Der Ausbau der Radwege in Berlin kommt nur langsam voran. Der aktuelle Stand bei Sanierung und Neubau wirft aus Sicht des ADFC kein gutes Licht auf die Stadt. Sprecherin Lisa Feitsch hat im Interview mit ENTWICKLUNGSSTADT dazu Stellung genommen.
© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT
Der Ausbau der Radwege in Berlin verläuft seit Jahren langsamer als geplant. Dabei sieht das Mobilitätsgesetz seit 2018 ein flächendeckendes Netz aus sicheren und breiten Wegen vor. Dieses Ziel gilt weiterhin, doch ein großer Teil der Maßnahmen bleibt bislang unerfüllt. Gleichzeitig wächst der Radverkehr in der Stadt.
Nach Einschätzung des ADFC Berlin fehlt es vor allem am politischen Willen. Sprecherin Lisa Feitsch erklärt gegenüber ENTWICKLUNGSSTADT: „Der aktuelle CDU-Senat hat sich seit Amtsantritt 2024 einen Namen mit dem #RadwegeStopp gemacht.“
ADFC kritisiert Rückbau von Radwegen statt Neubau in Berlin
Seitdem beobachte der Verband Rückbau von Radwegen, die Rücknahme von Tempo-30-Regelungen und Kürzungen bei Mitteln für Verkehrssicherheit. Diese Entwicklung bremse nicht nur den Neubau, sondern verschärfe auch den Zustand bestehender Wege.
Wer in Berlin auf dem Rag unterwegs ist, kennt es: Bucklige Radwege, die von Baumwurzeln aufgerissen sind. Wenn überhaupt. An vielen Straßen fehlen Radfahrstreifen komplett. Sicher ist anders.

Königin-Luise-Straße in Zehlendorf: Ein sicherer Radweg für Radfahrende sieht anders aus. Die Baustellensituation existiert so seit rund vier Jahren. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Sanierung und Neubau von Radwegen in Berlin
Viele bestehende Radwege in Berlin gelten als sanierungsbedürftig. Unebene Oberflächen, schmale Strecken und unübersichtliche Kreuzungen prägen laut Verbänden das Bild. Der Verschleiß alter Infrastruktur schreitet voran, während neue Projekte nur verzögert umgesetzt werden.
Der größte Handlungsbedarf liegt nach Einschätzung des ADFC im gesamten Radwegenetz. Trotz gesetzlicher Vorgaben wurde bisher nur ein Bruchteil des geplanten Netzes realisiert. Parallel steigt die Nutzung des Fahrrads im Alltag.
Radverkehr in Berlin wächst trotz Radweg-Defiziten
Aktuelle Zahlen zeigen, dass der Radverkehr in Berlin weiter zunimmt. Der sogenannte Modal Split weist einen Anstieg des Anteils von 18 auf 19 Prozent aus. Noch stärker wächst der Fußverkehr, während der Anteil des privaten Autoverkehrs sinkt. Diese Verschiebung deutet auf veränderte Mobilitätsgewohnheiten in der Stadt hin.
Gleichzeitig zeigt der Fahrradklima-Test, dass viele Menschen die Situation kritisch sehen. 88 Prozent der Befragten fühlen sich im Straßenverkehr auf dem Fahrrad in Berlin nicht sicher. 69 Prozent empfinden das Radfahren als stressig, Tendenz steigend.

Beim Bau von Radwegen arbeiten Bezirk und Senat häufig gegeneinander, wie hier in der Charlottenburger Kantstraße. Es ist nur eines von vielen Beispielen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
ADFC-Forderung: 180 Kilometer neue Radwege für Berlin pro Jahr
Für die kommenden Jahre fordert der ADFC einen deutlichen Ausbau. Konkret nennt der Verband 180 Kilometer neue Radwege pro Jahr. „Das ist zu schaffen: Jeder Bezirk in Berlin entspricht einer eigenen Großstadt von rund 300.000 Einwohnenden. 15 Kilometer pro Bezirk pro Jahr sind möglich – wenn der Senat will“, erklärt ADFC-Sprecherin Lisa Feitsch im Interview ENTWICKLUNGSSTADT.
Der Verband sieht im Ausbau der Radwege einen zentralen Baustein für die Verkehrsentwicklung in Berlin. Gute Infrastruktur könne mehr Menschen zum Umstieg auf das Fahrrad bewegen. Dadurch könnten Straßen entlastet und die Verkehrssicherheit verbessert werden.
Quelle: ADFC
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Eine der herausragenden Buckelpisten ist der Radweg an der Straße des 17. Juni. Absurd: Es ist eine sechsspurige Straße und der Radfahrer wird zwingend auf den Radweg verwiesen, andererseits der Radfahrer – zu Recht – vor Schäden des Radweges gewarnt. Gleichzeitig ist der Radweg aber auch zu klassischen Touristenzeiten gefährlich, weil für größere Touristenmengen der Gehweg zu schmal ist und daher der Radweg mit in Anspruch genommen wird. In der sechsspurigen Bismarckstraße mit breiterem Radweg in besserem Zustand darf ich die Straße benutzen, auf der Straße des 17. Juni nicht!
Für mich ist es nur Irrsinn, wenn neue Radwege Parkplätze ersetzen und der frühere, teils gute Radweg auf dem Gehweg für viel Geld zurückgebaut wird.
Warum werden es in Berlin gefühlt immer mehr Autos, wenn doch, angeblich, immer mehr Menschen auf das Auto verzichten.
Hier wird, aus meiner Sicht, wieder mal grüne Politik hochgestuft, die Wahrheit auf der Straße jedoch ausgeblendet.
Ich habe noch nie einen akzeptablen Radweg auf dem Gehweg gesehen, die sind immer in schlechtem Zustand und total rumpelig. Und vor allem: gefährlich. Einfahrten, Fussgänger und natürlich rechts abbiegende Autos und LKW. Und warum profitieren auch Autofahrer von mehr Radwegen? Wenn ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, dann bleibt der Mercedes in der Garage und ein Auto weniger steht im Stau. Das mach ich aber nur, wenn mein Fahrweg sicher, komfortabel und nicht voller stinkender, lauter Autos ist. Platz dafür, dass jeder mit dem Auto von A nach B kommt gibt es sowieso nicht.
„Warum werden es in Berlin gefühlt immer mehr Autos, wenn doch, angeblich, immer mehr Menschen auf das Auto verzichten.“
Das eine schließt das andere nicht aus. Tatsächlich gibt es einen absoluten Zuwachs an Kfz in Berlin. Der ist aber einerseits nicht proportional gleich ansteigend zum Bevölkerungszuwachs der Stadt. Andererseits sinken sogar die durchschnittlich zurückgelegten Strecken pro Kfz und der Anteil von Kfz am Mobilitätsmix.
Das ist psychologisch auch eine ziemlich plausible Konsumentenentscheidung, wenn öffentliche Parkplätze wenig bis gar nichts kosten. Zumal, da viele Bewohner wegen hoher Mietpreise in die Außenbezirke „verdrängt“ werden und ein Auto eine gefühlte Kompensation darstellt, die im Alltag dann weniger genutzt wird als gedacht.
In Berlin gibt es viele Interessen, die teils gegeneinander wirken. Es soll kein Baum gefällt werden, also kann man Radwege nicht sanieren. Die bundesweite Verwaltungsvorschrift gibt 1,5 Meter Breite vor. Berlin selbst will eigentlich 2-2,5 Meter breite. 1,5m ist jedoch das Minimum um Fördergelder (bis zu 70%) zu bekommen. Gehwege müssen 1,8 Meter breit sein.
Zudem müssen immer mehr Flächen entsiegelt werden um Berlin zur Schwammstadt zu machen. In Berlin werden es auch immer mehr Autos (Zulassungen steigen) die jedoch immer weniger benutzt werden (Nutzung sinkt).
Ebenfalls gibt es hohe Anforderungen an Sicht-Achsen und Feuerwehr aufstellflächen.