Das Berliner ICC soll ein Ort für Kunst und Kultur werden. Als Betreiber ist die MIB AG im Gespräch, die in Leipzig die Baumwollspinnerei erfolgreich zu einem Kulturareal umgenutzt hat. Ein Vergleich beider Projekte zeigt, was sich übertragen lässt und wo die Unterschiede liegen.

Efeubewachster Backsteinbau der Leipziger Baumwollspinnerei mit hohem Ziegelschornstein an einer Straße

Die massiven Backsteinbauten prägen das Areal der Leipziger Baumwollspinnerei. Zwischen 1884 und 1907 wuchs der Standort zur größten Baumwollspinnerei Kontinentaleuropas. /© Foto: Wikimedia Commons, Freddo213, CC BY 4.0

© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT

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Für die einen ist es ein überdimensionierter Betonklotz, für die anderen eine futuristische Ikone, die so selbstverständlich zu Berlin gehört wie der Fernsehturm oder das Tempelhofer Feld. Kaum ein Gebäude der Nachkriegszeit polarisiert so sehr wie das Internationale Congress Centrum (ICC) am Messedamm.

In einem Punkt herrscht jedoch weitgehend Einigkeit: Für den denkmalgeschützten Gebäudekomplex braucht es eine neue Perspektive. Seit 2014 steht das einst als eines der modernsten Kongresszentren Europas gefeierte ICC weitgehend leer. Hohe Betriebskosten, erheblicher Sanierungsbedarf und veraltete Technik hatten den Kongressbetrieb zunehmend unwirtschaftlich gemacht.

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Nun soll ein Konzeptverfahren dem Gebäude eine neue Zukunft geben. Das Land Berlin bleibt Eigentümer und vergibt ein Erbbaurecht über 99 Jahre. Künftig soll das ICC ein Standort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft werden. Laut Berliner Morgenpost soll die MIB AG dabei eine zentrale Rolle übernehmen. Eben jenes Unternehmen, das in Leipzig bereits ein vergleichbares Areal entwickelt hat. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Leipziger Vorbild?

Ehemalige Baumwollspinnerei in Leipzig: Vom Industrieareal zum Kunststandort

Innenhof der Leipziger Baumwollspinnerei mit Backsteingebäuden, Kopfsteinpflaster und erhaltenen Schienen

Das Gelände der Leipziger Spinnerei besteht aus rund zwanzig Einzelgebäuden und wirkt wie eine kleine Fabrikstadt. Nach dem Ende der Garnproduktion entwickelte die MIB AG das Areal seit dem Jahr 2000 schrittweise zu einem Standort für Kunst und Kultur. / © Foto: Wikimedia Commons, Freddo213, CC BY 4.0

Die Leipziger Baumwollspinnerei wuchs zwischen 1884 und 1907 zur größten Baumwollspinnerei Kontinentaleuropas. Nach dem Ende der Garnproduktion in den frühen 1990er Jahren stand ein riesiges Areal aus rund zwanzig Backsteingebäuden weitgehend leer. Schon damals zogen erste Künstler in die günstigen Räume ein. Eine kreative Nutzung begann also, bevor ein Investor das Gelände übernahm.

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Im Jahr 2001 kaufte eine Gruppe um die heutige MIB AG die Liegenschaft. In den folgenden Jahren entwickelte das Unternehmen das Areal schrittweise. Heute beherbergt die Spinnerei über hundert Künstlerateliers, vierzehn Galerien sowie Werkstätten, Gastronomie und Theater.

Erfolgsfaktoren der Spinnerei: Warum das Modell funktionierte

Der Erfolg in Leipzig beruhte auf mehreren Faktoren, die zusammenkamen. Zunächst gab es bereits eine kreative Keimzelle: beim Kauf bestanden rund sechzig Mietverhältnisse, etwa die Hälfte davon mit Künstlern. Hinzu kam die robuste Bausubstanz. Die massiven Backsteinbauten ließen sich günstig erhalten und verursachten niedrige Nebenkosten. Dadurch konnte das Unternehmen günstige Mieten anbieten, was wiederum junge Kreative anzog.

Ebenso wichtig war der lange Atem. Die Entwicklung erfolgte Halle für Halle, während gewerbliche Mieter die kulturelle Nutzung wirtschaftlich stützten. Schließlich kam ein Faktor hinzu, der sich kaum planen lässt: der internationale Erfolg der Neuen Leipziger Schule um Neo Rauch. Dieser Ruf zog Sammler und Besucher an und machte den Ort bekannt. Die öffentliche Zugänglichkeit verankerte das Areal zusätzlich im städtischen Leben.

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Gemeinsamkeiten beider Projekte: Denkmal, Kultur und ein Betreiber

Mehrstöckiger Backsteinbau der Halle 14 in der Leipziger Baumwollspinnerei mit Übergang und Ausstellungsbanner

Die Halle 14 ist das größte Gebäude der Spinnerei und beherbergt heute ein gemeinnütziges Zentrum für zeitgenössische Kunst. Von 2002 bis 2012 wurde der Bau saniert und umgebaut. Heute zählt das Areal über hundert Künstlerateliers und vierzehn Galerien und gilt als eines der bedeutendsten Revitalisierungsprojekte Deutschlands. / © Foto: Wikimedia Commons, Freddo213, CC BY 4.0

Doch was bedeutet dieser Erfolg für das ICC? Tatsächlich gibt es zwischen beiden Projekten einige offensichtliche Gemeinsamkeiten. Es handelt sich jeweils um denkmalgeschützte Großstrukturen, die nach dem Verlust ihrer ursprünglichen Funktion leer fielen. In beiden Fällen sollte eine kulturelle und kreativwirtschaftliche Nutzung die Gebäude wiederbeleben. Auch die öffentliche Hand bleibt jeweils langfristig beteiligt, in Leipzig über Denkmalförderung und in Berlin über das Erbbaurecht.

Der wohl wichtigste verbindende Punkt ist die MIB AG selbst. Dasselbe Unternehmen, das die Spinnerei entwickelt hat, soll nun auch das ICC betreiben. Der Verweis auf Leipzig dient daher als zentrales Referenzargument im Berliner Verfahren. Genau deshalb lohnt sich aber ein genauer Blick auf die Unterschiede, denn nicht alles lässt sich ohne Weiteres übertragen.

Unterschiede der Standorte: Warum Berlin anders ist als Leipzig

Der erste Unterschied betrifft die Richtung der Entwicklung. In Leipzig wuchs der Kulturort von unten, da eine bestehende Szene gefördert wurde. Beim ICC verläuft der Prozess umgekehrt. Ein Senatsverfahren legt die Nutzung vorab fest und sucht erst danach Betreiber. Eine vorhandene Nutzerszene gibt es bislang nicht. Auch die Bausubstanz unterscheidet sich deutlich. Die Spinnerei war günstig im Unterhalt, während das ICC als technisch komplexer Bau hohe Betriebskosten verursacht. Damit fehlt womöglich genau die Voraussetzung, auf der das Leipziger Modell beruhte.

Hinzu kommen strukturelle und wirtschaftliche Unterschiede. Die Spinnerei besteht aus vielen Einzelgebäuden und ließ sich kleinteilig entwickeln. Das ICC dagegen ist ein einziger zusammenhängender Komplex, der sich schwer portionieren lässt. Zudem war der Grundstückskauf in Leipzig günstig, während die Lage am Messedamm vergleichsweise teuer ist. Deshalb sollen Hotel- und Parkhausgrundstücke das Vorhaben querfinanzieren. Ein verbindliches Finanzierungskonzept liegt nach Angaben des Tagesspiegels bislang allerdings nicht vor.

Übertragbarkeit des Konzepts: Was sich vom Leipziger Modell lernen lässt

Das ICC Berlin mit der Aufschrift "Dauert noch ein bisschen".

Seit 2014 steht das ICC am Messedamm weitgehend leer. Erst das aktuelle Konzeptverfahren soll dem denkmalgeschützten Bau eine neue Nutzung für Kunst und Kultur eröffnen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Damit rückt die entscheidende Frage in den Mittelpunkt: Was lässt sich aus Leipzig tatsächlich auf Berlin übertragen? Denn der Blick auf die Spinnerei ist mehr als nur ein Referenzbeispiel; er dient im aktuellen Verfahren auch als Argument für die geplante Entwicklung des ICC. Einige Prinzipien lassen sich durchaus übertragen. Dazu zählen die Mischnutzung als wirtschaftliche Stütze, der lange Entwicklungszeitraum sowie die schrittweise Inbetriebnahme einzelner Bereiche. Auch die öffentliche Zugänglichkeit könnte dem ICC helfen, eine Verbindung zur Stadtgesellschaft aufzubauen.

Schwerer übertragbar sind dagegen die eigentlichen Erfolgsbedingungen. Die bereits vorhandene Szene, die günstige Substanz, die niedrigen Mieten und der nicht planbare Markeneffekt eines Neo Rauch ließen sich in Leipzig nicht verordnen. Sie entstanden über Jahre und unter besonderen Umständen. Insofern bleibt offen, ob sich ein gewachsener Ort planen lässt. Das ICC soll von oben nachbilden, was in Leipzig von unten entstand. Ob oder wie das gelingen kann, bleibt deshalb vorerst abzuwarten.

Quellen: Berliner Immobilienmanagement GmbH, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Berliner Morgenpost, Der Tagesspiegel, Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, MIB AG, SPINNEREI, Stadt Leipzig, Leipzig Postkolonial, MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

 

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