Die Zukunft des SEZ in Berlin-Friedrichshain ist wieder offen. Kurz nach der Abgeordnetenhauswahl läuft erneut ein Vergabeverfahren für den vollständigen Rückbau. Dabei liegt inzwischen auch eine geprüfte Alternative vor, die Wohnungsbau und Bestandserhalt verbinden soll.

Der Gebäudekomplex des SEZ in Friedrichshain ist seit Jahren ungenutzt und deutlich vom Leerstand gezeichnet. Auf dem Areal plant die WBM ein neues Quartier, während der Bezirk gegen den vollständigen Abriss vorgeht. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
© Titelbild / Visualisierung: Stefan Forster GmbH
Das frühere Sport- und Erholungszentrum an der Landsberger Allee bleibt einer der umstrittensten Entwicklungsstandorte Berlins. Noch Anfang September schien ein weitgehender Erhalt wieder deutlich näher gerückt. Nun hat die landeseigene WBM das Vergabeverfahren für die nächste Rückbauphase neu gestartet – während die politische Entscheidung über die Zukunft des Gebäudes weiterhin aussteht.
- Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
- Adresse: Landsberger Allee 77, 10249 Berlin
- Projektstatus: neues Vergabeverfahren für Rückbau läuft
- Bewerbungsfrist: Oktober 2026
- Vorgesehener Abrisszeitraum: März 2027 bis 31. Oktober 2028
- Wohnungsbau: 631 Wohnungen, davon 316 gefördert
Die neue Ausschreibung ist deutlich konkreter als eine bloße planerische Vorbereitung. Die offizielle Vergabe der WBM trägt die Nummer 2026-0139 und umfasst die Schadstoffsanierung sowie den Rückbau des gesamten Gebäudekomplexes einschließlich der Außenanlagen.
Das Verfahren ist in zwei Lose gegliedert. Laut Vergabeportal sollen die Leistungen zwischen März 2027 und Oktober 2028 ausgeführt werden. Die WBM betont allerdings, dass mit der Ausschreibung noch keine Beauftragung verbunden sei.

Beschädigte Fenster, Graffiti und Spuren des langen Leerstands prägen das ehemalige SEZ in Friedrichshain. Um Abriss, Erhalt und künftige Nutzung des Areals wird weiterhin gerungen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Damit bekommt die seit Monaten laufende Debatte eine neue Wendung. Im Februar war der geplante SEZ-Abriss wegen artenschutzrechtlicher Fragen zunächst gestoppt worden. Später rückten verschiedene Modelle für einen Erhalt in den Mittelpunkt. Im August liefen vor dem Gebäude zwar wieder Bauarbeiten, diese dienten jedoch einem provisorischen Gehweg entlang der Landsberger Allee und waren vom eigentlichen Rückbau getrennt.
Neue Ausschreibung umfasst große Teile des SEZ-Komplexes
Aus den Vergabeunterlagen geht hervor, wie weit der Auftrag reichen kann. Vorgesehen sind unter anderem die Räumung und Schadstoffsanierung sowie der Rückbau verschiedener Gebäudeteile und ihrer Untergeschosse. Auch das sogenannte Brückengebäude gehört zum Leistungsumfang. Hinzu kommen Arbeiten an den Außenanlagen sowie ein Sicherheitsdienst während der Durchführung. Die einzelnen Leistungen sind in mehrere Abrufstufen gegliedert.
Politisch ist damit jedoch noch keine endgültige Entscheidung gefallen. Die Linksfraktion fordert, das Verfahren zu stoppen und zunächst eine unabhängige Machbarkeitsstudie für einen vollständigen oder teilweisen Erhalt vorzulegen. Auch die Initiative Gemeingut in BürgerInnenhand verlangt ein Moratorium. Für den 28. September ist ein öffentlicher Runder Tisch zur Zukunft des SEZ angekündigt.

Vom Volkspark Friedrichshain aus bliebe das SEZ nach dem untersuchten Konzept als eigenständiger Baukörper sichtbar, ergänzt durch neue Wohnhochhäuser. / © Foto: BA Friedrichshain-Kreuzberg / 03Arch
Bezirk sieht Platz für rund 600 Wohnungen trotz SEZ-Erhalt
Zusätzliche Bedeutung erhält die neue Ausschreibung durch eine erst Anfang September veröffentlichte Untersuchung. Das Bezirksamt ließ den Vorschlag des Bündnisses „SEZ-Quartier neu denken“ vom Büro 03 Arch. prüfen. Das Ergebnis: Ein weitgehender Erhalt des SEZ könnte mit rund 600 neuen Wohnungen verbunden werden.
Vorgeschlagen werden zwei Doppel-Wohnhochhäuser. Wohnungsbau und Bestandsgebäude könnten zudem auf getrennten Grundstücken unabhängig voneinander entwickelt werden. Der Bezirk weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass die Untersuchung noch keine abschließende Machbarkeitsstudie ist.
Die WBM will auf dem SEZ-Areal insgesamt 22 neue Gebäude errichten
Dem steht die bisherige Planung der WBM gegenüber. Nach dem aktuellen Konzept für das SEZ-Areal sind 631 Wohnungen vorgesehen, davon 316 geförderte. Hinzu kommen acht Gewerbeeinheiten mit insgesamt 6.080 Quadratmetern.
Geplant sind 22 Gebäude mit vier bis zwölf Vollgeschossen. Die WBM nennt für den Wohnungsbau derzeit Februar 2029 als Baubeginn und Mai 2031 als Bauende. Außerdem soll auf dem Grundstück eine neue Schule entstehen.

So soll das neue Wohnquartier auf dem SEZ-Areal in Berlin-Friedrichshain nach den bisherigen Planungen der WBM aussehen. Der vollständige Rückbau des früheren Sport- und Erholungszentrums ist jedoch weiterhin politisch umstritten. / © Visualisierung: Stefan Forster GmbH
SEZ-Entscheidung bleibt trotz Vergabeverfahren offen
Damit laufen derzeit zwei grundverschiedene Entwicklungspfade nebeneinander. Die WBM treibt mit dem Vergabeverfahren die Möglichkeit eines umfassenden Rückbaus voran. Der Bezirk verweist dagegen auf eine inzwischen planerisch geprüfte Variante, bei der große Teile des Gebäudes erhalten bleiben könnten.
Ob die ausgeschriebenen Leistungen tatsächlich vollständig beauftragt und abgerufen werden, steht deshalb noch nicht fest. Genau diese Frage dürfte nun Teil der politischen Gespräche über die weitere Entwicklung des Standorts werden.
Die neue Ausschreibung schafft dafür einen konkreten Zeitrahmen: Interessierte Unternehmen können sich bis zum 22. Oktober 2026 beteiligen. Eine endgültige Entscheidung über Abriss, Teilerhalt oder eine andere Entwicklung des SEZ ist damit jedoch noch nicht getroffen.
SEZ Berlin – Landsberger Allee 77
Quellen: WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH, Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Die Linke, Tagesspiegel
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5 Kommentare
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Hoffentlich wird das Projekt so realisiert, wie hier auf dem ersten Foto des Beitrages ersichtlich. So würde die jetzt vergammelte Ecke endlich großstädtisches Flair ausstrahlen und dringend benötigter Wohnraum wäre gebaut . Das SEZ ist vorbei – alles hat seine Zeit.
An dieser abartig aufgeweiteten Trasse zum Mond gibt es kein Flair und wird es auch nie welches geben. Egal, was dort jemals hingestellt werden oder stehen gelassen werden sollte
Man reitet hier einen toten Gaul. Das SEZ ist hinüber und vergammelt, eine Renovierung würde Millionen verschlingen und auch ein Teilerhalt erscheint mir wenig effizient. Wer will das bezahlen? So oder so, hauptsache man macht etwas aus dem Grundstück.
Scheint genauso gelaufen zu sein, wie einige Kommentatoren in früheren Artikeln zum gleichen Thema schon spekuliert hatten, nämlich dass der Teilerhalt des SEZ nur eine Nebelkerze in Sachen Wahlkampf war.
Das SEZ ist und war einmalig. Das geplante Projekt ist gesichtslos, geschichtslos und könnte an jeder Ecke stehen.
Berlin hat ca. 4 Millionen Einwohner und ca. 2 Millionen Wohnungen. Das ist ein Spitzenwert, und würde keinen weiteren Wohnungsbau erfordern, zumal mit Neubau immer wieder Boden versiegelt und weiter CO2- Emissionen verballert würden.
An der Mollstraße 4 wurde ein „Arbeiterwohnheim“/Apartmenthaus zu einem Hotel umgewandelt, dann barrierefrei saniert und ein paar Jahre danach abgerissen. Derselbe Stadtrat, der die Abrissgenehmigung erteilt hat, hat nun auch eine neue Baugenehmigung für das Grundstück erteilt, es fand lediglich ein Eigentümerwechsel statt. „Entwicklungsstadt“ hat darüber in 2025 berichtet:
https://entwicklungsstadt.de/ddr-wohnhaus-an-der-mollstrasse-4-weicht-buerogebaeude/
Rätsel: Was wird gerade dort gebaut? Ein Hotel.
Die 2 Millionen Wohnungen müssten zu überwiegend bezahlbarem Wohnraum umgewandelt werden und das geschieht nicht mit immer mehr Neubau sondern mit neuen Regeln auf dem Wohnungs“Markt“. Die Regierungen – Bund wie Land – haben das als Aufgabe, sie tuns nur nicht). Hauptsache, in der Immobilien- und Baubranche wird viel „Schotter“ verdient.
Schon mal Jemand recherchiert, wie viele Berliner Bausenatoren und Bürgermeister nach „Abdankung“ in der Bau- und Immobilienbranche neuer Betätigungsfelder gefunden haben?
Berlin hat außerdem ein Wohnungs-Leerstandsproblem, weil das offenbar auch aus steuerlichen Gründen für manchen Geldsack attraktiv ist. Und solange die Förderbedingungen für den sozialen (bezahlbaren) Wohnungsbau so sind wie sie sind, kommt Berlin niemals auf einen grünen Zweig und zu genügend bezahlbarem Wohnraum, weil jährlich immer wieder mehr Wohnungen aus der Förderung fliegen als Bausenatoren glauben, mit Neubau hinterher hecheln zu können.
Bis der gesamte Boden in Berlin versiegelt ist …