Berlin erlebt einen leisen, aber tiefgreifenden Wandel: Die Zahl der privaten Autos sinkt auf ein historisches Tief, während die Stadt weiter wächst. Nur noch gut jeder vierte Berliner besitzt ein eigenes Auto. 

Verkehrssituation in Berlin mit Autos und Bussen.

Die Zahl der privaten Autos in Berlin sinkt seit Jahren kontinuierlich und hat mit 275 Pkw pro 1.000 Einwohner einen historischen Tiefstand erreicht. / © Foto: depositphotos.com

© Titelbild: depositphotos.com

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Wenn in Berlin am frühen Morgen die Straßen in Bewegung kommen, zeigt sich weiterhin eine hohe Verkehrsdichte. Diese entsteht jedoch zunehmend weniger durch privaten Autobesitz, sondern durch das Wachstum der Stadt und die insgesamt hohe Mobilität ihrer Bewohner. Nach aktuellen Zahlen kommen nur noch 275 private Pkw auf 1.000 Einwohner. Das entspricht einem Anteil von 25,4 Prozent – ein historischer Tiefstand für die Hauptstadt.

Wie aus einer Schriftlichen Anfrage der Abgeordneten Antje Kapek (GRÜNE) hervorgeht, waren Ende 2025 rund 1.074.696 private Pkw in Berlin registriert, bei knapp 3,9 Millionen Einwohnern. Gleichzeitig hat die Bevölkerung in den vergangenen Jahren weiter zugelegt. Der Rückgang des Autobesitzes ist damit kein Nebeneffekt, sondern wird als klarer Strukturbruch im städtischen Mobilitätsverhalten interpretiert.

Deutliche Unterschiede zwischen Kiezen und Stadtrand

Der Blick in die Stadt zeigt ein stark fragmentiertes Bild. Während in innerstädtischen Bezirken das Auto für viele längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist, bleibt es andernorts weiterhin verbreitet. In Friedrichshain-Kreuzberg liegt die Quote bei nur 16,8 Prozent, in Mitte bei 17,9 Prozent.

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Ganz anders stellt sich die Situation in den Außenbezirken dar. In Steglitz-Zehlendorf besitzen 36,4 Prozent der Einwohner ein eigenes Auto, in Reinickendorf 33,7 Prozent. Berlin bleibt damit eine Stadt der Gegensätze, auch im Verkehr. Die Unterschiede spiegeln nicht nur Lebensstile, sondern auch Erreichbarkeit, Infrastruktur und Dichte des öffentlichen Nahverkehrs wider.

Die Grafik zeigt die Unterschiede zwischen den Berliner Bezirken hinsichtlich der privaten Pkw je 1.000 Einwohner 2025.

In Berlin besitzt nur etwa jeder vierte Mensch ein eigenes Auto, wobei die Quote in den Innenstadtbezirken deutlich niedriger und in den Außenbezirken wie Steglitz-Zehlendorf oder Reinickendorf am höchsten ist. / © Grafik: ENTWICKLUNGSSTADT

Weniger Autos in Berlin: Deutschlandweit gegenläufige Entwicklung

Im Vergleich zum Bundestrend nimmt Berlin eine Sonderrolle ein. Während bundesweit die Zahl der Autos weiter steigt – zuletzt auf rund 49,4 Millionen Fahrzeuge – bewegt sich die Hauptstadt in die entgegengesetzte Richtung. Auch andere Großstädte liegen deutlich über dem Berliner Niveau, etwa Hamburg oder München.

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Parallel dazu sinkt in Berlin auch die Zahl der Neuzulassungen. Im vergangenen Jahr wurden nur noch rund 59.500 neue Pkw registriert; deutlich weniger als noch vor zwei Jahrzehnten, als die Werte zeitweise über 90.000 lagen. Die Dynamik der Motorisierung verliert damit sichtbar an Kraft.

Hauptstadt im Umbau: Weniger Besitz, neue Nutzung

Die Entwicklung lässt sich nicht allein als statistischer Effekt erklären, sondern ist eng mit veränderten Mobilitätsmustern verbunden. Öffentlicher Nahverkehr, Radverkehr und neue Sharing-Angebote übernehmen zunehmend Funktionen, die früher selbstverständlich dem eigenen Auto vorbehalten waren.

Gleichzeitig bleibt die Infrastrukturfrage zentral: Wie viel Raum soll das Auto in einer wachsenden Metropole künftig einnehmen? In Berlin wird diese Frage zunehmend konkret, etwa durch Umgestaltungen in Kiezen wie dem Graefekiez in Friedrichshain-Kreuzberg, wo Stellflächen reduziert und Straßenräume neu verteilt wurden.

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Zwischen autogerechter Stadt und neuer Mobilität

Die aktuellen Zahlen markieren auch einen historischen Kontrast. Berlin war über Jahrzehnte ein Labor der „autogerechten Stadt“, geprägt von breiten Straßenachsen, Stadtautobahnen und dem Leitbild fließenden Verkehrs. Diese Planungslogik wirkt bis heute nach, steht jedoch zunehmend im Spannungsverhältnis zu neuen Anforderungen an Klimaschutz, Aufenthaltsqualität und urbane Dichte.

Der Rückgang des Autobesitzes zeigt damit nicht nur eine veränderte Alltagsrealität, sondern auch einen schleichenden Paradigmenwechsel. Die Stadt entfernt sich Schritt für Schritt von einem Leitbild, das sie lange geprägt hat – ohne dass bereits klar ist, welches Modell diese Lücke langfristig füllt.

 

Quellen: Abgeordnetenhaus Berlin, Drucksache 19 / 26 168, Schriftliche Anfrage, Statistisches Bundesamt, Der Tagesspiegel

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4 Kommentare

  1. Norbert 17. Juni 2026 at 18:46 - Reply

    Die Anzahl der mit dem Auto gefahrenen Kilometer geht in Berlin seit Jahren zurück, daher ist die sinkende Anzahl der in Berlin zugelassenen PKW eigentlich nur die logische Konsequenz. Ein Auto zu besitzen wird ja oftmals immer teurer. Viele Menschen rechnen also einfach und entscheiden dann sachlich was sich lohnt und was nicht.
    Das würde ich mir auch von der Berliner Politik in dieser Sache wünschen. Entscheidungen aufgrund von Fakten, Daten und Trends sachlich treffen und die Ideologie und Emotionalität (egal in welche Richtung) heraus lassen.

  2. Fhain 17. Juni 2026 at 20:29 - Reply

    Ich glaube so ganz stimmt das nicht.
    Die Versicherung für in Berlin zugelassene Autos ist verdammt teuer geworden. Wer also von außerhalb nach Berlin zieht oder gezogen ist (und davon gibt es sehr viele) wird sein Auto über ein Familienmitglied außerhalb Berlins anmelden.
    Da dürften einige Autos von in Berlin rumfahren, die eben nicht in der schönen Statistik oben auftauchen.
    Ich fahre übrigens auch ein Auto, was nicht in Berlin angemeldet ist, sich aber auch hier auf den Straßen bewegt. Und kenne auch einige, die das so haben.
    Von daher, eine schöne Vorstellung, die aber ohne die anderen Variablen zu berücksichtigen, einfach falsch ist.

    • Max H. 23. Juni 2026 at 14:48 - Reply

      Beim Thema Auto ist immer sehr viel „Glaube“ dabei, das zeichnet Autofans und Autopolitiker seit jeher aus…

      Deswegen solltest du vielleicht selbst mit gutem Beispiel vorangehen und auch „andere Variablen berücksichtigen“, so wie du es einforderst. Ganz besonders wichtig wäre da nämlich der Modal Split von Berlin. Und der bestätigt die Statistiken dieses Artikels. Im Berliner Modal Split, zu dem es mehrere wissenschaftlichen Studien in den letzten Jahren gab (unter anderem der renommierten verkehrswissenschaftlichen Fakultät der TU Dresden), geht hervor, dass der Anteil des motorisierten Individualverkehrs am Modal Split in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen ist. 2013 lag er zB. noch bei 30%, heute bei 22%.

      Du magst Recht haben, dass die Statistiken etwas trügen, weil einige Zuzügler woanders angemeldete Autos in Berlin nutzen. Grundsätzlich bestätigen die Statistiken zum Mobilitätsverhalten in Berlin aber das Bild, dass der Autoverkehr prozentual gesehen seine Bedeutung an der Gesamtverkehrsleistung, während besonders das Fahrrad massiv Bedeutung gewonnen hat im Vergleich zu vor 20 Jahren. Dass die Straßen trotzdem verstopft bleiben, liegt daran, dass Berlin rasant wächst, weshalb in absoluten Zahlen natürlich auch der Autoverkehr im Volumen stetig etwas mehr wird. So ist das mit der Mathematik.

      Die Verkehrspolitik muss für sich daraus ableiten, dass sie ihre Prioritäten ändern muss. Der Modal Split von 2023 nach einer Studie der TU Dresden sieht so aus:

      Fuß: 31% – ÖPNV: 26% – MIV: 22% – Rad: 18%

      Zwischen 2013 und 2023 ist der Anteil von Rad- und Fußverkehr dabei gewachsen, der ÖPNV in etwa konstant geblieben und der MIV gesunken. Leider leitet die aktuelle Regierung daraus ab, dass das Auto unter allen Umständen bevorzugt und priorisiert werden muss, um den Anteil am Modal Split wieder aktiv zu erhöhen. Das ist das erklärte politische Ziel der CDU.

      Hochfatal und antiwissenschaftlich natürlich. Es ist auch nicht anders zu erwarten gewesen. Wenn man „alle Variablen berücksichtigt“, muss sich die Verkehrspolitik ändern. Das Auto wird immer seinen Anteil haben. Aber die Entwicklung und auch der verkehrswissenschaftliche Konsens ist, dass ein großer Teil der Stadtbewohner freiwillig drauf verzichtet, wenn die alternativen Angebote – Fuß, Rad, ÖPNV – gut ausgebaut und vernetzt sind. Mit einer fakten- und wissenschaftsbasierten Verkehrs- und Stadtentwicklungspolitik hat Berlin immer immenses Potential.

      Es muss nur ausgeschöpft werden von einer Regierung mit Vision.

  3. Reinhardt Kirchner 21. Juni 2026 at 18:35 - Reply

    Herrlich : glaube keiner Statistik die du nicht selbst gefälscht hast. Was Berlin fehlt ist ein Konzept, eine Vision wie Mobilität besser, flüssiger und vor allem zuverlässiger stattfinden kann. was ich in den letzten Tagen mit A-und U-Bahn erlebt habe hat das Gefühl eines Entwicklungslandes und mit Blick auf die Niederlande oder Dänemark ist es hier so schmutzig wie nie. Der Bahnhof Frankfurter Allee ist eine Obdachlosen-Urin-Kloake..Eklig…

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