Der Elbtower bleibt ein Projekt voller Ungewissheiten. Nach dem Ausstieg des ursprünglichen Investors rückt nun die Stadt Hamburg selbst als möglicher Ankermieter in den Fokus. Eine Entscheidung über die Zukunft des Hochhausprojekts soll nach der Sommerpause fallen.

Im Sockelbereich des Elbtowers könnte das neue Naturkundemuseum „Evolutioneum“ einziehen. Damit würde Hamburg seine naturhistorische Sammlung erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder öffentlich zugänglich machen. / © Visualisierung: ENTWICKLUNGSSTADT (KI erstellt)
© Titelbild: Wikimedia Commons, Minderbinder, CC BY 4.0
Seit Oktober 2023 stehen die Bauarbeiten am Elbtower in der Hamburger HafenCity still. Der 245 Meter hohe Turm sollte das dritthöchste Gebäude Deutschlands werden und das östliche Tor zur Innenstadt markieren. Doch nach der Insolvenz des Investors Signa Holding, unter Führung des österreichischen Unternehmers René Benko, fehlte die Finanzierung. Der Rohbau stoppte bei 100 Metern Höhe.
Der Elbtower war als neues Wahrzeichen Hamburgs konzipiert, mit einer Mischung aus Büroflächen, Hotelnutzung, Gastronomie und Einzelhandel. Jetzt stellt sich die Frage: Wie kann das ambitionierte Hochhausprojekt doch noch realisiert werden?
Stadt als möglicher Ankermieter: Naturkundemuseum könnte drei Etagen im Elbtower beziehen
Der Hamburger Senat erwägt, drei Etagen im Sockelbereich des Elbtowers langfristig anzumieten. Dort soll ein neues Naturkundemuseum entstehen, das die naturhistorische Sammlung der Stadt erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder an einem Ort zugänglich macht. Nach Informationen der Bild-Zeitung würde die Mietlaufzeit 20 Jahre betragen, das Volumen beläuft sich auf geschätzte 500 Millionen Euro. Die Entscheidung darüber will der Senat nach der parlamentarischen Sommerpause treffen.
Dieses Vorhaben könnte dem Hamburger Immobilienunternehmer Dieter Becken zugutekommen, der mit seinem Konsortium den Weiterbau des Elbtowers plant. Becken verhandelt exklusiv mit dem Insolvenzverwalter und möchte rund 700 Millionen Euro investieren. Dafür braucht er jedoch einen stabilen Mieter, vorzugsweise aus dem öffentlichen Sektor.
Naturkundemuseum als wirtschaftlicher Schlüssel: Ohne öffentliche Miete keine Fortsetzung des Baus
Der Immobilienexperte Sebastian Lohmer sieht im geplanten Naturkundemuseum den entscheidenden Faktor für die Fortsetzung des Projekts. Nur wenn die Stadt als Ankermieter auftritt, lasse sich der wirtschaftliche Rahmen absichern. Lohmer betonte im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt, dass ohne diese feste Miete keine tragfähige Lösung möglich sei.
Das geplante Museum mit dem Namen „Evolutioneum“ soll Teil des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels werden. Es würde Forschung, Sammlung und Ausstellung an einem Ort vereinen. Hamburg verfügt über eine bedeutende naturhistorische Sammlung, die jedoch bislang nicht öffentlich ausgestellt wird.
Eigentumsfragen und Finanzlücke: Stadt sichert sich Rückkaufsrecht, doch Investitionsbedarf bleibt hoch
Um sich für den Fall eines Scheiterns abzusichern, hat sich die Stadt Hamburg ein Rückkaufsrecht für das Grundstück und den Rohbau einräumen lassen. Dieses Recht wurde zuletzt erneut verlängert. Im Raum steht die Möglichkeit, den Elbtower für einen symbolischen Betrag an einen neuen Investor zu übergeben, der das Gebäude mit angepasstem Konzept weiterführt.
Gleichzeitig bleibt die Finanzierung problematisch. Während die Baukosten auf bis zu 950 Millionen Euro geschätzt werden, liegt der erwartete Marktwert nur bei etwa 700 Millionen. Daraus ergibt sich eine Lücke von rund 250 Millionen Euro. Ohne langfristige Mietverträge mit der öffentlichen Hand lässt sich diese Differenz kaum schließen.
Sozialer Wohnungsbau im Elbtower: Bezahlbare Wohnungen als zukunftsweisende Umnutzung für die Bauruine
Eine weitere Möglichkeit mit der Bauruine umzugehen wäre, ihn als Wohnungsbau umzunutzen. Gerade für Menschen mit geringem Einkommen, Studierende oder Alleinerziehende könnte das Gebäude bezahlbare Wohnungen in zentraler Lage bieten. Die Nähe zu Bildungseinrichtungen, öffentlichem Nahverkehr und Versorgungseinrichtungen spricht für das Konzept.
Ein solcher Schritt würde ein deutliches Zeichen setzen: Aus einem Luxusprojekt würde ein Ort für soziale Teilhabe. Der Elbtower könnte beispielhaft zeigen, wie sich große Immobilienprojekte in den Dienst der Stadtgesellschaft stellen lassen.
Wohnen im Alter: Der Elbtower als Standort für seniorengerechtes Wohnen
Auch das Konzept altersgerechten Wohnens ließe sich im Elbtower umsetzen. Viele ältere Menschen wünschen sich ein selbstständiges Leben in der Stadt, mit kurzen Wegen, guter Infrastruktur und barrierefreiem Zugang. Der Elbtower könnte genau das bieten. In den unteren Etagen könnten Haus- und Facharztpraxen, Labore und Therapeuten gemeinsam arbeiten.
Mit vorhandenen Aufzügen, Tiefgarage und Nahverkehrsanschluss erfüllt das Gebäude grundlegende Anforderungen. Ergänzende Angebote wie Pflegedienste oder gemeinschaftlich genutzte Räume würden das Konzept sinnvoll abrunden.
Nutzung der Erdgeschosse: Räume für Coworking, Gastronomie und soziale Angebote schaffen Aufenthaltsqualität
Neben Wohn- und Museumskonzepten rückt auch die Nutzung der unteren Etagen in den Fokus. Dort ließen sich eine Foodhall, flexible Coworking-Bereiche oder gemeinwohlorientierte Einrichtungen unterbringen. Das würde den Elbtower öffentlich zugänglich machen und ihn in die Nachbarschaft einbinden.
Ein lebendiges Erdgeschoss könnte als Ort für Austausch, Begegnung und neue Nutzungen entstehen. Die Flächen ließen sich je nach Bedarf auch für Kulturveranstaltungen oder Bildungsangebote öffnen.
Mögliche Nutzungsideen für den halb fertigen Elbtower gibt es also viele, doch ein tragfähiges und vor allem finanzierbares Flächenkonzept muss wohlüberlegt sein und verschiedene Anforderungen bedienen. Die kommenden Monate sollen zeigen, wie es mit dem Prestigeprojekt in der Hamburger HafenCity weitergehen soll.

Eine Umnutzung zu sozialem Wohnraum könnte aus dem Elbtower ein Ort für bezahlbares Leben in zentraler Lage machen. Der Vorschlag greift die wachsende Nachfrage nach städtischem Wohnraum auf und setzt ein Zeichen für Teilhabe. / © Visualisierung: ENTWICKLUNGSSTADT (KI erstellt)

In den unteren Etagen des Elbtowers könnten öffentliche Nutzungen wie Gastronomie oder soziale Einrichtungen entstehen. So ließe sich das Gebäude für die Nachbarschaft öffnen und vielfältig beleben. / © Visualisierung: ENTWICKLUNGSSTADT (KI erstellt)
Quellen: taz, Bauwelt, Hamburger Abendblatt, NDR, Immobilien Zeitung
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