In Berlin-Kreuzberg entsteht mit der Blücherstraße ein Beispiel dafür, wie Entsiegelung, Baumschutz und neue Mobilitätsformen zusammengeführt werden können. Gleichzeitig äußern Anwohnende und Gewerbetreibende Bedenken hinsichtlich Erreichbarkeit und Parkraumsituation. Vor allem der Autoverkehr ist Leidtragender des geplanten Konzepts.

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg setzt auf klimaresiliente Straßenräume – doch der Umbau der Blücherstraße sorgt zugleich für Kritik und Anpassungsdruck. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
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Seit mehreren Jaren wird im Kreuzberger Graefekiez an vielen Stellen eine Umwandlung der Verkehrsflächen vorgenommen. Seit Anfang August 2025 etwa wird ein rund 50 Meter langer Abschnitt der Schönleinstraße zwischen Dieffenbach- und Lachmannstraße umgestaltet. Der Bereich am Hohenstaufenplatz soll dadurch nicht mehr für den motorisierten Durchgangsverkehr zugänglich sein. Vorgesehen ist stattdessen eine Nutzung durch Radfahrende sowie Fußgängerinnen und Fußgänger.
Auch am Lausitzer Platz sind in den vergangenen Jahren ähnliche Maßnahmen umgesetzt worden. Der Stadtplatz, der sich, durch die Skalitzer Straße abgegrenzt, nordwestlich an den Görlitzer Park anschließt, ist Teil eines umfassenden Verkehrsprojekts, bei dem in den vergangenen Jahren großflächig Parkplätze und Verkehrsflächen entsiegelt und in Grünflächen und Fußgängerzonen umgewandelt worden sind.
Die Blücherstraße in Berlin-Kreuzberg wird umfassend saniert und umgebaut
Die am Lausitzer Platz längst abgeschlossenen Umbaumaßnahmen werden kontrovers diskutiert. Viele Anwohnende begrüßen das Konzepte, andere kritisieren die Beschränkungen für den Durchgangsverkehr. Vor allem Handwerksunternehmen aber auch Polizei und Feuerwehr weisen darauf hin, dass einzelne Straßenzüge nicht mehr zuverlässig angefahren werden können.
Ein weiteres, vergleichbares Verkehrskonzept wird aktuell in der Kreuzberger Blücherstraße umgesetzt, unweit von Südstern und Gneisenaustraße. Die Straße wird im Abschnitt zwischen Baerwaldstraße und Hausnummer 33 umfassend saniert, wie das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg mitteilt.
Grund für die Sanierungsarbeiten seien massive Schäden in der Asphaltdecke, die überwiegend auf hochgewachsene Baumwurzeln zurückzuführen seien. Eine herkömmliche Sanierung hätte das Abschneiden der Wurzeln und damit mutmaßlich die Fällung mehrerer Bäume bedeutet. Der Bezirk verfolgt jedoch eine alternative Strategie, um den Baumbestand zu erhalten.
Schäden durch Baumwurzeln: erweiterte Baumscheiben sollen Wasserversorgung und Klimaresilienz verbessern
Um die Bäume zu schützen, werden die Baumscheiben vergrößert und rund 1.200 Quadratmeter entsiegelt. Dadurch sollen nach Bezirksangaben zusätzliche Versickerungsflächen entstehen, die den gestörten Wasserhaushalt der Straßenbäume stabilisieren und zugleich die Kanalisation entlasten, als Beitrag zur Anpassung an steigende Temperaturen und häufigere Starkregenereignisse.
Bezirksstadträtin Annika Gerold erklärte, das Projekt zeige exemplarisch, wie sich Baumschutz, Entsiegelung und Verkehrssicherheit miteinander verbinden ließen. Der Bezirk wolle damit den öffentlichen Raum klimaresilienter gestalten und zugleich mehr Flächengerechtigkeit schaffen.
Radverkehr: Umwandlung der Blücherstraße zur Fahrradstraße auf 420 Metern
Die Blücherstraße hat nach Einschätzung des Bezirks gleichzeitig eine wichtige Bedeutung im Radverkehrsnetz des Bezirks, und soll auch dahingehend angepasst werden. Da der Straßenraum täglich auch von vielen Schulkindern und Sportplatznutzenden frequentiert wird, sollen die Maßnahmen die Verkehrssicherheit erhöhen.
Zwischen 2018 und 2023 wurden in dem Abschnitt zwölf Unfälle registriert, zu viele aus Sicht des Bezirks. Mit der Sanierung wird der Straßenabschnitt zwischen Südstern und Baerwaldstraße zu einer Fahrradstraße umgewandelt. Auf rund 420 Metern entsteht neue Radinfrastruktur in beide Fahrtrichtungen.
Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg plant neue Aufenthaltsqualitäten und Reduktion des Durchgangsverkehrs
Ergänzt wird dieser Umbau durch drei Fahrbahnkissen zur Verkehrsberuhigung, zwei davon zugleich als barrierearme Querungsmöglichkeiten für den Fußverkehr, wie es heißt. Am Beginn der Fahrradstraße entsteht zudem eine Fahrbahnschwelle, um die Geschwindigkeit des motorisierten Verkehrs deutlich zu reduzieren.
Zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität installiert der Bezirk zusätzliche Fahrradbügel und Sitzbänke. Zwei Ladezonen sollen dabei auch weiterhin die Belieferung von Geschäften und Anwohnern sicherstellen.
Einschränkung für Autofahrer: 90 Parkplätze in der Blücherstraße entfallen durch den Umbau
Für den privaten Autoverkehr birgt der Umbau jedoch empfindliche Einschränkungen, die schon jetzt, während des noch laufenden Umbaus, spürbar werden. Die Fahrradstraße wird künftig nur noch für Anliegerinnen und Anleger mit dem Auto befahrbar sein.
Dadurch soll nach Plänen des Bezirks der Durchgangsverkehr reduziert werden. Hinzu kommt, dass zur „Sicherung der neuen Versickerungsflächen“ auch 90 Parkplätze entlang der Umbaustrecke entfallen werden. Der Großteil dieser einstigen Parkplätze ist mittlerweile entsiegelt und in Versickerungsflächen umgewandelt worden. Große Feldsteine wurden am Rand dieser Flächen platziert, um die Zweckentfremdung der Flächen als Parkraum zu verhindern.
Kreuzbergs Blücherstraße: Klimaresilienter Umbau einerseits, Parkraumverknappung andererseits
Annika Gerold kommentiert den Umbau wie folgt: „Wir gestalten den öffentlichen Raum einerseits klimaresilient und sorgen andererseits für mehr Flächengerechtigkeit und sichere Verkehrswege. Damit zeigen wir, wie die Stadt von morgen aussehen kann.“
Während in der Blücherstraße der klimaorientierte Umbau voranschreitet, müssen Autofahrerinnen und Autofahrer allerdings Parkflächen in angrenzenden Straßen finden, wo durch die eingeführte Parkraumbewirtschaftung die Kosten für eine Stunde Parken zwischen drei und vier Euro liegen.
Friedrichshain-Kreuzberg will Mobilität verbessern, doch die bestehenden Konflikte bleiben bestehen
Mit den jüngsten Umbaumaßnahmen setzt der Bezirk sein Ziel fort, den öffentlichen Raum stärker auf Klimaanpassung und aktive Mobilität auszurichten. Gleichzeitig verdeutlichen die Reaktionen aus der Nachbarschaft, dass Veränderungen im Verkehrsraum immer auch Zielkonflikte mit sich bringen.
Die kommenden Monate werden zeigen, wie sich die neuen Regelungen auf Verkehrssicherheit, Aufenthaltsqualität und Erreichbarkeit auswirken. Erst dann lässt sich beurteilen, ob die Maßnahmen als Modell für weitere Straßenumbauten dienen können.
Quellen: Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg
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4 Kommentare
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So muss das sein. Es kann nicht sein, dass in hochverdichteten innerstädtischen Räumen ein geradezu gigantischer Anteil der Flächen vom ruhenden Verkehr beschlagnahmt wird und das auch noch zu Spottpreisen, während die Allgemeinheit darunter leiden muss.
Die immense Luxussituation einiger weniger wird mit solchen Maßnahmen zugunsten der Allgemeinheit aufgelöst. Das Auto wird immer Teil der städtischen Mobilität sein. Aber es muss endlich Flächengerechtigkeit hergestellt werden und zwar in der kompletten Innenstadt, Hauptverkehrsachse für Hauptverkehrsachse, Nebenstraße für Nebenstraße.
real
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Am Anfang wird immer rumgeheult („kontrovers debattiert“) aber sind wir doch mal ehrlich: öffentlichen Raum in dicht besiedelten Innenstädten quasi kostenfrei (knapp 2 Cent pro Tag mit Anwohnerparkausweis) oder wirklich kostenfrei für das abstellen privater PKW zu nutzen ist in erster Linie ineffizient, weil die Fläche besser genutzt werden kann und in zweiter Linie unwirtschaftlich.
Die gesellschaftlichen Schäden durch PKW Verkehr, insb. mit Verbrennungsmotoren, lassen wir mal außen vor.
Meiner Meinung nach ist die langfristige und sozialverträgliche Lösung für Innenstadtmobilität: ein richtig guter ÖPNV, preiswert, zuverlässig, sicher, sauber, bequem und barrierefrei. Dazu sowas wie ‚Kiezparkhäuser‘ für die Leute, die ihr Auto brauchen oder unbedingt nutzen wollen und direkt erreichbare Stellplätze für Menschen mit körperlichen Einschränkungen, die auf das Auto zur Fortbewegung angewiesen wird. Und ein schlüssiges, ganzheitliches Konzept für Handwerksbetriebe, so blöd sind Lastenfahrräder nämlich nicht, man entrümpelt ja nicht täglich eine Wohnung oder baut eine neue Heizung ein.
Und am Ende sind die Veränderungen dann doch gar nicht so schlecht…