Der Streit um geplante Baumfällungen am Heizkraftwerk Charlottenburg eskaliert. In einem offenen Brief erhebt Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger schwere Vorwürfe gegen Senat und BEW und stellt das Verwaltungshandeln grundsätzlich infrage. Das bisherige Vorgehen nennt Schruofenegger eine „Schande für ein landeseigenes Unternehmen.“

Der Rückbau am Heizkraftwerk Charlottenburg macht während der Sanierung historische und technische Strukturen sichtbar und bereitet den Standort auf den weiteren Umbau vor. Streit gibt es nun aber um die angekündigte Fällung von zehn Kastanien. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Der Streit um geplante Baumfällungen am Heizkraftwerk Charlottenburg hat sich deutlich verschärft. In einem offenen Brief erhebt Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger schwere Vorwürfe gegen die Senatsverwaltung und kritisiert den Umgang mit den Einwänden des Bezirks ungewöhnlich deutlich.
Hintergrund sind geplante Fällungen von Rosskastanien am Spreebord auf der Mierendorffinsel. Die Berliner Energie und Wärme GmbH (BEW) benötigt die Fläche nach eigenen Angaben für Sanitär-, Umkleide- und Aufenthaltscontainer im Zuge des umfassenden Umbaus des Heizkraftwerks Charlottenburg.
Baumfällungen am Heizkraftwerk Charlottenburg: Streit zwischen Senat und Bezirk eskaliert
Bereits seit Monaten lehnt das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf die geplanten Fällungen ab. Nach Darstellung Schruoffenegers hatte der Bezirk alternative Standorte vorgeschlagen, mit denen die Kastanien weitgehend hätten erhalten werden können.
Die BEW habe diese Alternativen jedoch nicht akzeptiert. Unter anderem sei aus Sicht des Bezirks weiterhin nicht nachvollziehbar, warum ein rund 20 Meter entfernter Standort auf demselben Grünstreifen oder eine Lösung am Fahrbahnrand nicht genutzt werden könne.
Offener Brief von Oliver Schruoffeneger: Schwere Vorwürfe gegen die Senatsverwaltung
Auslöser eines offenen Briefes, den das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf am Freitag veröffentlicht hat, ist nach Angaben Schruoffenegers eine Äußerung von Staatssekretär Johannes Krause. Dieser soll im Zusammenhang mit dem Vorgehen des Bezirks gegenüber Dritten von „Amtsanmaßung“ gesprochen haben.
Schruoffeneger weist diesen Vorwurf entschieden zurück und kündigt für den Wiederholungsfall rechtliche Schritte an. Zugleich stellt er die rechtliche Bewertung der Senatsseite grundsätzlich infrage.
Nach Darstellung des Bezirks hatte das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit Berlin die vorgesehenen Baumfällungen ausdrücklich unter den Vorbehalt einer Abstimmung mit dem Straßen- und Grünflächenamt gestellt. Eine Zustimmung des Bezirks sei jedoch nie erfolgt.

Die Baustelle am Heizkraftwerk Charlottenburg prägt derzeit das Spreeufer und zeigt den Fortschritt der Sanierung in Charlottenburg. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf untersagte Fällungen der Kastanien zweimal
Schruoffeneger verweist in seinem Schreiben auf zwei formelle Untersagungen. Am 19. Juni 2026 habe der Bezirk die Fällungen auf Grundlage des Bundesnaturschutzgesetzes und des Berliner Naturschutzgesetzes untersagt. Eine weitere Untersagung durch das Straßen- und Grünflächenamt sei am 30. Juni erfolgt.
Der Bezirksstadtrat widerspricht damit der offenbar auf Senatsebene vertretenen Auffassung, eine Zustimmung des Bezirks sei für die Arbeiten nicht erforderlich. Die nachträgliche Feststellung, die Abstimmung mit dem Bezirksamt sei erfolgreich erfolgt, bezeichnet Schruoffeneger als nicht nachvollziehbar.
BEW und Baumfällungen am Spreebord: Bezirk hinterfragt Größe der Baustelleneinrichtung
„Auch hat uns die BEW bisher nicht erläutert, warum es für die Unterbringung von in den Antragsunterlagen für die Stoßzeit definierten ‚zwischen 900 und 1100 Personen auf den BE-Flächen und Baufeldern‘ insgesamt Sanitär- und Aufenthaltsräume für 1295 Personen geben muss. Jedes private Unternehmen würde schon aus Kostengründen ein digitales tägliches Zuteilungssystem installieren und dann mit max. 1100 Plätzen auskommen. Von diesen 1295 gewünschten Plätzen befinden sich 300 auf dem Standort der Kastanien. Alleine schon die Reduzierung auf das angeblich notwendig Maß der Umkleiden würde dazu führen, dass auch ohne Standortverlagerung nur 2-3 Kastanien betroffen wären.“
Oliver Schruoffenger, Bezirksstadtrat
Auch die Dimensionierung der geplanten Baustelleneinrichtung steht in der Kritik. Laut offenem Brief sehen die Unterlagen für Spitzenzeiten zwischen 900 und 1.100 Personen auf den Bauflächen vor. Gleichzeitig seien Sanitär- und Aufenthaltsräume für insgesamt 1.295 Personen geplant.
Allein 300 dieser Plätze sollen demnach auf der Fläche der Kastanien untergebracht werden. Eine Reduzierung der Kapazitäten auf den tatsächlichen Bedarf könnte nach Einschätzung des Bezirks dazu führen, dass selbst am vorgesehenen Standort lediglich zwei bis drei Bäume betroffen wären.
Arbeiten an Kastanien sorgen für zusätzliche Kritik auf der Mierendorffinsel
Besonders scharf kritisiert Schruoffeneger Arbeiten, die bereits an den Bäumen erfolgt seien. Nach seiner Darstellung seien Fäll- und Schnittarbeiten ohne ausreichende verkehrsrechtliche Absicherung durchgeführt worden.
Der Bezirksstadtrat äußert zudem den Verdacht, dass vor einem Eingreifen des Bezirks möglichst schnell vollendete Tatsachen geschaffen werden sollten. Eine erste Einschätzung eines Sachverständigen spreche nach Angaben Schruoffenegers gegen ein sach- und fachgerechtes Vorgehen bei der Bearbeitung der Bäume.
„Warum wurde wohl so gehandelt? Man wollte schnell sein, die Bäume sollten fallen, bevor der Bezirk eingreifen kann, also wurde auf alle Absicherungen verzichtet. Hierzu liegt auch eine erste Einschätzung eines Sachverständigen vor. Die Art und Weise, wie die Bäume bearbeitet wurden, sprechen nicht sach- und fachgerechtes Vorgehen. Hier sollte in kürzester Zeit ein größtmöglicher und unwiderruflicher Schaden erreicht werden. Eine Schande für ein landeseigenes Unternehmen.“
Oliver Schruoffenger
Konflikt um Heizkraftwerk Charlottenburg wird zur politischen Auseinandersetzung
Der Streit reicht damit inzwischen weit über die Frage nach zehn Kastanien hinaus. Im Zentrum steht nun auch die Zusammenarbeit zwischen Bezirksverwaltung, Senatsverwaltung und einem landeseigenen Unternehmen bei einem der wichtigsten Energieprojekte Berlins.
Schruoffeneger warnt in seinem Brief vor einem erheblichen Glaubwürdigkeitsverlust gegenüber engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Gleichzeitig bietet der Bezirk weiterhin eine politische Lösung an: Die Baustelleneinrichtung könne auf einen Ausweichstandort zwischen Baustelleneingang und Sömmeringstraße verlagert werden.
Ob Senat und BEW auf diesen Vorschlag eingehen, ist derzeit offen. Klar ist jedoch: Aus einer lokalen Debatte um Baumfällungen auf der Mierendorffinsel ist inzwischen ein grundsätzlicher Konflikt über Zuständigkeiten, Verwaltungshandeln und den Umgang mit Stadtgrün bei großen Infrastrukturprojekten geworden.
HKW Charlottenburg
Quellen: BaumEntscheid Berlin, BEW Berliner Energie und Wärme GmbH, Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit Berlin, rbb24, Berliner Morgenpost, Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf
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Wieviel Bäume wurden in Berlin durch den Senat gefällt, und wieviele neu gepflanzt? Wie steht es um diese Priorität?
Berlin beschließt BäumePlus-Gesetz: 560.000 neue Stadtbäume bis 2040 https://www.entwicklungsstadt.de/berlin-beschliesst-baeumeplus-gesetz-560-000-neue-stadtbaeume-bis-2040/
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