Hochhäuser waren in Friedrichshain-Kreuzberg politisch und gesellschaftlich lange unerwünscht. Doch ausgerechnet hier könnten nun drei Projekte die vertikale Wohnraumschaffung etablieren. Was das für die Berliner Innenstadt, die Wohnungspolitik und den Bezirk bedeutet.

Mehr Wohnraum statt Gewerbeflächen: Das Projekt „Urbane Mitte“ im Park am Gleisdreieck soll mit modifiziertem Nutzungskonzept nach jahrelangem Tauziehen umgesetzt werden. / © Visualisierung: O&O Baukunst / Realace GmbH
© Titelbild: UTB Projektmanagement, O&O Baukunst / Realace GmbH – Collage: ENTWICKLUNGSSTADT
Friedrichshain-Kreuzberg galt über Jahrzehnte als Bezirk der Zurückhaltung, wenn es um städtebauliche Höhe, Dichte und Großmaßstäblichkeit ging. Blockrand, moderate Traufhöhen und kleinteilige Strukturen prägten nicht nur den Stadtraum, sondern auch das politische Selbstverständnis.
Hochhäuser galten bei den Bewohnerinnen und Bewohnern als auch bei der Bezirkspolitik eher als Fremdkörper, als Sinnbild einer Stadtentwicklung, die eher mit Investoreninteressen als mit sozialer Durchmischung assoziiert wurde. Doch genau dieses Paradigma gerät nun ins Wanken.
Paradigmenwechsel in Friedrichshain-Kreuzberg: Drei Hochhausprojekte sollen Wohnraum schaffen
Mit gleich drei seit Jahren geplanten Hochhausprojekten könnten in den kommenden Jahren zwischen 1.500 und 2.000 neue Wohnungen entstehen, mitten in der innerstädtischen Lage, gut angebunden, hochverdichtet und teilweise mit sozialem Anspruch.
Sollte es zur Umsetzung aller drei Projekte kommen, würde das nicht nur die Skyline des Bezirks, sondern auch die Grundhaltung zur Wohnraumschaffung in der Berliner Innenstadt neu definieren. Denn die Pläne, die derzeit im Raum stehen, sind durchaus bemerkenswert.
Anhalter Bahnhof in Kreuzberg: Deutschlands höchstes Holzhaus als sozial-ökologisches Experiment?
Unweit des Anhalter Bahnhof soll nach Wünschen der Projektverantwortlichen eines der ambitioniertesten Wohnbauprojekte der Hauptstadt entstehen: ein rund 98 Meter hohes Wohnhochhaus in Holz-Hybridbauweise. Entwickelt wird das Projekt von der UTB Unternehmensgruppe, entworfen vom Osloer Büro Mad arkitekter. Etwa 60 Prozent der Flächen sollen dem Wohnen dienen, ergänzt durch Gewerbe und öffentliche Nutzungen. Wie viele Wohnungen genau entstehen sollen, ist bislang nicht bekannt, doch allein die Höhe des Gebäudes bietet Potenzial für mehrere hundert Wohneinheiten.
Das Projekt, intern als „WoHo“ bezeichnet, wird von seinen Initiatoren als Leuchtturm für nachhaltiges und sozial orientiertes Bauen inszeniert. Vorgesehen sind Wohnungen für Studierende, soziale Träger und Menschen mit besonderen Unterstützungsbedarfen, wie es heißt. Ein öffentlicher Weg durch das Gebäude, begrünte Dächer sowie eine öffentlich zugängliche Dachterrasse sollen den Turm bewusst in den Stadtraum öffnen.
Wie sozialverträglich wäre ein 98 Meter hohes Wohngebäude im dicht besiedelten Kreuzberg?
Gleichzeitig ist das Projekt nicht unumstritten. Anwohnerinnen und Anwohner fürchten Verschattung, Windprobleme und eine touristische Überformung des Quartiers. Auch die Frage, ob die im Jahr 2021 angekündigten niedrigen Mieten tatsächlich realisierbar sind, bleibt offen.
Noch befindet sich das Bebauungsplanverfahren im laufenden Prüfprozess, ein Zeitplan existiert nicht, wie kürzlich Der Tagesspiegel berichtete. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat bislang aber nicht signalisiert, das Projekt verhindern oder einschränken zu wollen, wie es etwa beim gescheiterten Karstadt-Projekt am Hermannplatz erfolgt ist. Derzeit laufen demnach die üblichen Prozesse des Bebauungsplanverfahrens, inklusive einer Beteiligung der Öffentlichkeit.
Kurskorrektur am Gleisdreieck: Mehr Wohnungen für das Projekt „Urbane Mitte“
Direkt am Gleisdreieckpark steht ein weiterer Wendepunkt der Berliner Hochhausdebatte bevor. Die seit Jahren geplante „Urbane Mitte“ war ursprünglich als großmaßstäblicher Bürostandort konzipiert; ein Ansatz, der zunehmend in Frage gestellt wurde. Angesichts des anhaltenden Wohnraummangels vollzieht sich nun ein bemerkenswerter Strategiewechsel: Statt zusätzlicher Gewerbeflächen sollen deutlich mehr Wohnungen entstehen.
Damit verändert sich nicht nur das Nutzungskonzept, sondern auch die stadtentwicklungspolitische Argumentation. Wo zuvor Arbeitsplätze im Fokus standen, rückt nun nach Wünschen des Berliner Senats (der das Projekt an sich gezogen hat) eine stärkere Schaffung von Wohnraum in den Vordergrund, mitten in einer der besterschlossenen Lagen der Stadt.

Vom Holzhochhaus am Anhalter Bahnhof über die „Urbane Mitte“ (Bild) bis zur Warschauer Brücke: In Friedrichshain-Kreuzberg verdichten sich die Zeichen für einen neuen Umgang mit Hochhäusern. Bis zu 2.000 Wohnungen könnten entstehen, mitten in der Stadt.© Visualisierung: O&O Baukunst / Realace GmbH
Berliner Senat zog das Projekt an sich und will mehrere hundert Wohnungen schaffen
Noch aber sind viele Details offen, doch bereits die Abkehr vom reinen Bürokonzept markiert einen grundlegenden Perspektivwechsel. Zuvor hatte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Planungshoheit für das Projekt, bis die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung das Vorhaben aufgrund des schleppenden Projektfortschritts an sich zog.
Damit einher ging auch eine Überprüfung der Grundausrichtung des Vorhabens, welche offenbar zum Ergebnis hatte, dass in den sieben neuen Gebäuden trotz der direkten Lage an zwei U-Bahnbrücken mehrere hundert Wohnungen entstehen können. Gleichzeitig bleibt die „Urbane Mitte“ ein sensibles Projekt. Die Nähe zum Park, die Höhenentwicklung und die städtebauliche Dominanz sorgen weiterhin für Debatten.
1.000 Wohnungen an der Warschauer Brücke? Ein Hochhaus als Antwort auf den Wohnraummangel
Am dritten zentralen Ort, der Warschauer Brücke, sind die Dimensionen noch einmal deutlich größer. Hier ist ein Hochhausprojekt geplant, in dem rund 1.000 Wohnungen entstehen könnten; ein Umfang, der selbst für Berliner Verhältnisse außergewöhnlich ist. Mit einer Höhe von bis zu 167 Metern würde das Gebäude zu den markantesten Bauwerken der Stadt zählen und das bereits bestehende Hochhaus „EDGE East Side“ noch einmal um 37 Meter überragen.
Das Projekt wurde bereits vom Baukollegium grundsätzlich positiv bewertet. Die städtebauliche Idee: Wohnen dort zu konzentrieren, wo Infrastruktur, ÖPNV und urbane Nutzungsmischung längst vorhanden sind.
Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg sieht die Hochhauspläne an der Warschauer Straße kritisch
Kritische Stimmen, vor allem aus dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, verweisen auf mögliche Überlastungen des Quartiers und eine weitere Verdichtung eines ohnehin hochfrequentierten Stadtraums. Befürworter hingegen sehen gerade darin die logische Konsequenz einer wachsenden Metropole.
In der Gesamtschau zeichnen die drei gezeigten Projekte ein neues Bild: Hochhäuser sollen in Friedrichshain-Kreuzberg als städtebauliches Werkzeug genutzt werden, um innerstädtisch Wohnraum zu schaffen, ohne weitere Flächen am Stadtrand zu versiegeln. Diese Strategie verfolgt vor allem der Berliner Senat, der für zwei der drei Projekte die Planungshoheit innehat. Im Bezirk selbst treffen die Pläne auf ein zumindest geteiltes Echo.
Der Fokus verschiebt sich gewissermaßen zwangsweise, von der Frage, ob Hochhäuser überhaupt akzeptabel sind, hin zu der Frage, wie sie gestaltet, genutzt und sozial eingebettet werden. Sollten auch nur zwei der drei Projekte realisiert werden, würde das den Bezirk dauerhaft verändern. Nicht nur architektonisch, sondern auch politisch.
Hochhäuser werden kommen, das scheint sicher – also müssen sinnvolle Nutzungskonzepte gefunden werden
Der Umgang mit Höhe, Dichte und Nutzungsmischung könnte zum Modell für andere innerstädtische Lagen Berlins werden. Friedrichshain-Kreuzberg stünde dann nicht mehr für die Verweigerung der Vertikale, sondern für einen kontrollierten, wohnungsorientierten Aufbruch nach oben – auch wenn der Berliner Senat dabei kräftig mithelfen wird.
Die Frage, das zeigt das Projekt „Urbane Mitte“ vermutlich am deutlichsten, wird künftig wohl eher weniger sein, ob ein Hochhaus städtebaulich Sinn macht, sondern viel mehr, welche Nutzungskonzepte sinnvoll sind.

Die Pläne werden seit 2021 diskutiert: Am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg soll ein 98 Meter hohes Wohnhaus entstehen – aus Holz. / © Visualisierung: UTB Projektmanagement

Es soll nicht das einzige Hochhaus an der Warschauer Brücke in Berlin-Friedrichshain bleiben: Das Gebäude „EDGE East Side“, 140 Meter hoch, soll einen fast 170 Meter hohen Nachbarbau mit bis zu 1.000 Wohnungen erhalten. / © ImmobilienProjekteBerlin, CC BY-SA 4.0 httpscreativecommons.orglicensesby-sa4.0, via Wikimedia Commons
167-Meter Hochhaus Warschauer Brücke
Quellen: UTB Projektmanagement GmbH, Der Tagesspiegel, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Atrium Development Group, Berliner Baukollegium, O&O Baukunst, Realace GmbH, Mad arkitekter
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4 Kommentare
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Lösen drei Hochhausprojekte die Wohnungsnot in Friedrichshain-Kreuzberg?
Das würden ja nicht mal die glühendsten Befürworter behaupten, weil offensichtlich weitaus mehr Bedarf besteht, als die im Artikel angesprochenen 1500-2000 Wohnungen.
Eine bessere Frage wäre also: tragen drei Hochhausprojekte zur Linderung der Wohnungsnot in Friedrichshain-Kreuzberg bei? Und die Antwort darauf ist ein definitives Ja.
Hoch bauen ist in Berlin nicht mehr aufzuhalten. Die Füße dazu stehen schon überall in der Tür. Also sollte man sich mehr aufs Mitgestalten fokussieren anstatt was Unvermeidbares verhindern zu wollen. Die Stadt läuft auf die 4 Mio. Einwohner zu und Flächen sollen auch nicht weiter versiegelt werden (was aber immer noch passiert), also was soll es…Ran an den Sarg und mitgeheult!
Hoch bauen ist auch nicht ganz so neu in der Stadt. Der berühmte Hochhausentwurf von Mies Anfang der 2Oer zählt dazu wie die das als „Vorortarchitektur“ maliziös verspottete Hansaviertel ab Mitte der 5Oer Jahre.
Ist als Entwurf nicht so schön!Es gibt viele schöne Hochhäuser In den USSA .Auf Stöcken und Dachwohnungen bauen und den Leerstand überall in Berlin zu beenden würde Not tun ,der Senat ist schon lange zu feige dazu !