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Die Mohrenstraße im Bezirk Mitte war über 300 Jahre Teil der Berliner Stadtgeschichte, doch nun wird sie zur Anton-Wilhelm-Amo-Straße. Der langjährige Streit um ihren Namen offenbart, wie stark Vergangenheit und Gegenwart miteinander ringen und wie schwierig für viele Menschen die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte noch immer ist.

Der Streit um die Mohrenstraße reicht bis ins Jahr 1990 zurück und ist noch immer nicht befriedet. Die aktuelle Debatte macht deutlich, wie sehr Straßennamen zum Symbol gesellschaftlicher Auseinandersetzungen werden können. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Fotos: ENTWICKLUNGSSTADT

 

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Eigentlich war alles bereits schön angerichtet für die feierliche Umbenennung am vorherigen Samstag mit einem Fest, Reden, Darbietungen und der dementsprechenden Musik. Und auch die neuen Straßenschilder standen schon zur Montage bereit.

Doch dann stoppte das Berliner Verwaltungsgericht die Umbenennung der Mohrenstraße in Berlin-Mitte vorerst und gab dem im allerletzten Moment gestellten Eilantrag der mehrheitlich aus Anwohnern bestehenden Bürgerinitiative „PRO Mohrenstraße“ recht – vorerst!

Mohrenstraße in Berlin-Mitte: Streit um Umbenennung dauert schon seit 1990 an

Damit hatte man dem Ansinnen des Berliner Stadtbezirks Mitte einen derben Nasenstüber verpasst, denn der Streit um diese Umbenennung hält nun mittlerweile bereits seit 1990 – also 30 Jahre – lang an, bevor im August 2020 die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) des Bezirksamts Mitte entschied, die Mohrenstraße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umzubenennen. Am 29. April 2021 setzte das Bezirksamt Mitte dann die Entscheidung der BVV um.

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Mehrere Anwohner der Mohrenstraße legten dagegen Protest ein und klagten gegen diesen Entscheid. Eine dieser Klagen wurde vom Berliner Verwaltungsgericht abgewiesen, aber weitere Klagen wurden mit Zustimmung der daran Beteiligten erst einmal „ruhend gestellt“.

Anwohner erheben Klage gegen Umbenennung der Mohrenstraße

Etwas vorschnell – im Juli 2025 – meinte das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, aufgrund der schon verhandelten und abgewiesenen Klage die Umbenennung als rechtmäßig zu deklarieren, ungeachtet dessen, dass noch sechs Klagen anhängig und nicht entschieden waren.

Und das war der Grund, weshalb die Gegner der Umbenennung wiederum das Gericht anriefen, denn, so die Gegner, dürfe die Umbenennung nicht stattfinden, ehe die noch nicht endgültig verhandelten sechs Klagen abgeschlossen sind.

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Dem entsprachen dann auch die Richter und stellten fest, dass die „besonders dringliche“ Umbenennung erst nach Abschluss der noch offenen Klageverfahren erfolgen würde.
Außerdem müsse das Bezirksamt Mitte dieses „besondere öffentliche Interesse“ ausdrücklich nachweisen, was bisher noch nicht in ausreichendem Maße geschehen war.

23. August 2025: Internationaler Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel

Das Datum zur Umbenennung am 23. August 2025 war seitens der Initiatoren bewusst gewählt, denn der Sklavenhandel und seine Beendigung seien immerhin Anlass genug. Die Umbenennung in Anton-Wilhelm-Amo-Straße sollte also am Internationalen Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel vonstatten gehen.

Doch das Gericht hatte dazu seine eigene Auffassung und sah auch in den ausführlich dokumentierten Vorbereitungen zum Festakt keinen Grund für eine außergewöhnliche Notwendigkeit zur Namensänderung.

Beschwerde des Bezirksamts Mitte beim OVG gegen den Beschluss der Vorinstanz

Aufgrund dieser Konfrontation sah sich das Bezirksamt Mitte genötigt, beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg gegen das vorinstanzliche Urteil Beschwerde einzulegen.
Die Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Mitte argumentierte insofern, als dass sie und ihre Behörde die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Berlin für „rechtsfehlerhaft“ einstufe.

„Selbst eine Beschwerde allein habe noch keine aufschiebende Wirkung“, so ein Sprecher des OVG Berlin-Brandenburg, „außerdem müsse zuerst der Berliner Senat darüber entscheiden“.
Letztendlich entschied dann am Vorabend des 23. August das OVG Berlin-Brandenburg die Umbenennung als rechtmäßig.

Mohrenstraße-Umbenennung: Parteien mit gegensätzlichen Interessen

Die Grünen begrüßten die Umbenennung und sahen darin ein deutliches Zeichen für Respekt und Vielfalt vielen Schwarzen Menschen gegenüber. Mit dieser längst überfälligen Änderung des Straßennamens verschwinde „endlich ein deutlich rassistischer Begriff aus dem Berliner Stadtbild“, denn dieser Straßenname sei eine tägliche Erinnerung an Ausgrenzung.

Dagegen argumentierte die Berliner CDU, die die Umbenennung bis zuletzt immer wieder kritisiert hatte, dass die Anwohner in diesen Entscheidungsprozess zu wenig einbezogen worden seien. Die Umbenennung bezeichnete sie als „Geschenk der Grünen an die linke Community“.

Anton-Wilhelm-Amo-Straße: Nur ein neuer Straßenname in Berlin?

Nun hat die deutsche Hauptstadt einen neuen Straßennamen in Berlins historischer Mitte, aber nicht überall wird die Mohrenstraße umbenannt, siehe Coburg in Nordbayern. In Halle (Saale), an dessen Universität Anton-Wilhelm-Amo im 18. Jahrhundert studierte, hat man hingegen 2025 einen Teil des Universitätsrings mit seinem Namenszug versehen.

Der Berliner Stadtbezirk Mitte und mehrere Initiativen wollten die Mohrenstraße schon seit Jahren umbenennen, weil sie den Namen wegen des Begriffs „Mohr“ für problematisch hielten. Die nun vollzogene Umbenennung geht auf den afrikanischen Gelehrten Anton Wilhelm Amo zurück, der im 18. Jahrhundert auch in Berlin wirkte.

Neuer Namensgeber der Mohrenstraße: Wer war Anton Wilhelm Amo?

Anton Wilhelm Amo war der erste bekannte Philosoph und Jurist afrikanischer Herkunft an deutschen Universitäten, geboren um das Jahr 1703 im heutigen Ghana – Westafrika – und als Kind nach Deutschland verschleppt, so die offizielle Version.

Amo studierte an mehreren deutschen Universitäten, so in Wittenberg, Halle (Saale) und Jena. In der Epoche der Aufklärung war er eine bedeutende Persönlichkeit und setzte sich für die Rechte von Menschen afrikanischer Herkunft ein, in Jena gab er Kurse für Astrologie und Geheimschrift. 1747 kehrte er nach Afrika zurück, wo er im Ruf eines Wahrsagers stand.

Als Kind nach Deutschland verschleppt, 1747 nach Afrika zurückgekehrt

Die Rückkehr nach Afrika beruhte angeblich auf einer enttäuschten Liebe in Deutschland, deren Zurückweisung Amo wohl nicht verkraftete. Einer früheren Studienarbeit Amos über die Rechtsstellung der „Mohren“ in Europa, die leider nicht mehr verfügbar ist, wird in der Presse oftmals eine zu kritische Aussage angedichtet. Amo wird dahingehend als ein Vordenker des Antirassismus bezeichnet.

Die Straße entstand um das Jahr 1700 bei der Anlage der Friedrichstadt und endete im Westen ursprünglich an der Mauerstraße. Sie verläuft in der historischen Friedrichstadt in ost–westlicher Richtung vom Hausvogteiplatz bis zur Wilhelmstraße und bildet an einem Teilabschnitt die südliche Seite des Gendarmenmarktes.

Entstehung um 1700: Geschichte der Mohrenstraße

Am Ende der Straße liegt der Bahnhof der U-Bahn-Linie 2. An ihrem östlichen Ende und zusammen mit weiteren Straßen rund um den Hausvogteiplatz bildete sie mit den dort ansässigen Konfektionsgeschäften in den Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg das Hauptzentrum der deutschen Textilkonfektion.

Nun, nach 300 Jahren und einem über Jahrzehnte lang geführten Streit, endet die Geschichte dieser Straße in Berlin. Nun ist man geneigt anzunehmen, dass mit solch einer Entscheidung die Diskussionen um Denkmäler und Straßennamen in Deutschland weiter angeheizt werden.

Langwierige Debatten um Umbenennungen von Straßen und Plätzen

Verfolgt man die langwierigen Debatten um die Umbenennung der Mohrenstraße in Berlins historischer Mitte, erkennt man doch sehr viel Emotionalität. Ob es sinnvoll ist, derartig hitzige und langwierige Debatten zu führen, um Dinge aus längst vergangenen Zeiten zu korrigieren, ist wohl letztlich Ansichtssache jedes Einzelnen.

Aber es ist nun mal eine Tatsache, dass eine rassismuskritische Auseinandersetzung mit ganz bestimmten Denkmälern, Bezeichnungen, Wörtern, Bildern, Geschichten oder Begriffen dem einen oder anderen unbequem erscheint, letztendlich aber notwendig ist.

Eine weitere, viel diskutierte Straßenumbenennung wird es im Bezirk Steglitz-Zehlendorf geben. Dort soll die Treitschkestraße, benannt nach dem Historiker Heinrich von Treitschke, in Betty-Katz-Straße umbenannt werden.

Das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf begründet die Entscheidung mit der antisemitisch geprägten Haltung Treitschkes, dessen Schriften und Aussagen – darunter der Satz „Die Juden sind unser Unglück“ – als Wegbereiter des modernen politischen Antisemitismus gelten. Dieser Satz wurde später von nationalsozialistischen Publikationen wie dem Hetzblatt „Der Stürmer“ übernommen.

Betty-Katz-Straße: Neuer Name für die Treitschkestraße in Steglitz

Namensgeberin der neuen Straße ist Betty Katz, ehemalige Leiterin des jüdischen Blindenheims in der Wrangelstraße. Sie wurde im Holocaust deportiert und starb am 6. Juni 1944 im Ghetto Theresienstadt. Die Entscheidung für Katz ist nicht nur ein Bruch mit dem bisherigen Namen, sondern auch ein bewusstes Gedenken an eine Frau, die sich um das jüdische Leben in Berlin verdient gemacht hat.

Bereits seit dem Jahr 2000 gab es aus zivilgesellschaftlichen Kreisen wie der Patmos-Gemeinde erste Forderungen nach einer Umbenennung, die damals an der politischen Mehrheit scheiterten. In den Folgejahren wurden Informationsstelen angebracht und der anliegende Platz in Harry-Bresslau-Park umbenannt – nach einem jüdischen Historiker, der Treitschkes Positionen öffentlich widersprach.

Anwohnerinnen und Anwohner hatten sich in den vergangenen Jahren allerdings mehrheitlich gegen die Umbenennung der Treitschkestraße ausgesprochen, die nun dennoch erfolgen wird. Der Umgang mit historischen Straßennamen und geschichtlich vermeintlich belasteten Namensgebern bleibt ein hochkomplexes Thema – und muss letztlich von Fall zu Fall individuell neu verhandelt werden.

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Quellen: Bezirksamt Mitte, Tagesspiegel, Berliner Morgenpost, taz

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