Machtarchitektur im Herzen Berlins: In der dritten Folge der Doku-Reihe „Orte Ost“ führt Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk durch das Staatsratsgebäude in Berlin-Mitte und ordnet dessen Rolle als politisches Machtzentrum der DDR ein. Ab sofort ist die neue Folge, produziert vom DDR-Museum, auf dem YouTube-Kanal von ENTWICKLUNGSSTADT zu sehen.
© Foto Titelbild: DDR-Museum
Nach dem Auftakt in Oberschöneweide und der Folge zum Ernst-Thälmann-Denkmal widmet sich die Dokumentationsreihe „Orte Ost“ nun einem der zentralen Machtorte der DDR: dem Staatsratsgebäude in Berlin-Mitte. Die rund 25-minütige Episode wird erneut exklusiv auf ENTWICKLUNGSSTADT veröffentlicht, mit freundlicher Genehmigung des DDR-Museum. Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk führt an einen Ort, an dem sich politische Symbolik, architektonische Repräsentation und deutsche Geschichte auf besondere Weise überlagern.
Die Filmreihe beleuchtet historische Schauplätze als steingewordene Ausdrucksformen politischer Systeme. Nach Industriearchitektur und Monumentalkunst rückt nun ein Regierungsbau in den Mittelpunkt, der wie kaum ein anderes Gebäude für den Machtanspruch der SED-Führung stand und zugleich architektonisch ein bemerkenswertes Hybrid darstellt.
Staatsratsgebäude in Berlin-Mitte: Architektur als Bühne politischer Macht
Errichtet wurde das Gebäude zwischen 1962 und 1964 auf dem Gelände des im Krieg schwer beschädigten und später abgetragenen Berliner Schlosses. Es diente als Sitz des Staatsrates der DDR, also jenes Gremiums, das formal als kollektives Staatsoberhaupt fungierte. In unmittelbarer Nachbarschaft zum damaligen Außenministerium und unweit des Marx-Engels-Forums entstand somit ein Machtzentrum im Herzen Ost-Berlins.
Teil des Films ist das sogenannte Portal IV, jenes historische Schlossportal, von dem aus Karl Liebknecht 1918 die „freie sozialistische Republik“ ausgerufen hatte. Dieses Portal wurde in den Neubau integriert und bewusst als ideologisches Bindeglied zwischen preußischer Geschichte, Revolutionserzählung und sozialistischer Staatsgründung inszeniert. Architektur wurde hier zur historischen Argumentation.
Einstiger Staatsrat der DDR: Zwischen Traditionsaneignung und sozialistischer Moderne
Das Staatsratsgebäude verbindet klare, sachliche Formen der Nachkriegsmoderne mit repräsentativen Elementen. Die großzügige Glasfassade, weitläufige Foyers und streng gegliederte Fassadenflächen sollten Transparenz und staatliche Autorität zugleich vermitteln. Kowalczuk ordnet diese Gestaltungsentscheidungen in den Kontext einer DDR ein, die sich Anfang der 1960er-Jahre zunehmend auch architektonisch vom stalinistischen Klassizismus entfernte.
Zugleich zeigt die Dokumentation, wie stark politische Symbolik in den Bau eingeschrieben wurde. Die bewusste Integration historischer Fragmente und die prominente Lage machten das Gebäude zu einem ideologischen Scharnier zwischen Vergangenheit und Gegenwart: eine steinerne Selbstvergewisserung des Staates.
Vom Machtzentrum zur Hochschule: Der Wandel nach 1990
Mit dem Ende der DDR verlor das Gebäude seine ursprüngliche Funktion. Anders als viele andere Repräsentationsbauten blieb es jedoch erhalten. Seit den 1990er-Jahren wird es von der European School of Management and Technology (ESMT) genutzt, eine Umnutzung, die den Ort grundlegend transformierte.
Die Dokumentation beleuchtet auch diese Phase des Übergangs. Wie geht man mit einem Bauwerk um, das so eng mit einem untergegangenen politischen System verknüpft ist? Welche Spuren bleiben sichtbar, welche werden überformt?
„Orte Ost“: Filmische Spurensuche im Stadtraum
Mit der dritten Folge setzt das DDR-Museum seine filmische Spurensuche fort. Kowalczuk macht deutlich, dass das Staatsratsgebäude weniger über Verwaltungspraxis erzählt als über Selbstinszenierung und Geschichtspolitik. Der Bau wird im Film als Ausdruck eines Staates lesbar, der sich architektonisch legitimieren wollte, durch Monumentalität, Traditionsbezug und städtebauliche Präsenz.
Weitere Teile der Reihe sind bereits in Vorbereitung und widmen sich zusätzlichen Schauplätzen ostdeutscher Geschichte, darunter die Parteizentrale der SED, das Gefängnis Keibelstraße oder der Rundfunk der DDR in der Nalepastraße. Die aufwendig produzierte Reihe verbindet historische Analyse mit heutiger Stadterfahrung und zeigt, wie sehr Berlins Stadtraum bis heute von politischen Einschreibungen geprägt ist.
Auch diese Folgen werden auf dem YouTube-Kanal von ENTWICKLUNGSSTADT als auch auf der Video-Plattform des DDR-Museums zu sehen sein.
Quellen: DDR Museum, Verein für die Geschichte Berlins e.V., Industriesalon Schöneweide, Deutsches Architektur Forum, berlin.de, Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
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Wenn ich ein Gebäude zu DDR-Zeiten abgrundtief gehaßt habe, war es genau dieses Gebäude und das gelegentliche Vorbeispazieren an selbigen. Mich fasziniert an dieser architektonischen Ausgeburt auch heute nichts, eher taugt es zur Erinnerung an diversen schlimmen Erlebnissen…Zeitgeschichte hin oder her… Widerliches Teil.