Nach Jahren des Stillstands beginnt auf St. Pauli die Bebauung eines der prominentesten innerstädtischen Grundstücke Hamburgs. Doch zwischen Aufbruch und Enttäuschung prallen unterschiedliche Erwartungen an Stadtentwicklung aufeinander.

Nach einer jahrelangen Hängepartie soll entsteht auf einem brachliegenden Areal im „Paloma-Viertel“ ein Neubau mit Wohnungen und Flächen für Kultur und Gewerbe. Das Vorhaben sorgt für Konflikt. / © SAGA Unternehmensgruppe
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Es ist ein lange erwarteter Moment für St. Pauli: Wo über Jahre hinweg eine Brache das Stadtbild prägte, rollen nun die Bagger. Hinter dem Spielbudenplatz beginnt die Umsetzung der sogenannten „Kiezkante“, eines Projekts, das nicht nur städtebaulich, sondern auch politisch und gesellschaftlich von Bedeutung ist. Nach mehr als einem Jahrzehnt Stillstand soll hier bis Ende des Jahrzehnts ein neues Quartier entstehen.
Mit dem Baustart endet eine ungewöhnlich lange Phase der Planung und Neuorientierung. Bereits 2009 wurde das Areal der ehemaligen Esso-Häuser verkauft, später unter dem Namen „Paloma-Viertel“ weiterentwickelt, jedoch nie realisiert. Erst mit dem Einstieg der SAGA Unternehmensgruppe und der Quantum Immobilien AG im Jahr 2024 kam wieder Bewegung in das Vorhaben.
Baustart im „Paloma-Viertel“: Wohnen, Kultur und Gewerbe auf engem Raum
Geplant ist ein Nutzungsmix, der für innerstädtische Projekte dieser Größenordnung typisch geworden ist: 169 öffentlich geförderte Wohnungen, ein Hotel, Gewerbeflächen, eine Kita sowie Räume für Kultur und Kreativwirtschaft. Die Wohngebäude sollen sechs bis acht Geschosse umfassen, die Mieten liegen, je nach Förderweg, im unteren bis mittleren Segment des geförderten Wohnungsbaus.
Offiziell wird das Projekt vor allem als Signal für soziale Stadtentwicklung interpretiert. Dass sämtliche Wohnungen öffentlich gefördert sind, gilt als bemerkenswert für eine derart zentrale Lage. Gleichzeitig soll die Integration von Kulturflächen die gewachsene Identität des Stadtteils aufnehmen.
Doch der Nutzungsmix ist nicht unumstritten. Kritiker bemängeln unter anderem die gewachsene Bedeutung des Hotelbausteins, der im Vergleich zu früheren Planungen deutlich ausgeweitet wurde. Auch die Frage, ob die Balance zwischen Wohnen, Tourismus und lokaler Infrastruktur gelungen ist, wird unterschiedlich bewertet.

Baustart für die „Kiezkante“: Der geplante Wohnungsbau umfasst 169 öffentlich geförderte Einheiten in sechs- bis achtgeschossigen Gebäuden, die unterschiedliche Haushaltsgrößen abdecken und vollständig im geförderten Segment realisiert werden sollen. / © MOKA Studio
Zwischen Beteiligungsanspruch und Realität: Warum viele Ideen entfallen sind
Besonders konfliktträchtig ist jedoch der Umgang mit den Ergebnissen der früheren Bürgerbeteiligung. In einem aufwendigen Verfahren waren über Jahre hinweg zahlreiche Ideen aus dem Stadtteil entwickelt worden, darunter öffentlich zugängliche Dachflächen, Räume für Nachbarschaftsinitiativen oder Freizeitangebote wie eine Skateanlage.
Viele dieser Elemente finden sich in der aktuellen Planung nicht wieder. Vertreter von Initiativen und Teilen der Lokalpolitik sehen darin einen Bruch mit den ursprünglichen Zielen. Sie kritisieren, dass ein einst breit angelegter Beteiligungsprozess an Bedeutung verloren habe und zentrale Inhalte nicht umgesetzt wurden.
Auf der anderen Seite verweisen Projektbeteiligte auf veränderte Rahmenbedingungen. Wirtschaftliche Zwänge, gestiegene Baukosten und die schwierige Lage der Baukonjunktur hätten Anpassungen notwendig gemacht. Dass das Projekt nun überhaupt realisiert werde, sei unter diesen Umständen bereits ein Erfolg.

Die Esso-Häuser auf St. Pauli gelten schon lange als Symbol für den Konflikt um bezahlbaren Wohnraum und Verdrängung.
Nach der Räumung Anfang 2014 begann im Februar desselben Jahres der Abriss. / © Foto: © Foto: Wikimedia Commons, Doris Antony, Berlin, CC BY-SA 4.0
Zwischen Aufbruch und Zweifel: Kiezkante wirft zentrale Fragen der Stadtentwicklung neu auf
So wirft die „Kiezkante“ erneut grundlegende Fragen der Stadtentwicklung auf: Wie viel Mitsprache ist unter realen Marktbedingungen umsetzbar? Welche Rolle spielen soziale Ziele in zentralen Lagen? Und wie lassen sich kulturelle Nutzungen dauerhaft sichern?
Während einige im Baustart vor allem die Chance sehen, eine langjährige Baulücke zu schließen und dringend benötigten Wohnraum zu schaffen, bleibt bei anderen der Eindruck eines verpassten Experiments partizipativer Planung. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob es gelingt, die unterschiedlichen Erwartungen an diesen Ort zumindest teilweise zusammenzuführen.
Quellen: Quantum AG, NDR, DIE LINKE, Hamburger Abendblatt
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