Beim Rückbau für das Quartier am Humboldthain werden Beton, Bodenplatten und technische Anlagen wiederverwendet. Das neue Gewerbequartier soll bis 2030 entstehen.

Direkt am Humboldthain soll ein urbanes Gewerbequartier entstehen, das Büros, Labore und Produktionsbereiche mit einem zentralen Park und ergänzender Nahversorgung kombiniert. / © Visualisierung: Coros
© Titelbild: GIRSHO
Hinter der verspiegelten Fassade an der Gustav-Meyer-Allee verschwindet das frühere Nixdorf-Gebäude zunächst fast unbemerkt. Arbeiter entfernen Bodenbeläge, Leitungen und technische Anlagen, während die äußere Hülle noch steht. Erst ab Herbst 2026 soll der Rückbau auch von außen deutlich sichtbar werden. Das Gebäude fällt dabei nicht auf einmal, sondern wird Bauteil für Bauteil zerlegt.
- Bezirk: Mitte
- Adresse: Gustav-Meyer-Allee 3 und 9 sowie Teilflächen an der Voltastraße 3
- Abschluss des Rückbaus: voraussichtlich Ende 2027
- Geplante Fertigstellung: bis 2030
- Nutzung: Forschung, Bildung, Labore, Büros, Produktion, Gastronomie, Kultur und Nahversorgung
Aus dem ehemaligen AEG- und Nixdorf-Areal in Berlin-Gesundbrunnen soll das Quartier am Humboldthain entstehen. Der geplante Wirtschaftsstandort umfasst rund 234.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche. Vorgesehen sind Labore, Büros, Forschungs-, Bildungs- und Produktionsflächen. Gastronomie, Kultur, Nahversorgung, ein Supermarkt und ein öffentlich zugänglicher Quartierspark sollen das Angebot ergänzen.
Der rechtskräftige Bebauungsplan schafft die Grundlage für die Neuordnung des rund 6,5 Hektar großen Areals. Die Planung sieht überwiegend fünf- bis zehnstöckige Gebäude sowie mehrere höhere Baukörper vor. Neue Wege und öffentlich zugängliche Freiflächen sollen das bislang abgeschottete Gewerbegelände mit dem Brunnenviertel und dem Umfeld des Humboldthains verbinden.

Das Quartier am Humboldthain entsteht zwischen den ehemaligen Industriegebäuden an der Gustav-Meyer-Allee in Berlin-Gesundbrunnen. / © Foto: GIRSHO
Humboldthain: Gebäude wird von innen nach außen zerlegt
Bis es so weit ist, müssen zunächst einmal die Bestandsgebäude zurückgebaut werden. Rund 50 Beschäftigte arbeiten täglich am Rückbau. Zunächst entfernen sie die Innenausstattung und trennen die unterschiedlichen Materialien. Danach folgt die Gebäudestruktur. Die Projektgesellschaft behandelt den Bestand dabei als zeitlich begrenztes Rohstofflager. Bereits 2022 begann sie damit, Mengen zu erfassen, Hersteller anzusprechen und Abnehmer für einzelne Bauteile zu suchen.
Diese Vorbereitung entscheidet darüber, ob ein Bauteil erneut verwendet werden kann oder als Abfall endet. Beim konventionellen Recycling wird ein Material zerkleinert und mit zusätzlichem Energieaufwand zu einem neuen Produkt verarbeitet. Beim Re-Use bleibt das Bauteil dagegen weitgehend erhalten. Es wird ausgebaut, geprüft und an anderer Stelle wieder eingesetzt.
Im Gebäude liegen rund 40.000 Quadratmeter Teppichfliesen – eine Fläche von ungefähr sechs Fußballfeldern. Eine eigens eingesetzte Maschine trennt die Fliesen einzeln von den darunterliegenden Doppelbodenplatten. Ein Teil der Platten soll direkt in anderen Gebäuden weitergenutzt werden. Einige gelangen in einen Büroneubau nach Luxemburg, andere sollen später in das Quartier am Humboldthain zurückkehren.

Im Inneren des Bestandsgebäudes läuft die Entkernung für das Quartier am Humboldthain, während Leitungen, Deckenbauteile und technische Anlagen getrennt ausgebaut werden. / © Foto: GIRSHO
50.000 Tonnen Beton sollen am Humboldthain weiterverwendet werden
Besonders groß ist die Menge der mineralischen Baustoffe in den Bestandsgebäuden. Rund 50.000 Tonnen Beton sollen auf dem Gelände zerkleinert und zu Recyclingmaterial aufbereitet werden. Das Material kann anschließend unter anderem im Straßenbau und in geeigneten Bereichen der späteren Neubebauung zum Einsatz kommen.
Weil ein großer Teil der Masse am Humboldthain bleibt, entfallen nach Angaben der Projektgesellschaft etwa 2.000 Fahrten für den Abtransport des Abbruchmaterials. Weitere rund 2.000 Fahrten könnten eingespart werden, weil weniger neue Baustoffe angeliefert werden müssen. Insgesamt geht es damit um bis zu 4.000 vermiedene Lkw-Fahrten.
Auch größere Bauteile stehen im Fokus. Die Universität der Künste Berlin untersucht in einem Reallabor ausgeschnittene Stahlbetondecken und Stützen. Fachleute prüfen, unter welchen Bedingungen solche Elemente erneut tragende Aufgaben übernehmen können. Einzelne Stahlbetonteile aus dem Bestand sollen unter anderem bei einem sozialen Wohnungsbauprojekt in Leipzig eingesetzt werden.

Der Rückbau des Quartiers am Humboldthain betrifft einen langgestreckten Gebäudekomplex zwischen der Gustav-Meyer-Allee und den benachbarten Gewerbebauten. / © Foto: GIRSHO
Warum der große Gebäudekomplex am Humboldthain nicht erhalten bleibt
Vor Beginn des Rückbaus prüfte die Projektgesellschaft nach eigenen Angaben auch eine weitgehende Weiternutzung. Dagegen sprach vor allem die Gebäudestruktur. Der Komplex misst etwa 220 Meter in der Breite und 120 Meter in der Länge. Tageslicht erreicht die Innenräume nur bis zu einer Tiefe von ungefähr sechs Metern. Große Flächen im Kern blieben deshalb dauerhaft auf künstliche Beleuchtung angewiesen.
Hinzu kam die verspiegelte Fassade, die einen hohen Kühlbedarf verursachte. Der Bestand verbrauchte jährlich rund 36 Millionen Kilowattstunden Energie. Der geplante Neubau soll statt etwa 330 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr nur noch rund 100 Kilowattstunden benötigen. Das entspräche einer Reduktion um etwa 70 Prozent.

Beim Rückbau für das Quartier am Humboldthain werden Baustoffe getrennt und direkt auf dem ehemaligen AEG- und Nixdorf-Areal aufbereitet. / © Foto: GIRSHO
Der Rückbau am Humboldthain wird zum Testfall für zirkuläres Bauen
Mit dem Rückbau beginnt damit nicht nur die Vorbereitung für das neue Quartier am Humboldthain. Das Projekt zeigt zugleich, wie sich große Bestandsgebäude systematisch als Materialquelle nutzen lassen. Teppichfliesen, Doppelbodenplatten, Beton und technische Anlagen sollen möglichst lange im Kreislauf bleiben, statt direkt entsorgt zu werden.
Ob sich diese Verfahren auch wirtschaftlich und organisatorisch im Maßstab eines innerstädtischen Großprojekts bewähren, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Fest steht bislang: Der Rückbau soll bis Ende 2027 abgeschlossen sein. Danach beginnt die Hochbauphase für das neue Quartier, dessen Fertigstellung bis 2030 geplant ist.
Quartier am Humboldthain
Quellen: GIRSHO, Projektseite Quartier am Humboldthain, Bezirksamt Mitte, Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
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3 Kommentare
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Noch mehr Büros. Hier bauen wir den Leerstand von morgen.
Ich habe in der ehemaligen Fabrikhalle, die zu Büros umgebaut wurde, über 20 Jahre gearbeitet. Undichtes Dach, nie richtig funktionierende Klimaanlage….! Ist nicht schade drum!
Ja, und solange man mit Leerstand in dieser Stadt auch gut Geld vom Staat verdienen kann, baut man auch gerne Bürogebäude, die keiner brauch.
Und dann wundern sich Politiker, dass die Bürger bei Wahlen immer extremer drauf sind.
Herr, lass Hirn regnen!
Betonrecycling ist Downcycling und hat mit zirkulärem Bauen nichts zu tun, solange es nicht wirklich in seine echten Bestandteile zerlegt wird.