Glanzloses Ende des einstigen Amüsiertempels: Nach Kriegsende blieb vom Haus Vaterland am Potsdamer Platz nur eine Ruine übrig – mitten im politisch aufgeladenen Grenzgebiet zwischen Ost und West. Doch erst 1976 wurde der Rest des Gebäudes nach einem Gebietstausch zwischen BRD und DDR abgetragen. Jetzt lesen mit ENTWICKLUNGSSTADT PLUS.

Von der einstigen Attraktion am Potsdamer Platz blieb nach dem Krieg nur ein beschädigtes Fragment. Die Geschichte des Hauses Vaterland endete leise – mit dem Abriss im Jahr 1976. / © Foto: Wikimedia Commons / Edward Valachovic
© Foto Titelbild: Wikimedia Commons / Edward Valachovic
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Aufgabe der Vergnügungsetablissements im Deutschen Reich während der Fortdauer des Krieges war, den Menschen Zerstreuung und Optimismus zu geben, denn die von den Nationalsozialisten ausgegebenen Parolen zur gnadenlosen Fortführung des Krieges forderten von den Menschen und Unternehmen alle möglichen Ressourcen ab. Auch das Haus Vaterland musste sich dieser Forderung stellen, allerdings auch aus ökonomischen Beweggründen heraus.
Das Haus Vaterland am Potsdamer Platz während des Krieges: Engagement für patriotische Ziele
Und so mussten sich die Angestellten über das normale Betriebsgeschehen hinaus ab 1939 auch für patriotische Ziele engagieren, anfangs außerhalb des Hauses vor Verwundeten in Krankenhäusern und Heimen für Rekonvaleszenten. Ab 1940 drehte man den Spieß allerdings um und änderte das Konzept zur Unterhaltung von verwundeten Soldaten, indem man diese in das Haus Vaterland einlud.
Damit ersparte man sich zum einen die aufwendigen Transporte der Künstler zu den verwundeten Soldaten hin und zum anderen trug dieses Konzept auch zur Umsatzstabilisierung bei, denn neben Kaffee und Kuchen konnten die Soldaten nach den Vorführungen zusätzlich noch ein Glas Bier, Wein oder einen Schnaps zu sich nehmen.
Diese für beide Seiten werbeträchtigen Aufführungen hatten zur Folge, dass die Nationalsozialisten auf die Idee kamen, das Haus Vaterland ausschließlich für ihre Zwecke zu nutzen, was aber seitens des Hauses Vaterland nicht angenommen wurde.
Wehrmachtskabarett in Verantwortung der Nationalsozialisten
Aber als Ergebnis dieser Veranstaltungen handelte der Direktor des Hauses, Richard Fleischer, ein Agreement mit den Nazis aus. Er erlaubte den Nazis, nach den regulären künstlerischen Vorstellungen ein eigens dafür kreiertes „Wehrmachtskabarett“ auftreten zu lassen, das nicht unter der Führung des Vaterland-Managements stand, sondern unter der Verantwortung der Wehrmacht agierte.
Die Aufführungen des „Wehrmachtskabaretts“ begannen um 23.30 Uhr und gingen bis in die frühen Morgenstunden des Folgetages. Das gezeigte Programm war für Soldaten gemacht, die auf Heimat- oder Krankenurlaub waren oder sich auf der Durchreise – in welche Richtung auch immer – befanden.
Trotz Krieg und Mangelwirtschaft: Umsatz und Gewinn im Haus Vaterland blieben stabil
Die Künstlerinnen, die in diesem Kabarett auftraten, gehörten nicht zum künstlerischen Personal des Hauses Vaterland, sondern wurden speziell dafür „kriegsdienstverpflichtet“. Erstaunlicherweise rekrutierten die Nationalsozialisten diese Künstlerinnen, obwohl sie aufgrund ihrer Herkunft oder politischen Überzeugung im Dritten Reich gar nicht hätten auftreten dürfen.
Eingedenk dieser doppelten „Bespielung“ des Hauses konnte die Geschäftstätigkeit fortgesetzt werden, und diese lief trotz aller durch den Krieg hervorgerufenen Hindernisse durchaus passabel. Dadurch, dass die Gäste nach wie vor das Haus Vaterland als Magnet für gute Unterhaltung und Gastronomie ansteuerten, blieben Umsatz und Gewinn stabil.
Potsdamer Platz: Vergnügungen in Berlins Mitte trotz Bombardements
Doch die Gefahr des zunehmend heraufziehenden Bombardements durch die Alliierten aus der Luft wuchs. Bis Mitte November 1943 blieb das Haus von den Bombardierungen noch verschont, doch als der Luftkrieg um Berlin begann, war auch das Haus Vaterland betroffen, denn am 22. November traf die erste Bombe das Gebäude.
Die speziell in den oberen Etagen befindlichen Büros, Restaurants und Bars waren davon am stärksten betroffen und durch die Feuersbrunst derart beschädigt, dass sie völlig zerstört waren und nicht mehr genutzt werden konnten. Nun stand ernsthaft die Existenz des Hauses auf dem Spiel, doch das Management war einfallsreich genug, um in abgespeckter Form den Betrieb weiterhin am Laufen zu halten.
Nach 1943: Im Haus Vaterland lief der Betrieb trotz der ersten Bombentreffer weiter
Selbst nach diesen ersten Bombenschäden gingen die Berliner und auswärtigen Gäste in das Haus Vaterland, um sich das von nun an verkleinerte Varieté-Programm anzuschauen. Der Drang der Menschen, sich trotz des tobenden Bombenkrieges von den alltäglichen Mühen abzulenken, war erstaunlich.
Doch diese Sehnsucht nach Vergnügen fand Anfang Februar 1945 mit einem weiteren Bombeneinschlag ihr jähes Ende. Diesmal war das Erdgeschoss schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Trotz des erstaunlichen Versuchs, mit sogenannten „Restaurantbuden“ in der Mitte der im Erdgeschoss befindlichen Eingangshalle den Betrieb aufrechtzuerhalten, kam das endgültige Aus des Hauses im April 1945, als in der Stadt die „Schlacht um Berlin“ tobte.
1945: Endgültige Zerstörung des Haus Vaterland während der „Schlacht um Berlin“
Anfang Mai 1945, nach Beendigung der Kämpfe um Berlin, war vom Haus Vaterland nur noch eine riesige Ruine übriggeblieben. Nach der endgültigen Kapitulation Hitlerdeutschlands am 8. Mai 1945 übernahmen die Alliierten die Kontrolle über die Stadt und teilten diese in vier Sektoren auf.
Die Ruine des Hauses Vaterland lag offiziell auf Ost-Berliner Gebiet, also im sowjetischen Sektor – allerdings genau an der amerikanischen Sektorengrenze. Im Hause Aschinger hoffte man, den Betrieb nach notdürftigen Reparaturen wieder aufnehmen zu können. Und so wurde zumindest das Café Vaterland so weit hergestellt, dass man in den Jahren 1946 und 1947 wieder einen für damalige Verhältnisse ordentlichen Umsatz erzielen konnte.
Ruine auf Ost-Berliner Gebiet: Ab 1946 wurde das Café Vaterland geöffnet
Doch die Berliner Verwaltung spielte nicht mit. Sie warf der Firma Aschinger vor, die gastronomische Versorgung der Berliner Bevölkerung nicht ernst zu nehmen. Hintergrund dieser Vorwürfe war, dass man durch einen Nebenausgang zur Köthener Straße in den amerikanischen Sektor gelangen konnte. Durch diesen Umstand entwickelte sich der verbliebene Rest des Hauses Vaterland zu einem blühenden Umschlagsort für den „Schwarzmarkthandel“.
Letztendlich verweigerte der Berliner Magistrat der Firma Aschinger die Lizenz zum Weiterbetrieb des Café Vaterland. Doch es kam für Aschinger noch schlimmer: Anfang Mai 1947 vereinnahmten die Sowjets alle im sowjetischen Sektor befindlichen Aschinger-Betriebe.
Mai 1947: Das Aus für den Betrieb des Café Vaterland und Vereinnahmung durch die sowjetischen Besatzer
Damit schloss sich für Aschinger, einen der Profiteure der von den Nazis verantworteten „Arisierungswelle“, zehn Jahre nach Übernahme des Hauses Vaterland der Kreis – mit dem Verlust des nun als Ruine dastehenden Vergnügungspalastes.
Doch selbst die Sowjets wollten das Haus Vaterland wieder aufleben lassen. So wurde nach entsprechenden Aufräumungsarbeiten im ehemaligen Café Vaterland ein „Gaststättenbetrieb“ nach sozialistischem Vorbild unter Leitung der HO – einer volkseigenen Handelsorganisation – eingerichtet.
„Kleiner Grenzverkehr“ im Haus Vaterland und völlige Zerstörung im Juni 1953
Da sich in der DDR – inklusive Ost-Berlins – die Frustration über die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse immer mehr Bahn brach, verließen die Menschen über die noch nicht geschlossenen Grenzen die DDR Richtung Westen. Das Haus Vaterland mit seinem Nebenausgang in den amerikanischen Sektor war einer der illegalen Grenzorte, an dem der sogenannte „kleine Grenzverkehr“ stattfand.
Mit dem im Juni 1953 ausgebrochenen Volksaufstand in der DDR und Ost-Berlin geriet das Haus Vaterland in den Fokus der wuchtigen politischen und militärischen Auseinandersetzungen. Der Potsdamer Platz war eines der Zentren des Aufstandes, und so geriet auch das Haus Vaterland – besser gesagt der übrig gebliebene Rest – in den Sog der Gewalt, die nach Brandstiftung am Abend des 17. Juni zur völligen Zerstörung führte. Ein Wiederaufbau der an der Sektorengrenze befindlichen ausgebrannten Ruine am Potsdamer Platz fand nicht mehr statt.
Haus Vaterland nach 1953: Ausgebrannte Ruine im Niemandsland zwischen Ost und West
Die Geschichte des Hauses Vaterland fand nunmehr ihr endgültiges Ende. Eine Ruine, die an der Grenze zwischen West- und Ost-Berlin fortan im Niemandsland stand, wurde 1971 im Zuge eines Gebietsaustausches West-Berlin zugeschlagen. Eine seltsame geografisch-politische Anekdote, da sich dieses kleine Stück des Potsdamer Platzes während des Kalten Krieges im sowjetischen Sektor befand, während der Rest des Platzes zu West-Berlin gehörte.
Die DDR ließ sich den Verkauf des Areals an West-Berlin mit reichlich harter Währung bezahlen. Da auch der West-Berliner Senat für diese Ruine keine Verwendung mehr hatte, wurden die verbliebenen Reste des Gebäudes letztlich 1976 komplett abgerissen.
1976 wurden die letzten Reste des Haus Vaterland endgültig abgerissen – heute steht dort ein neues Bürogebäude
Auf dem Grundstück des ehemaligen Hauses Vaterland wurde im Zuge der Neubebauung des Potsdamer Platzes in den 1990er Jahren ein Büro- und Geschäftsgebäude errichtet, dessen heutige Fassade zum Potsdamer Platz hin architektonisch an die ehemals großzügig geschwungene Fassade des Hauses Vaterland erinnern soll.
Vor dem heutigen Gebäude befindet sich noch der Sockel des in der Frühzeit der DDR konzipierten Denkmals für Karl Liebknecht, der im Todesstreifen „zwischen der inneren und äußeren Berliner Mauer“ stecken blieb. Der Sockel wurde kurz nach der Wiedervereinigung zwar entfernt, steht heute aber wieder an seinem alten Platz.
Es ist anzunehmen, dass der Standort des Denkmalsockels wahrscheinlich die „Rednerecke“ ist, an der 1916 der Mitbegründer der KPD und Mitstreiter Rosa Luxemburgs, Karl Liebknecht, seine mitreißende Antikriegsrede hielt und drei Jahre später von paramilitärischen Freikorpseinheiten ermordet wurde. Eine Erinnerung an das einstige Haus Vaterland fehlt hingegen.

Eine Fotografie des einstigen Haus Vaterland aus den 1960er Jahren. / © Foto: Wikimedia Commons / Edward Valachovic

Vor dem heutigen Gebäude befindet sich noch der Sockel des in der Frühzeit der DDR konzipierten Denkmals für Karl Liebknecht, der im Todesstreifen „zwischen der inneren und äußeren Berliner Mauer“ stecken blieb. Der Sockel wurde kurz nach der Wiedervereinigung zwar entfernt, steht heute aber wieder an seinem alten Platz. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
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Quellen: Vanessa Conze „Haus Vaterland“, Verlag Elsengold, Wikipedia, Deutsches Architektur Forum
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