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Vom Glanz der Weimarer Jahre zum Propaganda-Instrument im NS-Staat: Das Haus Vaterland passte sich dem neuen System an – mit ideologischer Programmatik, Zwangsarbeit und inszenierter Unterhaltung. Doch die entbehrungsreichen Kriegsjahre machten eine Fortführung des Geschäftsbetriebs zunehmend mühsamer. Jetzt lesen mit ENTWICKLUNGSSTADT PLUS.
Berlin, Potsdamer Platz 1939

Der Potsdamer Platz im Jahr 1939: Im Schatten der Reichshauptstadt wurde im Haus Vaterland weiter gefeiert – doch hinter den Kulissen veränderte sich alles. Zwangsarbeit, ideologische Säuberungen und strategischer Opportunismus bestimmten die NS-Jahre eines einst weltoffenen Vergnügungspalasts. / © Foto: IMAGO / teutopress

© Foto Titelbild: IMAGO / Arkivi

 

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Bereits im April 1937 übernahm der Aschinger-Konzern im Haus Vaterland sowohl die Geschäftsführung als auch die gesamten Zulieferungen. Bemerkenswert ist allerdings, dass sich Aschinger bei der Geschäftsübernahme für die Beibehaltung des Namens Kempinski entschied.

Aschinger beauftragte quasi seine neue Tochterfirma Kempinski GmbH mit der Fortführung der Geschäfte im Haus Vaterland – ein Indiz dafür, welche Wertschätzung der Name Kempinski in der Berliner Gastronomiewelt genoss.

Verdrängung der jüdischen Vergangenheit im Berlin der NS-Zeit

Nichtsdestotrotz verliefen die Bestrebungen der Aschinger-Geschäftsführung eindeutig in die Richtung, den Hinweis auf die ehemaligen jüdischen Besitzer auszulöschen. Eine im März 1941 im Deutschen Reich erlassene Verordnung half Aschinger dabei, denn diese schrieb den Unternehmen vor, den Bezug auf ehemaligen jüdischen Familienbesitz aus dem aktuellen Firmennamen zu eliminieren.

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Die Aschinger-Tochterfirma Kempinski GmbH kaufte daraufhin die F.W. Borchardt-Weinstube in der Französischen Straße in Berlin-Mitte, und fortan wurde der Betrieb unter diesem Namen weitergeführt. Infolgedessen firmierte das Haus Vaterland zukünftig unter dem Namen Borchardt. Anzumerken sei dabei, dass dieses Restaurant in der jüngeren Geschichte, speziell nach dem Fall der Berliner Mauer, sich in der Stadt zum Prominententreff etabliert hat.

Potsdamer Platz: Weiterführung des Hauses Vaterland unter NS-Vorgaben

Die Fortsetzung des Betriebs lief nach den politischen und gesellschaftsrechtlichen Veränderungen erstaunlicherweise relativ unproblematisch. Neben den programmatischen Anpassungen hin zur „Deutschen Unterhaltung“ und den personellen „Säuberungen“, bedingt durch die immer stärker durchgesetzte „Archivierungswelle“, lief das Haus nun – nach den überstandenen wirtschaftlichen Problemen – unter der Führung Richard Fleischers erfolgreich weiter.

Allerdings musste sich das Haus jetzt immer mehr den Bedingungen der Wirtschaftsstruktur der neuen Machthaber anpassen. Um den Gästen aber weiterhin eine Wohlfühloase zu präsentieren, war den neuen Betreibern daran gelegen, den politischen Anteil bei der Programmgestaltung gering zu halten. Aber die neue Ausrichtung des Hauses hin zum Nationalsozialismus war dennoch deutlich zu erkennen.

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Haus Vaterland: Anpassung an das NS-System trotz Unterhaltungsfokus

Beispielhaft dafür war die Einrichtung eines Raumes, in dem die Reden Hitlers oder die Wehrmachtsberichte übertragen wurden. Zum 50. Geburtstag Hitlers wurde im Haus Vaterland ein großes Porträt in zentraler Position des Cafés Vaterland angebracht.

Somit gehörte das Haus Vaterland wieder zu den bedeutendsten Vergnügungsorten der Reichshauptstadt, und in den „Friedensjahren“ des Dritten Reichs verspürten die Menschen wieder Lust an derlei Amüsement – allerdings im Prinzip nur für den Teil der Bevölkerung, der den politischen Vorstellungen der Nationalsozialisten entsprach.

Rückkehr zum Glanz unter nationalsozialistischer Führung

Daraus entwickelte sich im Haus Vaterland wieder ein gewisses Selbstverständnis, eine Wiederkehr zu altem Glanz – allerdings stark befeuert durch den Aufstieg der Nationalsozialisten. Der im September 1939 von Hitler vom Zaun gebrochene Zweite Weltkrieg und der Einmarsch der deutschen Truppen in Polen ließ vermuten, dass es mit dem Aufschwung des Hauses Vaterland nun vorbei sei.

Aber weit gefehlt, denn die Berliner und die Menschen, die in Berlin zu Gast waren, wollten sich trotz Kriegsausbruch weiterhin amüsieren. Das lag natürlich im ureigensten Interesse des Regimes, denn man wollte gerade zu Kriegsbeginn der Bevölkerung nicht allzu viel Last auferlegen – auch in Rückbetrachtung des Leids und Elends, das man den Menschen im Ersten Weltkrieg zugemutet hatte.

Vergnügen trotz Krieg: Stabiler Umsatz im Haus Vaterland nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen

Eine schlechte Stimmung in der Bevölkerung trotz des erneuten Kriegsausbruchs wollte man unbedingt vermeiden. Im Gegenteil: Der Fokus der nationalsozialistischen Machthaber lag darauf, die Menschen zum Einzug in diesen neuerlichen Krieg zu begeistern. Nach einem kurzzeitigen Umsatztief im Herbst 1939 stabilisierte sich der Umsatz wieder, und für das Geschäftsjahr 1942 konnte Aschinger ein Umsatzplus von gut 47 Prozent vermelden.

Dessen ungeachtet konnte das Haus Vaterland im Krieg nicht mehr so weitermachen wie vorher, da kriegsbedingt erhebliche Personalengpässe entstanden – vor allem männliches Personal fehlte aufgrund der Einberufung zum Wehrdienst.

Haus Vaterland im Kriegsbetrieb: Personalengpässe und Strukturwandel

Die Folge waren strukturelle Anpassungen im Betriebsgeschehen, denn man wollte nach wie vor viele Gäste im Haus begrüßen. So wurde das Unterhaltungsprogramm bereits am frühen Nachmittag gestartet und am Abend wiederholt. Auch die Öffnungszeiten der Restaurants wurden den Besucherzahlen angepasst und teilweise nur an den Wochenenden geöffnet, was erhebliche Kosteneinsparungen zur Folge hatte.

Auffällig jedoch war, dass die Restaurants mit großdeutschem Anstrich durchweg geöffnet blieben – ebenso die spanische Bodega und die japanische Teestube –, während die Wild-West-Bar und die Csárdás-Bar geschlossen wurden.

Ob dies ideologische Gründe hatte, wurde von der Geschäftsleitung nach dem Krieg abgestritten, aber die Vermutung liegt nahe – vor allem angesichts der politischen Konstellationen im Zweiten Weltkrieg. Und so reduzierte sich die nach wie vor proklamierte „Weltreise“ im Haus Vaterland auf eine Reise durch die Welt der deutschen Koalitionäre im Krieg.

1940 in Berlins Zentrum: Teilweise Wiedereröffnung der Wild-West-Bar

Zumindest die Wild-West-Bar wurde 1940 teilweise wieder geöffnet – bedingt sicherlich durch die hohen Gästezahlen und die anhaltende Attraktivität der Bar. Aber selbst in Kriegszeiten versuchte man im Haus Vaterland, kreativ zu bleiben. Die Neueröffnung des türkischen Cafés im Jahr 1940 gilt als weiterer Beleg dafür.

Der Personalmangel verschärfte sich hauptsächlich ab 1941, denn ab diesem Zeitpunkt galt es, alle verfügbaren gesellschaftlichen Kräfte für den Kriegsdienst zu aktivieren. Zum einen bediente man sich der Lösungen, die in anderen Regionen Deutschlands bereits angewandt wurden: Es wurden vermehrt Frauen eingesetzt. Zum anderen kamen nun verstärkt Zwangsarbeiter zum Einsatz – Kriegsgefangene, die man seit Kriegsbeginn in Lagern festhielt und nun unter teilweise katastrophalen und ausbeuterischen Bedingungen der Arbeitsfront zuführte.

Amusement unter dem Hakenkreuz: Zwangsarbeit war auch im Haus Vaterland Realität

Auch das Haus Vaterland musste sich dieses Systems bedienen und unterschied sich damit in nichts von den Realitäten, die hinsichtlich der Behandlung und Ausbeutung von Zwangsarbeitern während des Zweiten Weltkriegs im gesamten Deutschen Reich herrschten. Vergnügen und Amüsement basierten somit auf der Ausbeutung und dem qualvollen Leid von Zwangsarbeitern.

Bei den Künstlern war der Personalmangel durch den Einsatz von Zwangsarbeitern so leicht nicht auszugleichen. Mit der Einberufung männlicher Künstler in den Militärdienst wuchs der Anteil weiblicher Künstlerinnen im Haus Vaterland.

Frauen auf der Bühne: Weibliche Emanzipation im Schatten des Kriegs

So machte man aus der Not eine Tugend und startete 1941 ein „Frauenprogramm“ mit ausschließlich weiblichen Musikerinnen, Tänzerinnen und Artistinnen. Darin erkennt man, dass das Haus Vaterland in dieser Zeitspanne eine besondere Form der Emanzipation förderte – obwohl der Nationalsozialismus ideologisch eigentlich eine rückschrittliche Position in Bezug auf das Frauenbild vertrat.

Die Versorgungslage der Bevölkerung im Deutschen Reich und auch für das Haus Vaterland verschärfte sich drastisch, spätestens nach der Niederlage der 6. Armee in Stalingrad ab 1942.
Bis dahin, also bis 1941, war die Versorgungslage noch gut, aber nach Stalingrad wurden die Versorgungsengpässe zunehmend bedrohlicher. Die Lebensmittelverfügbarkeit sank um 25 Prozent, sodass Lebensmittelmarken zugeteilt wurden. Allerdings war auch dieses Kontingent unsicher – wenn es die Waren schlichtweg nicht gab.

Berlin ab 1942: Versorgungskrise nach Stalingrad traf auch das Haus Vaterland, Essensbestellungen nur noch mit Lebensmittelmarken

Diese Rationierungen schränkten naturgemäß auch das Angebot der Restaurants und gastronomischen Einrichtungen ein. Im Haus Vaterland mussten die Gäste ihre Lebensmittelmarken mitbringen und bei den Essensbestellungen die entsprechenden Abschnitte den Kellnern übergeben. Aufgrund dieser Vorgaben wurde das Angebot auf den Speisekarten eingeschränkt. So führten die früher üppig daherkommenden Karten nur noch sechs Gerichte auf; der Anteil an Fleisch bezog sich maximal noch auf ein Gericht.

Die nach Beendigung der Mahlzeiten üblichen Kaffeebestellungen fielen weg. Als Ersatz konnte man Malzkaffee oder eine Kaffee-Ersatz-Mischung bestellen. Demgegenüber war der bisher gewohnte Genuss von Bier, Weiß- und Rotwein – vornehmlich aus Frankreich – zunächst noch möglich.

Aber auch das war zeitlich begrenzt. Im Oktober 1944 teilte Aschinger mit, dass der Weinimport nach Deutschland gestoppt wurde und Berlin, hauptsächlich von Lieferungen aus Westeuropa – insbesondere aus Frankreich – ausgeschlossen sei.

Fortsetzung folgt…

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Quellen: Vanessa Conze „Haus Vaterland“, Verlag Elsengold, Wikipedia, Deutsches Architektur Forum

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