Die Sprengung der Gasometer in Prenzlauer Berg löste 1984 Proteste aus, die weit über Fragen der Stadtplanung hinausgingen. Der Konflikt offenbarte die wachsende Distanz zwischen DDR-Führung und Bevölkerung und wurde zum Ausdruck einer neuen gesellschaftlichen Selbstermächtigung.

1984 ließ die DDR-Führung die historischen Gasometer an der Dimitroffstraße sprengen und setzte den Ernst-Thälmann-Park als Prestigeprojekt durch. Doch der Widerstand gegen den Abriss zeigte, wie aus städtebaulicher Kritik zunehmend offener Protest gegen staatliche Willkür entstand. / © Foto: Wikimedia Commons, Gerd Danigel (CC BY-SA 3.0 DE)

© Foto Titelbild: Wikimedia Commons, Gerd Danigel (CC BY-SA 3.0 DE)

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Verfallende Altbauten, stockende Sanierungsprojekte und verfehlte Wohnungsbauziele prägten die Entwicklung des Prenzlauer Bergs in den letzten Jahrzehnten der DDR, wie die bisherigen Teile dieser Reihe gezeigt haben.

Gleichzeitig wuchs die Distanz zwischen staatlicher Planung und der Lebensrealität vieler Bewohnerinnen und Bewohner. In den 1980er Jahren erreichte dieser Konflikt eine neue Dimension: Aus Kritik an städtebaulichen Entscheidungen entwickelte sich zunehmend offener Protest gegen die politischen Strukturen der DDR.

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1984: Sprengung der historischen Gasometer in Prenzlauer Berg führte zu Protesten

Im Frühjahr 1984 heizten sich die gesellschaftlichen und fachlichen Diskurse um die geplante Sprengung der 1981 an der Dimitroffstraße (heute Danziger Straße) stillgelegten Gasometer derart auf, dass es im Stadtbezirk einen großen öffentlichen Aufschrei gab.

Dies war insofern neu, als jetzt nicht nur Kritik an der Bauplanung, sondern auch eine damit verbundene Kritik am System einherging. Trotz dieser nicht zu überhörenden Systemkritik entschied das Politbüro, auf der Fläche der abgerissenen Gasometer den Ernst-Thälmann-Park zu errichten.

Ein staatlicher Beschluss, der vorgab, in welche Richtung es zu gehen hatte. Es fand dazu kein öffentlicher Wettbewerb statt und nur geladene Architektur- und Baukollektive durften ihre Entwürfe einreichen. Ursprünglich sah das Büro für Städtebau vor, ein Stadtteilzentrum zu errichten und die bekannten Schirme – die Gasometer – als Bauwerke zu erhalten und umzunutzen.

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Ernst-Thälmann-Park als Prestigeprojekt mit Konfliktpotenzial

Das Politbüro entschied sich kurzerhand für den Bau des Ernst-Thälmann-Parks und dafür, als Prestigeprojekt den Wohnungsneubau mit Parkanlage und Denkmal miteinander zu verbinden. Die nicht öffentlich ausgetragenen Konflikte zwischen Staatsführung und Fachkreisen schwelten derweil weiter.

Das Konfliktpotenzial betraf einerseits die ursprünglichen Planungen des Stadtbezirks für ein Stadtteilzentrum mit einem Park. Lokale Kunstschaffende und vor allem Bildhauerinnen und Bildhauer waren angespornt worden, dafür Skulpturen zu entwerfen, was mit der politischen Entscheidung für den Ernst-Thälmann-Park einfach ignoriert und vom Tisch gewischt wurde.

Ernst-Thälmann-Park: Dem Stadtbezirk wurde das Projekt entzogen

Hinter diesem Negieren der lokalen Künstler stand auch die „größere Kultur- und Denkmalpolitik“ der DDR, was man später am Eingang des Parks erkennen konnte. Ein anderer Aspekt war die Priorisierung der Entscheidung für den Wohnungsneubau, der letzten Endes mehrheitlich und rigoros umgesetzt wurde.

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Dem Rat des Stadtbezirks hatte man durch diese zentrale politische Entscheidung das Projekt entzogen. Alle bisherigen Planungen und Aufwendungen wurden derart geringgeschätzt, dass eine weitere Konfliktlinie unausweichlich war.

Gasometer in Prenzlauer Berg als Zeugnisse der Industriegeschichte

Trotzdem blieb eine – lange vor der Abrissentscheidung – im Mittelpunkt der Diskussionen stehende zentrale Frage: Was sollte mit den Gasometern geschehen? Denn die Gerüchte über die bevorstehenden Sprengungen erhärteten sich immer mehr.

Auch in der DDR galten diese älteren Bauwerke aus der Gründerzeit als identitätsstiftend und standen exemplarisch für die Industriegeschichte des Stadtteils. Seit der Stilllegung waren verschiedene Umnutzungen diskutiert und besprochen worden, wobei auch viele Akteure einbezogen worden waren, zum Beispiel Absolventen der Kunsthochschule Weißensee, die über das Büro für Städtebau eingebunden waren und ihre Ideen entwickelten.

Abriss der Gasometer: Offiziell wurden technische Probleme als Grund angeführt

Gleichzeitig wurde im Kontext der Diskussionen um den Denkmalschutz immer wieder in der Tages- und Wochenpresse (NBI) medial und öffentlich darüber berichtet, dass die Gasometer erhalten bleiben sollten. Die politische Entscheidung zum Abriss fiel zu einem Zeitpunkt, als der Druck auf die politischen Verantwortlichen aufgrund des bevorstehenden Berliner Stadtjubiläums 1987 immer mehr zunahm.

Offiziell begründet wurde der Abriss mit technischen Problemen hinsichtlich des Erhalts. Tatsächlich spielte aber die zuvor gewünschte städtebauliche Inszenierung eine Rolle. Die Silhouetten der Gasometer hätten die Wohnbauten überragt, und das entsprach nicht der Idee der sozialistischen Inszenierung, vor allem mit Thälmann im Vordergrund.

Die sich im Frühjahr 1984 immer mehr verdichtenden Gerüchte über den Abriss der Gasometer zogen fachlich und gesellschaftlich immer breitere Kreise. Mit einer Vielzahl von Aktivitäten versuchten Bürgerinnen und Bürger, Informationen einzuholen. Der gesellschaftliche Druck auf die Parteiführung wuchs, denn es gab keine öffentliche Position oder Information darüber, dass die Gasometer abgerissen werden sollten.

Abriss der Gasometer verschärfte gesellschaftspolitische Spannungen

Die Brisanz der Abrissentscheidung war dem Politbüro zu diesem Zeitpunkt durchaus bewusst. Zudem standen die Kommunalwahlen im April an. Das heißt, hier war es wieder besonders wichtig, eine möglichst hohe Wahlbeteiligung zu inszenieren und sozusagen den Staat auf der sozialistischen Bühne ins rechte Licht zu setzen.

Die offizielle Information zum Abriss kam erst im Juni 1984, rund einen Monat vor dem Abriss. Mittlerweile war die Situation gesellschaftspolitisch so angespannt, dass die Bürgerinnen immer häufiger mit Wahlverweigerung und Ausreiseanträgen drohten und somit noch mehr politischen Druck ausübten. Die nun öffentlich bekannte Sprengung der Gasometer löste entsprechende Proteste aus. Entscheidend und wichtig dabei waren die öffentliche Dimension und die neuen Instrumente, die die Bürgerinnen nutzten, um ihre Unzufriedenheit auszudrücken.

Sprengung der Gasometer in Prenzlauer Berg am 28. Juli 1984

Mit Flugblättern und Plakaten nutzte man immer stärker den öffentlichen Raum vor Ort, um Kritik zu äußern und eine Solidarisierung der Gesellschaft zu ermöglichen. Die spezielle Kritik gegen den Abriss kam vor allem aus Fachkreisen und führte schließlich zu einer Klage gegen die politischen Entscheider.

Somit nutzte man jetzt auch juristische Mittel. Der Protest richtete sich dabei nicht nur gegen diese einzelne Entscheidung, sondern gegen die fehlende Transparenz hinsichtlich der verweigerten Mitsprache und gegen die staatliche Willkür generell. Trotz der Proteste erfolgte schließlich am 28. Juli 1984 die Sprengung der Gasometer unter den Augen der Öffentlichkeit, obwohl es den Bürger*innen strikt untersagt war, bei der Sprengung anwesend zu sein.

So sah der Ernst-Thälmann-Park in Prenzlauer Berg wenige Wochen nach seiner Einweihung 1986 aus.

So sah der Ernst-Thälmann-Park in Prenzlauer Berg wenige Wochen nach seiner Einweihung 1986 aus. / © Foto Wikimedia Commons, Jörg Blobelt, CC BY-SA 4.0

Prenzlauer Berg ab Mitte der 1980er Jahre: Wohnungsnot und Verfall

Die Bevölkerung in Prenzlauer Berg war bis 1987 erheblich auf 150.000 gesunken, die Anzahl der Wohnungen war dagegen mit 90.000 relativ hoch. Aber zirka 70 Prozent dieser Altbauwohnungen waren marode. Feuchtigkeit, Schimmel, instabile Balkone und bröckelnde Fassaden prägten das Erscheinungsbild.

Ein wichtiger Aspekt dabei: Leerstand und Wohnungsnot existierten gleichzeitig. Das heißt, rund zehn Prozent der Wohnungen – gut 9.000 – standen leer, und nur von drei Prozent wusste die kommunale Wohnungsverwaltung. Die Verwaltung hatte also tatsächlich den Überblick verloren. Im Ergebnis dessen gab es viele Freiräume.

Überforderte Verwaltung schaffte informelle Freiräume

Die Folge davon waren „aufblühende informelle Praktiken“. Manche meldeten freie Wohnungen an die kommunale Verwaltung in der Hoffnung, selbst eine der leerstehenden Wohnungen zugesagt zu bekommen, andere wiederum besetzten sie selbst.

Für die Kommunikation war hierbei das praktische Wissen wichtig, beispielsweise über Zugänge und Mietformalitäten, das in den Nachbarschaften zirkulierte. Also: Wo standen Wohnungen leer und wie konnte man sich diese aneignen?

Auch pragmatisches Wissen war mitentscheidend, wie etwa die Kenntnis über die Bankverbindung der kommunalen Wohnungsverwaltung, damit man über mehrere Monate die Miete überweisen konnte, um darüber dann das Mietverhältnis zu legalisieren. Die Bevölkerung hatte erkannt, dass der Stadtbezirk und die kommunalen Verwaltungen die Probleme nicht lösen konnten.

DDR-Führung verkannte die Realitäten in Prenzlauer Berg

Und so begann die Bevölkerung damit, sich mit ihren Forderungen und ihrer Kritik direkt an den Ost-Berliner Magistrat, das Zentralkomitee oder das Politbüro zu wenden. Die Parteiführung sah darin kein strukturelles Problem, sondern, so ein Zitat, „eine überhöhte Erwartungshaltung der Bevölkerung“.

Gleichzeitig kritisierte sie eine „offensichtlich sehr schlechte Arbeit auf der lokalen Ebene der Kommunen, dass überhaupt so viel Kritik und Unzufriedenheit herrschte“ – die Parteiführung negierte das Problem. Die Bürokratie wurde also nicht abgebaut, sondern durch zusätzliche Kontrollberichte erweitert.

Stadtjubiläum in Ost-Berlin 1987: Ernst-Thälmann-Park als Prestigprojekt

Das Regime versuchte also, die „bröckelnde Fassade“ mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten und die eigene Legitimationskrise zu verschleiern.

Stattdessen fokussierte man sich eher auf Prestigeprojekte zum bevorstehenden Stadtjubiläum in Ost-Berlin 1987, wie den Ernst-Thälmann-Park, die Rekonstruktion der Husemannstraße oder den Ausbau repräsentativer Hauptstraßen, die schnell und ohne Beteiligung der Anwohnenden umgesetzt wurden. Man inszenierte sehr stark Bürgerbeteiligungen und Wettbewerbe, was allerdings immer mehr mit der Lebensrealität kollidierte.

In Prenzlauer Berg formierte sich die Opposition

Während aber die Bausubstanz weiter verfiel, traten in Prenzlauer Berg immer mehr gesellschaftliche Dynamiken hervor. In einem Bericht der kommunalen Stadtverwaltung war der Stadtbezirk der aktivste in ganz Ost-Berlin, was die Eingaben und die Aktivitäten vor Ort anging. Das betraf sowohl oppositionelle als auch sozialistisch konforme Aktivitäten.

Die öffentliche Sichtbarkeit einzelner Aktionen wurde auf eine andere Art und Weise sehr stark wahrgenommen. Die Gasometer-Proteste hatten das kritische Bewusstsein individueller und kollektiver Selbstermächtigung gestärkt. Zugleich wurden die lokale und räumliche Identifikation sowie die Fortsetzung der Proteste hin zu einer gesellschaftlichen Solidarisierung in diesem System weiter gestärkt.

 

Ost-Berlin: Lokale Themen verbanden sich zunehmend mit gesellschaftspolitischen Diskursen

Bürgerinnen, Bürger und engagierte Gruppen verschafften sich zunehmend Gehör und es gab ein Nebeneinander von Szene und normalem Alltag. Lokale Themen und Anliegen verbanden sich zunehmend mit stadt- und gesellschaftspolitischen Diskursen, wie beispielsweise der Friedensbewegung oder dem Denkmalschutz.

Durch diese selbst hergestellte Öffentlichkeit und die Aktionen wurden die bewährten Abläufe der sozialistischen Planungskultur zunehmend infrage gestellt. Mehr noch wurden lokale Machträume in den Nachbarschaften neu verhandelt, verwehrte Öffentlichkeiten eingefordert und somit die bestehenden Machthierarchien weiter destabilisiert.

Wohnungsfrage 1988: Hilflosigkeit des DDR-Systems wurde sichtbar

Im Jahr 1988 trafen in Prenzlauer Berg noch einmal zwei Entwicklungen aufeinander, die die Hilflosigkeit des Systems bei der Lösung der Wohnungsfrage im Stadtbezirk offenlegten. Um die Defizite bei der Erfüllung der Vorgaben zur Wohnungsfrage zu reduzieren, machte sich zum einen das Ministerium für Bauwesen dafür stark, den Abriss wieder stärker zu forcieren und die industrielle Bauweise als Problemlöser wieder in den Fokus zu stellen.

Auf der anderen Seite führte der Ost-Berliner Magistrat die „bürgernahe Kommunalpolitik“ ein, mit dem Ansatz, dass beispielsweise Büros für Bürgerinitiativen geschaffen beziehungsweise bestehende Einrichtungen entsprechend umbenannt wurden. Diese Büros sollten als Schnittstelle dienen und das Motto „Mitplanen, mitarbeiten, mitregieren“ stärker in den Mittelpunkt stellen.

Kampf um Macht und Deutungshoheit: Zwischen Bürgerdialog und echter Mitbestimmung

Diese beiden Entwicklungen standen natürlich in einem starken Kontrast zur gesellschaftlichen Selbstermächtigung. In den späten 1980er Jahren vertiefte sich somit der Konflikt zwischen Kommunikation und echter Mitbestimmung.

Es ging längst nicht mehr nur um das Problem des Wohnraums, sondern um Macht, Deutungshoheit und die Frage, wer überhaupt definierte, was das Problem war und wer darüber entschied, was die oder eine Lösung sein könnte. Diese Themen wurden zentral diskutiert und angesprochen.

Doku-Folge des DDR-Museums zum Ernst-Thälmann-Park:

Fortsetzung folgt.

Quellen: Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, TU Berlin 

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