In der Berliner Straße in Charlottenburg-Wilmersdorf steht die nächste Grundsatzdebatte über Radverkehrsinfrastruktur an. Während der östlich anschließende Abschnitt in Schöneberg bereits geschützt ausgebaut wurde, plant der Senat auf der Wilmersdorfer Seite eine abgeschwächte Lösung. Die Frage ist nur: Warum?

Radweg an der Grunewaldstraße in Schöneberg, bei Regen

In der Grunewaldstraße in Schöneberg ist der Radfahrstreifen bereits baulich gesichert. An der Bezirksgrenze, wo die Straße in die Berliner Straße übergeht, endet diese geschützte Führung jedoch abrupt. Für die Berliner Straße sieht die aktuelle Planung lediglich abschnittsweise gesicherte Fahrstreifen vor. Was zu einem Konflikt zwischen Bezirk und Senatsverkehrsverwaltung führt. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Titelbild: infraVelo, Daniel Rudolp

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Die Berliner Straße zählt zu den stark befahrenen Hauptverkehrsachsen im Berliner Westen. Bereits 2019 ließ der Berliner Senat eine Machbarkeitsstudie für die Berliner Straße und die Grunewaldstraße erstellen, um straßenräumliche Maßnahmen zur Lärmminderung sowie zur Verbesserung für Rad- und Fußverkehr zu prüfen.

Laut dieser Studie verzeichnet die Straße hohe Verkehrsaufkommen, hinzu kommen die Fassadenpegel, die an vielen Wohngebäuden Lautstärken von 70 bis 75 Dezibel erreichen. Gleichzeitig führte der Radverkehr über weite Strecken im Mischverkehr mit dem Autoverkehr, was die Sicherheit deutlich beeinträchtigte.

Im westlichen Abschnitt existierte lediglich ein schmaler Radstreifen, der nach Einschätzung der Gutachter untermäßig war. In anderen Bereichen fehlte eine eigenständige Radinfrastruktur vollständig. Vor diesem Hintergrund empfahl die Machbarkeitsstudie eine grundlegende Neuordnung des Straßenraums, um sowohl die Aufenthaltsqualität als auch die Verkehrssicherheit zu erhöhen.

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Aktuelle Planungen des Senats für den Abschnitt in Wilmersdorf: Nur abschnittsweise gesicherte Radfahrstreifen

Für einen rund 700 Meter langen Abschnitt zwischen Nassauischer Straße und Bamberger Straße hat die Senatsverkehrsverwaltung unter der führung von Ute Bonde (CDU) inzwischen eine neue Planung vorgelegt. Laut Berliner Morgenpost sieht diese lediglich stellenweise bauliche Schutzmaßnamen vor. Der Radfahrstreifen soll überwiegend direkt neben der jeweils verbleibenden Kfz-Spur verlaufen.

Als Begründung nennt die Senatsverwaltung laut Morgenpost die Sicherstellung eines zweiten Rettungswegs für die Feuerwehr. Konkrete brandschutztechnische Unterlagen oder Stellungnahmen veröffentlichte die Verwaltung bisher nicht.

Auch eine eigene Anfrage von ENTWICKLUNGSSTADT an den Senat blieb bislang unbeantwortet. Damit bleibt offen, welche technischen Anforderungen die Abkehr von einer durchgehend geschützten Lösung rechtfertigen.

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Kritik aus dem Bezirk und politische Spannungen: Unterschiedliche Prioritäten bei Sicherheit und Brandschutz

Im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf stößt die Senatsplanung auf deutliche Kritik. Vertreter der Grünen erklärten laut Morgenpost, die Anforderungen der Feuerwehr seien bereits 2019 im Rahmen der Machbarkeitsstudie berücksichtigt worden. Aus ihrer Sicht scheitere die geschützte Variante nicht an technischen Hürden, sondern an einer politischen Schwerpunktsetzung.

Bemerkenswert ist zudem, dass auch die CDU-Fraktion im Bezirk die geänderte Planung ablehnt. Sie betont, man fühle sich den Bürgerinnen und Bürgern verpflichtet und wolle an einem sicheren Ausbau festhalten. Lediglich AfD und FDP unterstützen im Verkehrsausschuss die Linie der Senatsverwaltung. Damit verläuft der Konflikt nicht nur zwischen Senat und Bezirk, sondern auch innerhalb der politischen Lager.

Bereits umgesetzter Ausbau in Schöneberg: Geschützter Radweg endet an der Bezirksgrenze

Östlich der Kreuzung zur Bamberger Straße geht die Berliner Straße in die Grunewaldstraße über. Dort wurde 2025 ein geschützter Radfahrstreifen umgesetzt. Die Planung erfolgte noch vor dem politischen Kurswechsel auf Landesebene. In diesem Abschnitt trennt ein baulich gesicherter Streifen den Radverkehr klar vom Autoverkehr.

An der Bezirksgrenze endet diese geschützte Führung jedoch abrupt. Während in Schöneberg ein durchgängiger Schutz realisiert wurde, plant der Senat in der Berliner Straße lediglich abschnittsweise Sicherungen. Genau dieser Bruch im Straßenraum macht den Konflikt sichtbar und wirft die Frage auf, warum entlang derselben Achse unterschiedliche Standards gelten sollen.

Juristische Blockade: Bezirk will Planungen des Berliner Senats nicht umsetzen

Jakob Zimmer, Mitglied der Grünen in der BVV Charlottenburg-Wilmersdorf, äußerte sich gegenüber ENTWICKLUNGSSTADT dazu wie folgt: „Die Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf hat sich mehrfach klar positioniert. Mit Beschluss 1063/6 vom 18.09.2025 wurde ausdrücklich gefordert, die Planungen mit geschütztem Radfahrstreifen aus 2023 mit den letzten noch offenen Punkten zu überarbeiten und schnellstmöglich zur Anordnung zu bringen. Das Bezirksamt hat der BVV in einer Vorlage zur Kenntnisnahme mitgeteilt, dass der Senat die Planungen der Projekteinheit Radwege nicht als Grundlage akzeptiert hat und hat uns im Ausschuss die Pläne für den ungeschützetn Radweg präsentiert.“

Daraufhin nutzte die BVV laut Zimmer auf Antrag der Grünen erstmals in dieser Wahlperiode § 12 Abs. 3 des Bezirksverwaltungsgesetzes. Damit erhält das Bezirksamt die Möglichkeit, die vorgelegte ungeschützte Variante nicht umzusetzen und vom Senat eine rechtssichere Überarbeitung auf Grundlage der fortgeschrittenen Planungen von 2023 einzufordern. Im Radwegstreit um die Berliner Straße ist also längst noch nicht das letzte Wort gesprochen worden.

[Karte mit Standort, ggf. weitere Bilder]

Quellen: Berliner Morgenpost, Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin, LK Argus Kassel GmbH

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3 Kommentare

  1. Joachim Neu 27. Februar 2026 at 11:10 - Reply

    Schlage vor das Jahr abzuwarten
    Dann werden die polit Karten nach der Wahl neu gemischt
    Für CDU-SPD wird es nicht mehr reichen
    Ohne GRÜNE geht es nicht
    Oder gleich rot-rot- grün
    Die Verkehrssenatorin wird nicht auf dem Posten überleben

  2. Ewald Karl 27. Februar 2026 at 17:28 - Reply

    Leider beweist die CDU jeden Tag in der Berliner Regierungsverantwortung, dass sie vor ideologischer Verblendung keine sinnvolle Verkehrspolitik umsetzen kann. Offenbar fühlt sich diese Partei nicht dem Wohl der Innenstadtbewohner verpflichtet. Sondern sie hat ausschließlich die Interessen von Vorortbewohnern im Blick, die wie vor 60 Jahren mit dem Auto zum Einkaufen in die Stadt fahren.
    Es wäre besser, die CDU könnte in der Opposition von Olympia und Magnetbahn träumen – und Politik wieder von Profis machen lassen.

  3. 41er 4. März 2026 at 07:46 - Reply

    Ich bin mittlerweile an den Punkt angelangt, dass ich den durch unseren Steinzeit-Senat geplanten Unsinn unkommentiert lasse.

    Die übliche Moralpredigt: Radweg gut, schützt Menschen, weniger Lärm. Mensch auf Fahrrad = Mensch nicht in auto = weniger Stau.

    Der Ausblick:
    Was wirklich helfen würde wäre ein autarkes Netz aus Fahrradstraßen. Aktuell sind die Fahrradstraßen hochfrequentiert, allerdings verstehen viele Autofahrer nicht, dass sie nicht als Abkürzung genutzt werden dürfen, sondern nur wenn man ein Ziel dort hat. Das Netz ist extrem lückenhaft und machen das Radfahren wirklich unangenehm. Das Mobilitätsgesetz scheint für CDU und SPD nicht zu gelten. Ich kann den Wechsel im Abgeordnetenhaus im September dieses Jahr kaum abwarten.

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