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Die Berliner Innenstadt bietet derzeit eine seltene Chance zur historischen Wiederbelebung: Der Molkenmarkt soll neu bebaut werden. Bisher ist ein modernes mehrgeschossiges Stadtquartier vorgesehen. Die Allianz baukulturell engagierter Berliner Bürgervereine fordert nun, historische Elemente beim Neubau aufzunehmen.

Luftbild des Molkenmarkts aus dem Jahr 2018 mit Überlagerung des Bebauungsplans 1-14 (blau) und der Eintragung zerstörter Baudenkmale (rotnummeriert)

Das Luftbild aus dem Jahr 2018 zeigt den Molkenmarkt mit Überlagerung des Bebauungsplans 1-14 (blau) und der Eintragung zerstörter Baudenkmale (rot nummeriert). / © Kartenautor: L. Mauersberger (2019)

© Visualisierung Titelbild: Patzschke Architekten (Pakertharan Jeyabalan)

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In der Berliner Innenstadt steht man derzeit vor einer seltenen Gelegenheit: Die Neubebauung des Molkenmarkts könnte die Geschichte der Stadt wieder erlebbar machen. Die aktuelle Planung sieht möglichst viel Raum für Wohnungen und eine moderne Gestaltung vor, wodurch der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt begegnet werden soll. Auf der anderen Seite befürchten Kritikerinnen und Kritiker, dass der historische Charakter von Molkenmarkt und Klosterviertel nur noch wenig erkennbar wäre.

Diese Befürchtung teilt auch die Allianz baukulturell engagierter Berliner Bürgervereine. Sie fordert von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, dass zukünftige Ausschreibungen für Architekturwettbewerbe am Molkenmarkt konkrete Gestaltungsvorgaben enthalten sollen. Die Vorgaben sollen sicherstellen, dass einzelne Häuser historische Gestaltungsmerkmale aufgreifen.

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Leitbautenkonzept für den Molkenmarkt: Rekonstruktion bedeutender historischer Gebäude und Gestaltungshandbuch für Neubauten

Die Allianz, die unter anderem aus den Initiativen Stiftung Mitte Berlin und Berliner Historische Mitte besteht, schlägt ein Leitbautenkonzept vor, wie es bereits in Städten wie Potsdam, Dresden oder Frankfurt am Main umgesetzt wurde.

Dabei würden besonders bedeutende historische Gebäude oder Ensembles in ihrer äußeren Gestalt rekonstruiert. Die übrigen Gebäude sollten sich an einem Gestaltungshandbuch orientieren. Erhaltene Keller und Grundmauern sollten in die Neubauten integriert werden.

Reaktivierung der Berliner Altstadt: Mögliche Leitbauten in der Jüdenstraße und Klosterstraße

Als geeignete Leitbauten schlägt die Initiative unter anderem das Ensemble des Großen Jüdenhofs sowie die Häuser Jüdenstraße 22, 31 und 46–48, Klosterstraße 41, Stralauer Straße 26 und Molkenmarkt 4 vor.

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Gleichzeitig fordert die Allianz den Rückbau des 1968 errichteten Funktionsbaus Klosterstraße 44, der derzeit mehrere Parzellen überdeckt und damit eine kleinteilige Wiederbebauung verhindern würde.

Molkenmarkt: Neubau nach historischem Vorbild mache Geschichte nachvollziehbar

Die von der Allianz vorgeschlagenen Leitbauten stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Mit ihren drei bis vier Geschossen, Putzfassaden und einfachen Stuckornamenten seien sie, laut einer Pressemitteilung der Initiative, weder teuer noch aufwändig wiederherzustellen.

„Eine durchgehend siebengeschossige Bebauung, so wie aktuell geplant, hat es dort nie gegeben“, heißt es von der Allianz. Und weiter: „Der Wohnraummangel Berlins wird sich auf den wenigen Hektar am Molkenmarkt nicht lösen lassen.“

Die Initiative betont, dass ein Neubau mit historischer Prägung nicht nur ästhetische Bedeutung hat. Sie schaffe auch städtebauliche Identität, verbessere die Qualität des öffentlichen Raums und mache die Geschichte des Viertels für Bewohnerinnen und Bewohner sowie Besucherinnen und Besucher nachvollziehbar.

60 Prozent der Bevölkerung für Leitbauten am Molkenmarkt

Die Unterstützung der Bevölkerung für den Ansatz der Allianz groß: Eine Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2023 zeigt, dass 60 Prozent der Berlinerinnen und Berliner Leitbauten am Molkenmarkt befürworten würden, während 25 Prozent dagegen waren.

Die Allianz baukulturell engagierter Bürgervereine fordert auf dieser Grundlage, die Neubebauung des Molkenmarkts so zu gestalten, dass historische Tiefe, städtebauliche Vielfalt und zeitgemäße Qualität miteinander verbunden werden.

Historisches Foto vom Jüdenhof Berlin aus dem 19. Jahrhundert, Molkenmarkt

© Foto: Wikimedia Commons, Albert Schwartz, 1899, gemeinfrei

Historisches S/W-Bild der Zornschen Apotheke am Molkenmarkt

Einer der vorgeschlagenen Leitbauten der Initiative ist die alte Apotheke am Molkenmarkt. / © Foto: Berlin-Mitte-Archiv

Historische Sepia-Aufnahme der Jüdenstraße 46-48, Berlin-Mitte, Molkenmarkt

Auch die Gebäude in der Jüdenstraße 46-48 möchte die Initiative nach historischem Vorbild wiederaufbauen. / © Wikimedia Commons, gemeinfrei

 

Quellen: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Allianz baukulturell engagierter Bürgervereine, Stadtbild Deutschland e.V.

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21 Kommentare

  1. Löwe 6. November 2025 at 13:10 - Reply

    „..weder teuer noch aufwändig wiederherzustellen.“

    An ein paar Plätzen kann ich mir sowas vorstellen, aber es sollte dann umwelttechnisch modern sein und mit Wärmepumpen.

    – Liefern bis zu fünfmal so viel Wärmeenergie wie sie Strom benötige
    – Investitionskosten höher, Betriebskosten niedriger als bei anderen Heizungen
    https://www.adac.de/rund-ums-haus/energie/versorgung/waermepumpe-funktion-kosten-foerderung

    Zusätzlich würde ich die Gebäude Architektur optimieren im Sinne eines Ensembles, und mit Solarpanel auf dem Dach, moderne Baustoffe wo dies möglich ist und Gebäudedämmung, die Gebäudehöhen würde ich wohl auch anpassen.

    Eine reine Rekonstruktion würde bedeuten die Chancen eines Wiederaufbaus nicht zu nutzen.

  2. Ewald Karl 6. November 2025 at 15:25 - Reply

    Finde ich gut. Der Platz umfasst immerhin einen echten Altbau (Palais Schwerin), einen detailgetreu wiedererrichteten (Palais Ephraim) und die Nachschöpfungen alter Bürgerhäuser im Nicolai-Viertel, da würde sich speziell der Nachbau der Zornschen Apotheke gut machen. Und der Jüdenhof verdient ohnehin eine Rekonstruktion.
    Wäre natürlich gut, dann irgendwann die zu breite Straße zu beruhigen….

  3. Böhme 6. November 2025 at 18:18 - Reply

    Auf keinen Fall eine Rekonstruktion. Ich bin für Rekonstruktion, wo es Sinn macht, dort, wo bereits historische Bausubstanz besteht und wo es um bedeutende Architektur geht (entsprechend war ich auch für die Rekonstruktion des Stadtschlosses und bin es hinsichtlich der Rekonstruktion der Bauakademie). Ansonsten gilt: Eine möglichst anspruchsvolle zeitgemäße Architektur, wobei es in Berlin leider immer wieder an „anspruchsvoll“ scheitert.

    Die geforderte Rekonstruktion wäre „Disney Land“, weil die historischen Funktionen des Stadtareals überhaupt nicht wieder hergestellt werden können. Und mit dem Argument, dass auf dem Molkenmarkt die Wohnungsprobleme Berlins nicht gelöst werden könnten, ist natürlich richtig, gilt aber im Grunde für alle Neubaugebiete. Erst zusammen können sie wirken. Und daher ist es richtig, auch am Molkenmarkt in die Höhe zu bauen.

  4. Dr. Heide Ellerbrock 7. November 2025 at 12:02 - Reply

    Paris, Leipzig, Dresden, auch Frankfurt lebt von der Historie. Der Molkenmarkt ist die Wiege unserer Stadt, daran sollten wir mit allen Mitteln erinnern. Ich bin für Sozialbauten überall in unserer Stadt, warum nicht auch in den geplanten Hochhäusern auf dem Alexanderplatz? Bitte nicht aber auf dem kleinen Molkenmarkt, dem einzigen Platz, auf dem auch wir an unsere Vergangenheit erinnern könnten. Das Nikolai-Viertel, nicht an jeder Stelle geglückt, ist ein Magnet für Besucher, warum nicht auch der Molkenmarkt mit Leitbauten und Jüdenhof? Das heißt auch mit allen denkbaren, erneuerbaren Energiequellen und nachhaltigen Baumaterialien erstellt.

  5. Kurt 7. November 2025 at 21:44 - Reply

    Hier im Artikel sind leider nur Häuser des 19. Jh. abgebildet, die Bürgervereine schlagen aber auch einige Fassadenentwürfe des 17. und 18. Jahrhunderts vor, die ich weit wertvoller finde. Ich finde Heterogenität wichtig, kann mir durchaus eine Mischung aus Drei-, Vier, Fünf-, bis hin zu Sieben-Geschossern vorstellen. Das Argument mit dem Wohnraummangel, dem begegnet werden müsse, ist wirklich Quark mit Soße, das lässt sich wirtschaftlich nicht darstellen, es sei denn, man baut dort genauso, wie überall sonst in Berlin. Das verbietet sich aufgrund der Lage, Geschichte und des Potenzials dieses Ortes. Hier sollte wirklich die städtebauliche und architektonische Qualität im Vordergrund stehen. Die Gestaltungstiefe z. B. des Barocks dürfte unbestritten sein, die neuen Entwürfe dürfen sich dann gern daran messen.

    Pressemitteilung zum genauen Nachlesen/Nachsehen: https://www.stadtbild-deutschland.org/forum/wcf/index.php?file-download/81700/

  6. George S. 8. November 2025 at 20:17 - Reply

    Der Molkenmarkt ist Berlins ältester Platz und ein zentraler Bestandteil der historischen Stadtstruktur. Seine künftige Gestaltung hat daher nicht nur städtebauliche, sondern auch kulturhistorische Bedeutung. Eine historische Bauweise und die Rekonstruktion ausgewählter, verloren gegangener Gebäude bieten die Möglichkeit, an diesem Ort wieder einen authentischen Stadtraum zu schaffen, der Identität und Aufenthaltsqualität miteinander verbindet.

    Berlin verfügt im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Metropolen über keine erhaltene Altstadt in der historischen Mitte. Gerade deshalb wäre es stadtplanerisch und kulturell wertvoll, an einem Ort wie dem Molkenmarkt die historischen Bezüge sichtbar zu machen. Rekonstruktionen können dabei helfen, verloren gegangene Strukturen und Maßstäblichkeit zurückzugewinnen und eine gewachsene stadträumliche Atmosphäre wiederherzustellen.

    Beispiele aus anderen europäischen Städten wie etwa Warschau, Danzig, Frankfurt, Dresden oder auch Potsdam zeigen, dass der Wiederaufbau historischer Altstadtbereiche nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich erfolgreich ist. Diese Städte ziehen jährlich Millionen Besucherinnen und Besucher an und gelten heute als Musterbeispiele für die gelungene Verbindung von Geschichte und Gegenwart.

    Zudem verfügt Berlin über ausreichend Flächenreserven für den dringend benötigten Wohnungsbau, insbesondere in den Außenbezirken. Es besteht daher kein zwingender Bedarf, die vergleichsweise kleine, aber historisch überaus bedeutende Fläche am Molkenmarkt für dichte, moderne Neubebauung zu nutzen.

    Eine historisch orientierte Gestaltung des Molkenmarktes wäre somit kein nostalgischer Rückgriff, sondern ein städtebaulicher Beitrag zur Wiedergewinnung von Identität, Qualität und menschlichem Maß in der Berliner Innenstadt.

  7. Gregor 9. November 2025 at 06:53 - Reply

    Unbedingt muss da eine Neue Altstadt hin. Auch weil wohl einige Gebäude aus ideologischen Gründen um 1936 abgebrochen wurden. Beispielhafte Architektur aus allen Epochen der Berliner Geschichte wird dieses Viertel zu einem neuen Magnet Berlins verwandeln.

    Würde Berlin dann überall so dicht bebaut sein wie vor ’45 gäbe es wahrscheinlich keinen Wohnraummangel. Alexanderplatz und der Platz vor dem Roten Rathaus sollte auch bebaut werden.

  8. Fiat Justitia 11. November 2025 at 12:26 - Reply

    Ich teile im Wesentlichen die wohlbegründeten Argumente des Diskutanten Böhme. Die Vergleiche mit Dresden gehen deutlich fehl. Die Dresdner Rekonstruktionen, die als Leitbauten realisiert wurden, sind von einer anderen architektonischen Qualität. Will die Allianz ihre Auswahl vorgeschlagener Leitbauten für ihr „Berliner Tusculum“ etwa mit der Frauenkirche, dem Cosel- und Taschenbergpalais, ehemalige Adelspaläste, oder dem berühmten barocken Bürgerhaus des Goldschmieds Dillinger vergleichen? Zielführender wäre, aus den kontroversen Diskussionen um historische beziehungsweise historisierende Rekonstruktionen, die mit Blick auf Dresden und Frankfurt geführt wurden, für Berlin Nutzen zu ziehen und insbesondere die historischen Unterschiede zu bedenken. Dass Berlin eine solche Altstadt nie hatte, ist sattsam bekannt. Anders aber als die beschworenen Referenzstädte, war sie eine geteilte Stadt mit unterschiedichem Architekturanspruch und einer diametral entgegengesetzten Sozialisation ihrer Bewohner*innen. Ohne dies zu berücksichtigen, bleiben Authentizität und Identität nur Leerformeln, die eher propagandistisch bemüht werden.

  9. Fiat Justitia 11. November 2025 at 13:19 - Reply

    Pardon: Es muss natürlich „Dinglinger“ heißen.

  10. M.Hillen 11. November 2025 at 21:09 - Reply

    Unglaublich, wie viel unqualifizierten Blödsinn man in vielen obigen Kommentaren lesen muss. Klarer Verstand befähigt zu einer sauberen Analyse und zu klarer Lösungsstrategie mit entsprechend klarer Prioritätensetzung. Worum geht es bei der Bebauung des Molkenmarktareals? Es geht um die historische Keimzelle Berlins.. also um die Sichtbarmachung dieser historischen Keimzelle.. durch die Sprache der Architektur, der Raumgestaltung (Strassen und Plätze) und des Baumaterials. Das genau ist die Aufgabenstellung… daran gemessen ist die Forderung nach der Nutzung moderner Baumaterialien schon mal Unsinn, weil nicht zielführend. Ebenso verhält es sich mit der Forderung nach Solaranlagen auf den Dächern.. oder sonstigem KlimaschutzGedöns… hier geht es nicht um die Rettung des Weltklimas.. oder um die Lösung des knappen Wohnraumangebots in Berlin. Es geht um Geschichte und Identität der Stadt Berlin, um die Sichtbarmachung der historischen Keimzelle Berlins… Also bitte: etwas mehr Konzentration… und weniger Überfrachtung des Themas und weniger Abschweifung. Das geht mir auf die Eier!
    Auch unsinnige Polemik („Disneyland“) ist nur dazu geeignet, die Debatte zu vergiften und zu zerfasern… Auch nach historischem Vorbild wiederaufgebaute Häuser werden bewohnt und können Geschäfte und Gastronomie im Erdgeschoss beherbergen – genauso wie moderne Gebäude. Da gibt es keinen Unterschied. Historische Rekonstruktion hat mit Disneyland also nichts zu tun. Disneyland wird nur daraus, wenn man den Wiederaufbau nach historischem Vorbild halbherzig und stümperhaft gestaltet. Nur dann überzeugt historischer Wiederaufbau nicht… und bleibt lediglich Zitat: hohl und leer und falsch – also Disneyland (siehe Stadtschloss bzw Humboldtforum… bzw die Plattenbauten im Nikolaiviertel).
    Wenn die Fläche der historischen Keimzelle Berlins nun also bebaut bzw neu bebaut werden soll, dann ja wohl sinnvollerweise so, dass man -ich wiederhole mich- an der Architektur, an der Stassen- und Platzgestalltung und an der Wahl des Baumaterials genau das erfahren, erfühlen und ablesen kann… nämlichlich dass es sich bei diesem relativ kleinem Areal in der Mitte dieser riesigen MillionenMetropole um die historische Keimzelle derselben handelt (neben Petri-, Nikolai- und Marienviertel).
    Nur wenn dies nach der (Neu-) Bebauung möglich ist, dann wird die Bewältigung der Aufgabe, der Herausforderung, gelungen sein. Sonst nicht. SO EINFACH IST DAS !

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