Hamburgs Haushalt wächst auf Rekordniveau, dennoch sollen Hochschulen, Schulbegleitung und Jugendangebote Einschnitte hinnehmen. Warum spart der Senat ausgerechnet dort, wo Fachkräfte ausgebildet und Bildungschancen gesichert werden?

Eine gute Schulbegleitung ist ein wichtiger Baustein für gelingende Inklusion. In Hamburg sorgen die geplanten Änderungen bei Inklusionsangeboten seit Monaten für Proteste von Eltern, Verbänden und Gewerkschaften. Es ist nicht das einzige umstrittene Bildungsthema in der Hansestadt. / © Foto: depositphotos.com
© Foto Titelbild: Wikimedia Commons, Minderbinder (CC BY-SA 4.0)
Die Stadt Hamburg plant für die kommenden Jahre einen Rekordhaushalt, und streicht gleichzeitig Studienplätze, Bildungsangebote und Unterstützungsleistungen. Besonders umstritten ist, dass die Einsparungen Bereiche treffen, die für Chancengleichheit, Inklusion und die Ausbildung dringend benötigter Fachkräfte stehen. Wie passt das zusammen?
Auf den ersten Blick befindet sich Hamburg keineswegs in einer akuten Haushaltskrise. Der geplante Gesamtaufwand der Stadt steigt von rund 22,47 Milliarden Euro im Jahr 2026 auf 23,66 Milliarden Euro 2027 und schließlich 24,72 Milliarden Euro 2028. Dennoch will der Senat den Haushalt bis 2030 dauerhaft um jährlich 600 Millionen Euro entlasten.
Hamburger Haushalt wächst, doch der finanzielle Spielraum schrumpft
Der Senat spricht deshalb nicht von einem Kürzungshaushalt, sondern von einem Haushalt, der langsamer wachse. Den Behörden und Ämtern wird bis 2030 eine durchschnittliche jährliche Ausgabensteigerung von 1,9 Prozent zugestanden. Zwischen 2015 und 2025 lag diese noch bei 4,61 Prozent.
Steigen Personal-, Energie- und Sachkosten stärker, können Einrichtungen mit einem nominell höheren Etat real trotzdem weniger finanzieren. Hinzu kommen wachsende Pflichtausgaben: Allein die Kosten der Sozialbehörde sollen von 2026 auf 2027 um rund 15 Prozent auf mehr als 3,9 Milliarden Euro steigen.
Hamburg investiert Milliarden in Wohnungsbau, Infrastruktur und Verkehr
Auch Tarifabschlüsse, die Beamtenbesoldung und schwächere Steuereinnahmeerwartungen belasten die Planung. Die Lage ist somit nicht akut bedrohlich, aber strukturell durchaus angespannt. Zwischen 2027 und 2029 sollen insgesamt 1,65 Milliarden Euro aus der allgemeinen Rücklage entnommen werden.
Gleichzeitig hält Hamburg an hohen Investitionen fest: Für 2027 und 2028 sind insgesamt rund 6,9 Milliarden Euro vorgesehen, unter anderem für U-Bahn-Ausbau, Stromnetze und Wohnungsbau.
HAW Hamburg warnt vor dem Verlust von Studienplätzen
Besonders sichtbar wird der Konflikt an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Die HAW warnt, dass nicht ausreichend finanzierte Kostensteigerungen zum Verlust Hunderter Studienplätze führen könnten. Betroffen sind unter anderem Studienangebote im Pflegebereich.
Das ist brisant, weil Hamburg wie andere Bundesländer dringend Pflegekräfte und qualifizierte Lehrkräfte für Pflegeschulen benötigt. Berufsverbände warnen, Einsparungen bei der Pflegepädagogik könnten langfristig die gesamte Ausbildungskapazität schwächen.
Eine kurzfristige Haushaltsentlastung droht laut HAW damit, den Fachkräftemangel weiter zu verschärfen. In Berlin entsteht derweil bis 2028 eine neue Pflegeschule für 250 Auszubildende auf dem Gelände des dortigen Unfallkrankenhauses in Marzahn.

Am Campus Berliner Tor befinden sich mehrere Gebäude der HAW Hamburg. Besonders umstritten sind die finanziellen Einschnitte bei Studienangeboten im Pflegebereich. / © Foto: Wikimedia Commons, Minderbinder (CC BY-SA 4.0)
HafenCity Universität soll auf ihre Rücklagen zurückgreifen
Noch drastischer erscheinen die Pläne für die HafenCity Universität. Nach dem bisherigen Haushaltsentwurf sollen ihr 2027 gut 29 Millionen Euro, 2028 aber nur noch etwa 16 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Die Wissenschaftsbehörde bezeichnet die Kürzung als einmalig und verweist auf vorhandene Rücklagen.
Die HCU widerspricht: Ein erheblicher Teil des Geldes sei zweckgebunden oder für vereinbarte Aufgaben reserviert. Die auf Architektur, Bauwesen und Stadtentwicklung spezialisierte Universität warnt vor dem Abbau von Stellen und Studiengängen. Damit könnten ausgerechnet Qualifikationen geschwächt werden, die Hamburg für Wohnungsbau und Stadtentwicklung benötigt.
Schulbegleitung und Jugendarbeit geraten unter Druck
Auch an den Schulen zeigt sich der Sparkurs. Geplante Veränderungen bei der Schulbegleitung haben bei Eltern von Kindern mit Behinderungen große Sorgen ausgelöst. Kritisiert wird, dass individuelle Unterstützung teilweise durch stärker gebündelte Angebote ersetzt werden soll. Der Senat stellt dies als Neuausrichtung dar, Betroffene fürchten dagegen eine Verschlechterung der Inklusion.
Zugleich werden rund drei Millionen Euro bei Angeboten der Kinder- und Jugendarbeit eingespart. Erste Einrichtungen haben bereits Öffnungszeiten reduziert oder Sport-, Freizeit- und Beratungsangebote gestrichen. Besonders betroffen sind sozial benachteiligte Stadtteile sowie Angebote für Kinder in Flüchtlingsunterkünften.
Hamburgs Bildungskürzungen sind eine Frage der Prioritäten
Hamburg ist also weder zahlungsunfähig noch unmittelbar von einer Haushaltsnotlage bedroht. Doch laufende Kosten und Pflichtausgaben wachsen schneller als die verfügbaren Einnahmen. Deshalb setzt der Senat aktuell Prioritäten, die viele Menschen verstimmen: Große Infrastrukturinvestitionen und gesetzliche Leistungen werden weitgehend geschützt, während Hochschulen und freiwillige soziale Angebote stärker zur Konsolidierung beitragen müssen.
Genau diese Gewichtung sorgt für Kritik. Denn Einsparungen bei Inklusion, Jugendarbeit und Fachkräfteausbildung entlasten den Haushalt kurzfristig, können für Hamburg langfristig jedoch deutlich höhere gesellschaftliche und wirtschaftliche Kosten verursachen.
HAW Hamburg - Berliner Tor
HCU Hamburg HafenCity
Quellen: NDR, DBfK Nordwest, GEW Hamburg, HAW, HCU
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