Ein weiteres Hochhaus soll das Stadtbild an der Warschauer Brücke in Berlin-Friedrichshain verändern. Doch die ambitionierten Pläne der Atrium Development GmbH stoßen auf deutliche Kritik: Das Berliner Baukollegium hält die vorgesehene Höhe für überzogen und warnt vor einer unzureichenden städtebaulichen Einbindung.

Rechts neben den Bahngleisen plant die Atrium Development GmbH ein 150 Meter hohes Hochhaus. Auch links der Gleise, auf dem RAW-Gelände, ist ein weiteres Hochhaus in Planung. Das Baukollegium und der Bezirk sehen beide Vorhaben kritisch und fordern eine städtebauliche Neubewertung. / © Foto: Wikimedia Commons, GodeNehler, CC BY-SA 4.0

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In Friedrichshain, südlich der Bahngleise zwischen der Warschauer Brücke und dem S-Bahnhof Warschauer Straße, soll ein gemischt genutztes Quartier entstehen. Im Zentrum dieses Vorhabens steht ein Hochhaus, das nach Vorstellungen der Atrium Development GmbH eine Höhe von 150 Metern erreichen könnte.

Da sich der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen nicht auf die Planungsziele einigen konnten, hat der Berliner Senat im April 2025 das Bebauungsplanverfahren V-67 übernommen. Laut Senatsverwaltung liegt ein dringendes Gesamtinteresse am Wohnungsbau vor. Durch eine kompakte Bauweise sei eine möglichst geringe Flächenversiegelung möglich.

Architekten stellen Entwurf im Baukollegium vor: Investor plant 150 Meter hohes Wohnhochhaus in Friedrichshain

Am Montag stellte Architekt Sergei Tchoban die überarbeiteten Pläne für das Hochhaus im Berliner Baukollegium vor. Die Höhe des geplanten Gebäudes übersteigt die bisher vorgesehene Marke von 140 Metern und soll damit den direkt benachbarten EDGE East Side Tower, auch als „Amazon-Tower“ bekannt, überragen.

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Tchoban argumentierte, dass sich der Standort gut für eine Hochhausbebauung eigne. Aus seiner Sicht bietet sich die Möglichkeit, ein neues städtebauliches Ensemble entlang der Warschauer Straße zu entwickeln. Mit der zusätzlichen Gebäudehöhe solle auch die Zahl der Wohnungen wachsen. Laut Präsentation könnten bis zu 1.000 Einheiten entstehen, davon die Hälfte im Hochhaus selbst. Die übrigen Wohnungen sollen demnach in einer dichten Blockrandstruktur untergebracht werden.

Wohnnutzung entlang der Warschauer Straße: Kritik an Belichtung und fehlenden Freiräumen

Das Baukollegium bewertete den Entwurf in Teilen kritisch. Zwar zeigte sich das Gremium grundsätzlich offen gegenüber einer Hochhausbebauung an diesem Standort, jedoch lehnt es die aktuelle Dimension des Entwurfs ab. Die Mitglieder empfahlen einstimmig, die Gebäudehöhe deutlich zu reduzieren, damit der EDGE Tower als städtebauliches Bezugselement erhalten bleibt.

Neben der Höhe äußerten die Mitglieder auch Bedenken zur geplanten Wohnqualität. Viele der Wohnungen seien ausschließlich nach Norden ausgerichtet, was aus Sicht des Gremiums zu einer unzureichenden Belichtung führen würde. Auch die engen Innenhöfe in den Sockelbauten wurden als problematisch eingestuft. Deshalb empfahl das Gremium, die Baumasse insgesamt zu reduzieren, um Belichtung und Freiraumqualität zu verbessern.

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Mangel an Grünflächen im Projekt: Anforderungen für Freiräume bleiben unbeantwortet

Ein zentrales Argument des Baukollegiums betraf die Freiflächen. Für eine Wohnnutzung mit 800 bis 1.000 Einheiten wären rund 20.000 Quadratmeter wohnungsnahe Freiräume notwendig. Dies entspricht gängigen Maßgaben für städtischen Wohnungsbau.

Laut Maren Brakebusch, Mitglied im Baukollegium, sei dieser Bedarf in der vorgelegten Planung jedoch nicht berücksichtigt worden. Sie erklärte, dass sich in den Unterlagen keine überzeugenden Nachweise für ausreichend Freiraum finden ließen. Das Gremium vertrat daher die Auffassung, dass eine geringere Wohndichte auch zu einem realistischeren Freiraumkonzept führen könne.

Position des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg: Baustadtrat sieht Fehlentscheidung des Senats

Florian Schmidt, Baustadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg, äußerte sich nach der Sitzung deutlich. Er sieht in der Kritik des Baukollegiums eine Bestätigung dafür, dass das Projekt in seiner derzeitigen Form unausgereift sei.

Zudem kritisierte er, dass der Senat das Verfahren ohne abgestimmte Grundlage an sich gezogen habe. Der Bezirk hatte zuvor vorgeschlagen, die angrenzenden Bahnflächen anteilig in Grünflächen umzuwandeln. Diese Maßnahme sei seiner Meinung nach eine Voraussetzung dafür, Wohnungsbau an dieser Stelle städtebaulich sinnvoll umzusetzen.

Diskussion über städtebauliche Entwicklung: Fragen zur Verdichtung an der Warschauer Straße offen

Die Gegend rund um die Warschauer Straße verändert sich derzeit sichtbar. Mit dem EDGE Tower, dem geplanten Hochhaus auf dem RAW-Gelände und dem nun diskutierten Projekt entsteht eine Konzentration vertikaler Architektur, die das bisher flache Stadtbild Berlins verändert.

Diese Entwicklungen lösen, wenig überraschend, auch politische Debatten aus. Während der Berliner Senat auf eine schnelle Wohnraumschaffung drängt, betonen kritische Stimmen (wie etwa seitens des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg) die Bedeutung einer integrierten Planung, die städtebauliche Qualität, soziale Mischung und Grünflächen berücksichtigt. Ob das Hochhaus in der geplanten Form realisiert wird, bleibt angesichts der aktuellen Kritik offen.

Quellen: Tagesspiegel, 109. Sitzung des Baukollegiums, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Kurth Real Estate, Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, TCHOBAN VOSS Architekten

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4 Kommentare

  1. Böhme 24. Juli 2025 at 23:57 - Reply

    „… entsteht eine Konzentration vertikaler Architektur, die das bisher flache Stadtbild Berlins verändert.“

    Und genau das wäre auch gut so. Es ist lächerlich, Berlin in Zeiten von Wohnraummangel in der Horizontalen halten zu wollen. Baut endlich mehr Wolkenkratzer! Dann könnte man auch Grünanlagen erhalten, die für Verdichtungen geopfert werden sollen.

  2. David 25. Juli 2025 at 00:58 - Reply

    Da bin ich voll deiner Meinung. Es wird Zeit das Berlin endlich eine ordentliche Skyline bekommt und nicht immer diese lächerlichen 3-5 Etagen Blöcke. Die Stadt wird immer breiter, anstatt sinnvollerweise in die Höhe zu bauen. Das würde nämlich auch den ÖPNV entlasten, da mehr kürze strecken befahren werden müssten, anstatt Rundreisen zu veranstalten.

  3. Tobias Baumann 25. Juli 2025 at 06:44 - Reply

    Es hätte mich auch schwer gewundert, wenn das Baukollegium keine Bedenken geäußert hätte. Dieses Gremium ist ein Bremsklotz für die Entwicklung in Berlin.

  4. M.Hillen 8. August 2025 at 05:14 - Reply

    Auf Seiten der Bedenkenträger wie meistens viel BlaBla und wenig bis nichts, was überzeugt: „..betonen kritische Stimmen die Bedeutung einer integrierten Planung, die städtebauliche Qualität, soziale Mischung und Grünflächen berücksichtigt.“
    Aus genau diesen Gründen spricht umgekehrt eben nichts gegen ein Hochhaus von 150 Metern. Es könnte sogar deutlich höher sein.. dann wäre dieses eben das neue städtebauliche Bezugselement. Und wie obige Kommentatoren schon gesagt haben: es macht ökologisch einfach Sinn, in die Höhe zu bauen, anstatt immer weiter in die Fläche hinein zu bauen und dadurch Natur und Naturräume zu vernichten. Das Argument „soziale Mischung“ gegen ein Hochhaus ins Feld zu führen ist sowieso unverständlichliches Blabla. (Das Argument „soziale Mischung“ kann man gerne gegen ein völlig aus dem Ruder gelaufenes Asylsystem in Stellung bringen… da macht es Sinn. Aber gegen den Bau von Hochhäusern? Was für ein Stuss!)

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