Der Bausektor steht unter wachsendem Druck: Hoher Ressourcenverbrauch, steigende Emissionen und knappe Rohstoffe machen ein Umdenken unausweichlich. Die Kreislaufwirtschaft gilt als Schlüssel; doch zwischen Anspruch und Umsetzung liegen noch erhebliche Hürden.

Visualisierung Wohnungen Dreispitz-Passage an der Friedrichstraße

Zwischen regulatorischen Hürden und wirtschaftlichen Chancen steht die Bauindustrie vor einer Generationenaufgabe. Die Kreislaufwirtschaft könnte zum neuen Standard werden – vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen. / © Visualisierung: seckler schick architekten BDA

© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT

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Der Bausektor zählt zu den ressourcenintensivsten Wirtschaftsbereichen und steht zunehmend im Fokus der klimapolitischen Debatte. Angesichts steigender Rohstoffpreise, wachsender Abfallmengen und ambitionierter Klimaziele gewinnt die Kreislaufwirtschaft auch im Bauwesen an Bedeutung.

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) hatte kürzlich eine Stellungnahme vorgelegt, die konkrete Handlungsfelder und strukturelle Defizite benennt. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie sich das bislang überwiegend lineare System des Bauens langfristig in eine zirkuläre, ressourcenschonende Praxis überführen lässt.

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Rohstoffverbrauch in der Baubranche hat schwerwiegende klimatische Auswirkungen

In einem Pressegespräch am Montagvormittag, geführt durch die Professorinnen Christina Dornack von der TU Dresden und Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, wurde das Thema näher erläutert.

Beide sind besorgt über den hohen Rohstoffverbrauch in der Baubranche und verweisen auf den Erdüberlastungstag, der 2026 für Deutschland auf den 20. Mai datiert wurde.

Kreislaufwirtschaft im Bauwesen: Hoher Rohstoffverbrauch und steigender Druck auf Ressourcen

Grundsätzlich werden viel zu viele Rohstoffe verbraucht, sodass eine Kreislaufwirtschaft im Sinne von Klima- und Ressourcenschutz unerlässlich wird. Dabei geht es auch um eine gewisse Unabhängigkeit von teuren Rohstoffimporten.

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Das Thema Kreislaufwirtschaft im Bausektor habe man also bewusst ausgewählt, da das Bauwesen den größten Rohstoffverbrauch in Deutschland hat.

Deutschland: Ein Drittel der Treibhausemissionen durch Bauaktivitäten

Ein Drittel der Treibhausemissionen resultieren aus Bauaktivitäten, aus dem Abbau und der Verarbeitung von Rohstoffen für die Bauindustrie. Zusätzlich verursacht die Baubranche fünfzig Prozent des Abfallaufkommens.

Dazu kommt eine hohe Flächeninanspruchnahme durch den Rohstoffabbau sowie durch Baubesiedlung und Bauinfrastruktur. Ganz zu schweigen von der Vorhaltung von Deponiekapazitäten.

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Berlin, Friedrichstraße, Dreispiptz-Passage

44 neue Wohnungen: So soll die umgebaute Dreispitz-Passage in der Friedrichstraße einmal aussehen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Lineares Bauen versus zirkuläre Bauweise: Warum ein Systemwechsel notwendig ist

Wir sprechen hier also von einem linearen System, in dem Bauprodukte hergestellt, verbaut, genutzt, gebrochen und entsorgt werden. „Das wollen wir durchbrechen, was zum Teil auch schon passiert“, so Christina Dornack. Man habe sich zum Ziel gesetzt, auf kreislaufgerechtes Bauen umzustellen, und das sei nicht weniger als eine Generationenaufgabe.

„Das geht nicht von heute auf morgen, ist uns beiden klar, aber ab heute wird man das Thema angehen, gute Beispiele dafür gibt es bereits“, so Dornack weiter.

Zirkuläres Bauen im Detail: Wiederverwendung, Planung und neue Anforderungen an die Branche

Aber was bedeutet das Schlagwort zirkuläres Bauen ganz konkret? Gebäude sollen nach Möglichkeit erhalten bleiben.

Bauprodukte will man wiederverwenden und den Um- bzw. Rückbau bereits in der Planungsphase berücksichtigen. Technisch ist man dazu in der Lage, aber die Beteiligten müssen mitspielen.

Kreislaufwirtschaft im Bau: Rechtliche Hürden und steigender Handlungsdruck

Ein weiterer Schwerpunkt sind die teilweise noch offenen und zu klärenden rechtlichen Fragen. Mehr Überzeugungsarbeit sollte geleistet werden hinsichtlich Ressourcenschonung, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit.

Christina Dornack und Claudia Kemfert haben aber nicht nur den Neubau im Visier, sondern auch die Instandsetzung und die Modernisierung der Bestandsgebäude. „80 Prozent der Gebäude, die wir bis 2030 oder darüber hinaus bis etwa 2050 nutzen wollen, stehen heute schon, und an denen müssen wir anfangen, und wollen uns das auch anschauen“.

Berlin, Friedrichstraße, Dreispiptz-Passage

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Anforderungen an kreislaufgerechte Bauprodukte: Langlebigkeit, Schadstofffreiheit und Wiederverwendbarkeit

Vor allem langlebig und mit einer hohen Schadstofffreiheit, dazu emissionsarm und mit einem hohen Anteil an Sekundärbaustoffen sollten kreislaufgerechte Bauprodukte laut Dornack sein. Des Weiteren fordert sie reparaturfreundliche Konstruktionen; die Verbindungen müssen leicht trennbar sein und standardisiert mit einer möglichst flexiblen Nutzung!

Und dann müsse das Nutzungsende so konzipiert sein, dass eine Rückführung in den Markt möglich sei, also ein selektiver Rückbau, sodass austauschbare Stoffe – vor allem Schadstoffe – ausgeschleust werden können. Eine mehr als anspruchsvolle und herausfordernde Produktvielfalt für die Baubranche.

Dokumentationspflicht und Digitalisierung im Bauwesen: Grundlage für nachhaltige Kreislaufprozesse

Dies alles bedarf zur Gewährleistung von Nachhaltigkeit effizienterer Dokumentationen, auf die langfristig zurückgegriffen werden kann.

„Die veröffentlichte Stellungnahme zeigt den Status quo, und da hat die nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie schon sehr geholfen, und die priorisiert ebenso den Bestand vor dem Neubau, das heißt, wir haben bereits eine ganze Menge“, so Christina Dornack.

Förderprogramme berücksichtigen die Kreislaufwirtschaftskriterien zu wenig

Auch die vermehrte Nutzung von digitalen Instrumenten oder vorhandene Gebäudepässe gehören dazu. Bestehende Förderprogramme berücksichtigen die Kreislaufwirtschaftskriterien viel zu wenig, sodass auch hier ein akutes Nachschärfen notwendig wird.

„Der gesetzliche Rahmen ist unglaublich komplex, das sehen wir immer wieder, die Hürden sind hoch, aber es gibt bereits tolle Beispiele aus der Praxis, wo viele Player es wollen, und das zeigt, es geht schon, jetzt müssen wir es nur noch machen“, so Dornack.

„Zirkuläres Bauen ermöglicht neue Geschäftsmodelle und eröffnet Chancen für innovative Firmen und die lokale Wertschöpfung“, so Claudia Kemfert. Sie verwies darauf, dass viele Maßnahmen sich natürlich auch rechnen würden. Voraussetzung dafür ist allerdings eine Kostenbetrachtung über den gesamten Lebenszyklus hinweg.

Berlin, Friedrichstraße, Dreispiptz-Passage

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Zirkuläres Bauen als Wirtschaftsfaktor: Neue Geschäftsmodelle und Chancen für Unternehmen

Manche Sekundärbauprojekte sind bereits heute kostengünstiger als Neubauten. Das zirkuläre Bauen werde sich demnach nur dann durchsetzen, wenn aus Unternehmenssicht die wirtschaftlichen Komponenten stimmen, sprich, wenn sich Wiederverwendung und Recycling rechnen.

Ein Anreiz dazu wäre unter Umständen eine Primärbaustoffsteuer und andererseits steuerliche Vorteile für Sekundärbauprodukte, und die öffentliche Hand sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Nun kann man im Sinne der Umsetzung dieser anspruchsvollen Ziele und den vorher genannten Gründen nur hoffen, dass die beiden anwesenden Bundesminister (Carsten Schneider als Bundesumweltminister und Verena Hubertz als Bundesbauministerin) diese Stellungnahme inklusive der Vorschläge als Kabinettsvorlage einbringen.

Praxisbeispiel aus Berlin: Dreispitzpassage setzt Prinzipien der Kreislaufwirtschaft um

Der Ort zur Verkündung der Initiative war jedenfalls gut und bewusst gewählt, denn anhand Dreispitzpassage, ursprünglich für eine Wohn- und Geschäftsnutzung konzipiert, werden momentan  die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft am Bau umgesetzt. Da die Ladenpassage seit Jahren mangels erforderlicher Nachfrage leer steht, hat die BImA als Eigentümerin der Immobilie entschieden, auf diesen 2.500 Quadratmetern bezahlbaren Wohnraum zu errichten.

Dreispitz-Passage, Berlin, Friedrichstraße

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Dabei berücksichtigt der Neubau jene Nachhaltigkeitsaspekte, wie etwa den Wiedereinbau von Materialien der jetzigen Passage, die abgerissen wird. Die Installation einer Photovoltaikanlage auf dem Dach oder das Auffangen von Regenwasser zur Bewässerung des grünen Innenhofs entsprechen den Forderungen zur Nachhaltigkeit am Bau. Auch die für den Neubau eingesetzten Baumaterialien sind recycelbar.

Nachhaltige Architektur in der Praxis: Begrünung, Recycling und soziale Aspekte im Fokus

Die begrünte Fassade und der Innenhof unterstützen weitgehend das Mikroklima des Gebäudes. Der begrünte Innenhof dient darüber hinaus auch als Ruhepol in der hektischen Berliner Mitte und entspricht somit auch einem gewissen sozialen Aspekt – so jedenfalls der Plan.

Projekte wie die Dreispitzpassage verdeutlichen, dass zirkuläres Bauen keine Vision mehr ist, sondern bereits konkret umgesetzt wird. Dennoch bleibt die Herausforderung, diese Ansätze aus der Nische in die Breite zu tragen und strukturell zu verankern. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob aus einzelnen Leuchtturmprojekten ein neuer Standard im Bauwesen entstehen kann.

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Quellen: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, TU Dresden

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