Eigentlich hatten sich der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und der Eigentümer bereits auf ein Nutzungskonzept für das RAW-Gelände an der Revaler Straße geeinigt, in einem langfristig angelegten Beteiligungs- und Konzeptverfahren. Doch nun steht das Kulturgelände wieder einmal vor einer ungewissen Zukunft. Zwischen Kultur, Büros und möglichen Wohnungen droht ein neuer Nutzungskonflikt.

Das RAW-Gelände soll transformiert werden, doch die Umsetzung stockt seit Jahren. Nun wird über Wohnungen diskutiert, die die Zukunft des Areals neu bestimmen könnten. / © Visualisierung: Kurth Real Estate / Holzer Kobler Architekturen, mit Atelier Loidl Landschaftsarchitekten
© Visualisierungen: Kurth Real Estate / Holzer Kobler Architekturen, mit Atelier Loidl Landschaftsarchitekten
Das RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain ist seit Jahren ein Synonym für Nachtleben, Subkultur und Kreativität. Clubs wie der „Haubentaucher“, die Konzerthalle „Astra“ oder die Skaterhalle haben dem Areal überregionalen Bekanntheitsgrad verschafft. Gleichzeitig wurde das Gelände zunehmend von Investoren in den Fokus genommen, die das Areal entwickeln wollten.
Bereits 2019 gab es eine klare städtebauliche Vision: Auf Grundlage eines Aufstellungsbeschlusses sollte eine gemischte Nutzung beibehalten und ausgebaut werden. Vorgesehen waren insgesamt rund 150.000 Quadratmeter Geschossfläche, Büroflächen, kulturelle Nutzungen und ein Hochhaus von 100 Metern Höhe. Wohnen spielte in den damaligen Planungen keine Rolle, ganz im Gegenteil: Eine Wohnnutzung galt als unvereinbar mit dem lauten, kreativen Milieu.
RAW-Gelände in Friedrichshain: Beteiligungsverfahren zwischen Bezirk und Eigentümer
Um den Kulturstandort zu sichern, wurde ein ungewöhnliches Kooperationsmodell entwickelt. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg einigte sich mit der Eigentümerin, der Kurth-Gruppe, darauf, die Flächen des sogenannten „soziokulturellen L“ („SKL“) langfristig zu erhalten. Rund 70 Projekte und Initiativen sollten für 30 Jahre zu stabilen, niedrigen Mieten auf dem Gelände verbleiben.
Die Eigentümer erhielten im Gegenzug Planungssicherheit. Der Deal war ein Versuch des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, Kultur und Kommerz in Einklang zu bringen. Unterstützt wurde die Vereinbarung von einem mehrstufigen, langfristig angelegten Beteiligungsverfahren, in dem unterschiedliche Akteure ihre Vorstellungen einbrachten.
Quo Vadis, RAW? Stagnation und wachsende Konflikte an der Revaler Straße
Doch der Prozess kam in den vergangenen zwei Jahren gehörig ins Stocken. Ursprünglich für 2021/22 vorgesehene Verfahrensabschlüsse verzögerten sich durch die Corona-Pandemie, durch den Ausstieg vorgesehener Generalmieter und durch gescheiterte Ersatzlösungen. Auch verschiedenartige organisatorische Probleme auf Bezirksseite führten zu weiteren Verzögerungen.
2024 brach die Kurth-Gruppe schließlich die Zusammenarbeit ab und kritisierte die fehlenden Fortschritte im Bezirksamt, wie kürzlich die Berliner Morgenpost berichtete. Parallel kam es zu ersten Mieterhöhungen auf dem Gelände; für viele Kulturschaffende ein Warnsignal, dass ihre Zukunft unsicherer werden könnte. Die Gesprächsbasis zwischen Investor und Bezirk verschlechterte sich also spürbar.
Neubebauung des RAW-Geländes: Mögliche Wohnnutzung als neuer Konfliktpunkt
Derzeit rückt die Frage in den Mittelpunkt, ob auf dem RAW-Gelände auch Wohnungen entstehen sollen. Der Investor hat einen Anteil von rund 20 Prozent Wohnen vorgeschlagen, obwohl dies im ursprünglichen Konzept gar nicht vorgesehen war. Für den Bezirk bedeutet das eine grundlegende Neuausrichtung, die zusätzliche Infrastruktur und neue Prüfungen erfordert, und ganz sicher auch mehr Zeit.
Viele Gewerbetreibende und Kulturschaffende fürchten, dass Wohnen auf dem RAW-Gelände die gewachsene Subkultur verdrängen könnte. Lärmkonflikte und Nutzungsbeschränkungen wären absehbar, sobald Anwohner einziehen. Wie das festgefahrene Verfahren rund um das RAW-Gelände aufgelöst werden kann, ist derzeit völlig offen.
Zwischen den Interessen von Bezirk, Eigentümer und Kulturszene besteht weiterhin ein Spannungsfeld, das neue Ideen und Verhandlungsbereitschaft erfordert, und eine große Portion Kompromissbereitschaft auf allen Seiten. Ob daraus ein tragfähiger Weg entsteht, bleibt eine der zentralen Fragen für die Zukunft des Areals.

© Visualisierung: Kurth Real Estate / Holzer Kobler Architekturen, mit Atelier Loidl Landschaftsarchitekten
Quellen: Kurth Real Estate, Holzer Kobler Architekturen, Atelier Loidl Landschaftsarchitekten, Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Berliner Morgenpost
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