Die Schellack-Höfe an der Schlesischen Straße prägen seit Jahrzehnten das Spreeufer in Kreuzberg. Nun liegt ein Wettbewerbsergebnis für die Weiterentwicklung des historischen Gewerbeensembles vor. GRAFT Architekten schlagen einen kreuzförmigen Neubau vor, der den Bestand und Stadtraum ergänzen und weiterentwickeln soll.

Ansicht vom Spreeufer auf das historische Backsteinensemble: Die Weiterentwicklung soll die industrielle Architektur des frühen 20. Jahrhunderts stärken und behutsam ergänzen. Gleichzeitig öffnen sich neue Sichtachsen zum Wasser und zum benachbarten Kanal. / © Visualisierung: Onirism für GRAFT Architects
© Visualisierungen: Onirism für GRAFT Architects
Die Schellack-Höfe am südlichen Rand Kreuzbergs stehen vor einer Weiterentwicklung. Das denkmalgeschützte Ensemble an der Spree, architektonisch an den Speicherbauten des frühen 20. Jahrhunderts orientiert, soll erweitert werden. Herzstück des Areals ist das 1910 errichtete Backsteingebäude, an dessen Entwurf unter anderem Alfred Grenander beteiligt war und das bis heute das räumliche und historische Zentrum bildet.
Ab 1919 produzierte hier die Schallplattenfabrik von Carl Lindström, der sein Berliner Unternehmen seit 1897 zu einem europaweit führenden Hersteller ausgebaut hatte. Mit bis zu 150.000 produzierten Schallplatten pro Tag stieg sein Unternehmen zeitweise zum größten Hersteller Europas auf. Diese industrielle Geschichte prägt die Identität des Standorts bis heute.
Gewerbehöfe an der Schlesischen Straße sollen erweitert werden: Entwurf von GRAFT gewinnt den Wettbewerb
Derzeit arbeiten rund 50 Mieter auf dem Gelände, darunter Mozilla, der Fahrradhersteller Schindelhauer, Staab Architekten sowie die Agentur Zum goldenen Hirschen. Die Höfe sind vollständig vermietet und gelten als etablierter Gewerbestandort in Kreuzberg. Dennoch sieht die GSG Berlin langfristiges Entwicklungspotenzial und schrieb daher einen Wettbewerb zur Erweiterung aus.

Straßenansicht des geplanten Solitärs an der Schlesischen Straße: Der kreuzförmige Baukörper markiert künftig den südlichen Stadteingang. / © Visualisierung: Onirism für GRAFT Architects
GRAFT Architekten gingen aus dem Wettbewerb als Sieger hervor. Ihr Entwurf sieht einen Neubau mit kreuzförmigem Grundriss vor, der an der Südseite des Areals entstehen soll. Der Solitär markiert künftig den Stadteingang in Richtung Berliner Zentrum. Gleichzeitig greift er Maßstab, Proportion und Materialität der historischen Backsteinarchitektur auf. Dadurch fügt sich der Neubau in das Ensemble ein und setzt dennoch einen eigenständigen Akzent.
Höfe, neue Blickbeziehungen und klare Zugänge sollen Aufenthaltsqualität schaffen
Durch die Positionierung des Neubaus entsteht ein Rücksprung zum denkmalgeschützten „Grenander-Bau“. Dessen markante Schaugiebelseite tritt dadurch stärker in Erscheinung. Zudem öffnen sich neue Blickbeziehungen zur Spree sowie zum angrenzenden Kanal. Architektur und Wasserraum stehen damit in engerem Dialog.
Alle Gebäudevolumen ordnen sich zu einer Abfolge aus offenen und geschlossenen Außenräumen. Die Architekten verknüpfen die einzelnen Höfe miteinander und schaffen so ein zusammenhängendes Quartier mit mehreren eigenständigen Adressen. Kurze Wege, klare Zugänge sowie nachvollziehbare Fluchtbeziehungen stärken die innere Struktur. Gleichzeitig entsteht ein differenzierter Freiraum mit hoher Aufenthaltsqualität.
Nutzungsmix im GSG-Gewerbequartier: Konkreter Zeitplan noch offen
Inhaltlich setzt das Konzept auf eine gewerbliche Mischnutzung mit flexiblen Flächenzuschnitten. Die Architekten betonen, dass das Arbeiten von morgen sowohl eine klare Gebäudeidentität als auch anpassungsfähige Grundrisse erfordere. Deshalb planen sie heterogene Strukturen, die unterschiedliche Mieter aufnehmen und auf künftige Veränderungen reagieren können. Diese Dichte und Vielfalt soll die Resilienz des Quartiers gegenüber wirtschaftlichem Strukturwandel stärken.
Einen konkreten Zeitplan hat die GSG bislang nicht veröffentlicht. Da die Schellack-Höfe derzeit vollständig vermietet sind, besteht kein unmittelbarer Handlungsdruck. Auch wie während möglicher Umbauphasen mit den bestehenden Mietern verfahren werden soll, ist bislang nicht bekannt. Mit der geplanten Erweiterung würde das historische Ensemble jedoch nicht nur baulich ergänzt, sondern auch funktional deutlich weiterentwickelt.

Geplante Dachterrasse mit Blick über die Spree in Richtung Berliner Zentrum: Der Neubau greift Maßstab und Materialität des Bestands auf, setzt jedoch mit seiner klaren Kubatur einen eigenständigen Akzent. / © Visualisierung: Onirism für GRAFT Architects

Der Entwurf von GRAFT Architekten ergänzt das denkmalgeschützte Ensemble um einen kreuzförmigen Neubau an der Südseite. Durch die Setzung des Solitärs entstehen neue Zugänge, Blickbeziehungen zur Spree sowie ein Zugang zur Uferpromenade. / © Geländeübersicht: GRAFT Architects
Quellen: GSG Berlin, GRAFT Architects
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