Vom Gasometer zum Bunker, vom Schutzraum zum exklusiven Wohnort: Der historische Fichtebunker in Kreuzberg, der nach dem Krieg mehrfach vor dem Abriss stand, erzählt heute Berliner Geschichte auf engstem Raum. Unweit des Urbanhafens treffen architektonischer Erfindergeist und historisches Gedenken aufeinander.

Beeindruckendes Bauwerk: Der Fichtebunker in Kreuzberg war Gasometer, Luftschutzbunker, Kinderheim – und ist heute ein Ort für Wohnen und Erinnern. Kaum ein Gebäude vereint so viele Epochen und Funktionen in sich. / © Foto: IMAGO / Joko
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Unweit des Urbanhafens in Berlin-Kreuzberg erhebt sich inmitten eines dicht bebauten Kiezes ein Bauwerk, das auf den ersten Blick nicht recht in seine Umgebung passen will: Der sogenannte Fichtebunker an der Fichtestraße. Der massive Rundbau mit rund 22 Metern Höhe und knapp 56 Metern Durchmesser ist ein markanter Überrest der Berliner Stadt- und Industriegeschichte – und heute ein Ort mit vielfältigen Nutzungen.
Im oberen Bereich des Gebäudes sind seit einigen Jahren exklusive Wohneinheiten untergebracht. Die teils verglasten Aufbauten auf dem historischen Zylinder lassen erkennen, wie zeitgenössisches Wohnen in ein monumentales Relikt integriert wurde. Gleichzeitig dient das Bauwerk als Ort der Erinnerung: Der Verein Berliner Unterwelten e.V. betreiben im Inneren eine Dauerausstellung, die sich mit der bewegten Geschichte des Fichtebunkers und der deutschen Luftschutzarchitektur auseinandersetzt. So wird das Gebäude zu einem Ort, an dem urbane Transformation und Geschichtsbewusstsein eng miteinander verwoben sind.
Vom Gasometer zum Luftschutzbunker: Der historische Fichtebunker in Kreuzberg im Wandel
Errichtet wurde der Rundbau im Jahr 1874 als Gasometer, ein Speicher für Leuchtgas, das durch die Stadtgaswerke produziert und im Berliner Straßennetz zur Beleuchtung verwendet wurde. Der Gasometer an der Fichtestraße war Teil eines größeren Versorgungssystems, das für die aufstrebende Metropole im späten 19. Jahrhundert lebenswichtig war.
Mit der Umstellung auf elektrische Beleuchtung verlor der Gasometer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts allmählich an Bedeutung. Während des Zweiten Weltkriegs entschied sich das nationalsozialistische Regime, den ausgedienten Speicher in einen Luftschutzbunker umzubauen; ein damals einmaliges Projekt. 1940 begann der Umbau zum Hochbunker, der später bis zu 6.000 Menschen Schutz bieten sollte. Darunter waren auch viele Kinder, die aus bombardierten Stadtteilen evakuiert wurden.
Die Nationalsozialisten bauten den Gasometer in einen Luftschutzbunker für 6.000 Menschen um
Im Inneren wurden Schlafplätze in vier Etagen errichtet, ergänzt um Notküchen, medizinische Einrichtungen und sanitäre Anlagen. Auch die Wände wurden massiv verstärkt. Besonders tragisch ist, dass der Bunker nicht nur Schutzraum war, sondern auch als Sammelstelle für Neugeborene und Kleinkinder genutzt wurde, die in den Wirren des Krieges ihre Eltern verloren hatten. Viele dieser Kinder wurden später zur Adoption freigegeben.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Bunker zunächst weiter als Notunterkunft genutzt, insbesondere für obdachlose Berlinerinnen und Berliner. In den 1950er- und 60er-Jahren diente er zudem als Lagerraum, unter anderem für Lebensmittelreserven im Kalten Krieg.
Fichtebunker in Kreuzberg: Mehrfach wurde eine Sprengung diskutiert
Eine Sprengung des massiven Bauwerks (wie es etwa in Ost-Berlin beim Gasometer in Prenzlauer Berg umgesetzt wurde) wurde mehrfach diskutiert, aber nie umgesetzt – die Nähe zu umliegenden Wohnhäusern machte eine Zerstörung technisch zu riskant und rettete das Gebäude damit vor dem Verschwinden aus dem Berliner Stadtbild.
In den folgenden Jahrzehnten blieb der Fichtebunker weitgehend ungenutzt, geriet aber nie ganz in Vergessenheit. Doch erst mit der Wende zum 21. Jahrhundert wuchs das Interesse an einer Umnutzung, sowohl durch Stadtplaner als auch durch private Investoren.
Kreuzbergs ehemaliger Gasometer und Luftschutzbunker: Neue Nutzung mit Blick in die Vergangenheit
Heute steht der Fichtebunker exemplarisch für einen vielfältigen städtischen Umgang mit belastetem baulichen Erbe. Die Kombination aus Wohnen, Erinnerungsarbeit und Architekturgeschichte macht ihn zu einem wichtigen Zeugnis der Berliner Stadtentwicklung.
Besonders die von Berliner Unterwelten e.V. betriebene Ausstellung unter dem Titel „Geschichtsspeicher Fichtebunker“ bietet Besucherinnen und Besuchern einen eindrucksvollen Einblick in die wechselvolle Nutzung des Gebäudes, von der Gasversorgung über den Luftschutz bis zur heutigen Umnutzung. Der Fichtebunker in Kreuzberg ist damit mehr als ein kurioses Relikt der Vergangenheit: Er ist ein Ort der städtebaulichen Kontinuität, der Wandel und Erinnerung gleichermaßen verkörpert.
Quellen: Visit Berlin, Wikipedia, Deutsches Architektur Forum, Berliner Unterwelten e.V.
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