Mit „Warum so negativ, Berlin?“ startet ENTWICKLUNGSSTADT-Chefredakteur Björn Leffler heute seine neue Freitagskolumne. Im ersten Teil nimmt er das Mediaspree-Quartier unter die Lupe, das zwischen Kritik an Privatisierung und der Revitalisierung alter Industriebauten viel Diskussionsstoff bietet. Der Text zeigt, warum das Quartier komplexer ist, als es seine Kritiker oft darstellen.

Das nächste Großprojekt der Mediaspree? Wo einst die Grenze durch die Spree verlief, entsteht ein Ort für Kultur, Bildung und Erinnerung. Der neue Museumshafen Berlin soll den historischen Grenzsteg in eine öffentliche Anlage verwandeln, die Geschichte sichtbar und erlebbar macht. / © Visualisierung: Wilk Salinas Architekten, XOIO

© Foto Titelbild: Depositphotos.com / ENTWICKLUNGSSTADT

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Die Berlinerinnen und Berliner neigen ja eher dazu, das Glas halbleer als halbvoll zu betrachten. Es scheint gewissermaßen eingewoben zu sein in die Berliner DNA, die Dinge zuerst einmal kritisch zu beäugen, anstatt das Positive zu sehen. So ist es nicht verwunderlich, dass der größte Ausbruch von Euphorie oder Zuspruch aus dem Mund eines Berliners das Bonmot „Kannste nich‘ meckern!“ ist. Denn dass es irgendwo nichts zu meckern gibt, das scheint in Berlin wirklich die große Ausnahme zu sein.

Grund genug, die Kolumne „Warum so negativ, Berlin?“ zu starten, die nun an jedem Freitag auf unserem kleinen aber feinen Berliner Stadtportal ENTWICKLUNGSSTADT zu lesen sein wird. Und passend zu unserem MEDIASPREE-Special, welches von heute bis Sonntag das Areal zwischen Alt-Treptow, Kreuzberg, Friedrichshain und Mitte beleuchten wird, beschäftige ich mich im ersten Teil dieser Kolumne genau damit: dem „Mediaspree“ genannten Gebiet, welches auf beiden Seiten entlang der Spree entstanden ist.

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Mediaspree: Berlin hatte in den 2000er Jahren wenige Ideen für die brachliegenden Grundstücke

Fragt man die Kritiker des Projekts, allen voran die Initiative „Mediaspree versenken“, wird hier vor allem die Vernichtung öffentlicher Räume angeführt, zugunsten von großen Immobilienkonzernen und Grundstücksspekulanten. Und ja, durchaus, die Stadt Berlin hätte mit den großen, vielfach brachliegenden Flächen mehr anfangen können, als sie an private Investoren zu verkaufen.

Doch Ende der 2000er Jahre hatte die Hauptstadt nur wenig Interesse daran, selbst bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, da die Bevölkerungsprognosen rückläufige Zahlen aufrief und die Kassen ziemlich leer waren. So wurden große Filetstücke lukrativ verkauft und für gewerbliche Nutzungen freigegeben.

Heute ist bezahlbarer Wohnraum in Berlins beliebten Innenstadtlagen nur noch schwer umzusetzen

Mittlerweile stellt sich die Situation natürlich anders dar, Wohnraum ist knapp, vor allem in Innenstadtlagen, vor allem im bezahlbarem Segment. Die Stadt sucht nun händeringend nach Möglichkeiten, innerhalb des S-Bahnrings neuen, erschwinglichen Wohnraum zu schaffen.

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Das Mediaspree-Areal allerdings hat sich seit dem Beginn der baulichen Aktivitäten nach der Jahrtausendwende sukzessive zu einem gewerblich orientierten Quartier entwickelt, welches ganz unterschiedliche Ausprägungen hat. Dabei sind an beiden Spreeufern sehr andersartige Gebäude entstanden. Reine Neubauten wechseln sich hier mit sanierten oder umfunktionierten historischen Gebäuden ab.

Mediaspree: Sanierte Bestandsbauten wechseln sich mit modernen Neubauten ab

Aus alten, historischen Speichern wurden Lofts und Showrooms, Büros und Veranstaltungsräume. Daneben sind zum Teil nüchterne und zum Teil spannende Neubauten entstanden. Das Hotel „nhow“ mit seiner auskragenden Terrassenkonstruktion kann hier genauso genannt werden wie das Wohnprojekt“Wave“, konzipiert vom Büro Graft Architekten.

So ist es gelungen, den einstigen Industriehafen, der entlang der Stralauer Allee für viele Jahre vor sich hin gedämmert hatte, zu revitalisieren und historische, zum Teil marode Gebäude zu modernisieren und zu reaktivieren. Gleichzeitig wurde ein öffentlicher Uferweg erschlossen, der es ermöglicht, von der Elsenbrücke bis zur Oberbaumbrücke entlang der Spree zu spazieren – sicher keine Selbstverständlichkeit.

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Molecule Man, Arena Berlin und historische Heeresbäckerei: Ikonische Bauwerke an und auf der Spree

Auf der Treptower Seite ist die Arena Berlin zu einem der beliebtesten und kultigsten Veranstaltungsorte avanciert, mit zahlreichen Event- und Business-Formaten. Auf dieser Seite wechseln sich ebenfalls historische Bestandsgebäude wie die einstige Heeresbäckerei (heue eine Event-Location) mit Neubauprojekten wie dem vom Büro Tchoban Voss geplanten „Cuvry Campus“ ab. Zu den markantesten Bauwerken zählt neben dem einstigen Allianz-Tower auch das Monumentalkunstwerk „Molecule Man“ des amerikanischen Bildhauers Jonathan Borofsky, aufgestellt im Mai 1999.

Am kritischsten wird heute wohl das Quartier rund um die Uber-Arena (ehemals O²-World, ehemals Mercedes-Benz-Arena) betrachtet, da die architektonischen Konzepte der Stadtplaner hier nur wenig bemerkenswertes hervorgebracht haben.

Hochpunkte der Mediaspree: „EDGE East Side“, „Upside Berlin“ und „Stream Berlin“

Doch auch hier sind herausstechende Hochpunkte wie das „EDGE East Side„, das „Stream Berlin“ oder die Doppeltürme „Upside Berlin“ entstanden (auch wenn sich die Fertigstellung des letztgenannten Projekts berlintypisch um ein paar Jahre verzögert hat).

Rund um die Uber-Arena, die in den ersten Jahren noch wie ein einsamer Solitär von weiträumigen Parkplatzflächen umgeben war, ist heute ein gigantisches Entertainment- und Veranstaltungszentrum entstanden, mit zwei Konzerthallen, zwei ansässigen Profi-Sportvereinen und einem vielfältigen Gastronomie-Angebot.

Friedrichshain: Uber Arena, Kinokomplex und Gastronomie bringen viele Arbeitsplätze

Nur deshalb (und durch die Nähe zur touristisch attraktiven East Side Gallery) funktioniert wohl auch die direkt neben der Uber-Arena errichtete East Side Mall, eines der letzten Shoppingzentren seiner Art, die in Berlin noch fertiggestellt wurden.

Natürlich, wenn die tausenden Werktägigen nach Hause gegangen sind und in den Arenen keine Veranstaltung stattfindet (was nur äußerst selten der Fall ist), dann wird es ruhig in den Gassen zwischen Warschauer Brücke und Ostbahnhof. Meistens aber gibt es in mindestens einer der beiden Arenen eine abendliche Veranstaltung, an den Wochenende sind es oft mehrere – und direkt nebenan befindet sich noch ein großer Kino-Komplex.

Mediaspree wächst weiter: Hochhäuser an der Warschauer Brücke und Holzmarkt-Hotel

So sind nicht nur in den vielen Bürogebäuden neue Arbeitsplätze entstanden, sondern auch in den Veranstaltungs-, Gastronomie- und Einzelhandelsflächen, die dieses Quartier prägen.
Und die städtebauliche Entwicklung des Geländes ist längst nicht am Ende, ganz im Gegenteil.

Mit dem sozialen Hotelprojekt am Holzmarkt, den ambitionierten Hochhausprojekten rund um die Warschauer Brücke, dem Projekt „Elements“ an der Michaelkirchbrücke oder dem spektakulären Museumshafen-Projekt sind weitere Bauvorhaben in Planung und Umsetzung, die das Quartier neu prägen und verändern werden.

Zahlreiche historische Gebäude wurden modernisiert und reaktiviert, Uferwege neu geschaffen

Bei der städtebaulichen Umsetzung des Mediaspree-Areals hat es, wie so häufig bei so großflächigen Stadträumen, Licht und Schatten gegeben. Grundsätzlich jedoch ist die Entwicklung, die hier in den vergangenen zwei Jahrzehnten vonstatten gegangen ist, doch positiv zu sehen. Zahlreiche Gebäudekomplexe, die zum Teil jahrzehntelang nicht modernisiert und in einem maroden Zustand waren, präsentieren sich heute in einem hervorragenden Zustand mit neuen, modernen Nutzungen.

Das nächste Beispiel entsteht derzeit am Postbahnhof, wo historische Bahngebäude in moderne Gewerbeflächen umfunktioniert werden, unter strengen Denkmalschutzauflagen und tatsächlich mit hohem gestalterischen Anspruch. Man darf sehr gespannt sein, wie die grunderneuerten Räumlichkeiten nach Abschluss der Bauarbeiten aussehen werden.

Ein Besuch lohnt sich, denn das Mediaspree hat architektonisch viel zu bieten

In einer Stadt, die häufig für ihre lahmende Verwaltung, ihren mäßigen wirtschaftlichen Einfluss und die architektonische Eintönigkeit der Nachwendejahre gescholten wird (meist von den Berlinern selbst), hat das Mediaspree-Quartier doch einiges zu bieten: das kreative Holzmarkt-Areal, die öffentlichen Uferwege entlang der East Side Gallery, die restaurierte Oberbaumbücke, das sanierte Eierkühlhaus (heute Sitz von Universal), die daneben liegenden, historischen Lagerhäuser des Osthafens oder der heute denkmalgeschützte, einstige NARVA-Komplex.

Und dieses Areal ist heute Heimat von unzähligen großen und kleinen Unternehmen, die genau an dieser Stelle das so begehrte kreative und szenige Umfeld vorfinden, das so viele Unternehmen suchen. Dass dieses Umfeld so kreativ bleibt, ist dabei allerdings keine Selbstverständlichkeit, die Mischung aus Bewahren und Verändern muss in einem ausgewogenen Gleichgewicht gehalten werden.

Doch die vergangenen zwanzig Jahre haben gezeigt, dass eine sinnvoll orchestrierte Weiterentwicklung des Gebiets für die städtebauliche Gesamtsituation des Quartiers wohl deutlich mehr Vor- als Nachteile gebracht hat. Entstanden ist ein Arbeits- und Gewerbequartier, auf das viele andere Großstädte in Deutschland aufgrund seiner Einzigartigkeit durchaus neidisch schielen. In diesem Sinne: Warum so negativ, Berlin?

Historisches Verbindungsstück als Herzstück des Mediaspree-Areals: Die Oberbaumbrücke, die Friedrichshain und Kreuzberg verbindet. / © Foto: Depositphotos.com

 

Quellen: rbb, Berliner Geschichtswerkstatt e.V., Berlin Tourismus & Kongress GmbH, taz, Grenzhafen Berlin GmbH, Chronik der Mauer, Kreuzberger Chronik, Stiftung Berliner Mauer, Wikipedia, Graft Architekten, Tchoban Voss Architekten

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One Comment

  1. Mehringdamm 21. November 2025 at 11:02 - Reply

    Eine Mall nur für Touristen, größtenteils beliebige nicht aufeinander abgestimmte Investorenarchitecktur, Zerstörung des Mauerdenkmals für Eigentumswohnungen, Schließung von 4 Clubs, Verdrängung vorheriger Bewohner durch absurde Mietsteigerungen.

    Der Versuch der Serie hier ist aller Ehren wert.

    Aber ein Viertel über das sich vor allem Investoren, Reiche und reichenfreundliche Politiker freuen ist sicherlich das falsch Objekt dafür.

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