Seit mehr als drei Jahrzehnten wird über die Zukunft des Alexanderplatzes diskutiert. Der Masterplan von Hans Kollhoff aus dem Jahr 1993 prägte die Debatte um Hochhäuser an Berlins bekanntestem Platz wie kein anderes Konzept. Doch die Umsetzung verlief schleppend, wurde mehrfach angepasst und ist bis heute umstritten.

Berlins östliches Zentrum wenige Jahre nach der Wende: Der Alexanderplatz in Berlin-Mitte auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1996. / © Foto: Wikimedia Commons, Sludge G
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© Visualisierungen unten: CommerzReal / Kleihues + Kleihues & Covivio
Nach der Wiedervereinigung entsprach die Gestaltung des Alexanderplatzes nach Ansicht der damaligen Regierungskoalition (SPD und Grüne) nicht mehr den Ansprüchen an ein modernes Berliner Zentrum. 1993 schrieb der Berliner Senat daher einen Wettbewerb aus.
Unter fünf Entwürfen setzte sich Hans Kollhoff gemeinsam mit Helga Timmermann durch. Ihr Masterplan sah eine achtgeschossige Randbebauung (bezogen auf die Sockelbauten der Gebäude) und insgesamt 13 Hochhäuser mit bis zu 150 Metern Höhe vor. Damit sollte der Platz verdichtet und in eine großstädtische Struktur eingebettet werden.
Kernidee des Konzepts war eine Gebäudetypologie, die den traditionellen Berliner Blockrand mit Hochhausstrukturen verbindet. Dadurch sollte der weitläufige Stadtraum gefasst und neu geordnet werden. Maßgeblich für die Höhe der geplanten Sockelbauten waren die denkmalgeschützten Gebäude Alexanderhaus und Berolinahaus, die Peter Behrens in den 1930er-Jahren entworfen hatte.
Kollhoff-Plan für den Alexanderplatz: Zehn Türme als prägende Stadtsilhouette
Entlang des Straßenrings, der den Platz von Osten umschließt – bestehend aus Karl-Liebknecht-Straße, Alexanderstraße und Grunerstraße – sah der Masterplan insgesamt zehn Hochhäuser vor. Jedes von ihnen sollte auf einem Sockelbau ruhen und, wie oben erwähnt, eine Höhe von rund 150 Metern erreichen. Gemeinsam sollten sie eine markante Stadtsilhouette formen, die dem Alexanderplatz eine neue, unverwechselbare Prägung verleiht.
Während Daniel Libeskinds dekonstruktiver Ansatz spektakulär wirkte, überzeugte Kollhoffs Entwurf die Jury durch Klarheit und Anschlussfähigkeit an den Bestand. Der Senat erklärte ihn zur Grundlage der weiteren Planungen für den Alexanderplatz. Allerdings blieb die Umsetzung zunächst vage, auch weil Investoren in den kommenden Jahren eher zurückhaltend waren.
Berlin-Mitte: Am Alexanderplatz entstehen Projekte, Hochhäuser lassen auf sich warten
In den folgenden Jahren passierte am Alexanderplatz weniger, als der Masterplan versprach. Zwar kehrte 1998 die Straßenbahn zurück und mit dem Umbau des Centrum-Warenhauses zur „Galeria“ 2004 sowie dem Bau des Einkaufszentrums „Alexa“ veränderte sich das Umfeld spürbar. Auch die Platzfläche erhielt eine neue Gestaltung durch gmp Architekten. Doch die geplanten Hochhäuser ließen weiter auf sich warten.
Einzelne Investoren realisierten kleinere Projekte. Hines errichtete das Gebäude „die mitte“ im Osten des Platzes, eine Tiefgarage und die Verschmälerung der Alexanderstraße folgten. Das Park Inn Hotel erhielt 2005 eine neue Fassade, blieb aber trotz Kollhoffs Abrissplänen bestehen.
Alexanderplatz: Kollhoff-Plan 2016 überarbeitet und an Denkmalschutz angepasst
Erst zwei Jahrzehnte nach dem Wettbewerb wurde der Kollhoff-Plan einer grundlegenden Überprüfung unterzogen. In einem Workshopverfahren diskutierten die damalige Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, Vertreterinnen und Vertreter der Politik, Eigentümer und Fachleute über Anpassungen. 2016 beschloss das Abgeordnetenhaus eine aktualisierte Version: Die Zahl der Türme wurde auf zehn reduziert, ihre maximale Höhe auf 130 Meter begrenzt.
Zudem mussten Gebäude der DDR-Moderne wie das Haus des Lehrers oder das Haus des Reisens berücksichtigt werden, die inzwischen unter Denkmalschutz standen. Die Vision eines „Klein-Manhattan“ wich damit einem europäisch geprägten Kompromiss.
Neue Hochhausprojekte mit Gehry-Entwurf und Galeria-Kaufhof-Turm am Alexanderplatz
Trotz aller Anpassungen rückte die Umsetzung in den 2010er-Jahren näher. Für acht Türme besteht inzwischen Baurecht. Ein Wettbewerb für ein 39-geschossiges Wohnhochhaus von Frank Gehry erregte große Aufmerksamkeit, auch wenn die Realisierung ungewiss bleibt. Konkreter sind Projekte wie das künftig 146 Meter hohe Hochhaus an der Ecke Dircksen-/Karl-Liebknecht-Straße, das derzeit im Zusammenhang mit dem Galeria-Kaufhof entsteht.
Ebenfalls deutlich vorangeschritten ist das Vorhaben von Ortner & Ortner an der Grunerstraße. Hier soll ein Wohn- und Gewerbehochhaus mit rund 370 Wohnungen entstehen. Auch links und rechts des Park Inn Hotels sind weitere Türme vorgesehen, wenngleich das bestehende Hotel bestehen bleibt.
Fachliche Kritik und Zweifel durch den AIV an der Hochhausstrategie in Mitte
Nicht alle sind mit der Entwicklung einverstanden. Fachleute wie der Architekten- und Ingenieurverein (AIV) warnten, dass sich jedes neue Projekt in die Ensemblewirkung des Platzes einfügen müsse. Auch die einstige Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher äußerte in der Vergangenheit Zweifel, ob alle vorgesehenen Hochhausstandorte realistisch seien. Ihre Nachfolger – Andreas Geisel und Christian Gaebler – unterstütz(t)en hingegen das derzeitige Vorgehen.
Hinzu kommen allerdings technische und wirtschaftliche Probleme. Beim geplanten Hines-Hochhaus müssen unterirdische Bunkeranlagen und U-Bahn-Tunnel berücksichtigt werden. Investoren zögern angesichts hoher Baukosten und unsicherer Renditen.
Zwischen Skyline-Vision und Realität: Die Zukunft des Alexanderplatz bleibt vorerst unfertig
Heute zeigt sich: Der Alexanderplatz ist weiterhin ein Ort voller Widersprüche. Einerseits laufen konkrete Hochhausprojekte, die langfristig die Silhouette verändern werden. Andererseits bleiben viele Pläne auf dem Papier.
Während die Vision von 1993 noch immer nachwirkt, hat sich das Verständnis von Stadtentwicklung verschoben. Aus dem Traum einer vertikalen Skyline ist ein Kompromiss zwischen Hochhausentwicklung, Denkmalschutz und europäischer Stadtkultur geworden. Ob und wann die meisten der geplanten Türme tatsächlich entstehen, ist offen.
Sicher ist nur: Die Debatte um den Alexanderplatz und seine Hochhäuser wird Berlin noch viele Jahre begleiten, auch nach der Fertigstellung der derzeit laufenden Projekte von CommerzReal und Covivio.

Das CommerzReal-Hochhaus am Alexanderplatz befindet sich im Bau und soll nun 146 Meter hoch werden. Der ursprüngliche Entwurf von Kleihues + Kleihues wurde mehrfach angepasst und erlaubt eine deutlich höhere Ausnutzung als zunächst vorgesehen. Mit 33 Geschossen wächst damit eines der markantesten Gebäude Berlins in die Höhe. / © Visualisierung: CommerzReal / Kleihues + Kleihues

Der 130 Meter hohe Turm von Covivio soll nach Angaben des Investors auf einer Nutzfläche von rund 63.000 Quadratmetern einen Mixed Use aus Arbeitsräumen, Einzelhandelsflächen und Wohnraum bieten. / © Visualisierung: Covivio
Quellen: Berliner Leben, Bauwelt, Monopol
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