Aktuelle Wirtschaftsdaten zeigen: Berlin ist schon längst kein wirtschaftliches Schlusslicht mehr. Trotzdem dominiert in der Hauptstadt das Narrativ der Dauerkrise, aber warum eigentlich? Ein Blick auf Zahlen, Verwaltung und das eigentümliche Berliner Talent, sich selbst kleinzureden.

Wachstum, Beschäftigung, Strukturwandel: Die Hauptstadt entwickelt sich wirtschaftlich stabiler als viele erwarten. In Berlin allerdings spricht man nur ungern über eigene Erfolge, das gehört eben zur Folklore der Einwohnerinnen und Einwohner. / © Foto: Depositphotos.com
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Berlin kann vieles gut: Debatten führen, Probleme benennen, sich kleinreden. Neu ist nur, dass ausgerechnet die nüchternen Wirtschaftsdaten jetzt widersprechen. Während hierzulande gern der Eindruck gepflegt wird, die Hauptstadt sei wirtschaftlich ein hoffnungsloser Sanierungsfall mit Latte-Macchiato-Überhang und brachliegendem ÖPNV, zeigen aktuelle Rankings: Berlin steht besser da, als es sich selbst zugesteht.
In einem Vergleich der Wirtschaftsleistung schneidet die Hauptstadt inzwischen besser ab als die zwei anderen Stadtstaaten Hamburg und Bremen, durchaus bemerkenswert. Vor allem, weil Berlin jahrzehntelang als Sorgenkind der Republik galt: hohe Arbeitslosigkeit, wenig Industrie, viel Verwaltung. Heute hingegen wächst die Wirtschaft stabil, Beschäftigung nimmt zu, und der Strukturwandel scheint weniger Problem als Dauerzustand zu sein.
Berliner Wirtschaft: Besser als Hamburg, und keiner merkt’s
Besonders pikant ist, dass ausgerechnet Hamburg, gern als norddeutsche Effizienzmaschine wahrgenommen, in der jüngsten Auswertung hinter Berlin landet. Man könnte sagen: Der Mythos der dynamischen Hansestadt bekommt leichte Kratzer, während Berlin – sonst zuverlässig im Krisenmodus – plötzlich seriös aussieht, überspitzt formuliert.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Berlin nun wirtschaftspolitisch in der Champions League spielt. Aber es bedeutet: Das ewige Narrativ vom Standortversagen trägt schon längst nicht mehr. Berlin ist nicht nur Kultur- und Verwaltungshauptstadt, sondern längst auch Dienstleistungs-, Technologie- und Wissensstandort. Dass sich diese Realität im öffentlichen Selbstbild noch nicht durchgesetzt hat, ist vielleicht das eigentliche Problem. Wie war das noch gleich mit dem schwierigen Berliner Selbstwertgefühl?
Familienunternehmen und Standortpolitik: Berlin bleibt kompliziert
Ganz so rosig ist das Bild dann aber doch nicht. Im Bundesländerindex der Familienunternehmen landet Berlin weiterhin im Mittelfeld. Faktoren wie Bürokratie, Genehmigungsdauer und Standortkosten wirken bremsend. Wer hier investiert, braucht Geduld, und starke Nerven. Der klassische Hauptstadt-Blues also.
Das ist der übliche Berliner Spagat: ökonomisch besser als gedacht, administrativ so träge wie befürchtet. Während Start-ups wachsen und Beschäftigung entsteht, kämpft der Standort mit sich selbst. Aber immer etwas lauter und nörgliger, als es eigentlich notwendig wäre.
Berlins Lieblingssport: Den eigenen Erfolg schlechtreden
Das eigentlich Bemerkenswerte ist nicht das Abschneiden in Rankings, sondern die Reaktion darauf. Statt Stolz oder wenigstens nüchterner Zufriedenheit (siehe Hamburg) folgt meist reflexartig der Hinweis auf Mieten, Staus, Verwaltung und Fachkräftemangel. Alles korrekt, aber eben nicht die ganze Geschichte.
Berlin ist wirtschaftlich stabiler, als sein Ruf. Es ist produktiver, als viele annehmen. Und es ist konkurrenzfähiger, als es selbst glaubt. Vielleicht liegt genau darin das Berliner Paradox: Eine Stadt, die gelernt hat, sich über Probleme zu definieren, tut sich schwer damit, Fortschritt zu akzeptieren.
Oder anders gesagt: Berlin wäre längst ein selbstbewusster Wirtschaftsstandort, wenn es sich nicht ständig einreden würde, keiner zu sein. Da müssen wir also was machen!
Hinweis der Redaktion: Mehr über ENTWICKLUNGSSTADT-Chefredakteur Björn Leffler könnt Ihr im äußerst unterhaltsamen Podcast berlin:er leben erfahren, hört mal rein!
Quellen: Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW Bayern, Berliner Morgenpost, berlin:er:leben
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4 Kommentare
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Sehr viel Text, aber keine Zahlen, welche die Thesen untermauern. Wirtschaftsjournalismus (wenn es denn sowas sein soll) stelle ich mir anders vor.
„Natürlich bedeutet das nicht, dass Berlin nun wirtschaftspolitisch in der Champions League spielt.“
Bei allem Positivistischem, dass man gesellschaftspsychologisch erst einmal ins Feld führen soll, bevor man sich genüsslich mit einem gewissen Masochismus in Horrormeldungen wälzt, sei trotzdem einmal kurz ins Buch geschrieben:
Wer 4,2 Milliarden Euro aus dem Länderfinanzausgleich erhält, spielt ehrlich gesagt in keiner Liga…(Erinnert mich sofort an Herta BSC, die demnächst gefühlt immer „Europa“ im Visier haben und spätestens in Köpenick ganz eisern ihre Endstation gezeigt bekommen)
Das ist zwar nur eine Momentaufnahme und dieses Haushaltsdefizit wird sich durch den Hauptstadteffekt auch immer weiter reduzieren, aber die Stadt hat jetzt 35 Jahre lang solche Momentaufnahmen und da man würde sich wünschen, dass sich Politiker dann auch aufs Wesentliche konzentrieren und solche Gaga-Aktionen, wie für 1 Milliarde Euro Bäume einzukaufen, unterlassen. Ist so, als ob ich mich um meinen teuren Wein fürs Wochenende sorge, aber mein tägliches Essen von der Tafel beziehe.
Wieviel Schüler hat Berlin?….Schickt sie im November in die Stadtwälder oder auch in die Brandenburger Wälder und laßt jeden von ihnen zwei der letzten Saisonkeimlinge stechen, in die Stadt bringen, auf zugewiesene Flächen pflanzen und sich während ihrer Schulzeit um die Bäumchen kümmern. Man hätte die Bäume für Null, die Kids kommen von ihren Smartphones weg und würden ganz ganz nebenbei auf ein völlig neues Level von Naturverständnis gehoben werden. Ich bin mir sicher, der Rest der Gesellschaft würde sich verwundert die Augen reiben, welche Energie darauf plötzlich verwendet werden würde.
Der Punkt Länderfinanzausgleich, den mein Vorkommentator aufführt, ist tatsächlich ein relevanter. Laut Bundesfinanzministerium wurden 2024 rund 18,65 Milliarden Euro umverteilt. Geberländer waren Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Hamburg. Berlin gehört zu den größten nehmerländern. Der Autor bleibt meines Erachtens nach jede Form von Beleg schuldig inwieweit Berlin wirtschaftlich besser dastehen sollte als Hamburg. In absoluten Zahlen (bei doppelt so vielen Einwohnern ?!) oder relativen ? Bleibt ungewiss …