Clubs erhalten, Wohnungen bauen und das RAW-Gelände trotzdem weiterentwickeln: Bezirk, Senat und Eigentümer haben sich auf einen neuen Fahrplan verständigt. Damit könnte der festgefahrene Konflikt um RAW West eine entscheidende Wendung nehmen. Noch gibt es aber einige Hindernisse zu überwinden.

Visualisierung Turm an der Warschauer Brücke

Das RAW-Gelände zwischen Revaler Straße und Warschauer Brücke sollte sich von einem subkulturellen Hotspot zu einem gemischt genutzten Stadtviertel wandeln. / © Visualisierung: Kurth Real Estate / Holzer Kobler Architekturen, mit Atelier Loidl Landschaftsarchitekten

© Titelbild: Axonometrie Stand Januar 2026 / Holzer Kobler Architekturen

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Nach jahrelangen Verhandlungen zeichnet sich für den westlichen Teil des RAW-Geländes in Berlin-Friedrichshain eine neue Perspektive ab. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und die Eigentümerin Kurth-Gruppe haben sich auf einen Mietvertrag für das „Soziokulturelle L“ (SKL) sowie einen Rahmenvertrag für die weitere Entwicklung des Areals verständigt.

Damit sollen zwei bislang schwer miteinander vereinbare Ziele verbunden werden: Die bestehenden Kultur-, Sport- und Freizeitangebote sollen langfristig gesichert werden, während gleichzeitig neues Baurecht für die Entwicklung des Geländes geschaffen wird. Eine wesentliche Neuerung ist dabei, dass künftig ausdrücklich auch Wohnungen auf dem RAW-West-Areal entstehen sollen.

  • Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
  • Adresse: Revaler Straße 99, 10245 Berlin
  • Bebauungsplan: „2-25a“
  • Eigentümerin: Kurth-Gruppe
  • Streitpunkt: Sicherung des „Soziokulturellen L“
  • Betroffene Nutzungen: Clubs, Ateliers, Sport, Gastronomie, Kulturprojekte

RAW West: Jahrelanger Streit zwischen Bezirk, Senat und Eigentümer

Der heute verkündeten Einigung waren schwierige Verhandlungen vorausgegangen. Schon seit 2019 läuft für das rund 51.000 Quadratmeter große RAW-West-Gelände das Bebauungsplanverfahren 2-25a. Über Jahre wurde darum gerungen, wie Neubauten ermöglicht werden können, ohne die gewachsenen Kulturangebote zu verdrängen.

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Noch im Juni 2026 war der Konflikt eskaliert. Die Kurth-Gruppe hatte das Verfahren nach Darstellung des Bezirks für gescheitert erklärt, während einzelne Betreiber Räumungsaufforderungen erhielten. Bezirk und Senat warfen der Eigentümerseite vor, die Gespräche abzubrechen; die Kurth-Gruppe kritisierte ihrerseits die lange Verfahrensdauer, veränderte Absprachen und mangelnde Planungssicherheit.

RAW-Gelände in Friedrichshain: Kompromiss nach monatelangem Konflikt gefunden

Im Zentrum des Streits stand vor allem das „Soziokulturelle L“. Dazu gehören etablierte Einrichtungen wie das Cassiopeia, Crack Bellmer oder die Skatehalle Berlin. Berlin wollte diese Nutzungen für 30 Jahre absichern und gleichzeitig die bauliche Entwicklung des privaten Grundstücks ermöglichen.

Nun haben die Beteiligten offenbar einen Kompromiss gefunden. Zunächst soll der Bezirk selbst das SKL von der Kurth-Gruppe anmieten und die Flächen anschließend an die bestehenden Nutzer weitervermieten. Dieser Interimsmietvertrag soll ab September 2026 zunächst zwei Jahre gelten und kann um ein weiteres Jahr verlängert werden.

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„Mit den jetzt gefundenen Vereinbarungen kann innerhalb des gemeinsam gesteckten Zeitplans das Baurecht und die Sicherung der Nutzungen geschaffen werden. Die Entwicklung des R.A.W.-Geländes soll zu einem beispielhaften gemischten Stadtquartier für die Menschen und Berlin führen – ein Musterbeispiel der sozialen und städtebaulichen Entwicklung unter Berücksichtigung von Bestand und Historie. Wir als Familienunternehmen sehen der gemeinsamen Aufgabe zusammen mit dem Land Berlin gerne entgegen und freuen uns, dass in intensiver Zusammenarbeit der gemeinsame verbindliche Weg dafür geebnet werden konnte.“

Lauritz Kurth, Geschäftsführer der Kurth Immobilien-Gruppe

RAW-Areal, Berlin-Friedrichshain

Für das RAW-Gelände in Friedrichshain zeichnet sich nach jahrelangen Verhandlungen eine Lösung ab. Kultur, Gewerbe und künftig auch Wohnungen sollen Teil eines neuen gemischten Stadtquartiers werden. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

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RAW-Gelände: Bezirk übernimmt vorübergehend Mietvertrag für Kulturflächen

Die Miete für die ersten beiden Jahre soll aus dem Bezirkshaushalt finanziert werden. Wird das dritte Jahr benötigt, soll die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen die Kosten übernehmen. Ein Teil der an Marktkonditionen orientierten Mietzahlungen soll wiederum in die Gebäude des SKL investiert werden.

Diese Zwischenlösung soll vor allem Zeit für das Bebauungsplanverfahren schaffen. Ziel ist es, den Bebauungsplan spätestens bis März 2029 abzuschließen, heißt es in der offiziellen Mitteilung. Sobald er rechtskräftig ist, endet das vorübergehende Mietmodell: Anschließend soll eine noch zu bestimmende Generalmieterin das „Soziokulturelle L“ für 30 Jahre mietfrei übernehmen. So jedenfalls der Plan.

„Nach jahrelanger Zusammenarbeit befanden wir uns am Scheideweg. Ich bin froh, dass das SKL bald in bezirkliche Verantwortung übergeht und wir mit einem Rahmenvertrag für den Bebauungsplan neues Vertrauen unter allen Akteuren schaffen konnten. Kooperative Stadtentwicklung ist, im Unterschied zu reinen Genehmigungsverfahren, komplex und krisenanfällig. Umso wichtiger ist es, immer im Gespräch zu bleiben und gemeinsame Lösungen zu finden. Dies ist und zum Glück in den letzten Wochen unter großen Anstrengungen und mit Kompromissbereitschaft aller Seiten gelungen.“

Florian Schmidt, Bezirksstadtrat

RAW-Gelände, Berlin-Friedrichshain

Die Zukunft von RAW West wird neu verhandelt – und Wohnen spielt dabei plötzlich eine wichtige Rolle. Gleichzeitig soll der Bezirk die bedrohten Kulturflächen zunächst selbst anmieten und langfristig absichern. / © Visualisierung: Kurth Real Estate / Holzer Kobler Architekturen, mit Atelier Loidl Landschaftsarchitekten

Neue Planungsziele: Auf dem RAW-Gelände sollen Wohnungen entstehen

Parallel soll das Bebauungsplanverfahren mit veränderten Zielen weitergeführt werden. Neben Kultur, Gewerbe und Einzelhandel soll künftig auch Wohnungsbau ausdrücklich Bestandteil der Entwicklung sein. Gerade dieser Punkt ist bemerkenswert: In früheren Planungen spielte Wohnen zeitweise keine Rolle, da Nutzungskonflikte mit Clubs und Veranstaltungsorten befürchtet wurden.

Ob und in welchem Umfang Wohnungen auf dem populären Gelände künftig tatsächlich realisiert werden können, hängt daher auch vom Lärmschutz ab. Vor Unterzeichnung des Mietvertrags muss zunächst plausibel nachgewiesen werden, dass Wohnen trotz der bestehenden Veranstaltungs- und Clubnutzungen auf dem Gelände grundsätzlich möglich ist.

Im Rahmen des Gesprächs wurde die Zielzahl von 300 Wohnungen genannt, allesamt als Mietwohnungen. Ein Drittel dieser Wohnungen sollen als geförderter Wohnraum angeboten werden, Eigentumswohnungen seien nicht geplant.

„Das R.A.W.-Gelände, das an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt liegt, hat sich über Jahrzehnte zu einem wichtigen Areal für die Soziokultur Berlins entwickelt. Mit der Einigung zu einem Miet- und Rahmenvertrag sind nicht nur vorerst die interkulturellen Nutzungen, Clubs und Bars abgesichert, sondern auch die Entwicklung für dringend benötigten Wohnraum auf einem bislang ungenutzten Teil des Areals vereinbart.“

Alexander Slotty, Staatssekretär für Bauen

Friedrichshain: Entscheidungen über RAW-Verträge stehen im September an

Vollständig beschlossen ist die Einigung allerdings noch nicht. Der Interimsmietvertrag benötigt die Zustimmung des Hauptausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses, der am 2. September 2026 tagt. Auch die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg muss zustimmen; ihre Sitzung ist für den 9. September vorgesehen. Die veränderten Ziele des Bebauungsplans stehen ebenfalls unter Zustimmungsvorbehalt der BVV.

Damit ist der jahrelange Konflikt noch nicht endgültig beendet, doch erstmals liegt wieder ein gemeinsamer Fahrplan von Eigentümer, Bezirk und Senat vor. Gelingt die Umsetzung, könnte auf dem ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk ein gemischtes Quartier entstehen, das neue Wohnungen und Gewerbeflächen mit den gewachsenen Kulturangeboten verbindet. Entscheidend wird sein, ob diese Balance auch im weiteren Planungsverfahren Bestand hat.

Das Bild zeigt das RAW-Gelände in Friedrichshain mit dem Club Cassiopeia und mehreren Gebäuden entlang der Revaler Straße.

Das RAW-Gelände in Friedrichshain zählt zu den bekanntesten Kultur- und Gewerbestandorten entlang der Revaler Straße. / © Foto: Wikimedia Commons, Lear 21, CC BY-SA 4.0

Die Visualisierung zeigt, wie das RAW-Gelände von der Kurth-Gruppe entwickelt werden soll.

Das RAW-Gelände könnte sich in den kommenden Jahren grundlegend verändern. Ein neuer Kompromiss soll die bekannte Kulturszene erhalten und zugleich den Weg für Wohnungen und weitere Neubauten öffnen. / © Visualisierung: Kurth Immobilien

RAW-Gelände

Quellen: Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Kurth-Gruppe, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Holzer Kobler Architekturen, Atelier Loidl Landschaftsarchitekten

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2 Kommentare

  1. Michael 11. August 2026 at 19:01 - Reply

    Wenn man will, findet man Lösungen.

  2. Tanzveteran 13. August 2026 at 10:02 - Reply

    Die Kurth-Anzugträger sind auch nur knallharte, gewinnorientierte Investoren und verpacken ihren Kommerzialisierungsziele in schöne Worte. Die Kultur ist ihnen unterm Strich doch sch***egal. Sie locken den Bezirk mit dem, was er hören will, um zuzustimmen. Letztlich ist dies der Anfang vom Ende des Subkulturlebens auf dem RAW-Gelände. MARK MY WORDS!

    Warum ist das RAW heute so beliebt? Weil es noch den letzten Nachwendecharme des Morbiden, des Gekaperten von ausgedienten Industrieruinen aus einer anderen Zeit besitzt. Glaubt wirklich irgendjemand, dass die moderne quadratische, glatte, seelenlose Architektur aus Beton, Stahl und Glas denselben Reiz haben wird, wie es auf dem RAW heute der Fall ist?
    Das wird nicht funktionieren! Es werden die Emotionen fehlen, die das RAW gerade durch seine Heruntergekommenheit, seine Unvollkommenheit, mit einem Hauch des Verbotenen, heute erzeugt.

    Schade um diese einzigartige Ensemble – vermutlich das letzte dieser Art, das das Nachwende-Berlin ausgemacht hat.

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