Die Sanierung des Naturkundemuseums in Berlin-Mitte ist ein Balanceakt. Das denkmalgeschützte Gebäude muss modernisiert werden, während Forschung, Sammlungserschließung und Besuchsbetrieb weiterlaufen. Gleichzeitig sollen Nachhaltigkeit, Barrierefreiheit und Denkmalschutz miteinander vereinbar bleiben.

Energetische Sanierung im Museum für Naturkunde

In den Wänden des Museums für Naturkunde werden im Rahmen der energetischen Sanierung, Heiz- und Kühlelemente als technische Installation integriert. Die Leitungen werden anschließend mit Lehmputz überzogen und funktionieren ähnlich wie eine Fußbodenheizung, die über Geothermie sowohl zum Heizen als auch zum Kühlen der Räume genutzt werden kann. / © Foto: Selina Schultze

© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT

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Der Umbau des Museums für Naturkunde Berlin ist nicht nur eine technische oder architektonische Aufgabe. Vielmehr geht es darum, ein historisches Gebäude in die Gegenwart zu überführen. Gleichzeitig muss der Betrieb weiterlaufen. Forschende arbeiten in den Sammlungen und Laboren, Besuchende strömen durch die Ausstellungen, während in anderen Gebäudeteilen gebaut wird.

Bis 2033 soll die umfassende bauliche Sanierung abgeschlossen sein. Der Weg dorthin erfolgt schrittweise. Bereits in den vergangenen Jahren wurde das gesamte Erdgeschoss des Haupthauses erneuert, darunter der Sauriersaal 2005-2007, sowie der Wiederaufbau des Ostflügels im Jahr 2010. Welche baulichen und inhaltlichen Schritte das Naturkundemuseum damit bereits vollzogen hat und wie eng die Sanierung mit dem Selbstverständnis des Hauses verknüpft ist, haben wir im ersten Teil unserer Reihe näher beleuchtet. Aktuell befindet sich der Westflügel im Umbau. Damit wird ein weiterer Teil des rund 60.000 Quadratmeter großen Gebäudekomplexes modernisiert.

Sanierung des Naturkundemuseums: Denkmalschutz, Nachhaltigkeit und Barrierefreiheit als zentrale Leitlinien

Die Verantwortlichen verfolgen bei der baulichen Umsetzung drei zentrale Leitlinien: Barrierefreiheit, Nachhaltigkeit und Denkmalschutz. Diese Prinzipien sollen die Transformation des Hauses prägen und gleichzeitig sicherstellen, dass das Gebäude langfristig genutzt werden kann.

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Dabei geht es nicht nur um technische Maßnahmen, sondern auch um eine neue räumliche Organisation. Geschäftsführer Stephan Junker erklärt, dass mit der Generalsanierung erstmals die Möglichkeit bestehe, das gesamte Haus neu zu denken und das Museum als integriertes Forschungsmuseum weiterzuentwickeln. Ziel sei es, Besuchende besser willkommen zu heißen und gleichzeitig zeitgemäße Arbeitsbedingungen für Forschung und Sammlung zu schaffen.

wieder aufgebauter Ostflügel des Naturkundemuseums

Mit der Nachempfindung der historischen Klinkerfassade aus Betonabgussteilen wurde der Ostflügel des Museums im Jahr 2010 wieder aufgebaut und fertiggestellt. / © Foto: Hwaja Götz

Sanierung im Westflügel: Geothermie, Lehmputz und historische Materialien im denkmalgeschützten Bestand

Ein Blick in den Westflügel zeigt, wie komplex diese Transformation im Detail ist. Hier wird derzeit im Bestand gearbeitet. Wände wurden geöffnet, neue technische Installationen eingebaut und vorbereitende Maßnahmen für die Klimatisierung der Räume umgesetzt.

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Ein zentrales Element ist ein System aus Heiz- und Kühlschleifen, das ähnlich wie eine Fußbodenheizung funktioniert. Diese Leitungen werden in den Lehmputz integriert und sind an eine geothermische Anlage angeschlossen. Dadurch können Räume künftig sowohl beheizt als auch gekühlt werden, ohne auf klassische Klimaanlagen angewiesen zu sein.

Auch bei den Materialien wird versucht, historische Anmutung und moderne Technik zu verbinden. Beispielsweise wird in mehreren Sälen der bestehende Terrazzo saniert. In Sälen, wo dieser aufgrund von Kriegsschäden nicht mehr vorhanden war, wird Gussasphalt verwendet, der an den historischen Terrazzo erinnert. Die Stuckdecken werden durch Fachbetriebe saniert. Solche Lösungen sollen die denkmalgeschützte Architektur respektieren und gleichzeitig heutige Anforderungen an Nutzung und Klima erfüllen.

Terrazzo Boden im NaturkundemuseumTerrazzo Boden im Naturkundemuseum

Bei der Terrazzo-Sanierung werden Risse im Boden zunächst ausgeglichen, bevor der historische Terrazzo-Belag sorgfältig instand gesetzt und in seinem ursprünglichen Erscheinungsbild wiederhergestellt wird. / © Fotos: Selina Schultze

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Barrierefreier Umbau im Naturkundemuseum: Neue Zugänge und Rundgänge durch das historische Gebäude

Neben energetischen und konservatorischen Fragen spielt auch die Barrierefreiheit eine zentrale Rolle. Das historische Gebäude wurde für eine andere Zeit entworfen — für eine Gesellschaft, in der wissenschaftlicher Austausch vor allem den gebildeten Schichten vorbehalten war. Entsprechend ist das Haus in vielen Bereichen bis heute nur eingeschränkt zugänglich.

Im Zuge des Umbaus soll sich das ändern. Der neue Entwurf sieht unter anderem barrierefreie Zugänge und Rundgänge durch das Gebäude vor. Im heutigen Sauriersaal soll künftig eine zentrale Empfangshalle und Veranstaltungsort entstehen, ein Ort der Orientierung, von dem aus Besucherinnen und Besucher barrierefrei durch die Ausstellungen geführt werden. Gleichzeitig soll mit der Empfangshalle auch ein Ort des Austauschs entstehen, an dem sich Interessierte einfach aufhalten können, um einen Eindruck vom Museum zu gewinnen. Ein Café soll diese Willkommenskultur ergänzen und den Dialog mit der Stadtgesellschaft stärken. Dorthin soll künftig ein Eingang für alle führen — barrierefrei über den Vorplatz und durch den Haupteingang.

Auch die Innenhöfe werden stärker in das Museumserlebnis eingebunden. Zwei Höfe sollen künftig überdacht werden und als neue Dinosaurierhallen dienen. Von dort aus führen neue Wege durch das Gebäude und schaffen erstmals einen zusammenhängenden, barrierefreien Rundgang.

Überdachter Innenhof vom Museum für Naturkunde

© Visualisierung: GMP mit Rainer Schmidt Landschaftsarchitekt

Sanierung im laufenden Betrieb: Naturkundemuseum koordiniert Baustelle, Forschung und Besuchendenverkehr

Besonders anspruchsvoll ist, dass all diese Maßnahmen stattfinden, während das Museum weiterhin geöffnet bleibt. Besucherinnen und Besucher bewegen sich durch dieselben Gebäude, in denen gleichzeitig gebaut wird.

Parallel dazu arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weiter mit dem Sammlungsmaterial und führen Forschungsarbeiten fort. Dieser Betrieb ist aufrecht zu halten. Deshalb müssen Bauphasen sorgfältig geplant und Logistikprozesse eng abgestimmt werden. Wege von Besuchenden, Mitarbeitenden und Bauunternehmen kreuzen sich im Alltag ständig. Eine präzise Koordination ist daher unverzichtbar.

Zudem hängen viele Bauabschnitte voneinander ab. Einige Bereiche können erst saniert werden, wenn zuvor andere Flächen freigeräumt wurden. Besonders der Nordteil des Gebäudes wird erst vollständig erneuert werden können, wenn parallel der neue Standort in Adlershof fertiggestellt ist und Teile der Sammlung dorthin umgezogen sind.

Museum für Naturkunde Standort Adlershof- Neubau

Am Standort Adlershof sollen auf rund 19.000 Quadratmetern Labore, Büros sowie ein großer Teil der wissenschaftlichen Sammlungen untergebracht werden. Die Fertigstellung des Neubaus ist derzeit für das Jahr 2029 vorgesehen. / © Visualisierung: agn

Umbau bis 2035: Naturkundemuseum entwickelt sich zum offenen Forschungsmuseum in Berlin

Ergänzungsbau am Naturkundemuseu

Auf dem Gelände des Naturkundemuseums in Berlin-Mitte soll noch in diesem Jahr mit den vorbereitenden Maßnahmen für ein Ergänzungsgebäude begonnen werden. Der eigentliche Baubeginn ist derzeit für 2027 vorgesehen. / © Visualisierung: gmp Architekten

Die beiden geplanten Neubauten auf der Liegenschaft sind in erster Linie für den internen Museumsbetrieb konzipiert. Sie sollen vor allem Raum für Forschung, Labore und Sammlungsarbeit schaffen. Einzelne Laborbereiche könnten künftig jedoch im Rahmen von Führungen zugänglich sein und so Einblicke in den wissenschaftlichen Arbeitsalltag ermöglichen.

Der Umbau des Naturkundemuseums ist daher weniger ein einzelnes Bauprojekt als ein langfristiger Transformationsprozess. Mit der Sanierung sollen nicht nur Gebäude modernisiert werden. Vielmehr soll ein Ort entstehen, der wissenschaftliche Arbeit, Sammlungen und Öffentlichkeit enger miteinander verbindet. Die baulichen Veränderungen werden damit zum Ausdruck eines inhaltlichen Anspruchs: Das Museum für Naturkunde will sich als offenes Forschungsmuseum im Zentrum Berlins neu positionieren.

Energetische Sanierung im Naturkundemuseum

© Foto: Selina Schultze

Museum für Naturkunde

Quellen: Museum für Naturkunde Berlin

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