Der Berliner Senat verteidigt den geplanten Umbau der Sportwiese im Jahnsportpark gegen die Kritik von Bürgerinitiative und Bezirkspolitik. Dabei geht es längst um mehr als Kunstrasen: Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Sport, Inklusion und Stadtgrün miteinander vereinbart werden können.

Bereits heute gibt es im Umfeld des Jahnsportparks Kunstrasenflächen. Die geplante Sportwiese soll künftig um weitere moderne und inklusive Sportangebote ergänzt werden. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
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Der Streit um die Zukunft der Sportwiese im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark geht weiter. Ende Juli hatte der Berliner Senat die Finanzierung für den Umbau der Fläche gesichert. Rund drei Millionen Euro sollen investiert werden, 45 Prozent der förderfähigen Kosten übernimmt der Bund, 55 Prozent das Land Berlin.
Geplant ist ein multifunktionales Kunstrasenspielfeld für Fußball, Hockey und Flag Football. Hinzukommen sollen eine inklusive Lauf- und Rollstrecke für Menschen im Rollstuhl sowie für sehbeeinträchtigte Sportlerinnen und Sportler. Teile der bestehenden Naturrasenflächen sollen aber auch saniert werden. Für den Senat ist das Projekt damit ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einem stärker inklusiv ausgerichteten Jahnsportpark.
Jahnsportpark in Prenzlauer Berg: Senat verteidigt Umbau der bestehenden Sportwiese
Der Senat argumentiert, dass mit dem Projekt nicht einfach eine Grünfläche beseitigt werde, sondern die vorhandene Sportanlage funktional erweitert und insbesondere für Menschen mit Behinderungen besser nutzbar gemacht werden soll. Bereits in einer Schriftlichen Anfrage zu Beginn des Jahres hatte die Sportverwaltung erklärt, das Vorhaben entspreche dem Bedarfsprogramm des dritten Bauabschnitts, dem Gestaltungs- und Entwicklungsleitfaden sowie dem geltenden Bebauungsplan 3-87.
Eine Änderung des Bebauungsplans hält das Land daher nicht für erforderlich, trotz anhaltender Kritik der Bürgerinitiative Jahnsportpark sowie der Partei Bündnis90/Die Grünen im Bezirk Pankow. Auch die Bezeichnung als „Sanierung und Erweiterung“ versteht der Senat nach eigener Aussage funktional: Entscheidend sei demnach nicht allein die Größe der verbleibenden Naturwiese, sondern die Erweiterung der sportlichen und inklusiven Nutzungsmöglichkeiten. Hervor gehen diese Äußerungen aus einer Antwort auf eine schriftliche Anfrage des CDU-Abgeordneten Stephan Lenz.
Bürgerinitiative Jahnsportpark kritisiert Verlust von Naturwiese und informellem Sport
Genau an diesem Punkt setzt die Kritik der Bürgerinitiative Jahnsportpark an. Sie argumentiert, dass die heute rund 12.000 Quadratmeter große Naturwiese gerade deshalb besonders wertvoll sei, weil ihre Nutzung nicht durch Spielfeldmarkierungen oder bestimmte Sportarten vorgegeben werde. Die Fläche werde sowohl von Vereinen als auch von nicht organisierten Sporttreibenden genutzt.
Nach Darstellung der Initiative soll die Naturwiese auf etwa ein Drittel ihrer heutigen Größe schrumpfen. Kritisiert wird zudem die ökologische Wirkung des Kunstrasens. Bei eigenen Messungen während einer Hitzeperiode habe die Initiative auf dem Naturrasen 43 Grad Celsius, auf einer benachbarten Kunstrasenfläche dagegen 72 Grad gemessen. Diese Messungen stammen allerdings von der Initiative selbst.
Kunstrasen oder Naturwiese: Im Jahnsportpark treffen zwei unterschiedliche Ziele aufeinander
Damit stehen sich zwei durchaus nachvollziehbare stadtpolitische Ziele gegenüber. Der Senat möchte zusätzliche, belastbare und barrierefreie Sportflächen schaffen und den Jahnsportpark als wichtigen Standort für den inklusiven Sport entwickeln. Die Gegner des Umbaus wollen dagegen eine niedrigschwellig nutzbare Naturfläche erhalten, die zugleich eine klimatische Funktion erfüllt.
Hinzu kommt ein grundsätzlicher Konflikt um die Frage, was eine moderne innerstädtische Sportanlage leisten soll: möglichst viele organisierte und barrierefreie Sportangebote auf dafür ausgestatteten Flächen, oder auch Räume, deren Nutzung bewusst nicht vollständig festgelegt ist?
Direkt neben dem Jahnsportpark liegt mit dem Mauerpark eine 14 Hektar große Grünanlage
Bei der Diskussion über die klimatische Bedeutung des Jahnsportparks gehört allerdings auch dessen unmittelbares Umfeld zur Betrachtung. Direkt westlich schließt der rund 14 Hektar große Mauerpark an. Er verfügt über weitläufige Wiesenflächen, zahlreiche Bäume, einen Gemeinschaftsgarten sowie Spiel- und Sportangebote und bildet gemeinsam mit dem Jahnsportpark einen großen zusammenhängenden Freizeit- und Erholungsraum.
In den vergangenen Jahren wurde der Park zudem umfangreich modernisiert und erweitert und ist nun doppelt so groß wie zuvor (die ursprüngliche Fläche betrug rund sieben Hektar).

Viel Grün direkt neben dem Jahnsportpark: Der populäre Mauerpark ist ein viel genutzter Freizeit- und Erholungsraum. Von den großen Wiesenflächen reicht der Blick über den Park bis zum Berliner Fernsehturm. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Jahnsportpark und Mauerpark: Wie viel Grün braucht ein moderner innerstädtischer Sportstandort?
Das relativiert die Debatte um die Sportwiese natürlich nicht, erweitert aber die Perspektive: Im direkten Umfeld steht weiterhin eine erhebliche Fläche mit natürlichem Grün zur Verfügung, vor allem für informelle sportliche Bewegung. Zugleich erfüllt die Sportwiese aber eine andere Funktion als der stark frequentierte Mauerpark, da sie unmittelbar in den Sportpark eingebunden und für informellen Sport nutzbar ist.
Die Kontroverse dürfte deshalb kaum mit dem Hinweis auf den benachbarten Mauerpark beendet sein. Vielmehr geht es um die grundsätzliche Abwägung, wie viel Naturfläche innerhalb einer hoch ausgelasteten Sportanlage erhalten bleiben sollte und wie zusätzliche inklusive Angebote geschaffen werden können.
Trotz Kritik: Der Berliner Senat hält an seinem Umbaukonzept für den Jahnsportpark fest
Der Berliner Senat hält jedenfalls an seinem Konzept fest und hat die Finanzierung inzwischen abgesichert. Die Bürgerinitiative wiederum fordert weiterhin den Erhalt der Sportwiese in ihrer bisherigen Größe.
Damit bleibt der Konflikt beispielhaft für eine Frage, die sich bei vielen Berliner Bauprojekten stellt: Wie lassen sich zusätzliche Nutzungsangebote, Inklusion und intensive Flächennutzung mit Klimaanpassung und dem Erhalt gewachsener Freiräume verbinden, und was wird höher priorisiert? Eine einfache Antwort auf diese Fragen ist wohl nicht zu finden.
Jahnsportpark – Stadion-Neubau
Quellen: Schriftliche Anfrage an das Abgeordnetenhaus Berlin, Drucksache 19/26503 und 19 / 26 737, Presse- und Informationsamt des Landes Berlin
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2 Kommentare
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Die inklusive Nutzung eines der beiden bestehenden Kunstrasen-Großspielfelder ist v.a. eine organisatorische Frage. Sollte ein anderer Belag erforderlich sein, dann ließe sich ja eines dieser Felder zu viel geringeren Kosten und ohne zusätzliche Versiegelung realisieren. Und die inklusive Laufstrecke auf der Wiese wäre trotzdem möglich und verträglich integrierbar. Aber für solche Überlegungen scheint es dem Senat an der Bereitschaft zu fehlen.
Die Abwägungsproblematik gut auf den Punkt gebracht Herr Leffler! Der Senat sieht als seine Kundschaft eben den organisierten Sport an. Da kann er sich hinter dem Sportförderungsgesetz verstecken – ein Gesetz, das längst mal grundsätzlich auf den Prüfstand gehört.
Die Wünsche der Anwohner werden bei der Sportstättenplanung meist „zur Kenntnis genommen“.