Holzbau, Geothermie, Batteriespeicher oder autoarme Quartiere: Neue Stadtviertel werden heute deutlich anders geplant als noch vor wenigen Jahren. ENTWICKLUNGSSTADT zeigt zehn Trends, die die Quartiersentwicklung in Deutschland derzeit besonders prägen und anhand konkreter Projekte bereits umgesetzt werden.

© Titelbild: GLS BANK Bürgerstadt AG

Neue Stadtquartiere entstehen heute unter deutlich anderen Voraussetzungen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Neben dem dringend benötigten Wohnungsbau spielen inzwischen auch Klimaschutz, Energieversorgung, Mobilität und soziale Durchmischung eine zentrale Rolle. Dabei geht es längst nicht mehr nur um einzelne Gebäude, sondern um das Zusammenspiel ganzer Nachbarschaften.

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Projektentwickler, Wohnungsunternehmen und Kommunen setzen deshalb zunehmend auf integrierte Konzepte. Viele Lösungen, die vor wenigen Jahren noch als Pilotprojekte galten, finden inzwischen Eingang in die reguläre Stadtentwicklung. Welche Trends dabei aktuell besonders prägend sind, zeigt unsere Übersicht.

1. Holzbau als Baustein für klimafreundliche Quartiere

Holz spielt in der Quartiersentwicklung eine immer wichtigere Rolle. Der nachwachsende Baustoff verursacht bei der Herstellung deutlich weniger CO₂ als Stahl oder Beton und kann Kohlenstoff langfristig speichern. Gleichzeitig ermöglichen moderne Holz- und Holz-Hybridkonstruktionen oft einen hohen Vorfertigungsgrad und damit kürzere Bauzeiten. Herausforderungen bestehen weiterhin bei den Baukosten sowie den Anforderungen an Brand- und Schallschutz.

Wie solche Konzepte inzwischen auch im größeren Maßstab umgesetzt werden, zeigt das Quartier „WIR“ in Berlin-Weißensee. Dort entstanden mehrere Gebäude in Holz-Hybrid-Bauweise. Das Projekt verbindet nachhaltige Baustoffe mit gemeinschaftlichen Wohnformen und gilt als eines der bekanntesten Holzbauquartiere der Hauptstadt.

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Wohnung im Holzbauquartier WIR in Berlin-Weißensee mit sichtbaren Holzelementen und großen Fensterflächen.

Eine Wohnung im Quartier WIR in Berlin-Weißensee. Das Wohnprojekt zählt zu den bekanntesten Holzbauquartieren der Hauptstadt und setzt auf eine nachhaltige Holz-Hybrid-Bauweise. / © Foto: Andrea Kroth

2. Geothermie ersetzt fossile Heizsysteme

Damit neue Quartiere langfristig klimafreundlich betrieben werden können, gewinnt die Nutzung von Erdwärme zunehmend an Bedeutung. Geothermie ermöglicht eine weitgehend emissionsarme Wärmeversorgung und reduziert die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern. Die Technik erfordert zwar hohe Anfangsinvestitionen, verursacht im laufenden Betrieb jedoch vergleichsweise geringe Emissionen.

Ein Beispiel entsteht am Berliner Südkreuz. Dort wird ein Quartier entwickelt, das einen erheblichen Teil seiner Energie über Geothermie beziehen soll. Mehrere Bohrungen erschließen die Wärme aus dem Untergrund und machen die Energieversorgung zu einem zentralen Bestandteil der Quartiersplanung.

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So soll das neue Stadtquartier "B'Ella" am Bahnhof Südkreuz einmal aussehen.

Das Quartier B’Ella am Berliner Südkreuz setzt auf ein nachhaltiges Energiekonzept mit Geothermie. Mehrere Bohrungen sollen künftig einen wichtigen Teil der Wärmeversorgung des neuen Stadtquartiers übernehmen. / © Visualisierung: Tchoban Voss Architekten / EVE / Hines

3. Solarenergie wird Teil der Quartiersplanung

Photovoltaik gehört inzwischen zu den wichtigsten Bausteinen nachhaltiger Stadtentwicklung. Dächer und teilweise auch Fassaden werden zunehmend genutzt, um Strom direkt vor Ort zu erzeugen. Dadurch lassen sich Energiekosten senken und lokale Versorgungssysteme stärken.

Ein Beispiel ist das Hilgenfeld-Quartier im Frankfurter Norden. Dort sollen mehr als 5.000 Photovoltaik-Module auf den Gebäuden installiert werden. Zusammen mit Wärmepumpen, Geothermie und weiteren Energiebausteinen zeigt das Projekt, wie Solarenergie zunehmend als Teil eines umfassenden Quartierskonzepts geplant wird.

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Visualisierung des Hilgenfeld-Quartiers in Frankfurt mit Wohngebäuden und nachhaltigem Energiekonzept.

Eine Visualisierung des entstehenden Hilgenfeld-Quartiers im Frankfurter Norden. Mehr als 5.000 Photovoltaik-Module sollen künftig zur Energieversorgung des neuen Stadtviertels beitragen. / © Visualisierung: ABG Frankfurt Holding

4. Batteriespeicher machen Quartiere unabhängiger

Je mehr Strom aus Sonne und Wind erzeugt wird, desto wichtiger werden Speichersysteme. Batteriespeicher können überschüssige Energie aufnehmen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder bereitstellen. Dadurch lassen sich Lastspitzen reduzieren und die lokale Nutzung erneuerbarer Energien verbessern.

In modernen Quartieren werden Batteriespeicher deshalb zunehmend mit Photovoltaikanlagen kombiniert. Sie gelten als wichtiger Baustein für die Energiewende im Gebäudesektor und könnten künftig eine ähnliche Selbstverständlichkeit werden wie Solaranlagen auf den Dächern.

5. Smarte Gebäudetechnik vernetzt ganze Quartiere

Digitale Technologien halten zunehmend Einzug in die Stadtentwicklung. Sensoren, intelligente Steuerungssysteme und vernetzte Gebäudetechnik helfen dabei, Energie effizienter zu nutzen und Betriebsabläufe zu optimieren. Dadurch lassen sich Ressourcen einsparen und Gebäude flexibler betreiben.

Ein bekanntes Beispiel ist der Cube Berlin am Hauptbahnhof. Dort werden zahlreiche technische Systeme digital miteinander verknüpft und in Echtzeit ausgewertet. Ähnliche Ansätze finden inzwischen auch Eingang in neue Quartiere, in denen Gebäude, Energieversorgung und Infrastruktur zunehmend als zusammenhängendes System gedacht werden.

Der Cube Berlin am Hauptbahnhof mit spiegelnder Glasfassade und digital vernetzter Gebäudetechnik.

Der Cube Berlin gilt als eines der bekanntesten Beispiele für intelligente Gebäudetechnik in Deutschland. Sensoren und digitale Steuerungssysteme vernetzen zahlreiche technische Prozesse innerhalb des Gebäudes. / © Foto: Kieback&Peter GmbH & Co. KG

6. Mixed-Use ersetzt monofunktionale Quartiere

Neue Quartiere werden immer seltener nur als reine Wohngebiete geplant. Stattdessen rücken Mischnutzungen aus Wohnen, Gewerbe, sozialen Angeboten und Bestandsgebäuden stärker in den Mittelpunkt. Dadurch können Wege kürzer werden, während Quartiere auch außerhalb klassischer Büro- oder Einkaufszeiten belebt bleiben.

Ein Beispiel ist das Segelflieger-Quartier in Johannisthal. Dort entsteht auf einem früheren Gewerbe- und Industrieareal ein neues Quartier, das Wohnen, Gewerbe und bestehende Strukturen miteinander verbindet. Gerade solche Projekte zeigen, wie aus monofunktionalen Flächen schrittweise vielseitigere Stadtbausteine entstehen.

Die Visualisierung des „Segelflieger Quartier“ in Johannisthal zeigt den Quartiersplatz mit den Neubauten und begrünten Flächen.

Das Segelflieger Quartier in Berlin-Johannisthal soll Wohnen, Gewerbe, Gastronomie und öffentliche Freiräume miteinander verbinden. Die Visualisierung zeigt den geplanten Quartiersplatz als zentralen Treffpunkt des neuen Stadtviertels. / © Visualisierung: BAUWERT

7. Autoarme Quartiere verändern die Mobilitätsplanung

Viele neue Stadtquartiere setzen nicht mehr auf das private Auto als zentrales Verkehrsmittel. Stattdessen entstehen Konzepte mit weniger Stellplätzen, Quartiersgaragen, besseren Fuß- und Radwegen sowie Sharing-Angeboten. Das schafft mehr Platz für Grünflächen, Aufenthaltsbereiche und sichere Wege im Quartier.

Die Friedenauer Höhe an der Ringbahn zeigt, wie solche Ansätze im Wohnungsbau umgesetzt werden können. Dort entstehen rund 1.100 Wohnungen mit Mobilitätskonzept, Fahrrad-Infrastruktur und reduziertem Autoverkehr im Quartier. Für viele Projekte wird diese Frage inzwischen genauso wichtig wie Grundrisse oder Fassaden.

Wohngebäude und Freiflächen im autoarm geplanten Quartier Friedenauer Höhe in Berlin-Schöneberg.

Die Friedenauer Höhe setzt auf ein autoarmes Mobilitätskonzept mit Quartiersgaragen, großzügigen Freiflächen und einer guten Anbindung für den Rad- und Fußverkehr. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

8. Fahrradparken wird zur eigenen Infrastrukturfrage

Mit dem Bedeutungsgewinn des Radverkehrs reicht es nicht mehr aus, einzelne Fahrradbügel im Straßenraum aufzustellen. Moderne Quartiere brauchen sichere, platzsparende und gut erreichbare Fahrradstellplätze. Besonders bei dichter Bebauung werden intelligente Systeme wichtiger, weil Flächen knapp bleiben.

Ein Beispiel dafür ist das WÖHR Bikesafe-Fahrradparksystem. Es zeigt, wie Fahrradparken künftig stärker automatisiert, kompakt und wettergeschützt organisiert werden kann. Solche Lösungen können vor allem dort helfen, wo viele Menschen wohnen, arbeiten oder auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigen.

Fahrradparken integriert in das Stadtbild – der Bikesafe am Tacheles Berlin für 96 Fahrräder

Fahrradparken integriert in das Stadtbild: der Bikesafe am Tacheles Berlin für 96 Fahrräder. / © Foto: WÖHR Autoparksysteme GmbH

9. Unterschiedliche Wohnkonzepte auf einem Areal

Moderne Quartiersentwicklung versucht zunehmend, verschiedene Eigentums- und Mietmodelle miteinander zu verbinden. Neben klassischen Eigentumswohnungen entstehen geförderte Wohnungen, landeseigene Bestände oder genossenschaftliche Projekte. Dadurch können Quartiere sozial breiter aufgestellt werden.

Ein Beispiel dafür ist Rot Buckow in Neukölln. Auf dem Areal werden unterschiedliche Wohnkonzepte zusammengeführt, darunter Eigentumswohnungen, geförderter Wohnraum und genossenschaftliche Ansätze. Gerade in angespannten Wohnungsmärkten kann diese Mischung helfen, neue Quartiere nicht nur baulich, sondern auch sozial vielfältiger zu entwickeln.

Wohnsiedlung Buckower Felder: Weiß verputzte Häuser mit Grünfläche und Spielplätzen.

Im Quartier Rot Buckow in Berlin-Neukölln werden unterschiedliche Wohnkonzepte miteinander kombiniert. Neben Eigentumswohnungen entstehen hier auch geförderte und genossenschaftliche Wohnangebote. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

10. Wohnmodelle werden vielfältiger

Neben der Frage, wem Wohnungen gehören, verändert sich auch die Frage, wer dort zusammenlebt. Viele Quartiere planen inzwischen gezielt für unterschiedliche Lebenssituationen: Senioren, Familien, Geflüchtete, Menschen mit Unterstützungsbedarf oder soziale Träger. Dadurch entstehen Nachbarschaften, die mehr leisten sollen als reine Wohnraumversorgung.

Das Quartier der Vielfalt in Altglienicke verfolgt genau diesen Ansatz. Dort entstehen Wohnungen, soziale Einrichtungen und Angebote für verschiedene Gruppen an einem Standort. Solche Projekte zeigen, dass Quartiersentwicklung zunehmend auch als soziale Aufgabe verstanden wird. Entscheidend ist dabei nicht nur die bauliche Mischung, sondern auch die langfristige Organisation des Zusammenlebens.

Einige Häuser im "Quartier der Vielfalt" in Altglienicke sind schon fast fertig.

Die Arbeiten auf der Baustelle vom „Quartier der Vielfalt“ in Altglienicke laufen auf Hochtouren. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Die Beispiele zeigen, dass moderne Quartiersentwicklung heute weit mehr umfasst als den Bau neuer Wohnungen. Energieversorgung, Mobilität, Nutzungsmischung und soziale Vielfalt werden zunehmend von Beginn an mitgedacht. Viele Konzepte, die vor wenigen Jahren noch als Pilotprojekte galten, finden inzwischen Eingang in die reguläre Stadtplanung. Gleichzeitig stehen viele dieser Ansätze weiterhin vor Herausforderungen. Nachhaltige Energiekonzepte verursachen häufig höhere Anfangsinvestitionen, neue Mobilitätsmodelle erfordern ein Umdenken im Alltag und soziale Mischung lässt sich nicht allein durch Architektur schaffen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur, wie viele Wohnungen gebaut werden. Zunehmend geht es auch darum, welche Art von Nachbarschaften entstehen soll. Die Quartiere der Zukunft werden daher nicht allein an ihrer Architektur gemessen werden, sondern auch daran, wie gut sie Wohnen, Arbeiten, Mobilität, Klimaschutz und gesellschaftliches Miteinander miteinander verbinden.

Hilgenfeld Quartier
Quartier WIR
Segelflieger Quartier
Cube Berlin
Friedenauer Höhe
Buckower Felder
Quartier der Vielfalt

Quellen:  DeO Deimel Oelschläger Architekten GmbH, UTB Projektmanagement GmbH, Kieback&Peter GmbH & Co. KG, Die Erdwärmebohrer, Architektur Urbanistik Berlin, degewo, BAUWERT AG, WÖHR Autoparksysteme GmbH 

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