Das Vergabeverfahren zur deutschen Olympiabewerbung wurde grundlegend verändert: Statt einer internen Vorauswahl werden nun alle vier Bewerber gleichberechtigt behandelt. Der DOSB setzt damit auf Transparenz und Offenheit, und auf einen fairen Wettbewerb. Am Mittwoch stellten die vier Bewerber ihre Konzepte in Berlin vor.

Olympia in Deutschland wird zur Gemeinschaftsaufgabe: Der DOSB stellt alle Bewerberstädte gleich und stärkt damit das Vertrauen in den Prozess. Eine Entscheidung soll im September 2026 fallen. Ob Berlin seinen Stadtraum wie hier (während der Fußball-EM 2024) also wieder einmal umgestalten werden darf, ist derzeit noch völlig offen. / © Foto: Moritz Eden / City-Press GmbH Bildagentur
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Am Mittwoch fand die Sitzung des Sportausschusses unter Beteiligung der vier deutschen Bewerberkandidaten für die im Sommer stattfindenden Olympischen und Paralympischen Spiele statt. Das sind derzeit Berlin, Hamburg, München und die Region Rhein-Ruhr, die konzertiert ihre Bewerberkonzepte präsentierten.
Davor allerdings wiesen sowohl der neue Vorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Otto Fricke, als auch der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), Hans-Jörg Michel, auf die immense Bedeutung dieser Bewerbungen und die Chancen für die weitere Entwicklung des Sports insgesamt in Deutschland hin. Über das Prozedere des Auswahlverfahrens referierte Otto Fricke.
Olympia als Gemeinschaftsaufgabe: Otto Fricke will Deutschland „insgesamt dafür begeistern“
Fricke sieht in der Olympiabewerbung eine gemeinschaftliche Aufgabe. Selbst wenn sich vier Kandidaten um die Austragung der Spiele in Deutschland bewerben, müsse es darum gehen, das „Land insgesamt dafür zu begeistern“. Als vor mittlerweile 53 Jahren die Olympische Flamme in München erlosch, betrachtete Fricke es als seine Aufgabe, das Feuer neu zu entfachen.
Um welches Jahr es sich bei den Bewerbungen konkret handeln werde, sei noch nicht fixiert, aber es gehe um die Jahre 2036, 2040 und 2044. Letztendlich müsse man darauf reagieren, welche Möglichkeiten das IOC anbiete. Der Vorstandsvorsitzende des DOSB betonte, dass er im Bieterverfahren eine neutrale Position innehabe, denn im Kern gehe es darum, dem IOC das bestmögliche Angebot zu offerieren.
Olympia in Deutschland? Politik und Wirtschaft sind gefordert, Begeisterungsfähigkeit der Menschen ebenso
Für eine erfolgreiche Bewerbung wolle sich Fricke die Unterstützung von Politik und Wirtschaft einholen. Gleichzeitig verwies er auf die große Bedeutung der Begeisterungsfähigkeit der Menschen in Deutschland für dieses Vorhaben, die er unbedingt „mitnehmen will“.
Dabei betonte er mit Nachdruck, dass der DOSB niemals die Forderung nach Bürgerbefragungen erhoben habe und das auch nicht tun wolle. Jedem Bewerber werde die Chance eingeräumt, im Zuge des Bewerbungsprozesses eine demokratische Basis zu schaffen. Ob das eine Bürgerbefragung oder eine parlamentarische Entscheidung sei, obliege der Verantwortung jedes einzelnen Bewerbers.
Aktuelle Umfragewerte für eine deutsche Olympia-Bewerbung sind positiv – Entscheidung im September 2026
Die derzeitigen Umfragewerte zu einer Olympiabewerbung Deutschlands stimmten ihn positiv, so Fricke. Eine Zustimmung von rund 70 Prozent sei durchaus akzeptabel und eine „sehr gute Zahl“. Wer als Kandidat für die deutsche Olympiabewerbung ins Rennen gehen wird, entscheidet sich im September 2026.
Für den Evaluierungsprozess kündigte Fricke eine Entscheidungsmatrix an, aus der die Entscheidungsfindung nachvollziehbar werde, als Garant für ein Ergebnis, das auf professioneller Basis entstehen soll. „Es geht um einen fairen Wettbewerb“, so der Vorstandsvorsitzende des DOSB.
Paralympische Sommerspiele: Positive Erfahrungen des DBS in London und Paris
Der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands, Michel, verwies auf die positiven Erfahrungen, die der paralympische Sport mit den Spielen in London 2012 und insbesondere in Paris 2024 gemacht habe. Der paralympische Sport stehe für „Inklusion, Inspiration, Vielfalt und Respekt“, betonte Michel. Dies seien Werte, die insbesondere im Ausrichterland wahrgenommen und verinnerlicht würden. Außerdem förderten diese Spiele in besonderem Maße die Möglichkeiten und Chancen der Sporttreibenden mit Behinderungen, so der DBS-Präsident weiter.
Der neue Evaluierungsprozess, der von Fricke und Michel verkündet worden war, wurde durchaus mit Verwunderung aufgenommen. Denn eine interne Vorauswahl unter den Bewerberstädten, wie es ursprünglich vorgesehen war, soll es nun doch nicht mehr geben. Damit werden Berlin, Hamburg, München und die Region Rhein-Ruhr gleichberechtigt behandelt. Alle Konzepte gelten als hochwertig, ein frühzeitiges Ausscheiden einzelner Kandidaten ist nicht mehr vorgesehen.
Neuer Evaluierungsprozess soll frühzeitiges Ausscheiden eines Bewerbers ausschließen
Fricke betonte bei der Erläuterung der geplanten Matrix, dass es vor allem darum gehe, den Prozess transparenter und nachvollziehbarer zu gestalten. Fricke sieht in dem Verfahren eine Chance, die Begeisterung für Olympische und Paralympische Spiele bundesweit zu fördern. Damit rücke der Gedanke einer gemeinsamen nationalen Aufgabe in den Vordergrund.
Mit der neuen Herangehensweise setzt der DOSB auf Offenheit und Gleichbehandlung und will damit nach eigener Aussage die Grundlage für eine überzeugende deutsche Bewerbung bei künftigen Spielen schaffen.
Olympia in der Hauptstadt? Konzept Berlin+
Iris Spranger (SPD), Senatorin für Inneres und Sport in Berlin, präsentierte das Konzept Berlin+. Dabei legte sie Wert auf die Feststellung, dass „Berlin als vielfältige und kreative Hauptstadt“ bereit sei, das Zukunftsprojekt Olympische und Paralympische Spiele „mit ganzer Kraft Wirklichkeit werden zu lassen“.
Das Konzept Berlin+ heiße deshalb so, weil sich Berlin als Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland gemeinsam mit den Bundesländern Brandenburg, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein um die Spiele bewerbe.
Olympische Sommerspiele in Hamburg oder München?
Hamburgs für den Sport zuständiger Innensenator Andy Grote (SPD) referierte in seiner Vorstellung über die „Spiele der kurzen Wege“; konzeptionell werde Olympia „zentral eingebettet in die Stadt“. Für die Austragung der Spiele würden ausschließlich bestehende, temporäre oder ohnehin bereits geplante Sportstätten genutzt. „Keine einzige Sportstätte wird aufgrund der Olympiaplanung neu gebaut“, betonte Grote.
München will hingegen an die Erfahrungen von 1972 anknüpfen, insbesondere in Bezug auf die Sportstätten, so die Aussagen von Verena Dietl, Dritte Bürgermeisterin der Stadt. Sie erinnerte daran, dass München im Jahr 1972 dank der Olympischen Spiele erst zur „Weltstadt mit Herz“ avancierte.
Region Rhein-Ruhr will die Spiele „Kompakt, nachhaltig und spektakulär“ machen
Laut Dietl sieht das Konzept vor, alle Sportstätten von 1972 zu nutzen, wobei das Herzstück der Spiele der Olympiapark sein werde. München sei Olympiastadt und lebe den olympischen Gedanken, so Dietl weiter.
Das Motto der Olympiabewerbung in Nordrhein-Westfalen lautet: „Kompakt, nachhaltig und spektakulär“, führte Bernhard Schwank aus, Abteilungsleiter für Sport und Ehrenamt in der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen.
Schwimmen in der Schalke-Arena, Fußballspiele in Düsseldorf
Kompaktheit liege bei Olympia an Rhein und Ruhr deshalb vor, weil dafür eine „flächenmäßige Ausdehnung“ vorhanden sei – ähnlich wie bei Olympia 2024 in Paris. Rund 90 Prozent der Athleten würden in einem Olympischen Dorf untergebracht sein. Zum Thema Nachhaltigkeit verwies Schwank darauf, dass „95 Prozent der Sportstätten bereits bestünden oder temporär errichtet würden“.
„Spektakulär“ sei, dass Schwimmwettbewerbe vor 60.000 Fans in der Schalke-Arena und Finals der großen Ballsportarten im Düsseldorfer Fußballstadion vor 50.000 Zuschauern stattfinden könnten. Welches der vier Konzepte die Entscheidungsgremien des DOSB letztlich überzeugen werden, wird in etwa einem Jahr klar sein.
Quellen: Berliner Senat, DOSB, Berliner Morgenpost, Der Tagesspiegel, Olympiastadion GmbH, TAZ, NOlympia, Landessportbund Berlin, Kicker, Deutscher Behindertensportverband
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