Vom Kaiserreich bis zur Nachwendezeit verschwanden immer wieder bedeutende Stadien und Sportstätten aus dem Berliner Stadtbild. Die heutige Sprengung zweier Flutlichtmasken und der laufende Abriss des Cantianstadions im Jahnsportpark reiht sich in diese Geschichte ein.

Das bis 1913 errichtete Deutsche Stadion im Berliner Westend wurde Anfang der 1930er Jahre abgerissen, um Platz für das heutige Berliner Olympiastadion zu machen. / © Foto: Wikimedia Commons, Bundesarchiv, Bild 102-00027 (CC-BY-SA 3.0)
© Titelbild: Wikimedia Commons, Mauerpark (CC BY-SA 4.0)
Wenn heute im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark zwei der markanten Flutlichtmasten gesprengt werden, endet ein weiteres Kapitel Berliner Sportgeschichte. Die weithin sichtbaren Stahlkonstruktionen, die das Stadion über Jahrzehnte prägten, weichen dem geplanten Neubau eines modernen Leichtathletikstadions.
Die Sprengung ist Teil eines tiefgreifenden Umbaus, und zugleich Anlass, auf jene großen Sportstätten der Hauptstadt zu blicken, die längst aus dem Stadtbild verschwunden sind.
Jahnsportpark: Vom DDR-Vorzeigestadion zum umstrittenen Neubeginn

Aufnahme des Cantianstadions in Prenzlauer Berg aus dem Juni 1954. / © Foto: Wikimedia Commons / Geoportal Berlin, verantwortlich: Margit Rust, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen Berlin (CC BY 2.5)
Der Jahnsportpark war seit den 1950er Jahren eine der zentralen Sportanlagen Ost-Berlins. Hier fanden Leichtathletikwettkämpfe, Fußballspiele und Großveranstaltungen statt. Nach 1990 blieb das Stadion ein identitätsstiftender Ort für Vereine und Anwohnende.
Doch der bauliche Zustand und neue Anforderungen an Inklusion und Sportinfrastruktur führten zu einer über Jahre geführten Debatte um Abriss oder Sanierung. Mit der heutigen Sprengung der Flutlichtmasten wird sichtbar, dass der politische Beschluss zum Neubau unumkehrbar geworden ist. Berlin verliert damit ein weiteres Stück gebaute Sportmoderne der Nachkriegszeit, bekommt an gleicher Stelle aber ein neu errichtetes Stadion.
Das Stadion der Weltjugend: DDR-Architektur im Schatten der Olympiapläne

© Foto: Wikimedia Commons (Bundesarchiv Bild 183-11500-1062, Berlin, III. Weltfestspiele, Eröffnungsfeier)
Wo sich heute die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes erhebt, stand bis Anfang der 1990er Jahre das Stadion der Weltjugend. Die 1950 errichtete Arena war ein bedeutendes Sport- und Veranstaltungszentrum der DDR.
Im Zuge der Olympiabewerbung Berlins für die Spiele 2000 wurde das Stadion abgerissen, zugunsten einer geplanten Olympiahalle, die jedoch nie realisiert wurde. Übrig blieb eine Brache, später bebaut mit dem heutigen, raumgreifenden BND-Komplex. An das Stadion erinnert heute vor Ort nicht mehr viel, bis auf ein paar Gedenktafeln.
Die Deutschlandhalle: Mehrzweckarena zwischen Sport und Konzert
Auch die ehemalige Deutschlandhalle existiert nicht mehr. 1935 für die Olympischen Sommerspiele eröffnet, diente sie über Jahrzehnte als Austragungsort für Sportereignisse, Boxkämpfe, Eishockeyspiele und Konzerte.
Nach wechselvoller Geschichte, Sanierungen und temporären Schließungen wurde die Halle 2011 abgerissen. An ihrer Stelle entstand ein Hotel- und Bürokomplex. Mit der Deutschlandhalle verschwand ein Bau, der West-Berlins Sport- und Eventkultur maßgeblich geprägt hatte.
Herthas verlorene Heimat: Das Stadion am Gesundbrunnen
Für viele Fußballfans bleibt das Stadion am Gesundbrunnen ein Mythos. Die Spielstätte von Hertha BSC, im Volksmund „Plumpe“ genannt, war von 1924 bis 1974 Heimstadion des Vereins.
Nach baulichen Mängeln und dem Umzug ins Olympiastadion wurde das Stadion abgerissen um Platz für eine Wohnanlage zu machen, die bis heute Bestand hat. An die Hertha-Vergangenheit des Geländes erinnert heute der Hanne-Sobek-Platz, benannt nach einem der berühmtesten Hertha-Spieler in den 1930er Jahren.
Das Deutsche Stadion: Vorgänger des Olympiastadions

© Foto: Wikimedia Commons / Gemeinfrei, Autor unbekannt
Noch weiter zurück reicht die Geschichte des Deutsches Stadions, das zwischen 1912 und 1913 nach Plänen von Architekt Otto March errichtet wurde. Konzipiert als multifunktionales Hippodrom mit Leichtathletikbahn, Radrennbahn und Schwimmbecken, war es Austragungsort nationaler Wettkämpfe und sollte den Olympischen Spielen 1916 dienen.
Der Erste Weltkrieg verhinderte die Spiele, später avancierte das Stadion dennoch zu einer bedeutenden Arena der 1920er Jahre. Für die Olympischen Spiele 1936 wurde es jedoch abgerissen. An gleicher Stelle entstand das monumentale Olympiastadion von Werner March. Vom alten Bau blieb lediglich ein Tunnel erhalten; ein architektonisches Relikt unter neuer Monumentalität.
Sportstätten als Spiegel politischer Epochen
Die Geschichte dieser Orte zeigt, wie eng Sportarchitektur mit politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen verknüpft ist. Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, DDR und Nachwendezeit: jede Epoche hinterließ eigene Stadien, Hallen und Arenen.
Mit der Sprengung der Flutlichtmasten im Jahnsportpark reiht sich nun ein weiteres Bauwerk in diese Chronologie ein. Die Frage, wie viel bauliche Erinnerung eine wachsende Stadt bewahren kann oder will, bleibt dabei vorerst unbeantwortet. Sicher ist nur: Berlin baut seine Sportstätten immer wieder neu, und schreibt damit seine Geschichte fort.
Stadion der Weltjugend
Deutsches Stadion
Cantianstadion
Deutschlandhalle
Plumpe
Quellen: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Bürgerinitiative Jahnsportpark, Tagesspiegel, Jahnsportpark für Alle
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