Ein Wochenende, das Berlin im Juli 2005 staunen ließ: Als die monumentalen Bügelbauten über dem entstehenden Berliner Hauptbahnhof schwebten, versammelten sich Tausende, um diesem architektonischen Kraftakt beizuwohnen. Die Stadt erlebte ein rares Zusammenspiel aus Ingenieurskunst, Spektakel und Zukunftsvision.

Zu sehen ist die Baustelle am Berliner Hauptbahnhof Anfang der 2000er.

Abriss im Regierungsviertel: Trotz Denkmalschutz wurden sowohl der im Krieg schwer beschädigte Lehrter Bahnhof als auch der bis 2002 erhaltene Lehrter Stadtbahnhof abgetragen, um dem Neubau des Berliner Hauptbahnhofs Platz zu machen. / © Foto: IMAGO / Seeliger

© Foto Titelbild: IMAGO / Seeliger

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Der Berliner Hauptbahnhof – der größte „Turmbahnhof“ Europas – liegt im geografischen Zentrum der Hauptstadt und gilt als Paradebeispiel moderner Architektur. Nicht umsonst erhielt er bereits diverse Preise – so beispielsweise den Architekturpreis des Chicago Athenaeum 2007. Mit seiner Eröffnung im Jahr 2006 bot sich erstmals in der Geschichte Berlins eine Verbindung für alle Fernzüge der Ost-West- und Nord-Süd-Achse Europas.

Entstanden ist der Berliner Hauptbahnhof auf dem Gelände des einstigen „Lehrter Bahnhofs“. Dieser gehörte zu den acht sogenannten „Kopfbahnhöfen“ von Berlin und wurde als Ausgangspunkt der „Berlin-Lehrter Eisenbahn“ 1871 eröffnet. Im Gegensatz zu den heutigen Berliner Großbaustellen benötigte man damals nur eine Bauzeit von nur drei Jahren – von 1868 bis 1871 – für dessen Fertigstellung. Aufgrund seiner prunkvollen Architektur wurde er als Schloss unter den Kopfbahnhöfen bezeichnet.

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Nach dem Krieg: 1957 wurde die Bahnhofs-Ruine des Lehrter Bahnhofs abgerissen

Der Zweite Weltkrieg brachte für den glanzvollen Kopfbahnhof schwere Schäden mit sich, sodass im Jahr 1951 der letzte Zug den Bahnhof verließ. Obwohl das Gebäude unter Denkmalschutz stand, wurde 1957 mit dem Abriss der Ruine begonnen. Den dabei gewonnenen Ziegelsplitt nutzte man praktischerweise für den voranschreitenden Wiederaufbau Berlins.

Erhalten blieb immerhin bis 2002 der S-Bahnhof „Lehrter Stadtbahnhof“ auf dem Stadtbahnviadukt. Dieser musste schließlich aber ebenfalls dem Neubau des Berliner Hauptbahnhofs weichen, obwohl auch dieser Bahnhof unter Denkmalschutz stand.

Der Lehrter Bahnhof war ein 1868–1871 errichteter Kopfbahnhof in Berlin, der bis 1951 die Berlin-Lehrter Eisenbahn bediente und heute durch den Berliner Hauptbahnhof ersetzt ist.

Der Lehrter Bahnhof um 1910. Er war ein zwischen 1868 und 1871 errichteter Kopfbahnhof, an dessen Stelle sich heute der Berliner Hauptbahnhof befindet. / © Bild: Wikimedia Commons, public domain

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Neubau des Berliner Hauptbahnhofs: Erster Spatenstich erfolgte 1998

Der erste Spatenstich erfolgte im Jahr 1998 auf einem Stück Brachland nahe dem Regierungsviertel in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hamburger Bahnhof, der Spree und dem Humboldthafen und war gleichzeitig der Beginn einer positiven städtebaulichen Entwicklung des heutigen Bahnhofsviertels im Stadtteil Berlin Moabit.

Entworfen wurde der Hauptbahnhof Berlins vom Hamburger Architekturbüro von Gerkan, Mark und Partner – kurz GMP. Mit ihrem Entwurf wollten die Architekten laut eigenen Aussagen den Charakter des Bahnhofs als wichtige Schnittstelle für Europa hervorheben.

Bahnhofsbaustelle in Berlin-Mitte: Verzögerungen beim Bau und höhere Kosten

Nach dem ersten Spatenstich kam es auch bei diesem Berliner Bauprojekt zu einigen Verzögerungen, sodass sich die für 2003 angekündigte Eröffnung um drei weitere Jahre verschob. Auch die Kosten sprengten bald den angekündigten Rahmen von 400 Millionen Euro und machten am Ende inklusive aller dazugehörigen Brücken und Tunnel rund 1,4 Milliarden Euro aus. Sieht man das gewaltige Bauwerk heute, ist diese Summe wenig verwunderlich.

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Neben verlängerter Bauzeit und Kostenexplosion sorgten die baulichen Eingriffe des damaligen Bahn-Chefs Mehdorn für einige Schlagzeilen. Aus Zeitgründen bestellte dieser kurzerhand eine verkürzte Form des vorgesehenen Dachs, welches laut Aussagen der Bahn dennoch aus einem der vielen Entwürfe des Architekturbüros stammte und bis heute ein Sorgenkind des Bahnhofs geblieben ist.

Juli 2005: Die heiße Phase des Bahnhofsbaus zog tausende Schaulustige nach Berlin-Moabit

Die heiße Phase des Bahnhofsbaus war im Juli 2005 erreicht, als der komplizierteste Teil des Bauvorhabens zu bewältigen war. Zwei gigantische Stahltürme, jeweils 1.250 Tonnen schwer, wurden mithilfe von zwölf Hydraulikpumpen und Stahlseilen in einem aufwändigen Verfahren waagerecht gekippt.

In 23 Metern Höhe bewegten sie sich mit einer Geschwindigkeit von sechs Metern pro Stunde aufeinander zu, bis nur noch ein Spalt von zwei Zentimetern zwischen ihnen verblieb. Dort wurden die Konstruktionen fixiert und verbunden. Die so entstehende Bügelbrücke bildete die Grundlage für ein Bürogebäude über den Gleisen.

Zu sehen sind zwei gigantische Stahltürme, jeweils 1.250 Tonnen schwer, die für den Bau des Berliner Hauptbahnhofes mithilfe von zwölf Hydraulikpumpen und Stahlseilen in einem aufwändigen Verfahren waagerecht gekippt wurden.

Im Juli 2005 erreichte der Bahnhofsbau einen Höhepunkt: Zwei je 1.250 Tonnen schwere Stahltürme wurden mithilfe von zwölf Hydraulikpumpen und Stahlseilen aufwendig in die Waagerechte gekippt./ © Foto: IMAGO

Weltweit einmaliges Verfahren: Zwischen den Bügelbauten wurde ein 200 Meter langes Dach eingezogen

Zahlreiche Schaulustige verfolgten vor rund zwanzig Jahren das weltweit einmalige Verfahren. Schon in den frühen Morgenstunden versammelten sich über mehrere Tage hinweg Menschen mit Kameras, Ferngläsern und Picknickdecken entlang der Straßen, um das Ereignis zu beobachten.

Nach der letztlich erfolgreichen Installation der riesigen Bügelbauten konnte zwischen den beiden Bügeln ein 200 Meter langes Dach eingeschoben werden, das heute insgesamt 25.000 Quadratmeter Bürofläche überspannt.

Ein Blick auf die Baustelle des Berliner Hauptbahnhofes 2005.

Nach der erfolgreichen Installation der Bügelbauten wurde ein 200 Meter langes Dach eingeschoben, das heute 25.000 Quadratmeter Bürofläche überspannt. / © Foto: IMAGO

Hauptbahnhof Berlin: Die Dachkonstruktion ist der wunde Punkt des Bauwerks

Die erfolgreiche Installation der Brückenbauten konnte allerdings die Differenzen zwischen dem Architekturbüro GMP und der Deutschen Bahn nicht überdecken.

Architekt Meinhard von Gerkan war schon vor der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs weder mit der von Mehdorn vorgezogenen, kürzeren Dachversion, noch mit der – anstatt der geplanten Gewölbedecke im Untergeschoss – eingezogenen Flachdecke einverstanden. Deswegen reichte dieser bereits 2005 Klage gegen die Deutsche Bahn ein und gewann vor Gericht.

Zu sehen ist das Dach des Berliner Hauptbahnhofs, 2005.

Zuerst war ein Dach: So präsentierte sich der neue Berliner Hauptbahnhof vor dem Bau der markanten Bügelbauten. / © Foto: IMAGO

Änderungen an Bauplänen für den Hauptbahnhof: Architekt und Bauherr in der juristischen Auseinandersetzung

Die Bahn wiederum ging 2007 mittels Unterlassungsklage gerichtlich gegen den Architekten und dessen Aussage vor, das Unternehmen sei schuld am Absturz eines Betonträgers. 2008 war in der Presse zu lesen, dass der Rechtsstreit zwischen der Deutschen Bahn und dem Architekten durch einen Vergleich beendet wurde.

Der Vergleichsbetrag, den beide Seiten nicht näher bezifferten, wurde als Zuwendung an die Stiftung „Academy for Architectural Culture“ (AAC) gezahlt – sie unterstützt die Ausbildung junger Architekten.

Das Bild zeigt den Innenausbau des Berliner Hauptbahnhofs 2005.

Ein Blick ins Bahnhofsinnere während der Bauzeit. / © Foto: IMAGO

Rund um den Hauptbahnhof wird weiterhin viel gebaut

Wo der Berliner Hauptbahnhof während seiner Eröffnungsfeier noch wie ein Monolith aus der sandigen Umgebung herausragte, haben sich mittlerweile diverse Hotels und Bürogebäude angesiedelt und auch ein neues Wohn- und Gewerbegebiet wuchs nördlich des Bahnhofs und des Humboldthafens, die „Europacity“.

Es wird noch immer fleißig gebaut rund um den Hauptbahnhof, um das im einstigen Niemandsland gelegene Gebiet nahe der ehemaligen Mauer weiter in das Berliner Stadtgebiet zu integrieren. So wird etwa westlich des Bahnhofs mit dem „ULAP-Quartier“ in den kommenden Jahren ein vollkommen neues Quartier entstehen.

Längst ist auch die verkehrliche Anbindung des Bahnhofs deutlich optimiert. Nach der Fertigstellung der U5-Verlängerung und dem Bau der Tramanbindung erfolgte auch eine S-Bahnverlängerung in die südlichen Stadtteile: das ambitionierte (und schon mehrfach verschobene) „S21“-Projekt der Deutschen Bahn AG. Derzeit wird der Europaplatz umgestaltet, um den stark frequentierten Stadtraum durch mehr Barrierefreiheit, Begrünung und Aufenthaltsqualität spürbar zu verbessern.

Die Visualisierung zeigt die Neugestaltung des Europaplatzes am Hauptbahnhof in Berlin.

Der südliche Europaplatz vor dem Berliner Hauptbahnhof wird seit Februar 2026 umgebaut. Ziel ist ein übersichtlicher, klimaangepasster und besser nutzbarer Vorplatz für die täglich Tausenden Reisenden und Passanten. / © Visualisierung: Rehwaldt Landschaftsarchitekten

Der Hauptbahnhof im Berliner Stadtbild

Der Berliner Hauptbahnhof ist als bis heute größter Kreuzungsbahnhof Europas längst im Berliner Stadtbild angekommen und ist mit seiner modernen, kantigen Erscheinung auch in architektonischer Hinsicht zum Aushängeschild der Hauptstadt geworden.

Die anfänglichen Befürchtungen, das Bauwerk könnte überdimensioniert oder zu chaotisch sein, haben sich nicht bestätigt. Vielmehr kann das Projekt nach dem Fiasko beim Bau des BER als gelungene Bau- und Ingenieursleistung angesehen, auch wenn das Dach noch immer etwas kürzer ist, als es GMP Architekten ursprünglich geplant haben. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Ein Blick auf den Berliner Hauptbahnhof am Ferngleis.

Der Berliner Hauptbahnhof ist inzwischen zentraler Ausgangs- und Umsteigepunkt für den internationalen Fernverkehr. / © Foto: depositphotos.com

Quellen: Deutsche Bahn AG, Der Spiegel, Deutsches Architektur Forum, Berliner Zeitung, Architektur Urbanistik Berlin, Der Tagesspiegel, bahn.de, Bauwelt, GMP Architekten

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One Comment

  1. a.t. 26. Mai 2026 at 13:34 - Reply

    Wie stark der Hauptbahnhof mit der Einküzung der Dachkurve „kastriert“ wurde, kann jeder für sich mal mit einem schnellen Blick in Googlemaps nachvollziehen. Denn die freiliegenden Rohbauten zwischen den Gleisen lassen da keine zweite Deutung zu…Während das Gewölbe unten im Gebäude schlichtweg kein Thema mehr sein wird, wird diese Dachgeschichte für immer sichtbar bleiben…Die Dachträger waren zu großen Teilen bereits produziert und wurden noch ewig eingelagert. Dort haben sie sich dann aufgrund ihrer komplexen geometrischen Form verzogen.

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