Das DDR-Museum startet mit „Orte Ost“ ein neues Filmprojekt über historische Schauplätze in Ostdeutschland. Der Auftakt in Oberschöneweide zeigt exemplarisch, wie Industriegeschichte und Gegenwart miteinander verwoben sind. Ab sofort ist der Pilotfilm auf dem YouTube-Kanal von ENTWICKLUNGSSTADT zu sehen.
© Titelbild: © Foto Titelbild: IMAGO / Rolf Zöllner
Mit dem neuen Filmprojekt „Orte Ost„ erweitert das DDR-Museum sein Vermittlungsangebot um ein audiovisuelles Format, das sich gezielt historischen Schauplätzen in Ostdeutschland widmet. Im Zentrum der neu produzierten Filmreihe stehen Orte, die exemplarisch für politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen stehen, und deren heutige Gestalt sich oft deutlich von ihrer historischen Prägung unterscheidet. Moderiert und eingeordnet wird die Reihe vom Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der seit vielen Jahren als profunder Kenner der DDR-Geschichte gilt.
Der erste Pilotfilm führt nach Berlin-Oberschöneweide, in eines der bedeutendsten Industrieareale der ehemaligen DDR. Die Wahl dieses Ortes ist programmatisch: Kaum ein Standort verdeutlicht so anschaulich die tiefgreifenden Umbrüche, die ostdeutsche Industrielandschaften seit dem Ende der DDR erfahren haben. Exklusiv wird der Pilotfilm der neuen Reihe heute auf dem ENTWICKLUNGSSTADT YouTube Kanal veröffentlicht, mit freundlicher Unterstützung des DDR-Museums.
Filmreihe „Orte Ost“: Historische Orte als Spiegel gesellschaftlicher Transformation
„Orte Ost“ versteht sich nicht als klassische Geschichtsdokumentation, sondern als erzählerisches Format, das historische Tiefenschärfe mit aktuellen Perspektiven verbindet. Der Ansatz des Projekts besteht darin, Orte nicht nur als Kulissen vergangener Ereignisse zu betrachten, sondern als lebendige Räume, deren Bedeutungen sich im Laufe der Zeit verändert haben. Kowalczuk ordnet dabei politische Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Strukturen und soziale Brüche ein, ohne die Ambivalenzen der DDR-Geschichte zu glätten.
Gerade diese Verbindung von historischer Analyse und gegenwartsbezogener Beobachtung macht das Format anschlussfähig für ein breites Publikum. Die Filme richten sich nicht nur an historisch Interessierte, sondern auch an jene, die den Wandel ostdeutscher Städte und Regionen aus heutiger Perspektive nachvollziehen wollen. Die Premiere des Films fand am Dienstagabend im Industriesalon Schöneweide statt.
DDR-Geschichte: Ilko-Sascha Kowalczuk als historischer Erzähler
Als wissenschaftlicher Begleiter und Protagonist der Filmreihe bringt Ilko-Sascha Kowalczuk seine langjährige Forschungserfahrung ein. Bekannt ist er für seine differenzierte Auseinandersetzung mit der DDR, die weder nostalgisch verklärt noch pauschal verurteilt. Im Format „Orte Ost“ fungiert er weniger als distanzierter Kommentator denn als erklärender Begleiter, der historische Zusammenhänge verständlich aufbereitet und in größere Linien der deutschen Nachkriegsgeschichte einordnet.
Sein Zugang betont die Wechselwirkungen zwischen politischen Entscheidungen, wirtschaftlichen Strukturen und individuellen Lebensrealitäten. Gerade am Beispiel Oberschöneweides wird deutlich, wie eng Industriegeschichte, Stadtentwicklung und gesellschaftliche Erfahrungen miteinander verwoben sind.
Oberschöneweide: Vom industriellen Motor zum Transformationsraum
Das Industrieareal Oberschöneweide zählt zu den wichtigsten Schauplätzen der ostdeutschen Industriekultur. Seit dem späten 19. Jahrhundert entwickelte sich das Gebiet entlang der Spree zu einem der größten zusammenhängenden Industriestandorte Berlins. Besonders prägend war das Kabelwerk Oberspree, das als Symbol für die Elektrifizierung und Industrialisierung der Hauptstadt stand und später zu den zentralen Produktionsstätten der DDR gehörte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Oberschöneweide zum industriellen Herzen im Osten Berlins. Großbetriebe und Tausende Arbeitsplätze bestimmten den Alltag im Stadtteil. Mit dem politischen Umbruch 1989/90 setzte jedoch ein rasanter und harter Strukturbruch ein: Produktionsstätten schlossen, Arbeitsplätze gingen verloren, ganze Areale standen leer. Diese Zäsur prägt das kollektive Gedächtnis des Ortes bis heute.
Oberschöneweide heute: Industriekultur zwischen Privatisierung, Verfall und Neunutzung
Der Film macht deutlich, dass Oberschöneweide kein abgeschlossenes Kapitel ist, sondern ein Raum fortlaufender Transformation. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden zahlreiche Industriegebäude saniert und neuen Nutzungen zugeführt.
Hochschulen, Start-ups, Kreativwirtschaft und Gewerbe sind heute ebenso Teil des Quartiers wie Erinnerungsorte der Industriegeschichte. Einrichtungen wie der Industriesalon Schöneweide tragen engagiert dazu bei, das industrielle Erbe sichtbar zu halten und historisch einzuordnen.
Filmreihe „Orte Ost“: Soziale Folgen des Strukturwandels im Berliner Südosten werden aufgezeigt
Die aufwendig produzierte Dokumentationsreihe „Orte Ost“ greift diese Entwicklung auf, ohne sie unkritisch zu feiern. Der Film thematisiert auch die sozialen Folgen des Strukturwandels und die Frage, wem die neuen Räume gehören. Damit wird Oberschöneweide zu einem exemplarischen Fall für viele ostdeutsche Industriestandorte, die zwischen Erinnerung, Verdrängung und Neuinterpretation stehen.
Mit der neuen Filmreihe positioniert sich das DDR-Museum also ganz bewusst an der Schnittstelle von Geschichtsvermittlung und aktueller Stadt- und Gesellschaftsdebatte. Das Filmprojekt zeigt, dass historische Orte nicht statisch sind, sondern sich mit jeder Generation neu lesen lassen.
Filmprojekt des DDR-Museums: Geschichtsvermittlung und aktuelle Gesellschaftsdebatte
Der Auftakt in Oberschöneweide verdeutlicht, wie produktiv diese Perspektive sein kann, gerade in einer vielschichtigen und komplexen Stadt wie Berlin, deren Identität stark von Brüchen und Überlagerungen geprägt ist. Als Startpunkt der geplanten Reihe setzt der Film einen inhaltlich dichten und zugleich offenen Akzent.
Weitere Folgen sollen andere Orte in Ostdeutschland in den Blick nehmen und damit das Spektrum historischer Erfahrungen erweitern. Vorgesehen sind Kurzfilme mit einer Länge von jeweils rund 25 Minuten zu folgenden Orten und Themen: Ernst-Thälmann-Denkmal im Ernst-Thälmann-Park, Gefängnis Keibelstraße am Alexanderplatz, Rundfunk der DDR in der Nalepastraße, Parteizentrale der SED, Staatsratsgebäude der DDR, Wohnen und Wohnraum in der DDR, Wohnen im Grünen sowie Wohnen in der Platte.
Auch diese Folgen werden auf dem YouTube-Kanal von ENTWICKLUNGSSTADT als auch auf der Video-Plattform des DDR-Museums zu sehen sein.

Dort, wo in der Vergangenheit Starkstromkabel gefertigt wurden, entwickeln heute Studierende regenerative Energiesysteme, konzipieren Computerspiele und neue Hardware-Komponenten. / © Foto: IMAGO / Schöning
Quellen: DDR Museum, Industriesalon Schöneweide, Deutsches Architektur Forum, Kabelwerk Oberspree
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