Hochhäuser, historische Rekonstruktionen oder klimagerechter Umbau: Der Berlin-Wahl-Check vergleicht die Vorstellungen von SPD, CDU, Grünen, Linken und AfD für Architektur und Stadtbild.

Der Molkenmarkt soll in den kommenden Jahren zu einem neuen Stadtquartier mit Wohnungen, Gewerbe und öffentlichen Plätzen entwickelt werden. Über die architektonische Gestaltung und den Umgang mit dem historischen Stadtgrundriss gibt es unterschiedliche politische Vorstellungen. / © Visualisierung: P/E/P Architekten + Stadtplaner GmbH, Münster mit Kleihues + Kleihues GvA mbH, Berlin und Muck Petzet Architekten GmbH, München
© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT
Berlin besitzt kein einheitliches Stadtbild. Gründerzeitliche Blockrandbebauung steht neben Großsiedlungen, Nachkriegsmoderne und neuen Hochhäusern. Historische Dorfkerne, Plattenbauquartiere, Industriearchitektur und repräsentative Bauten der wiedervereinigten Hauptstadt prägen jeweils andere Teile der Stadt. Gerade diese Brüche gehören zu Berlin. Zugleich führen neue Bauprojekte regelmäßig zu Debatten darüber, welche Architektur zur Hauptstadt passt und welche bestehenden Strukturen erhalten bleiben sollen.
Dabei geht es nicht allein um Geschmack. Die Höhe und Dichte neuer Gebäude entscheiden darüber, wie viele Wohnungen und Arbeitsplätze auf einer Fläche entstehen können. Abriss oder Umbau beeinflussen Ressourcenverbrauch und Klimabilanz. Rekonstruktionen werfen die Frage auf, wie Berlin mit seiner Geschichte umgeht. Auch die Gestaltung von Erdgeschossen, Plätzen und Grünflächen bestimmt, ob neue Quartiere lebendig wirken oder abgeschottete Gebäudeinseln entstehen.
Die Parteien behandeln diese Fragen mit unterschiedlicher Ausführlichkeit. ENTWICKLUNGSSTADT vergleicht vor der Wahl die stadtentwicklungspolitischen Konzepte der fünf derzeit größten Parteien im Berliner Abgeordnetenhaus. Der neunte Teil der Serie untersucht, welche Vorstellungen CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und AfD von Architektur, Hochhäusern, Denkmalschutz und dem künftigen Stadtbild Berlins entwickeln.
SPD: Bestehende Stadt weiterbauen und neue Orte qualifizieren
Die SPD legt kein geschlossenes Architekturprogramm vor, beschreibt aber an mehreren Stellen, wie sie Berlin baulich weiterentwickeln will. Vorrangig sollen Baulücken, Brachflächen und bereits versiegelte Grundstücke genutzt werden. Aufstockungen, die Umnutzung leerstehender Bürogebäude und die Überbauung eingeschossiger Bauten sollen zusätzliche Räume schaffen, ohne die Stadt ausschließlich an ihren Rändern auszudehnen. Beim Neubau setzt die Partei auf modulare Verfahren und den Gebäudetyp E, verbindet diese Vereinfachungen jedoch mit langlebigen, regional verfügbaren und nachwachsenden Materialien. Der Erhalt von Wohngebäuden soll grundsätzlich Vorrang vor Abriss und Ersatzneubau haben.
Konkreter wird das Programm für die historische Mitte. Das Nikolaiviertel soll mit Städtebaufördermitteln weiterentwickelt, der Raum zwischen Fernsehturm und Spree als grüner Freiraum gestaltet und der Molkenmarkt zu einem gemischten Quartier mit landeseigenen Wohnungen, Gewerbe und Kultur ausgebaut werden. Dabei kündigt die SPD ausdrücklich an, die architektonische Qualität zu sichern. Zugleich versteht sie das Gebiet von der Alten Münze über den Molkenmarkt und das Graue Kloster bis zum Haus der Statistik als zusammenhängendes Band aus Kultur und Stadtgeschichte. Eine grundsätzliche Position zu Hochhäusern formuliert das Wahlprogramm dagegen nicht. Die SPD setzt stärker auf die Qualität konkreter Quartiere als auf ein übergreifendes formales Leitbild für die gesamte Stadt.

Das „Haus der Statistik“ bildet den zentralen Bestand des geplanten Quartiers in Berlin-Mitte. Der Bebauungsplan regelt die künftige Ergänzung durch Wohnungen, Verwaltungsgebäude, Kulturflächen und neue Freiräume. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
CDU: Vereinfachtes Bauen und Entwicklung zentraler Stadträume
Die CDU setzt beim künftigen Stadtbild vor allem auf vereinfachte Bauverfahren und standardisierte Bauweisen. Mit dem modularen Mehrfamilienhaus „Berlin-MFH“ sollen Baukosten sinken und Genehmigungen beschleunigt werden. Zudem will die Partei Planungsverfahren digitalisieren, Bezirksverwaltungen effizienter organisieren und Regelungen im Umwelt-, Arten- und Denkmalschutz auf das nach Bundes- und Europarecht zwingend erforderliche Maß zurückführen.
Für einzelne Stadträume nennt das Regierungsprogramm konkrete Vorhaben. Die City West soll auf Grundlage der „Charta City West 2040“ weiterentwickelt werden. Der digitale Zwilling Berlins, ein digitales 3D-Abbild, soll Planungen transparenter machen und die Bürgerbeteiligung stärken. Für den Checkpoint Charlie fordert die CDU eine würdige städtebauliche Gestaltung mit hoher Aufenthaltsqualität. Ein berlinweites Hochhauskonzept oder ein allgemeines architektonisches Leitbild formuliert das Regierungsprogramm dagegen nicht.
Grüne: Baukultur durch Bestandserhalt und klare Grenzen für Hochhäuser
Die Grünen wollen Berlin aus dem Bestand heraus weiterentwickeln und lehnen eine Rückkehr zu einem historisierenden Stadtbild als Leitbild ab. Bestehende Gebäude und städtebauliche Qualitäten sollen erhalten und weiterentwickelt werden. Denkmalschutz und Klimaschutz betrachtet die Partei dabei nicht als Gegensätze. Energetische Sanierungen, Klimaschutzmaßnahmen und Barrierefreiheit sollen auch bei denkmalgeschützten Gebäuden erleichtert werden. Gleichzeitig wollen die Grünen den Begriff der Baukultur erweitern und dafür einen Runden Tisch mit Verwaltung, Fachwelt und Zivilgesellschaft einrichten.
Neue Quartiere sollen eine angemessene Dichte, Nutzungsmischung sowie hochwertige öffentliche Räume bieten. Neue Bürotürme lehnen die Grünen ab und sprechen sich für ein Moratorium beim Neubau von Bürogebäuden aus. Hochhäuser sollen nur dort entstehen, wo sie sich städtebaulich einfügen, hohe ökologische Standards erfüllen und dauerhaft bezahlbaren Wohnraum in gemeinwohlorientierter Trägerschaft schaffen. Bauhöhe allein gilt für die Grünen nicht als Qualitätsmerkmal; entscheidend sind der Nutzen für das Quartier, die Klimabilanz und die Einbindung in das bestehende Stadtbild.
Die Linke: Keine neuen Bürotürme und mehr Kontrolle über Architektur
Die Linke grenzt sich besonders deutlich von einer durch Immobilieninvestitionen geprägten Hochhausentwicklung ab. Ihr Leitbild ist eine Stadt ohne neue Bürotürme und Wolkenkratzer, in der Umbau, Sanierung und die Nutzung vorhandener Gebäude Vorrang vor Abriss und Neubau haben. Für den Alexanderplatz lehnt sie weitere Hochhäuser mit Büros oder Luxuswohnungen ab und will das bestehende Hochhausleitbild überarbeiten. Die Sichtachsen der auf den Platz zulaufenden Straßen zum Fernsehturm sollen erhalten bleiben. Auch in der City West setzt die Partei auf eine behutsame Entwicklung aus dem Bestand heraus statt auf eine massive Verdichtung durch neue Türme.
Architektonische und städtebauliche Qualität will die Linke stärker über öffentliche Verfahren sichern. Bei Bauvorhaben des Landes und landeseigener Unternehmen sollen häufiger offene, niedrigschwellige und beteiligungsorientierte Wettbewerbe stattfinden. Auch kleinere und regionale Büros sollen dabei bessere Chancen erhalten. Den Abriss intakter Gebäude will die Partei verbieten und andere Abrisse nur noch unter strengen Bedingungen genehmigen. Eine Internationale Bauausstellung unterstützt sie nur, wenn diese den Umbau vor Abriss stellt, dauerhaft bezahlbares Wohnen schafft und von gemeinwohlorientierten Trägern geprägt wird. Stadtbild und Architektur versteht die Linke somit nicht vorrangig als Frage repräsentativer Einzelbauten, sondern als Ergebnis sozialer Nutzung, öffentlicher Kontrolle und sorgfältiger Weiterentwicklung des Bestands.

So soll das Hochhaus „030BLN“ am Alexanderplatz nach Fertigstellung aussehen. / © Visualisierung: Covivio
AfD: Historische Stadtreparatur und originalgetreue Rekonstruktionen
Die AfD verbindet Baukultur ausdrücklich mit Erinnerungspolitik und historischer Identität. Verlorene Stadträume sollen dort zurückgewonnen werden, wo eine belastbare Dokumentation vorliegt und ein städtebaulicher Mehrwert erwartet wird. Besonders nennt das Wahlprogramm die originalgetreue Rekonstruktion der Schinkelschen Bauakademie und die Wiederbebauung der historischen Berliner Altstadt am Molkenmarkt. Die Partei lehnt eine ausschließlich funktionale und bewusst kontrastierende Stadtplanung ab. Neubauten und Wiederaufbauten sollen sich stattdessen am überlieferten Vorbild, an der Maßstäblichkeit des jeweiligen Ortes sowie an einer nachvollziehbaren Kosten- und Nutzungsabwägung orientieren.
Auch den Denkmalschutz will die AfD personell stärken. Zusätzliche Stellen sowie bessere Ausbildungs- und Vergabestrukturen für Steinmetze, Stuckateure, Restauratoren und andere traditionelle Handwerksberufe sollen den Erhalt historischer Gebäude unterstützen. Umbenennungen von Straßen und Plätzen, die die Partei als ideologisch motiviert bewertet, lehnt sie ab; historische und kulturelle Bedeutung, gesellschaftliche Leistung und Ortsbezug sollen stärker berücksichtigt werden. Anders als das ältere wohnungs- und stadtentwicklungspolitische Fraktionskonzept enthält das Wahlprogramm 2026 jedoch keine ausdrückliche Position zur allgemeinen Hochhausentwicklung.
Berlins künftiges Stadtbild bleibt eine Frage politischer Prioritäten
Die Programme zeigen keine einfache Trennlinie zwischen moderner und traditioneller Architektur. SPD und CDU verzichten weitgehend auf ein umfassendes ästhetisches Leitbild. Grüne und Linke beziehen klarere Positionen zur baulichen Gestalt der Stadt. Im AfD-Konzept geht es ausdrücklich um die historische Identität Berlins.
Damit entscheidet die Berlin-Wahl 2026 nicht darüber, welcher Architekturstil künftig vorgeschrieben wird. Sie beeinflusst jedoch, ob Berlin stärker in die Höhe wächst, vorhandene Gebäude häufiger umbaut oder abreißt, historische Stadträume rekonstruiert und welche sozialen oder ökologischen Bedingungen neue Architektur erfüllen muss. Das künftige Stadtbild entsteht deshalb nicht nur an den Fassaden. Es ergibt sich aus der Frage, wer baut, für wen gebaut wird und welche Interessen bei der Gestaltung der Stadt Vorrang erhalten.
Quellen: Wahlprogramme der SPD, CDU, Bündnis 90 / Die Grünen, Die Linken und AfD für die Berlin-Wahl 2026
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