Von Berlins größtem Industriehafen über die Teilung in Ost und West bis zum „EDGE East Side Tower“ – das Areal der heutigen Mediaspree erzählt die Geschichte einer Stadt, die sich ständig neu erfindet. Ein Blick auf den Wandel des Spreeufers zwischen Friedrichshain, Kreuzberg und Treptow.


Das 1929 eröffnete Eierkühlhaus (links) und der Getreidespeicher aus dem Jahr 1913 (rechts daneben) sind bis heute erhalten. Bis 2024 war das ehemalige Eierkühlhaus Sitz der Universal Music Group. Im alten Getreidespeicher befindet sich heute die Eventlocation Spreespeicher. / © Foto links: Wikimedia Commons, Gabriele Waechter, geb. Niepage, CC BY-SA 2.5; Foto rechts: Wikimedia Commons, Harowe, CC BY-SA 3.0 DE
© Foto Titelbild: Wikimedia Commons, Max Missmann, Public domain
Noch vor 30 Jahren sah das Spreeufer zwischen Elsenbrücke und Jannowitzbrücke völlig anders aus als heute. Geprägt von der Zeit im Grenzgebiet lagen viele Flächen brach oder erzählten mit ihren alten Industriebauten von einer noch länger vergangenen Epoche, als das Gebiet noch Teil eines der größten Industriehäfen Berlins war.
Heute sind die denkmalgerecht umgebauten Speichergebäude und die modernen Neubauten Teil der Mediaspree, eines der größten städtebaulichen Entwicklungsprojekte Berlins. Ziel war und ist es, das ehemalige Industrie- und Hafengebiet in ein modernes Zentrum für Medien, Kultur, Wohnen und Wirtschaft umzuwandeln.
Wir werfen einen Blick auf den Wandel, der in den letzten 100 Jahren auf dem Areal stattgefunden hat.
Berliner Osthafen: Florierendes Industriegebiet Anfang des 20. Jahrhunderts

Neben Industriekränen und Stegen wurden Anfang des 20. Jahrhunderts am Osthafen Speichergebäude für verschiedene Waren errichtet. Einige von ihnen sind bis heute erhalten, wie dieser alte Getreidespeicher, der saniert wurde und heute als Spreespeicher Eventlocation bekannt ist. / © Foto: Wikimedia Commons, Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 006345, CC BY 4.0
Schon in den 1920er Jahren war das Gebiet entlang der Spree von Industrie und Gewerbe geprägt. 1913 eröffnete der Osthafen, der als zweiter Industriehafen und damals größter Hafen Berlins den stark gestiegenen Warenhandel entlasten sollte. Mehrere Speichergebäude wurden errichtet, die Lagermöglichkeiten für Getreide und andere Waren boten.
Zu den bedeutendsten Industriebauten entlang der Spree zählten damals das Eierkühlhaus an der Oberbaumbrücke, wo bis zu 75 Millionen Eier und andere Kühlwaren lagerten, und die Eisfabrik in der ehemaligen Luisenstadt. Beide sind bis heute erhalten und stehen unter Denkmalschutz. Nicht mehr erhalten sind einige Fabrikgebäude wie die Textilfabrik Dannenberger, die sich nahe der Oberbaumbrücke auf Kreuzberger Seite befand.
Zweiter Weltkrieg und Kalter Krieg: Zerstörung und Militärnutzung des Spree-Areals
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Areal von der Wehrmacht als Güterumschlagplatz und zur Wartung von Kriegsmaterial durch Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter genutzt. Nach 1945 lagen große Teile des Spreeraums brach. Viele Abschnitte wurden von der Sowjetunion beschlagnahmt und vorhandenes Material wurde als Reparationsleistung demontiert.
In der Zeit des Kalten Krieges, zwischen 1947 und 1989, fungierte die Spree als innerdeutsche Grenze. Das heutige Mediaspree-Areal lag dementsprechend genau im Grenzgebiet: städtebaulich blockiert, ökonomisch kaum nutzbar. Viele dort ansässige Unternehmen verließen daraufhin das Spree-Gebiet. Direkt auf der Spree entstand 1962 auf der Ostseite der noch heute existierende, knapp 500 Meter lange Grenz- und Zollsteg. Er diente dazu, den Grenzverkehr auf der Spree abzufertigen und sollte Fluchten verhindern.
Während die alte Industriearchitektur auf der DDR-Seite in den Grenzschutz einbezogen wurde oder diesem weichen musste, entwickelten sich auf der BRD-Seite in Berlin-Kreuzberg verschiedene alternative Projekte. Künstlerinnen und Künstler sowie Studierende nutzten die ehemaligen Fabrik- und Gewerbebauten als günstigen Wohnraum. Daneben entstanden am Spreeufer Kultur- und Clubprojekte wie die Bar25 oder das Yaam.
Vom Grenzgebiet zum Medienareal: Private Investoren transformieren das Spreeufer
Mit der Wiedervereinigung änderte sich die Perspektive: Das ehemalige Industrie- und Grenzareal wurde für private Investoren interessant. Noch in den 1990er Jahren kauften diese viele der brachliegenden Flächen auf. 2002 wurde ein Flächennutzungsplan des Berliner Senats für das Areal verabschiedet. Dieser ebnete den Weg für das Projekt Mediaspree.
Seither wird das Areal entlang der Spree zwischen Friedrichshain, Kreuzberg und Treptow neu gestaltet. Das 3,7 Kilometer lange Entwicklungsgebiet umfasst etwa 180 Hektar und erstreckt sich auf beiden Seiten entlang der Spree von der Jannowitzbrücke bis zur Elsenbrücke. Im Norden wird es von der Bahntrasse, im Süden von der Schlesischen Straße und der Köpenicker Straße begrenzt. Von der Mauer ist auf der Fläche bis heute ein 1,3 Kilometer langes Stück als „East Side Gallery“ erhalten geblieben. Es wurde von Künstlerinnen und Künstlern gestaltet und ist öffentlich zugänglich.
Eine Institution Mediaspree gibt es bis heute nicht. Die Planung der Bauvorhaben lag und liegt bei den jeweiligen Grundstücksbesitzern und -besitzerinnen, Investoren und Bezirken.
Mediaspree: Baustart in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren

Neubauten am Spreeufer: Das Hotel nhow entsteht in den 2000er Jahren an der Stralauer Allee. / © Foto: Wikimedia Commons, Jörg Zägel, CC BY-SA 3.0
In den späten 1990er und frühen 2000er Jahren entstanden die ersten Neubauten am Spreeufer: Die „TwinTowers“ in Alt-Treptow wurden 1997 fertiggestellt, in direkter Nachbarschaft entstanden 1998 die „Treptowers“. Mit ihrem 125 Meter hohen Büroturm an der Elsenbrücke waren die Treptowers lange Zeit das höchste Bürogebäude Berlins. Abgelöst wurden sie 2025 vom 142 Meter hohen „EDGE East Side Tower“, in dem Amazon seinen Sitz hat. Das umstrittene Hochhaus gehört ebenfalls zum Mediaspree-Areal.
Das Industriegebiet des Osthafens zwischen Oberbaumbrücke und Elsenbrücke wurde mit seinen noch bestehenden Gebäuden weitestgehend erhalten und durch Neubauten wie das nhow Hotel oder die Coca-Cola-Deutschlandzentrale an der Spreepromenade ergänzt. In die Bestandsbauten zogen Medienunternehmen wie VIVA, MTV und Universal Music in den 2000er Jahren ein. Auch der alte Getreidespeicher aus dem Jahr 1913 ist bis heute erhalten und wird als Eventlocation genutzt. Entlang der Kreuzberger Uferseite wurden alte Fabrikgebäude ebenfalls erhalten und saniert. In den meisten Gebäuden befinden sich heute Gewerbeflächen, in einigen auch Wohnungen.
Entlang der Spree in Richtung Innenstadt entstanden auf den Grenz-Brachflächen auf Friedrichshainer Seite zahlreiche Neubauten. Darunter die großformatige Veranstaltungshalle O2 World (heute Uber Arena), die East Side Mall und das „Trias“, in dem heute die BVG ihren Sitz hat.
Befürwortung und Kritik an der Entwicklung des Spreeufers
Befürworterinnen und Befürworter begrüßten das größte Investorenprojekt Berlins Anfang der 2000er Jahre, weil es jahrzehntelange Brachflächen und Hafengelände öffentlich zugänglich machte und gestaltete. Sie hoben außerdem die wirtschaftlichen Impulse, die Schaffung moderner Arbeitsplätze und die internationale Anziehungskraft hervor.
Größerer Widerstand gegen Mediaspree regte sich in der Bevölkerung erst im Jahr 2008. Die Bürgerinitiative „Mediaspree versenken“ warnte vor der zunehmenden Kommerzialisierung des Areals, den steigenden Mieten und der Verdrängung alternativer Projekte sowie langjähriger Bewohnerinnen und Bewohner.
Die Zukunft der Mediaspree: Museumshafen und „Forty4“ sind neue Projekte

Visionen für die Zukunft des Areals: Der Museumshafen soll am Grenzsteg auf der Spree entstehen. / © Visualisierung: Wilk Salinas Architekten, XOIO
In den 2010er Jahren entwickelte sich die Mediaspree zu einem urbanen Mischgebiet: Kultur- und Kreativwirtschaft, Start-ups und internationale Firmen prägten das Areal. Gleichzeitig blieben soziale und städtebauliche Konflikte bestehen: Immer höhere Mieten, die Verdrängung von lokalen Kulturprojekten und die Dominanz kapitalintensiver Investoren stehen immer wieder in der Kritik.
Die Entwicklung der Mediaspree ist auch nach über 25 Jahren nicht beendet. In den kommenden Jahren soll das Gebiet mit dem Museumshafen und dem Stadtquartier „Forty4“ Zuwachs bekommen. Die Projekte zeigen symbolisch, wie die Geschichte des Industriegebietes auf der einen Seite sichtbar gemacht wird und auf der anderen Seite neue urbane Räume entstehen. So bleibt die Mediaspree weiterhin ein Ort der Aushandlung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Quellen: rbb, Berliner Geschichtswerkstatt e.V., Berlin Tourismus & Kongress GmbH, taz, Grenzhafen Berlin GmbH, Chronik der Mauer, Kreuzberger Chronik, Stiftung Berliner Mauer, Wikipedia
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