soll es werden. / © Visualisierung: GRAFT GmbH/Max Dudler GmbH

Das ICC soll zu einem Standort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft werden. In dem Rahmen entstehen neue Hochpunkte auf dem Areal. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
„24/7 ICC“: Bis zu 10.000 Menschen sollen sich täglich im neuen Kreativquartier aufhalten
Schulze sprach von einem geplanten „24/7-Betrieb“ des ICC, in dem sich nach seiner Fertigstellung täglich zwischen 5.000 und 10.000 Leute aufhalten sollen. Thomas Willemeit vom Büro Graft betonte vor allem die hervorragende Verkehrsanbindung des Gebäudes.
An der Nordseite des heutigen ICC soll ein neuer Vorplatz entstehen, zwischen dem geplanten „M9“-Hochhaus und dem historischen Bestandsgebäude. Am Südende soll das heute noch stehende Parkhaus abgerissen und durch den oben erwähnten Hochpunkte ersetzt werden.
Neuer Stadtplatz im Norden, zusätzlicher Eingang im Süden: Neues Wegekonzept für das ICC
Gleichzeitig soll hier auch ein weiterer Zugang zum Gebäude entstehen, so dass das „neue“ ICC sowohl vom Norden als auch vom Süden aus begehbar wird. Der südliche Neubau soll den Titel „M11“ bekommen. Auch hier soll zwischen Messedamm und ICC ein neuer, begrünter Stadtplatz entstehen.
„Wir betonen beide Seiten städtebaulich,“, erläuterte Björn Werner vom Büro Max Dudler, der die Raumgestaltung an beiden Enden des historischen Messebaus noch einmal ausführlich erläuterte.
100-Meter-Hochhaus soll öffentliche Dachterrasse erhalten
Auf dem neuen, 100 Meter hohen Gebäude am Nordende des ICC soll laut Werner eine öffentlich zugängliche Dachterrasse entstehen, die einen bislang nicht möglichen Blick auf das ICC ermöglichen soll.
Thomas Willemeit verband seinen Vortrag mit dem Wunsch, dass das ICC wieder „Strahlkraft“ erzeugen kann und zukünftig wieder „von innen leuchten“ werde: „Dauert noch ein bisschen, wird aber mega.“
ICC-Sanierung: „Dauert noch ein bisschen, wird aber mega.“
Unter dieses Motto hatte Giffey die gesamte Veranstaltung gestellt, und so zog sich diese Phrase durch die gesamte Pressekonferenz und wurde immer wieder aufgenommen.
Birgit Möhring, Geschäftsführerin der BIM (Berliner Immobilienmanagement GmbH) bestätigte, dass das ICC-Vergabeverfahren das größte Verfahren war, das die BIM jemals durchgeführt habe. Der Zuschlag für die aktuelle Projektgemeinschaft sei also sehr bewusst erfolgt.

Das ICC trägt das Motto „ICC: Dauert noch ein bisschen – aber wird mega!“. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Zwei Jahre, um die Rahmenbedingungen für mehrere Erbbaurechtsverträge zu klären
Möhring erläuterte, dass sich nun eine bis auf zwei Jahre ausgelegte Verhandlungsphase anschließt, um mit der Projektgesellschaft die entsprechenden finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen zu klären.
Dann, so viel stellte Möhring klar, das Land Berlin will und kann keine finanziellen Zuschüsse für das Projekt leisten – jedenfalls nicht direkt.
Philharmoniker, ZLB oder internationale Player? Wer zieht in das ICC ein?
Vielmehr soll das Projekt über insgesamt drei Erbbaurechtsverträge mit einer Laufzeit von 99 Jahren realisiert werden. Möglich ist allerdings eine Nutzung des Quartiers durch landeseigene Institutionen wie die Berliner Philharmoniker oder die Zentral- und Landesbibliothek.
Franziska Giffey bestätigte auf Nachfrage, dass eine temporäre Nutzung der Räumlichkeiten für die Berliner Philharmoniker eines von vielen Szenarien ist, doch es sollen ab heute sowohl national als auch international nach möglichen Kulturnutzungen gesucht werden.

Die Berliner Philharmonie gilt als architektonisches Wahrzeichen der Nachkriegsmoderne, steht jedoch nach Jahrzehnten intensiver Nutzung vor einer umfassenden Sanierung. Eine Zwischennutzung im ICC ist schon länger im Gespräch. / © Foto: depositphotos.com
Giffey: „Es muss potente Mieter geben, sonst wird das Konzept ICC nicht funktionieren.“
Bislang unterlagen die Projektbeteiligten allerdings der Verschwiegenheitspflicht, wie die Wirtschaftssenatorin betonte. Finanziell potente Mieter, die auch Miete zahlen können und sich an den Baukosten beteiligen, sind laut Giffey aber eine Grundvoraussetzung für das Gelingen des Projekts.
Dass es bis zum Abschluss dieser Verhandlungen noch ein weiter Weg ist (auf dem das Projekt auch noch scheitern könnte), das machte Möhring in ihrem kurzen Vortrag mehr als deutlich.
Größte Herausforderung für Senat und Projektgemeinschaft: Ein stabiles Finanzierungskonzept
Die entscheidende Frage wird also bleiben, wie und ob das höchst ambitionierte Vorhaben finanziert werden kann, denn das Projekt wird ganz sicher im Milliardenbereich liegen.
Auch hierfür sollen die kommenden zwei Jahre genutzt werden. Erst 2028 wird sich also zeigen, ob der vom Berliner Senat eingeschlagene und heute vorgestellte Weg zur Revitalisierung des ICC tatsächlich realisierbar ist.
Die wichtigste Frage bleibt: Gelingt die Revitalisierung des Koloss ICC?
Das heute präsentierte Nutzungskonzept stellt ganz sicher einen Meilenstein für das komplexe Vorhaben dar, und Franziska Giffey hat wohl durchaus recht mit ihrer Aussage, dass der Berliner Senat noch nie so weit war wie jetzt.
Eine Garantie dafür, dass die Revitalisierung und Erweiterung des ikonischen ICC im Berliner Westend auch tatsächlich gelingt, ist dies noch nicht.

Seit 2014 steht das einst als eines der modernsten Kongresszentren Europas gefeierte ICC weitgehend leer. Wie es nun weitergeht, bleibt abzuwarten. / © Foto: depositphotos.com
ICC Berlin
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Hoffentlich wird es nicht auch zu einem Unort wie der Potsdamer Platz oder die Gegend um die UberArena.