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Ein belasteter Name verschwindet aus dem Berliner Stadtplan. Ab Oktober 2025 ehrt die Betty-Katz-Straße das Andenken an eine mutige Frau und Opfer des Holocaust. Die Umbenennung der Straße in Steglitz war vor allem bei Anwohnerinnen und Anwohnern jedoch umstritten.

© Foto Titelbild: Wikimedia Commons / Fridolin freudenfett

 

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Ab dem 1. Oktober 2025 trägt die bisherige Treitschkestraße in Berlin-Steglitz den neuen Namen Betty-Katz-Straße. Das hat das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf bekannt gegeben. Mit der Umbenennung soll die Leiterin eines jüdischen Blindenheims und Holocaust-Überlebende Betty Katz gewürdigt werden, die 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt starb.

Der bisherige Namensgeber, Heinrich von Treitschke, war im 19. Jahrhundert ein einflussreicher Historiker, dessen antisemitische Äußerungen schon früher stark kritisiert wurden. Die Entscheidung folgt auf eine lange öffentliche Debatte und wurde in der Bezirksverordnetenversammlung Anfang des Jahres beschlossen.

Straßenumbenennung in Steglitz-Zehlendorf: Aus der Treitschkestraße wird die Betty-Katz-Straße

Ab dem 1. Oktober 2025 trägt die bisherige Treitschkestraße in Berlin-Steglitz offiziell den Namen Betty-Katz-Straße. Das teilte das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf am Dienstag mit. Bereits im Juni war die Umbenennung durch Veröffentlichung im Amtsblatt bekannt gemacht worden. Nun tritt die Entscheidung in Kraft. Nach Angaben des Bezirksamts wird die Straße für eine Übergangszeit von sechs Monaten doppelt beschildert. In dieser Zeit erscheint die Treitschkestraße rot durchgestrichen, bevor die alte Beschilderung im Anschluss vollständig entfernt wird.

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Mit dem neuen Namen verabschiedet sich der Bezirk von einem belasteten Erbe. Heinrich von Treitschke (1834-1896) war ein einflussreicher Historiker und prägender Vertreter des deutschen Nationalismus. Seine Schriften und Reden wurden jedoch auch wegen antisemitischer Aussagen stark kritisiert. Bekannt wurde er unter anderem durch die Formulierung „Die Juden sind unser Unglück“ sowie durch die von ihm gezogene Trennung zwischen sogenannten „guten“ und „schlechten“ Juden.

Steglitz-Zehlendorf: Anwohnende stimmten Jahre später für Betty Katz

Im Januar 2025 hatte das Bezirksamt Anwohnende zu einer Diskussionsrunde ins Rathaus Steglitz eingeladen. Viele Teilnehmende berichteten, der bisherige Straßenname sei für sie mit Scham verbunden gewesen, andere hingegen wollten den bisherigen Namen unbedingt beibehalten.

Schon seit September 2022 steht die Entscheidung fest, der Treitschkestraße einen anderen Namen zu geben. Das beschloss die Zählgemeinschaft aus SPD, Grünen und FDP mit Unterstützung der Linken. Die CDU plädierte zunächst für den Erhalt mit ergänzender Informationstafel, stimmte am Ende jedoch ebenfalls der Umbenennung in Betty-Katz-Straße zu.

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Jahrzehntelange Debatte: Treitschkestraße sollte zuerst Kurt-Scharf-Straße heißen

Die Diskussion um die Treitschkestraße reicht bis ins Jahr 2000 zurück. Damals sprach sich die Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf erstmals für eine Umbenennung aus, und schnell gab es auch schon einen ersten Namensvorschlag. Laut Berliner Morgenpost stand zuerst im Raum, die Straße in Kurt-Scharf-Straße umzubenennen.

Dieser Vorschlag kam vom ehemaligen Pfarrer der Steglitzer Patmosgemeinde, Harry Perkiewicz. Er regte an, die Straße nach seinem langjährigen Weggefährten, Bischof Kurt Scharf (1902-1990), zu benennen. In einer Petition stimmten jedoch mehr als 100 Anwohner gegen den Beschluss. Sie erklärten, man solle den Historiker im Kontext seiner Zeit sehen. Zudem fürchteten sie die praktischen Folgen, von neuen Ausweisen bis zu angepassten Briefköpfen.

Auch spätere Initiativen, wie in den Jahren 2005 und 2007 blieben ohne Erfolg. Selbst als im Zuge des Baus des „Boulevard Berlin“ ein Teil der Straße aufgegeben wurde, kam es nicht zu einer Umbenennung. Bei einer erneuten Befragung im Jahr 2012 lehnten damals 226 von 290 Anwohnende erneut eine Änderung ab.

Die CDU äußerte sich gegen die Umbenennung der Treitschkestraße

Gegenwind bekam die Debatte in den frühen 2000er Jahren unter anderem von Stimmen aus der Politik. So warnte die CDU-Abgeordnete Claudia Wein in einem offenen Brief an die Anwohnenden „vor einem Verlust historischer Differenzierung„. Treitschke sei zwar ein kultureller Antisemit gewesen, aber kein Rassist im nationalsozialistischen Sinn, argumentierte sie.

Die ablehnende Haltung stieß auf Widerspruch bei SPD und Grünen sowie bei einzelnen Vertretern des öffentlichen Lebens. Unter anderem äußerten sich der damalige CDU-Landesvorsitzende Christoph Stölzl sowie Michael Blumenthal, Direktor des Jüdischen Museums, ablehnend gegenüber der Beibehaltung des Namens.

Die Treitschke-Debatte: Einfache Einigung beim Park, schwierige Entscheidung bei der Straße

Während die Umbenennung der Treitschkestraße über Jahre hinweg umstritten blieb, verlief die Diskussion um den angrenzenden Park deutlich reibungsloser. Da das Areal bislang nur informell als Treitschkepark bezeichnet wurde, forderte die SPD-Fraktion 2008 eine offizielle Benennung. Der Vorschlag fand breite Zustimmung, und noch im selben Jahr erhielt die Grünanlage den Namen Harry-Bresslau-Park.

Umbenennungen von Straßennamen sind in Berlin derzeit ein prägendes Thema. Neben der Treitschkestraße sorgte auch die jahrelange Diskussion um die Mohrenstraße für Aufmerksamkeit. Und inzwischen läuft bereits die nächste Debatte: Auch für den Hindenburgdamm steht eine mögliche Umbenennung zur Diskussion.

 

Quellen: Berliner Morgenpost, rbb, Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf, Wikipedia, Der Tagesspiegel, Berlin.de

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One Comment

  1. M.Hillen 30. September 2025 at 08:58 - Reply

    Tolle Idee! Vielleicht kann man irgendwann mal sogar Deutschland umbenennen? Immerhin sind in der Verantwortung von Deutschland 6 Millionen Juden getötet worden.. Wenn man das weiter bedenkt, da gibt es bestimmt noch so viel, was man alles umbenennen könnte… Dem schwachsinnigen Tugendfuror sind wie immer keine Grenzen gesetzt.. Heute sind es Namen, die gelöscht werden, morgen geht bestimmt noch mehr!

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