Wo einst Dampfloks rangierten und Züge in alle Himmelsrichtungen starteten, erstreckt sich heute eine der beliebtesten Grünanlagen Berlins. Der Park am Gleisdreieck verbindet historische Bahninfrastruktur mit moderner Stadtlandschaft. Er ist längst zum Symbol für die Umwandlung eines einst industriell geprägten Raums in einen Ort der Begegnung, Bewegung und Erholung geworden.

Blick auf das Gleisdreieck im Jahr 1902: Das Viadukt der im Bau befindlichen Stammstrecke der Berliner U-Bahn zeigt den Beginn des modernen Nahverkehrs in der wachsenden Metropole. / © Foto: Wikimedia Commons, Waldemar Franz Hermann Titzenthaler, Public domain
© Foto Titelbild: Wikimedia Commons, Willy Pragher, CC BY 3.0 / Landesarchiv Baden-Württemberg
Heute kaum vorstellbar: Das Areal des heutigen Parks am Gleisdreieck war über ein Jahrhundert lang ein dichtes Geflecht aus Schienen, Stellwerken und Bahnsteigen. Hier, im südlichen Zentrum Berlins, trafen sich die Gleise des Potsdamer und des Anhalter Bahnhofs. Seit 1838 rollten von hier Züge nach Potsdam, Magdeburg und in viele Städte des Deutschen Reichs.
Nach den schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und dem Ende des Bahnverkehrs lag das Gelände jahrzehntelang brach. Die Schienen überwucherten, und die Natur eroberte sich die Flächen zurück, ein „urbaner Dschungel“ mitten in der Stadt. Erst in den 1970er-Jahren entstand die Idee, das Areal in eine öffentliche Grünanlage zu verwandeln. Bürgerinitiativen verhinderten den geplanten Bau einer Stadtautobahn und setzten sich erfolgreich für einen Park ein.
Vom Güterbahnhof zum Großstadtpark: Neue Grünflächen auf historischem Bahngelände
Die Bahnflächen am Gleisdreieck gehörten einst zu den wichtigsten Logistikzentren Berlins. Der Potsdamer Güterbahnhof südlich des Landwehrkanals war ein zentraler Umschlagplatz für Waren aller Art. Nach der Stilllegung 1980 und der endgültigen Aufgabe des Geländes in den 1990er-Jahren öffnete sich eine seltene Chance: eine 31 Hektar große Fläche mitten in der Stadt, bereit für eine neue Nutzung.
Zwischen 2011 und 2014 wurden die drei Parkteile – Ostpark, Westpark und Dora-Duncker-Park – schrittweise eröffnet. Sie bilden heute ein grünes Bindeglied zwischen Kreuzberg, Schöneberg und dem Potsdamer Platz. Der Ostpark, 2011 eröffnet, erinnert mit seinen erhaltenen Gleisresten, Prellböcken und alten Signalanlagen bewusst an die Bahngeschichte. Der Westpark, 2013 eingeweiht, wirkt urbaner: Hier verlaufen Hochbahnviadukte über Wiesen, Spielplätze und Sportflächen.
Bürgerbeteiligung und Landschaftsarchitektur: Wie Anwohnende den Park am Gleisdreieck mitgestalteten
Kaum ein Berliner Park entstand mit so viel öffentlicher Beteiligung. Über Jahrzehnte brachten Anwohnende ihre Ideen ein, gründeten Planungsgruppen und setzten eigene Projekte um. So entstanden interkulturelle Gärten, ein Naturerfahrungsraum für Kinder und naturnahe Spielflächen. Diese Beteiligung hat den Charakter des Parks entscheidend geprägt – bis heute gilt er als positives Beispiel für gelungene Bürgerbeteiligung in der Stadtentwicklung.
Die landschaftsplanerische Umsetzung übernahm das Berliner Büro Atelier Loidl. Das Konzept kombinierte offene Wiesen mit den Spuren der Bahngeschichte. Breite Wege, Skaterflächen und Rückzugsorte schaffen eine Balance zwischen urbanem Leben und Natur. Besonders im Dora-Duncker-Park bleibt die charakteristische „Gleiswildnis“ als Refugium für Pflanzen und Tiere erhalten.
Zerstört und bewahrt: Wie der Anhalter Bahnhof zum Mahnmal wurde

© Foto: Wikimedia Commons, Bahnfrend, CC BY-SA 4.0
Unweit des Parks stand einst der Anhalter Bahnhof, bis 1945 einer der wichtigsten Fernbahnhöfe Deutschlands. Von hier starteten Züge nach Süddeutschland, Österreich und Italien. Das monumentale Gebäude mit seiner weiten Hallenkonstruktion symbolisierte die internationale Bedeutung Berlins. Nach schweren Bombenschäden im Februar 1945 brannte der Bahnhof vollständig aus. Der Betrieb lief zwar kurzzeitig weiter, doch Ende der 1950er-Jahre wurde das Bauwerk trotz Protesten abgerissen.
Nur das monumentale Eingangsportal überstand den Abriss – ein Relikt, das dank Bürgerprotesten erhalten blieb. Heute gilt die Portalruine als Mahnmal und Erinnerungsort an die verlorene Architektur der Nachkriegszeit. Wo einst die Gleise verliefen, liegen heute Spielfelder und Grünflächen – Teil des Parks am Gleisdreieck.
Neuer Ort der Erinnerung: Das Exilmuseum Berlin entsteht und verleiht dem Ort kulturelle Bedeutung
Hinter der erhaltenen Portalruine entsteht in den kommenden Jahre womöglich das Exilmuseum Berlin, das an Flucht und Vertreibung während der NS-Zeit erinnern soll. Der Entwurf der dänischen Architektin Dorte Mandrup schafft eine moderne, lichtdurchflutete Architektur, die bewusst den Dialog mit der historischen Ruine sucht. Ein Wiederaufbau des historischen Bahnhofs ist heute hingegen kaum noch denkbar, doch das Museum will dem Ort eine neue kulturelle Bedeutung verleihen, wenn es denn realisiert wird.
Digitale Rekonstruktionen und 3D-Visualisierungen lassen das historische Bahnhofsgebäude wieder aufleben, eindrucksvoll zeigen sie, welche Dimensionen der Anhalter Bahnhof einst hatte. So verbindet der Ort Vergangenheit und Gegenwart: ein Stück Berliner Geschichte, das sichtbar bleibt, auch wenn seine Mauern längst verschwunden sind.
Vom Industrieareal zum urbanen Freiraum: Der Park am Gleisdreieck als grüne Achse der Innenstadt
Heute steht der Park am Gleisdreieck für den Wandel Berlins, von der Industrie- zur Stadt des Wissens, der Freizeit und der Kultur. Alte Signalanlagen und Gleisstränge erinnern an die Bahnhistorie, während moderne Radwege, Sportanlagen und Spielplätze das heutige Stadtbild prägen.
Als Teil des 40 Kilometer langen Nord-Süd-Grünzugs verbindet der Park zentrale Stadtteile miteinander. Vom Landwehrkanal bis zur Monumentenbrücke zieht sich ein Band aus Grün, Geschichte und neuem Leben. Wo einst das Dröhnen der Lokomotiven dominierte, hört man heute das Lachen von Kindern und das Rascheln der Blätter – ein Sinnbild für die Transformation Berlins und den behutsamen Umgang mit seiner Geschichte.

Der Anhalter Bahnhof auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1881. In den 1960er Jahren wurde das schwer beschädigte Gebäude abgerissen. / © Foto: Stiftung Exilmuseum Berlin / René Arnold

Der Anhalter Bahnhof und Askanischer Platz im Jahr 1910. © Foto: Wikimedia Commons, Waldemar Franz Hermann Titzenthaler
Quellen: Rosa-Luxemburg Stiftung, Grün Berlin GmbH, Wikipedia, Berliner Verkehrsseiten, Yorckbrücken
Jetzt PLUS-Kunde werden
Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein PLUS-Abonnement.
Tags (Schlagwörter) zu diesem Beitrag
2 Kommentare
Hinterlasse einen Kommentar Antwort abbrechen
Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.








„..NS-Zeit erinnern soll.“
Gefällt mir gut, besser als die Wippe oder die Steine am Potsdamer Platz. Die Architektur bäumt sich nach der Zerstörung wieder empor.
Der Park ist mittlerweile auch eher ein Obdachlosendomizil. Im Anhalter Bahnhof kann man morgens im Fotoautomaten immer jemanden mit Spritze im Arm antreffen. Die Abluft des Schwimmbads im Liquidrom lädt auch zum nächtigen ein.