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Unter der U1 in Kreuzberg liegt eine Teststrecke, die einst Symbol einer großen Vision war und heute weitgehend ungenutzt bleibt. Doch gerade dieser Zwischenzustand eröffnet Raum für kreative Ideen, wie der Ort kurzfristig belebt und langfristig neu gedacht werden könnte. Zehn konkrete Nutzungsszenarien zeigen, welches Potenzial in den 200 Metern Radbahn steckt.

Reallabor Radbahn

Das Radbahn-Projekt unter der U1 war einst eine interessante Vision, heute wirkt die Teststrecke wie ein vergessener Rest städtischer Ambition und bleibt weitegehend ungenutzt. / © Foto: Reallabor Radbahn UG

© Visualisierung Titelbild: Reallabor Radbahn UG, paper planes e.V.

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Die Radbahn unter der U-Bahnlinie U1 in Kreuzberg war ursprünglich als Teil einer neun Kilometer langen Verbindung zwischen Schlesischem Tor und Ku’damm geplant. Geblieben ist jedoch nur eine rund 200 Meter lange Teststrecke, die im Rahmen eines fünfjährigen Forschungsprojekts entstand und seit Ende der Förderung weitgehend unverändert geblieben ist. Obwohl Evaluationen zeigten, dass viele Nutzerinnen und Nutzer das Fahren dort als sicherer empfanden, fehlt es an politischen Entscheidungen und finanziellen Mitteln für einen Weiterbau.

Heute steht die kurze Strecke als Symbol für die Diskrepanz zwischen ambitionierten Ideen und den realen Rahmenbedingungen der Berliner Verkehrsplanung. Viele der ursprünglich getesteten Elemente, darunter Stadtmobiliar, Beleuchtung oder technische Komponenten, wurden nach Projektende zurückgebaut. Weil der Abschnitt kaum ans bestehende Radnetz angeschlossen ist, wird er nur selten genutzt und wirkt wie ein isoliertes Fragment einer größeren Vision, die vorerst auf unbestimmte Zeit zurückgestellt wurde.

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Kiezmarkt am Wochenende auf der Radbahn in Kreuzberg

Kiezmarkt Radbahn

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT / mit KI erstellt

Ein Kiezmarkt am Wochenende könnte den bislang wenig genutzten Raum unter der U1 in einen lebendigen Treffpunkt verwandeln. Der lange, lineare Korridor eignet sich ideal für eine Reihe kleiner Stände, an denen Nachbarinnen und Nachbarn Flohmarktartikel, Pflanzen oder Tauschobjekte anbieten. Durch die regelmäßige Nutzung würde der Ort sichtbarer und sozial besser angebunden. Organisiert werden könnte ein solcher Markt von lokalen Initiativen, Stadtteilzentren oder engagierten Nachbarschaftsprojekten im Kiez.

Grüner Korridor unter der U1: Urban Gardening als soziale Aufwertung

Radbahn unter der U1

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT / mit KI erstellt

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Auch eine Urban-Gardening-Zone könnte der Radbahn neues Leben einhauchen und den Raum deutlich aufwerten. Durch Hochbeete, Kräuterinseln oder übernommene Baumscheiben entstünde ein schmaler, aber lebendiger Grünstreifen, der das Klima verbessert und Menschen aus dem Kiez zusammenbringt. Solche gemeinschaftlichen Pflanzprojekte sind niedrigschwellig, fördern Verantwortung im Quartier und schaffen Orte, an denen Nachbarschaften sichtbar zusammenarbeiten. Und dass die Begrünung (samt Bewässerung) an diesem Ort funktioniert, zeigt bereits der bestehende Stadtraum.

Fahrradsprechstunde unter der U1: Praktische Hilfe direkt an der Radbahn

Nutzungsidee Radbahn

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT mit KI erstellt

Gerade weil die Radbahn einst als Modellprojekt für sichere und moderne Radmobilität gedacht war, bietet sich eine Repair-Corner mit regelmäßigen Fahrradsprechstunden besonders an. Mobile Werkstattstände könnten an festen Tagen kleine Reparaturen durchführen, Luft aufpumpen oder Beratung rund ums Fahrrad anbieten. Damit entstünde ein niedrigschwelliges Serviceangebot, das den ursprünglichen Gedanken der Radbahn aufgreift und den Raum zugleich sichtbar belebt. Möglich wäre eine Umsetzung dieses Konzepts durch ortsansässige Fahrradläden, die dadurch ihr Serviceangebot noch erweitern könnten, auch der Bezirk könnte einen Teil der Kosten sponsern.

Zwischennutzung als Bewegungszone: Sport- und Fitnessangebote unter der U1

Ein Sport- und Bewegungslineal könnte den langen Korridor unter der U1 in eine unkomplizierte Trainingsfläche verwandeln. Durch einfache Bodenmarkierungen für Balanceübungen oder kurze Sprintstrecken sowie wenige Calisthenics-Elemente ließe sich der Raum mit minimalem Aufwand aktivieren. Gleichzeitig entstünde ein niedrigschwelliges Angebot, das sowohl Anwohnende als auch Passantinnen und Passanten spontan nutzen könnten. In Zusammenarbeit mit Sportverbänden, Gesundheitskassen oder erfahrenen Spielplatzplanerinnen und -Planern wäre eine solche temporäre Umsetzung realistisch und schnell realisierbar.

Lokaler Street-Food-Slot auf dem Radweg unter der U1 in Kreuzberg

Radbahn U1 Food Court

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT mit KI erstellt

Ein lokaler Street-Food-Slot könnte die bislang wenig genutzte Fläche unter der U1 kurzfristig deutlich beleben. An fest definierten Tagen würden ein oder zwei Foodtrucks vor Ort stehen und damit sowohl Laufkundschaft als auch Anwohnerinnen und Anwohner anziehen. Durch den regelmäßigen Betrieb entstünde ein klarer Nutzungsrhythmus, der den bislang meist verwaisten Raum sichtbar aktiviert. Organisiert werden könnte ein solches Format von lokalen Food-Kollektiven aus dem Kiez.

Kreuzberg Transit Lab: Testfeld für die Mobilität von morgen

Radbahn Neunutzung

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT mit KI erstellt

Wer die Radbahn weiter im Kontext der Mobilitätswende denken möchte, findet im „Kreuzberg Transit Lab“ eine spannende Perspektive. Unter dem Viadukt könnte ein kompaktes Testfeld entstehen, auf dem neue Mikro-Mobilitätsangebote ausprobiert werden, von klar markierten E-Scooter-Parkzonen bis hin zu Lastenrad-Sharing-Docks oder innovativen Abstelllösungen. Auf diese Weise bliebe der Ort eng mit seinem ursprünglichen verkehrspolitischen Anspruch verknüpft und würde gleichzeitig als Reallabor für neue Mobilitätsformen dienen.

Kulturelle Zwischennutzung: Mikro-Events unter der U1 möglich

Unter der U1 ließe sich die Fläche auch für kleine Mikro-Events nutzen. So könnten dort wettergeschützte Lesungen, Nachbarschaftsformate oder Poetry-Slams stattfinden. Gleichzeitig würden Bibliotheken, lokale Kulturvereine oder das Nomadenkino-Kollektiv einen unkomplizierten Raum für Begegnung erhalten. Dadurch entstünde ein niedrigschwelliger Kulturort direkt im öffentlichen Raum.

Historische Streckengalerie: Kreuzbergs Vergangenheit im öffentlichen Raum erlebbar machen

Radbahn unter der U1

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Als weitere Nutzungsmöglichkeit bietet sich eine Streckengalerie mit historischen Fotos und kurzen Texttafeln an, die die Geschichte des Viadukts, der Skalitzer Straße und des umliegenden Quartiers sichtbar macht. Entlang des linearen Korridors könnten großformatige Motive aus verschiedenen Jahrzehnten installiert werden, wodurch ein niedrigschwelliges, dauerhaft zugängliches Kulturangebot entsteht. Diese Form der Gestaltung wäre kostengünstig umzusetzen und zugleich ein deutlicher Mehrwert für Anwohnerinnen, Anwohner und Besuchende.

Street-Art-Potenzial unter der U1: Legale Graffiti-Flächen als Zwischennutzung

Radbahn Neunutzung

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT mit KI erstellt

Unter der U1 könnten auch kleine legale Graffiti-Flächen entstehen. Markierte Wandabschnitte oder temporäre Elemente würden Street-Art-Kollektiven einen offiziellen Raum bieten und zugleich illegale Schmierereien reduzieren. Zudem ließe sich eine solche Fläche in Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt unkompliziert umsetzen. Dadurch entstünde ein kreatives Angebot, das den Raum sichtbar aufwertet. Auf den Flächen, die der Straße zugewandt sind, könnte eine Begrünung umgesetzt werden.

Kühlende Zwischennutzung: Wasser- und Nebelinstallation für den Sommer in Kreuzberg

Radbahn Neunutzung

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT mit KI erstellt

Als weitere mögliche Zwischennutzung ließe sich eine Nebel- oder Wasserinstallation einsetzen, die die Radbahn an heißen Sommertagen spürbar aufwertet. Leichte Sprühnebel-Elemente oder flache Bodenfontänen könnten den linearen Raum unter dem Viadukt angenehm kühlen und zugleich atmosphärisch beleben. Solche niedrigschwelligen Maßnahmen steigern nicht nur die Aufenthaltsqualität, sondern schaffen auch einen spielerischen, öffentlich zugänglichen Ort der Erfrischung. Umgesetzt werden könnte das Projekt in Kooperation mit Klimaanpassungsinitiativen oder Innovationsnetzwerken.

Quellen: rbb24, Reallabor Radbahn UG, paper planes e.V., Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen

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