Berlin stoppt vorerst den Bau neuer Unterkünfte für Geflüchtete und setzt stattdessen auf Umbau und Erweiterung bestehender Standorte. Die rückläufigen Zuzugszahlen entlasten zwar die Kapazitäten, dennoch bleibt die Frage offen, wie flexibel die Stadt auf künftige Entwicklungen reagieren kann. Besonders Tegel und Tempelhof rücken nun in den Mittelpunkt einer neu ausgerichteten Unterbringungsstrategie.

Die EU-Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems verlangt bis 2026 einheitliche Verfahren für Registrierung und Erstunterbringung Geflüchteter, weshalb Tegel umfassend umgebaut werden muss. Vorgesehen sind neue Containerunterkünfte für rund 2.600 Menschen, die ausschließlich für neu Angekommene genutzt werden sollen. / © Foto: IMAGO / Funke Foto Services
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© Titelbild: Wikimedia Commons, Kasa Fue, CC BY-SA 4.0
Die Berliner Regierung beendet vorerst den Bau neuer Unterkünfte für Geflüchtete Menschen. CDU und SPD beschlossen im Koalitionsausschuss, die ursprünglich erwogene Ausrufung einer Notlage nicht weiterzuverfolgen und stattdessen auf bestehende Kapazitäten zu setzen. Da die Zahl der Geflüchteten sinkt, sehen die Verantwortlichen aktuell keinen Bedarf für zusätzliche Standorte.
Nach Angaben des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner gebe es ausreichend freie Plätze. Die Priorität solle nun darauf liegen, vorhandene Unterkünfte besser auszulasten. Neubauten würden nur an einem Standort fortgesetzt. An der Hasenheide entsteht 2026 eine seit langem geplante größere Unterkunft.
Tegel und Tempelhof rücken in den Fokus der künftigen Unterbringungsplanung für Geflüchtete
Besonders zwei Standorte werden künftig eine zentrale Rolle spielen: Tegel und Tempelhof. Auf dem Gelände des früheren Flughafens Tegel soll ein Ankunftszentrum nach EU-Standard entstehen. Die derzeitige Notunterkunft wird bis Jahresende leergezogen, anschließend sollen dort mindestens 2.600 Geflüchtete Platz finden. Wegner betonte laut Tagesspiegel, dass die Kapazität nicht weiter steigen solle, sondern modernere Bedingungen geschaffen werden sollen.
Auch am Flughafen Tempelhof plant die Koalition zusätzliche Unterbringungsmöglichkeiten. Mindestens 1.100 Plätze sollen dort entstehen, ebenfalls als Ergänzung bestehender Strukturen. Das Vorhaben für ein neues Ankunftszentrum in Tegel hatte Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe bereits zuvor angekündigt.
Weniger Neuankünfte: Senat setzt stärker auf bestehende Unterkünfte
Im Jahr 2024 kamen rund 21.000 Geflüchtete nach Berlin. Ein Jahr später halbierte sich diese Zahl nahezu. Bis Oktober 2025 wurden rund 11.700 Menschen registriert, darunter etwa gleich viele Asylsuchende wie Geflüchtete aus der Ukraine. Angesichts dieser Entwicklung sieht der Senat derzeit keinen Druck, weitere Unterkünfte zu errichten.
Statt geplanter zwölf dezentraler Containerstandorte sollen Menschen verstärkt in Hotels, Hostels oder umgenutzten Büro- und Schulgebäuden untergebracht werden. Wohncontainer, die für neue Anlagen vorgesehen waren, könnten in Tegel und Tempelhof weiterverwendet werden. Notlagenkredite seien dafür nicht erforderlich.
Trotz sinkender Zahlen: Expertinnen und Experten warnen vor voreiligen Schlüssen
Obwohl die Zahlen der Neuankommenden zuletzt deutlich gesunken sind, warnen Fachpolitikerinnen und Fachpolitiker davor, dies als langfristigen Trend zu interpretieren. Die Entwicklung der nachlassenden Neuankommenden bedeute jedoch nicht automatisch, dass Unterkünfte entlastet würden, argumentiert die SPD. Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe erklärte gegenüber dem Tagesspiegel, es sei „fahrlässig“, geplante Kapazitäten ersatzlos zu streichen.
Viele Menschen lebten über Jahre in Unterkünften, weil sie auf dem angespannten Wohnungsmarkt keine Wohnung fänden. Der integrationspolitische Sprecher Orkan Özdemir betonte laut nd, dass die Einrichtungen trotz rückläufiger Neuankünfte „besetzt“ seien und es kaum Abfluss gebe. Auch politische und globale Entwicklungen könnten die Zuzugszahlen jederzeit wieder steigen lassen.
Hohe Ausgaben für Geflüchtetenunterbringung: Senat plant dennoch ohne Sonderkredite
Die Ausgaben für Unterbringung, Versorgung und Integration von Geflüchteten hatten sich zwischen 2022 und 2025 nahezu verdoppelt, auf rund 2,24 Milliarden Euro. Angesichts dieser Summe diskutierte die Koalition über die Möglichkeit einer Notlage, die zusätzliche Kredite ermöglicht hätte. Nach Einschätzung der Regierungsparteien lassen sich die Kosten jedoch durch bestehende Haushaltsmittel decken.
Für den Doppelhaushalt 2026/2027 stehen zudem rund 870 Millionen Euro pro Jahr als Reserve bereit, um auf unvorhergesehene Entwicklungen reagieren zu können. Die Koalition betont gleichwohl, dass man die Lage kontinuierlich beobachten müsse, da Fluchtbewegungen sich jederzeit ändern könnten.
Quellen: Tagesspiegel, nd, Berliner Zeitung
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