In Hamburgs Neustadt erinnert heute nur noch eine Ruine an den weltweit ersten Tempel des liberalen Judentums. Die Stadt untersucht die Überreste nun systematisch, um die Geschichte zu erforschen und Perspektiven für eine künftige Nutzung zu entwickeln – digital wie vor Ort.

Der ehemalige Tempel liegt verborgen in einem Innenhof der Poolstraße in der Hamburger Neustadt und ist heute in die Strukturen eines Autohauses integriert, dessen Werkstattflächen die erhaltenen Baureste unmittelbar umschließen. / © Foto: Wikimedia Commons, Claus-Joachim Dickow, CC BY-SA 2.5
© Titelbild: IMAGO / Hoch Zwei Stock/Angerer
In einem unscheinbaren Innenhof der Poolstraße 12 in Hamburg-Neustadt liegen die Überreste eines Tempels, der weltweit als Wiege des liberalen Judentums gilt. Gegründet wurde die Gemeinde bereits 1817, der Neubau des Tempels erfolgte zwischen 1842 und 1844 nach Plänen des Architekten Johann Hinrich Klees-Wülbern. Von dem einst dreischiffigen Gotteshaus sind heute nur noch Teile der Westvorhalle und die östliche Apsis erhalten – eingefügt in eine offene Autowerkstatt.
Stadt Hamburg kaufte 2020 das Teilgrundstück, konkrete Schritte blieben lange aus
Seit 2003 stehen die Ruinen unter Denkmalschutz. Das Amt begründet dies mit der besonderen historischen Bedeutung des Ortes: Er sei nicht nur Zeugnis jüdischen Lebens in Hamburg, sondern habe internationale Relevanz als erster Sakralbau der liberalen jüdischen Gemeinde.
Der Verfall des Tempels erregte seit 2019 internationales Aufsehen. Verschiedene Organisationen, darunter die Londoner Foundation Jewish Heritage und die World Union of Progressive Judaism, forderten Maßnahmen. Daraufhin kaufte die Stadt Hamburg das Teilgrundstück 2020 für 3,9 Millionen Euro, um die Ruine zu sichern und dauerhaft zu erhalten. Doch trotz des Ankaufes blieben konkrete Schritte zur Nutzung und Sanierung über Jahre aus. 2026 soll sich das ändern.
Radar- und Lasertechnik bieten Aufschluss über ursprünglichen Tempelbau
Mit Radar- und Lasertechnik wurde inzwischen das Grundstück untersucht. Unter rund 80 Containern Schutt und Erdmaterial aus den vergangenen hundert Jahren liegen archäologische Reste, die Aufschluss über den ursprünglichen Tempelbau geben sollen. Anschließend wird die Stadt über künftige Bebauung und Nutzung entscheiden.
Parallel dazu können Interessierte die Ruine nun virtuell erkunden. Auf einer neu eingerichteten Website ermöglicht ein 3D-Scan einen interaktiven Rundgang mit Grundriss, frei begehbaren Bereichen und Informationen zu den Gebäudeteilen. Kultursenator Dr. Carsten Brosda erklärt, dass dies ein wichtiger Schritt sei, um die Geschichte jüdischen Lebens in Hamburg sichtbar zu machen.
Erinnerung, Forschung und Zukunftsperspektive: Wie geht es weiter?
Der Tempel diente der liberalen jüdischen Gemeinde bis 1931, bevor ein Verkauf und die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg das Gotteshaus stark beschädigten. Heute gilt die Ruine als einziges bauliches Zeugnis der über 200-jährigen Geschichte liberalen Judentums in Hamburg.
Politische Stimmen mahnen jedoch an, dass digitale Zugänglichkeit allein nicht ausreiche. Unter anderem die CDU fordert ein langfristiges Nutzungskonzept, das religiöses Leben, kulturelle Erinnerung und städtische Entwicklung verbindet. Für die Stadt ist klar: Die Sicherung und Erforschung der Tempelruine ist erst der Anfang, um Hamburgs jüdisches Erbe dauerhaft zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Quellen: CDU Hamburg, NDR, Denkmalverein Hamburg, Finanzbehörde Hamburg, Tempel Poolstraße, steg Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft Hamburg mbH
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