Berlin hat zahlreiche innovative Verkehrsprojekte gesehen, die zu schnell aus der öffentlichen Debatte verschwanden. Fünf davon verdienen es, neu diskutiert zu werden. Diese spannenden Konzepte zeigen, wie die Hauptstadt Verkehrsflächen neu denken könnte, wenn man sie tatsächlich ernst nimmt.

Unter der breiten Autobahntrasse am Wilmersdorfer Bundesplatz könnte ein innovativer Mobilitäts-Hub entstehen, der unterschiedliche Angebote für Sharing-Modelle und Einzelhandel bündeln soll. Dies schlug jedenfalls schon 2022 das Berliner Büro delusearchitects vor. / © Visualisierung: delusearchitects
© Visualisierung Titelbild: Lindner Planungsbüro
In Berlin gibt es eine Vielzahl an Verkehrs- und Mobilitätskonzepten, die einst mit viel Kreativität und Innovationskraft entwickelt wurden, dann aber in den politischen Mühlen versandeten oder zu schnell als „unrealistisch“ abgetan wurden.
Oft sind es aber gerade diese visionären Ideen, die einen frischen Blick auf bekannte Probleme ermöglichen und neue Lösungsräume eröffnen. Doch statt einer breiten, ernsthaften Debatte verschwinden sie häufig nach kurzer medialer Aufmerksamkeit wieder in der Schublade.
Zentrale Zukunftsfragen: Nachhaltige Mobilität, bezahlbarer Wohnraum, lebenswerte Stadträume
Dabei geht es seit vielen Jahren um zentrale Zukunftsfragen wie bezahlbaren Wohnraum, nachhaltige Mobilität, Energieversorgung und lebenswerte Stadträume. Andere Metropolen haben längst gezeigt, dass mutige Experimente auch umgesetzt werden können – von der Überbauung von Autobahnen bis hin zu grünen Korridoren im Stadtraum.
Berlin hingegen verliert immer wieder wertvolle Zeit, weil Diskussionen zu früh abgebrochen oder Vorschläge als „Utopien“ abqualifiziert werden. Die fünf hier vorgestellten Projekte zeigen, wie vielfältig und zukunftsgerichtet Ideen für die Hauptstadt sein können, wenn man sie nicht vorschnell verwirft. Es ist an der Zeit, solche Konzepte wieder in den Fokus der Stadtdebatte zu rücken. ENTWICKLUNGSSTADT holt fünf vergessene Vorschläge wieder auf die Bühne – viel Spaß beim Lesen:
Überbauung der Stadtautobahn: 3.000 neue Wohnungen über der A100?
Auf der Suche nach geeigneten Flächen zum Bau von bezahlbaren Wohnungen könnte ein innovativer, mittlerweile mehrere Jahre alter Vorschlag des Berliner Planungsbüros Lindner eine innovative und spektakuläre Lösung sein. Das Büro schlug eine Überbauung der Berliner Stadtautobahn A100 zwischen Halensee und Hohenzollerndamm vor, um Platz für ein autofreies Quartier mit 3.000 neuen Wohnungen zu schaffen.
Die Vorteile einer solchen Lösung liegen auf der Hand, da somit einerseits die lärmende und Abgase erzeugende Autobahn, die sich wie eine dröhnende Schneise durch viele Quartiere im Westen Berlins zieht, intelligent unter die Erde verlegt werden und der Raum darüber sinnvoll genutzt werden könnte. Zudem würden große Nutzflächen entstehen, die bislang überhaupt nicht existieren.
Diese neuen Wohnungen sollten, um wirklich bezahlbaren Wohnraum schaffen zu können, in Kooperation mit den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften entstehen, so Architekt Mario Lindner, der Urheber des Plans. Dass Lindners Vorschlag keine Utopie, zeigt die in Hamburg längst realisierte Deckelung der Autobahn A7.
Die Zukunft des ICC als Mobility Hub
Das Architekturbüro Graft ist bekannt für seine visionären Zukunftskonzepte, die sich nicht nur auf die Architektur von Gebäuden oder Stadträumen beziehen, sondern immer häufiger auch das Thema Mobilität der Zukunft in den Mittelpunkt stellen.
Das Büro hatte bereits 2021 für das seit Jahren ungenutzte ICC ein spannendes Nutzungskonzept erstellt. Die Vorstellung der Architektengruppe war (und ist) es, aus dem ICC ein Mobility Hub der Zukunft zu machen, auch im Namen: Das Projekt trägt im Graft-Konzept den Titel “M.ICC”: Mobility Innovation Convention Center.
Der Berliner Senat verfolgt mit dem ICC allerdings andere Pläne und sucht derzeit nach einem Investor, der den riesigen Komplex im Berliner Westend saniert, modernisiert und baulich erweitert. Ob das Konzept eines Mobility-Hubs in die Auswahl der möglichen Nutzungskonzepte kommt, ist derzeit zumindest noch offen.
Wilmersdorf: Mobilitäts-Hub unter Autobahntrasse am Bundesplatz?
Unter der breiten Autobahntrasse am Wilmersdorfer Bundesplatz könnte ein innovativer Mobilitäts-Hub entstehen, der unterschiedliche Angebote für Sharing-Modelle und Einzelhandel bündeln soll. Dies schlug jedenfalls schon 2022 das Berliner Büro delusearchitects vor. Bislang befindet sich dort ein unansehnlicher Parkplatz.
Sowohl U- als auch S-Bahnen verkehren im gleichnamigen Bahnhof Bundesplatz, oberirdisch und unterirdisch. Zudem durchquert die breite Trasse der Stadtautobahn das Stadtareal, genauso wie die mehrspurige Bundesallee. Der heutige Bundesplatz steht also voll und ganz im Zeichen urbaner Mobilität.
So passt das Mobilitäts-Konzept, welches von delusearchitects erarbeitet wurde, voll und ganz in die städtebauliche Umgebung des Bundesplatzes und ergänzt dieses auf sinnvolle Weise. Idee des Büros ist die Schaffung eines Mobilitäts-Hubs, der unter der Autobahntrasse eingerichtet werden soll. Mit diesem Konzept soll der bisher als Parkplatz und S-Bahn-Zugang genutzte, wenig einladende Stadtraum neu belebt werden. Zeitgemäß und umweltorientiert sollen an dieser Stelle mehrere Verkehrsmittel als Sharing-Angebote zusammengebracht werden: Rad, Roller und Auto.
Mehr zum Konzept könnt Ihr hier lesen
Auf Stelzen: Solar-Überdachung der Berliner Stadtautobahn
Die Berliner CDU war bereits vor fünf Jahren, damals noch in der Opposition, mit einem innovativen Vorschlag an das Berliner Abgeordnetenhaus herangetreten. Teile der insgesamt 77 Kilometer langen Stadtautobahn könnten mit einer Photovoltaik-Anlage überdacht werden, so die heutige Regierungspartei im Jahr 2020. Riesige Solarpaneele sollen demnach auf Stelzen befestigt werden und die Autobahn wie ein Dach überspannen.
Denkbar war ebenfalls, eine solche Photovoltaik-Anlage nicht nur auf einem Dach über der Autobahn, sondern auch an den bereits bestehenden Schallschutzwänden anzubringen. Hierfür gibt es sogar schon ein Vorbild im Praxiseinsatz, da eine solche Anlage bereits vor mehreren Jahren an der A3 bei Aschaffenburg installiert wurde.
Für eine ähnliche Projektidee in der Schweiz, bei der die A4 überdacht werden sollte, hatte das Architektur- und Design-Büro LABOR3 eine Visualisierung erstellt, die wir freundlicherweise für diesen Artikel verwenden können. Realisiert wurde der Vorschlag in Berlin bislang nicht.
Grün und blau: Zukunftsvision für die Mollstraße in Berlin-Mitte
Die Mollstraße in Berlin-Mitte ist heute ein Relikt der DDR-Stadtplanung, welches vom Büro Graft Architects im Rahmen einer AIV-Veranstaltungsreihe vollkommen neu gedacht wurde. Ihr visionäres Konzept verwandelt die graue Verkehrsader in eine blühende, nachhaltige Oase mit grünen Freiräumen und einer Wasserlandschaft, die sich entlang der heutigen Straßenführung schlängelt.
Aus der heute betondominierten, ausladenden Verkehrsachse hat das Büro Graft in seiner Zukunftsvision eine grüne und blaue Stadtlandschaft gemacht, die im Grunde kaum wiederzuerkennen ist, und deren Breite in völlig anderer Weise als bisher genutzt werden könnte.
Bestehende Grünflächen könnten zu Grünräumen erweitert werden, auch Dachflächen sollten nach Vorstellung des Architektenteams sehr viel stärker begrünt werden. So sollen grüne Loggia-Fassaden und private Dachgärten das künftige Bild der Mollstraße prägen und die Idee einer lebenswerten Schwammstadt im Zentrum Berlins realisiert werden. Der Ansatz des Büros ist bewusst utopisch gewählt, um einen größtmöglichen Kontrast zum heutigen Status Quo zu erreichen.
Mehr zum Konzept für die Mollstraße könnt Ihr hier lesen
Quellen: Lindner Planungsbüro, delusearchitects, LABOR3 Architektur GmbH, CDU Berlin,
Jetzt PLUS-Kunde werden
Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein PLUS-Abonnement.
Tags (Schlagwörter) zu diesem Beitrag
3 Kommentare
Hinterlasse einen Kommentar Antwort abbrechen
Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.








Solange Berlin privatem Kapital Knüppel vor die Füsse wirft bleiben alle ambitionierten Projekte Zukunfsmusik!
Bisher hat es ds „private Kapital“ meist konsequent vermieden, Zukunftsvisionen zu verwirklichen. Stattdessen Protz-Gebäude mit Büro&Luxus innen – und öden Glasfassaden außen. Sehen wir uns nur die „Europastadt“ an.
Die privaten hatten ihre Chance. Heraus kam unter anderem der Potsdamer Platz. Bis heute ein nicht Ort für Berliner. Auch alle anderen Entwicklungsgebiete sind geprägt von beton, glas und Orten die nicht zum verweilen einladen. Halt wie in den meisten Metropolen. Mehr Mut wagen wäre gut