Die Geschichte der Berliner Wassertürme beginnt viel früher als gemeinhin angenommen; schon 1572 stand am Schloss ein erster Wasserbau. Der erste Teil der ENTWICKLUNGSSTADT Reihe über die Geschichte der Berliner Wassertürme führt von den frühesten Wasseranlagen an der Schlossfreiheit über Fabriktürme des 19. Jahrhunderts bis zum markanten Wasserturm in Prenzlauer Berg, der bis heute erhalten ist. Die Artikelreihe zeigt auf, wie Technik, Bodenbeschaffenheit, Machtpolitik und Industrialisierung Berlins Stadtbild formten.

Der Wasserturm am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg ist heute der älteste erhaltene Wasserturm Berlins und wurde zwischen 1875 und 1877 errichtet. Er war über Jahrzehnte ein wichtiger Bestandteil der städtischen Wasserversorgung und prägte das Bild des aufstrebenden Berliner Nordostens. / © Foto: Wikimedia Commons, Joe Mabel / CC BY-SA 4.0

© Foto Titelbild: Bundesarchiv Bild 183-U0418-0300 / Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 de
© übrige Fotos: ENTWICKLUNGSSTADT

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Allgemein glaubt man, dass Wassertürme in Berlin nur in Verbindung mit dem zur Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden technischen Fortschritt entstanden sind. Aber sind die seit den 1870er Jahren zahlreich errichteten Wassertürme tatsächlich die ältesten Wassertürme in Berlin?

Im Garten des Schlosses Klein-Glienicke kann man noch heute einen Wasserturm aus dem Jahr 1838 bewundern, der zur Versorgung der Gärten gebaut wurde; rein äußerlich hat jener aber wenig zu tun mit den Wassertürmen, die heute noch im Stadtbild Berlins zu sehen sind.

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Fabriken benötigen Wasser: Entstehung der Berliner Wassertürme Mitte des 19. Jahrhunderts

Die Entstehung von Fabriken in Berlin, wie etwa der Maschinenbaufabrik von August Borsig, bedingte den Bau von Wassertürmen zur Produktionsversorgung. In den Jahren 1845 bis 1856 wurden mehrere Türme zu diesem Zweck errichtet, die das Stadtbild in Berlins Mitte bestimmten, allerdings seit geraumer Zeit schon nicht mehr existieren.

Allerdings ist der Wasserturm im Schlosspark Klein-Glienicke bei weitem nicht der älteste Berliner Wasserturm.

1572: Erster Wasserturm Berlins an der Schlossfreiheit

Dieser erste Wasserturm stand nämlich schon 1572 in unmittelbarer Nähe des alten Hohenzollernschlosses an der Schlossfreiheit. Das schildert H. Bärthel in seinem 1997 erschienenen Buch „Wasser für Berlin“.

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Der zwischen 1553 und 1618 herrschende Herzog Albrecht Friedrich von Preußen versah an der Nordwestecke des Schlosses einen vorher aufgestockten alten Wartturm mit einem Wasserbehälter, dessen wesentlichste Aufgabe darin bestand, Wasserdruck zu erzeugen für die im kurfürstlichen Garten installierten Springbrunnen.

Die Wasserversorgung für die Bevölkerung Berlins stand vorerst nicht im Fokus

Die Wasserversorgung für die Bevölkerung stand vorerst nicht im Fokus, wobei man das später kurzzeitig ermöglichte. Aufgrund der schlechten Wasserqualität der Spree wurde das jedoch wieder eingestellt.

Der Nachfolger Albrecht Friedrichs, der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm I. (1620–1680), ließ den Turm wieder aufbauen und nutzte ihn fortan als Münzprägeanstalt. Das endgültige Aus für diesen ehemaligen Wasserturm kam mit der Regentschaft des ersten Preußenkönigs Friedrich I. (1657–1713).

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Die neue königlich-preußische Residenzstadt Berlin kam zum Zeitpunkt der Krönung Friedrichs I. (1701) noch recht bescheiden daher. Außer dem Schloss, das der erste Preußenkönig Friedrich I. in Preußen maßgeblich von Andreas Schlüter als Prunkbau restaurieren und umbauen ließ, gab es außer dem Zeughaus und ein paar Adelspalästen in der Doppelstadt Berlin-Cölln nur ein- und zweistöckige Häuser.

Friedrich I. wollte Berlin prunkvoll ausbauen, doch es fehlte an repräsentativen Türmen

Der Ehrgeiz Friedrichs I. ging so weit, dass er die preußische Residenz so prunkvoll ausbauen wollte, dass er mit Wien oder Rom und deren Kulturbauten zumindest gleichziehen wollte. Dazu fehlten dem aufstrebenden Monarchen repräsentative Türme, denn die vorhandenen Kirchtürme reichten nicht aus.

In dem ehemaligen Renaissanceschloss an der Spree, das mittlerweile in einen prächtigen barocken Palast umgestaltet worden war, sollte ein großer, schlanker und weit sichtbarer, 91 Meter hoher Turm mit Glockenspiel als neues Wahrzeichen Berlins eingefügt werden. Dazu wollte man die Flächen des alten Münzturms nutzen.

Der Berliner Münzturm: Schlechter Baugrund und Fehlplanung

Allerdings war der Bau dieser neuen Höhendominante von Pleiten, Pech und Pannen begleitet. Planungsfehler, morastiger Baugrund und billiges Material machten die hochfliegenden Pläne Friedrichs I. und seines Schlossbaumeisters Andreas Schlüter zunichte.

Der Turm an der nordwestlichen Ecke des Schlosses sollte „zum Schmucke der Stadt und zu öffentlichem Nutzen“ errichtet werden. Öffentlicher Nutzen bedeutete dabei nicht Wasserversorgung für die Bevölkerung, sondern den Betrieb der Brunnen und Fontänen der Wasserkunst im Lustgarten. Bei 60 Metern Höhe gab der Baugrund nach und der Turm neigte sich. Im Jahr 1706 wurde der „Münzturm“ dann endgültig abgerissen; Monarch und Schlossbaumeister waren gescheitert.

Die schwierigen Berliner Bodenverhältnisse verhinderten lange hohe Turm- oder Kirchbauten

Erst 1852, unter der Regentschaft Friedrich Wilhelm IV., hatte man mit dem 111 Meter hohen Turm der Petrikirche – allerdings erst beim zweiten Versuch nach dem ersten Einsturz 1734 – mehr Erfolg.

Es ist anzunehmen, dass die bis dahin in Berlin bestehenden schwierigen Bodenverhältnisse bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts besser verstanden wurden, sodass Großprojekte konstruktiv sicherer umgesetzt werden konnten.

Wassertürme: Historische Bauwerke zur Wasserversorgung der Bevölkerung in Berlin

Von außen betrachtet sind Wassertürme im Vergleich zu Kirchtürmen architektonisch sachlicher gehalten, es sei denn, der Auftraggeber verlangte eine besonders ansehnliche Außenfassade. Auffällig im Stadtbild Berlins ist die große Anzahl der Wassertürme, die sich heute noch über das gesamte Stadtgebiet verteilen und in früheren Jahren noch weitaus zahlreicher waren.

Wassertürme sind Spiegelbild eines industriellen Aufbruchs ab Mitte des 19. Jahrhunderts und einer damit einhergehenden Moderne, die einen Bevölkerungszuwachs und eine dringend notwendige städtische Wasserversorgung nach sich zog.

Wachsende Stadt: Mitte des 19. Jahrhunderts zählte Berlin rund 400.000 Einwohner

Mit circa 400.000 Einwohnern war Berlin Mitte des 19. Jahrhunderts die viertgrößte Stadt Europas, nach London, Paris und St. Petersburg. Etwas später erfolgte Eingemeindungen ließen die Einwohnerzahl auf über 540.000 anwachsen.

Zu diesem Zeitpunkt wurde der Bau einer öffentlichen Wasserversorgung zum Schwerpunktthema des Berliner Magistrats. Ein längst überfälliges Projekt, denn selbst nach der Choleraepidemie 1831, die über 1.400 Todesopfer forderte, fühlten sich die Menschen mit Brunnen- und Regenwasser ausreichend versorgt.

Die Berliner Wasserversorgung hinkte im internationalen Vergleich hinterher

Berlin war im Vergleich zu anderen Städten rückständig, und das Brunnenwasser war hygienisch bedenklich. Auch die Feuerwehr hatte speziell in Außenbezirken Probleme, ausreichend Löschwasser zu gewinnen. Über Jahre andauernde Debatten des Magistrats führten zu keinem Ergebnis. Deshalb setzte König Friedrich Wilhelm IV. 1846 eine Kommission ein, die die Voraussetzungen prüfen sollte.

Die hygienischen Zustände verschlimmerten sich zunehmend, sodass der König den Polizeipräsidenten Freiherr von Hinckeldey beauftragte, das Projekt mittels ausländischen Kapitals zu realisieren. Der Polizeipräsident übte starken Druck auf den Magistrat aus, sodass dieser nach zehn Jahren Diskussionen innerhalb weniger Wochen zustimmte.

1852: Zwei Engländer sollten das Berliner Wassernetz revolutionieren

Zum Jahresende 1852 wurden die Engländer Fox und Crampton beauftragt, die die Berlin-Waterworks-Company AG gründeten. Sechs Monate vor dem vereinbarten Termin schlossen die Engländer das Projekt am 1. Januar 1856 ab.

Das erste öffentliche Wasserwerk Berlins entstand am Windmühlenberg (heute Kollwitzkiez im Prenzlauer Berg). Es bestand aus Maschinen-, Kohle- und Kesselhaus sowie einem Reinwasserbehälter mit 3.000 Kubikmetern Inhalt, vier Filterbecken, einem Vorratsreservoir und einem Saugkanal zur Spree.

Berlins erstes öffentliches Wasserwerk entstand im heutigen Kollwitzkiez

Das Werk war über einen Standrohrturm angebunden, der Wasser bereitstellte, wenn die Maschinen stillstanden. Zwei Hauptleitungen führten in die Stadt – zuerst zum Alexanderplatz, dann zum Windmühlenberg. Bereits zu diesem Zeitpunkt verfügte das Wasserrohrnetz über 180 Kilometer Länge. Viele Berliner ließen sich jedoch erst spät vom Nutzen des öffentlichen Wassernetzes überzeugen.

So dauerte es noch Jahre, bis die Aktiengesellschaft Gewinn erwirtschaftete und Dividenden ausschüttete. Der Magistrat wollte aber die Kontrolle behalten und lehnte eine Vertragsverlängerung ab. Im Februar 1874 erwarb die Berliner Verwaltung die Wasserwerke schließlich für 25 Millionen Mark.

Am Kollwitzplatz steht der älteste erhaltene Wasserturm Berlins

Der oben erwähnte Wasserturm am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg ist heute der älteste erhaltene Wasserturm Berlins und wurde zwischen 1875 und 1877 errichtet. Er war über Jahrzehnte ein wichtiger Bestandteil der städtischen Wasserversorgung und prägte das Bild des aufstrebenden Berliner Nordostens.

Unterhalb des Wasserbehälters entstanden mehrere Etagen mit Arbeiterwohnungen, Werkstätten und Büros, die dem Bau früh eine Mischung aus Infrastruktur und Wohnraum verliehen. In der Zeit des Nationalsozialismus missbrauchte die SA Teile der Anlage als sogenanntes „wildes Konzentrationslager“, an das heute eine Gedenkwand erinnert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor der Wasserturm im Kollwitzkiez seine ursprüngliche Funktion

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor der Turm seine ursprüngliche Funktion, blieb jedoch als markantes Wahrzeichen des Viertels bestehen. Zugleich entwickelte sich der Turm zu einem Symbol von Prenzlauer Berg und prägte über Jahrzehnte das Wappen des Bezirks.

Um den Turm herum entstand ein öffentlicher Park, der das historische Ensemble in das Stadtbild einbindet. Insgesamt vereint der Wasserturm Prenzlauer Berg technische Innovation, architektonischen Charakter und historische Erinnerung in einem einzigen Bauwerk. Zudem sind bis heute mehrere Wohnungen in dem außergewöhnlichen Bauwerk untergebracht.

Der historische Wasserturm in Prenzlauer Berg auf einer Fotografie aus dem April 1979. / © Foto: Bundesarchiv Bild 183-U0418-0300 / Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 de

 

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

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Quellen: Jens U. Schmidt – Wassertürme in Berlin, Regia Verlag, 2010 / Bärthel, H. – Wasser für Berlin, Verlag für Bauwesen, 1997 / Zeitschrift Kultur & Technik, 4/2000, 7/7, Perspektiven eines wasserlosen Turmes / Berliner Zentrum Industriekultur

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