Während Büroflächen leer stehen, wächst der Wohnungsdruck. Mit modularen Mikroapartments sollen leerstehende Gewerbeflächen flexibel nutzbar werden. Das Konzept des Vereins Transiträume, in Kooperation mit der Tiny House Foundation, soll an Berlins Tradition kreativer Zwischennutzungen anschließen. Am Freitag wurde das Konzept im Rahmen der „Neustart“-Konferenz vorgestellt.

Präsentation bei der „Neustart“-Konferenz im historischen Gasometer: Das Konzept „Transitwohnen“ könnte tausende junge Menschen kurzfristig unterbringen. Die Hauptstadt steht vor der Frage, ob sie das Modell unterstützen will. / © Foto: Christian Kruppa, EUREF AG
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© Visualisierung Titelbild: Transiträume e.V., Tiny House Foundation
Leerstehende Büroflächen gibt es in Berlin reichlich, mehr als 1,8 Millionen Quadratmeter in allen Lagen der Stadt. Gleichzeitig verschärft sich der Druck auf den Wohnungsmarkt weiter, insbesondere für junge Menschen, die kurzfristige, bezahlbare Unterkünfte suchen.
Der Verein Transiträume Berlin will diese beiden Realitäten zusammenbringen. Sein Konzept „Transitwohnen“ wurde am vergangenen Freitag auf der Neustart-Konzeptkonferenz am Schöneberger Gasometer vorgestellt, einer Kooperation von Tagesspiegel, Berliner Morgenpost, Radioeins und dem EUREF-Campus.
EUREF Campus in Schöneberg: Visionäre Konzepte für Berlin auf der Konferenz „Neustart Berlin“
Der Initiator Alexander Sascha Wolf erinnerte am Freitag im Rahmen seiner Präsentation an die aus seiner Sicht „geile 90er-Jahre-Erfahrung“ improvisierter Berliner Zwischennutzungen. Sein aktuelles Vorhaben setzt genau dort an: temporäre Wohnmodule in leer stehende Büroetagen zu integrieren: flexibel, kostengünstig und schnell realisierbar.
Der Verein Transiträume selbst hat seit 2017 rund 60 Zwischennutzungsprojekte umgesetzt, darunter das populäre Kunstprojekt „The Haus“, kennt sich mit der Thematik also bestens aus. „Transitwohnen“, wie es Wolf nannte, soll nun das nächste Kapitel dieser Entwicklung markieren.
Konzept des Vereins Transiträume: Temporäre Büro-WGs als pragmatische Zwischenlösung
Das Konzept basiert auf der Idee, vorübergehende „Beherbergungen“ zu schaffen, nicht klassische Wohnungen. Da Büroimmobilien anderen Bauvorschriften unterliegen, wäre eine rechtliche Umwandlung zu komplex, so Wolf. Die Lösung: Wohnmodule, die technisch eher einem Hostel ähneln und für drei bis sechs Monate genutzt werden können – eine Zeitspanne, die vor allem für junge Fachkräfte, Studierende oder Azubis attraktiv sein soll.
In Kooperation mit der in Berlin ansässigen Tiny House Foundation könnten auf 200 Quadratmetern Bürofläche sechs bis sieben Mikroapartments entstehen, ergänzt durch Gemeinschaftsbereiche für Kochen, Sport oder Freizeit. Die Miete: rund 500 Euro im Monat. Laut Wolf wären bis zu 300.000 Quadratmeter Fläche in Berlin grundsätzlich geeignet, genug für etwa 5.000 bis 10.000 junge Menschen.
Kooperation: Transiträume und Tiny House Foundation wollen bezahlbare Wohnräume in Berlin schaffen
Die Tiny House Foundation unter Federführung des Architekten Van Bo Le-Mentzel bezeichnet sich selbst als „Think Tank für soziale Nachbarschaft in Berlin“ und hat es sich zur Aufgabe gemacht, mehr bezahlbaren Raum in Berlin zu schaffen, ohne dabei die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften zu strapazieren.
Reizvoll dafür sind laut Alexander Sascha Wolf aber dennoch potenzielle Standorte in städtischen Liegenschaften: etwa im stillgelegten ICC, in Gebäuden der ehemaligen Flughäfen Tegel und Tempelhof oder in leerstehenden Industrieflächen. Gerade dort ließen sich modulare Konzepte unkompliziert implementieren.
Lob von der Jury, aber Fragen zur Finanzierung des Tiny-House-Konzepts in Gewerbeimmobilien
Trotz großer Aufmerksamkeit traf das Modell am Freitagabend auch auf auf Skepsis. Die Jury der Neustart-Konferenz lobte den Ansatz, äußerte jedoch Vorbehalte, vor allem zur Wirtschaftlichkeit. Angeliki Krisilion, Vorständin der Investitionsbank Berlin, zweifelte daran, dass eine Miete von 500 Euro pro Kopf die Renditeerwartungen gewerblicher Eigentümer decken könnte.
Auch Engelbert Lütke-Daldrup, ehemaliger Flughafenchef und früherer Staatssekretär in der Stadtentwicklungsverwaltung, hielt die Kosten für Azubis für „wenig attraktiv„. Hinzu kommen Fragen zu notwendigen Bauinvestitionen: Wer trägt diese – Stadt, Eigentümer oder potenzielle Betreiber?
Leerstand als Chance: GSG prüft Umnutzung seiner nicht vermieteten Gewerbeflächen
Wolf verwies auf bestehende Interessensbekundungen: Betreiber hochpreisiger Apartmenthäuser seien bereit, in niedrigpreisige Segmente zu investieren. Gleichzeitig könne die Stadt selbst mit eigenen Immobilien maßgeblich zur Entschärfung des Problems beitragen.
Dass der Gedanke, Gewerbeflächen umzunutzen, nicht völlig von der Hand zu weisen ist, zeigt die Marktentwicklung selbst. Denn parallel zum von Wolf vorgeschlagenen Konzept prüfen bereits erste Unternehmen eigene Möglichkeiten. Die Gewerbeflächenanbieterin GSG Berlin verzeichnet Leerstände von 20 bis 25 Prozent in innerstädtischen Beständen.
Das Potenzial ungenutzter Gewerbeflächen in Berlin ist enorm – und sollte kreativ und sinnvoll genutzt werden
Bis zu 10.000 Quadratmeter könnten kurzfristig für „möbliertes Wohnen auf Zeit“ aktiviert werden und damit als Pilotflächen für eine neue Generation urbaner Zwischennutzungen dienen. Ob Transitwohnen die Berliner Wohnungskrise tatsächlich spürbar entschärfen kann, bleibt offen.
Doch das Projekt zeigt, wie groß das Potenzial ungenutzter Gewerbeflächen in Berlin ist, und wie kreative Ansätze den politischen und wirtschaftlichen Diskurs über die Zukunft der Stadt bereichern können. Das von Alexander Wolf vorgetragene Konzept gehörte am Freitagabend in jedem Fall zu den spannendsten Ideen der „Neustart“-Konferenz.

Das Umwandlungskonzept auf der Bühne der „Neustart“-Fachkonferenz im historischen Gasometer in Berlin-Schöneberg. / © Foto: IMAGO / Funke Foto Services

Mastermind hinter dem Konzept zur Umnutzung leerstehender Büroflächen: Alexander Sascha Wolf vom Verein Transiträume. / © Foto: Christian Kruppa, EUREF AG

Schauplatz der Konferenz „Neustart Berlin“: Der EUREF Campus in Berlin-Schöneberg. / © Foto: Marco Döpke / EUREF AG
Quellen: EUREF AG, Transiträume e.V., Tiny House Foundation, Der Tagesspiegel, Berliner Morgenpost
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Das ist doch realitätsferner Klamauk, mit dem sich schöne Slides herstellen lassen. Berlin braucht Wohnungen und Platz für günstige WG-Zimmer und keine glorifizierten Kapselhotels, mit denen man verzweifelte Studenten ausnehmen kann.