Zwischen Idylle und dunkler Vergangenheit: Die Waldsiedlung an der Krummen Lanke wirkt heute wie ein friedvolles Wohnviertel, doch ihre Entstehungsgeschichte ist untrennbar mit dem Nationalsozialismus verbunden. Ein Ort, der bis heute Fragen nach Erinnerungskultur und Vergangenheitsbewältigung aufwirft.

Wo heute Familien inmitten von Wäldern wohnen, lebten einst führende Nationalsozialisten mit ihren Angehörigen. Die Waldsiedlung Krumme Lanke erzählt von der schwierigen Aufarbeitung deutscher Geschichte. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
© Fotos: ENTWICKLUNGSSTADT
Vor Jahren entdeckte ich bei einem innereuropäischen Rückflug von London nach Berlin auf der vorletzten Seite der Werbebroschüre der britischen Fluggesellschaft eine Anzeige, die auf den unbedingten Besuch der Krummen Lanke verwies, als dem Hotspot schlechthin für Erholung in der Berliner Natur mit viel Wald und Seen.
Gemeint war der Krumme-Lanke-See und nicht etwa die Wohnsiedlung, die sich von der Clayallee nördlich zum Quermatenweg hin erstreckt. Das war im Jahr 2018, und seitdem hat man das Gefühl, dass diese Werbeanzeige einer der Katalysatoren für den zunehmend ungebremsten Besucherandrang war – speziell in den Sommermonaten.
Zehlendorf: Die Krumme Lanke gehört zu Berlins beliebtesten Ausflugszielen, vor allem im Sommer
Wenn die mehrheitlich jungen Besucherinnen und Besucher bereits in den Morgenstunden, mit allerhand Getränken bestückt, von den U-Bahnhöfen Krumme Lanke und Onkel-Toms-Hütte durch diese Waldsiedlung zum See hinströmen, stellt man sich als Beobachter die Frage, ob denn die Besucher – nicht nur Einheimische, sondern in starkem Maße auch ausländische Besucher aus aller Herren Länder – die Geschichte dieses idyllischen Fleckchens inmitten des Grunewalds kennen.
Wahrscheinlich die wenigsten, wenn überhaupt, denn die einzige historische Informationstafel dazu befindet sich an der Clayallee/Ecke Teschenweg am Selmaplatz, quasi dem Haupteingangstor zur Waldsiedlung.
Die bedeutsame Geschichte der idyllischen Waldsiedlung im Südwesten Berlins
Die US-amerikanische Journalistin Sally McGrane hat in der „New York Times“ einen international viel beachteten Artikel zu diesem brisanten Thema geschrieben: „Are the Bricks Evil – Sind die Steine böse?“. Veranlasst dazu wurde sie nach einem Gespräch mit einer Freundin, die ein Sabbatjahr in Berlin verbrachte und deren Tochter Turnunterricht an der Krummen Lanke hatte.
Sie verwies sie auf die kleinen „niedlichen Häuser“ und die besondere, ungewöhnliche Atmosphäre in dieser Wohnsiedlung, auch auf die außergewöhnlich gute Nachbarschaft. Da sich im Januar dieses Jahres die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum achtzigsten Mal jährt, begann McGrane zu recherchieren. Dass es sich bei dieser idyllischen Wohnsiedlung im Südwesten der Stadt um die ehemalige SS-Nazisiedlung handelt, wurde ihr erst im Verlauf der Recherche so richtig bewusst.
Geplante Eigenheimsiedlung im Grunewald wurde zum SS-Modellprojekt
Die SS-Führung beschloss Anfang 1937, in diesem waldreichen Areal des Grunewalds und in räumlicher Nähe zum See Krumme Lanke für die Angehörigen der in Berlin ansässigen SS-Hauptämter eine „geschlossene Siedlung“ nach Entwürfen des Planungsbüros GAGFAH zu errichten.
Die GAGFAH hatte das Gelände allerdings bereits 1935 erworben und zu diesem Zeitpunkt einen mit dem Bezirk abgestimmten Bebauungsplan erarbeitet. Der Plan war, auf diesem Areal preiswerte Eigenheime zu bauen. Aber auf Intervention des Siedlungsamtes beim Rasse- und Siedlungshauptamt der SS wurden die Planungen seitens der GAGFAH komplett neu in Angriff genommen.
Waldsiedlung in Zehlendorf: Großes Interesse der SS-Führung
Das Siedlungsgebiet wies aus Sicht der SS-Führung besondere Qualitäten auf, die wohl auch die Ursache dafür waren, dass die SS großes Interesse an diesem Areal bekundete. Und so wurden die Planung und Finanzierung innerhalb kürzester Zeit mit der Unterstützung höchster Stellen bewerkstelligt, war doch der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, persönlich an dem Vorhaben interessiert.
Zitat Himmler: „Sein Wunsch sei es schon seit Langem, für die drei SS-Hauptämter in Berlin eine geschlossene Siedlungsanlage zu schaffen, in der die Angehörigen der SS ausreichenden und gesunden Wohnraum finden, der insbesondere den Aufstieg der Familie zu fördern geeignet ist.“
Grundsatzentscheidung durch nationalsozialistischen Oberbürgermeister Berlins
Die Grundsatzentscheidung zugunsten einer neuen, völlig anders gestalteten Siedlung an diesem attraktiven Standort fiel schließlich Mitte 1937 durch den Berliner Oberbürgermeister, einen strammen Nationalsozialisten.
Das Gelände wurde somit zu einem einzigen Privatgrundstück der SS, die als Auftraggeberin ein geschlossenes Entwicklungskonzept erfüllt sehen wollte. Die einheitliche Siedlungsgestaltung stand im Vordergrund – als Beispiel einer Gemeinschaftssiedlung für bevorzugte Bevölkerungsgruppen des nationalsozialistischen Staates.
Fertigstellung 1940: Die SS-„Kameradschaftssiedlung“ mit Spitzgiebeln und geschwungenen Straßen
Nach Fertigstellung 1940 war eine „Kameradschaftssiedlung“ entstanden, mit geschwungenen Straßen und parkähnlichen Auen. Die Häuser mit Spitzgiebeln, Gauben und Fensterbänken stehen abgeschirmt hinter Hecken oder zurückgesetzt und mit großzügigen Freiflächen vor den Häusern.
Die Häusergruppen mit Einzel-, Doppel- und Reihenhäusern sind locker in den Wald gestreut, dessen Baumbestand weitgehend erhalten blieb. In Wohnungsgröße und -typen spiegelte sich die Hierarchie der SS-Dienstgrade wider.
Rund 600 Familien lebten in der Zehlendorfer Waldsiedlung der SS
Insgesamt 600 Familien wurden hier untergebracht – tatsächlich ein perfekter Ort in einer perfekten Welt? Die Nationalsozialisten gaukelten das ihren Anhängern vor: ihr Bild von Perfektion und rassischer Reinheit. Doch bei der Durchsetzung ihrer Ziele vergaßen sie jede Form von Menschlichkeit.
Und diejenigen, die diesen NS-Terror und die Massenvernichtungen organisierten und verwalteten, lebten nun mit ihren Familien einvernehmlich in dieser eigens für sie errichteten „Märchensiedlung“.
Nach dem Krieg gab es in der Familiensiedlung eine hohe Zahl an Selbstmorden
Ob sie das reinen Gewissens taten, ist kaum vorstellbar, denn als nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 Nazideutschland kapitulierte, ertränkten sich viele samt ihrer Familien im See, andere wählten den Freitod und erhängten sich an den Dachbalken in ihren schönen Häusern.
Ältere Bewohner der Siedlung kennen auch das Haus eines SS-Arztes, der im Kriegsverbrecherprozess von Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilt und schließlich zum Tode verurteilt wurde.
Waldsiedlung Zehlendorf: Nutzung nach Ende des Zweiten Weltkrieges
Da sich die Waldsiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg im amerikanischen Sektor Berlins befand, die Häuser nahezu unversehrt und verlassen waren, standen sie anfangs als Unterkünfte für Opfer der Nazi-Verfolgung zur Verfügung, darunter Widerstandskämpfer und Flüchtlinge. Die Straßennamen wurden fast komplett geändert, nur zwei Straßen behielten ihren alten Namen.
Dem NYT-Artikel von Sally McGrane ist zu entnehmen, dass bei Befragungen von Anwohnern der Waldsiedlung der Schatten der Vergangenheit noch zu spüren ist. So etwa bei spielenden Kindern und im Erdreich wühlenden Hunden, die Münzen mit Hakenkreuz-Symbolen zutage fördern. Auch ist den Bewohnern bewusst, dass die Keller unter ihren Wohnhäusern bei der Bombardierung Berlins als Schutzräume genutzt wurden. Außerdem war der noch heute dichte Baumbestand wichtig, um Luftangriffe zu vereiteln, so Sally McGrane in der „New York Times“.
Vergangenheitsbewältigung: Anwohner im Grunewald gründen Initiative
Sally McGrane beschreibt in ihrem NYT-Artikel die Zehlendorfer Waldsiedlung als gelungenes Beispiel deutscher Vergangenheitsbewältigung, als Teil einer Auseinandersetzung mit der Historie der Siedlung, die aber irgendwie nie aufhört.
Basierend auf der derzeitigen politischen Lage in Deutschland sei aus Sicht der Anwohnerinnen und Anwohner die Reflexion zur NS-Vergangenheit enorm wichtig, denn dass die AfD bei der letzten Bundestagswahl im vorwiegend schwarz-grünen Zehlendorf 8,7 Prozent Stimmenanteil erringen konnte, mache schon nachdenklich. Aufgrund des Machtzuwachses der AfD haben sich Anwohner in der Waldsiedlung zu einer Initiative zusammengeschlossen, denn „wir wollen nicht wieder haben, was einmal schrecklich war“.
Besonderheit der Räume: Gegensatz zwischen Architektur und Geschichte
Darauf angesprochen, antwortet McGrane, dass der Gegensatz zwischen Architektur und Geschichte nicht größer sein könne, denn die Häuser in der Waldsiedlung sind genau das Gegenteil dessen, was die Nationalsozialisten unter Architektur verstanden.
Statt des massiven „Elefantenstils“ Albert Speers haben wir es hier mit kleinen, niedlichen Häusern mitten im Wald zu tun. Aber die hübschen kleinen Häuser haben leider auch nichts mit den Menschen zu tun, die damals darin wohnten.
Zehlendorf: Der berühmte „Krieg der Dächer“ gehört zur Geschichte der Wohnsiedlung
Warum das so ist, hat eine düstere Vorgeschichte, denn die typischen Spitzdächer aller Häuser der Siedlung waren damals eine direkte Reaktion auf die vom Bauhaus initiierte modernistische Siedlung gleich nebenan. Man kennt sie unter dem Namen „Onkel Toms Hütte“. Die Nazis hassten sie und beschimpften sie als „Neu-Jerusalem“.
In den Häusern, die einst für Nazi-Funktionäre gebaut wurden, leben heute ganz normale Menschen. Die Zehlendorfer Waldsiedlung ist längst integrer Bestandteil des Berliner Immobilienmarktes und ein begehrter Wohnort in Berlin.
Die einstige SS-Waldsiedlung ist heute ein begehrter Wohnort in Berlin
Seit 1992 steht die Waldsiedlung unter Denkmalschutz, und das Landesdenkmalamt Berlin beschreibt die „Waldsiedlung Krumme Lanke“ aufgrund ihrer „exponierten Lage als einen hochattraktiven Wohnort am Rande der Millionenstadt Berlin. Zwischen dem Quermatenweg im Nordwesten und der Argentinischen Allee im Südosten gelegen, offenbart sie in der Synthese aus soliden Siedlungsbauten und kultiviertem Naturraum weder ihre ursprüngliche Nutzungsbestimmung noch ihre Bauzeit.
Die friedvolle Atmosphäre, welche die in den Landschaftsraum eingebettete Siedlung dem unbefangenen Betrachter heute vermittelt, macht es schwer, sich ihre Geschichte in Erinnerung zu rufen. Diese ist untrennbar mit den politisch-ideologischen Bedingungen ihrer Entstehungszeit im Nationalsozialismus verwoben.“
Krumme Lanke: Berlin Document Center in der Nachbarschaft – BDC
Unbedingt erwähnen sollte man, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft der NS-Waldsiedlung, südöstlich der Krummen Lanke und am Ende des Wasserkäfersteigs, eine größtenteils unterirdische Bunkeranlage befand.
Diese Bunkeranlage gehörte zu einer ehemaligen Abhörstation des Reichsluftfahrtministeriums, in der die Nazis circa 20 Millionen Dokumente verwahrten, darunter etwa 8,5 Millionen Anträge auf Mitgliedschaft in die NSDAP.
Unweit der Waldsiedlung befand sich eine Bunkeranlage des Reichsluftfahrtministeriums
Da Zehlendorf der US-Administration unterstand, übernahmen zunächst die Amerikaner dieses NS-Archiv und errichteten unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs das Berlin Document Center, um zentral Unterlagen aus der NS-Zeit zu sammeln, die zur Vorbereitung der Nürnberger Prozesse gegen Kriegsverbrecher benötigt wurden.
Bis 1994 stand das Berlin Document Center unter US-amerikanischer Verwaltung und wurde dann vom Bundesarchiv übernommen. Mikroverfilmte Kopien wurden für das National Archives and Records Administration angefertigt, wo der Zugang ungehindert vom deutschen Datenschutz möglich ist.
Bis 1996 wurde das Berlin Document Center als Außenstelle Berlin-Zehlendorf vom Bundesarchiv weitergeführt
Nach der Übernahme durch das Bundesarchiv wurde das BDC zunächst als Außenstelle Berlin-Zehlendorf weitergeführt, ehe die Unterlagen 1996 in die neue Außenstelle Berlin-Lichterfelde mit den Beständen der Abteilung Deutsches Reich zusammengeführt wurden.
Das BDC war mit insgesamt über 20 Millionen Akten bis zur Übernahme durch das Bundesarchiv eines der größten Personenarchive in der Bundesrepublik Deutschland. Die ehemalige Bunkeranlage im Wasserkäfersteig steht übrigens ebenfalls unter Denkmalschutz.
Die Waldsiedlung an der Krummen Lanke zeigt, wie eng idyllische Architektur und dunkle Geschichte miteinander verflochten sein können. Was heute ein begehrtes Wohnquartier ist, war einst ein Modellprojekt nationalsozialistischer Herrschaft. Die Auseinandersetzung mit diesem Erbe bleibt daher ein wichtiger Teil der Berliner Erinnerungskultur.
Quellen: Bundesarchiv, Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf, Wikipedia, Bundeszentrale für politische Aufklärung, Deutsches Architektur Forum, Bauwelt, Architektur Urbanistik Berlin, Berliner Morgenpost, Der Tagesspiegel
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